Frontalunterricht und die Auffassung, dass es sich bei Schulklassen um homogene Einheiten von Lernenden mit in etwa gleichen Bedürfnissen und Voraussetzungen handelt, werden zusehends durch neuere Formen des offenen Unterrichts abgelöst, wobei die Lernprozesse der einzelnen Schüler/innen im Mittelpunkt der pädagogischen Betrachtungen stehen. Dies gilt im Besonderen für Integrationsklassen, in denen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelklassen gemeinsam mit nichtbehinderten Schülerinnen und Schülern unterrichtet werden.
Der theoretische Teil befasst sich mit den Rahmenbedingungen der Gehörlosenpädagogik. Dabei wird zunächst auf die historischen Dimensionen der Erziehung von Gehörgeschädigten, angefangen von deren ursprünglicher Ausschließung aus jeglichem Unterricht bis hin zur Segregation in eigenen Schulformen bzw. Institutionen bis hin zu dem modernen Diskurs über Integration und Inklusion im Regelschulwesen eingegangen.
Im Zusammenhang mit der gemeinsamen und inklusiven Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderungen, wie sie auch seit 1994 den Richtlinien der Vereinten Nationen entspricht, werden in dieser Arbeit vor allem Fragen, die sich aus einer differenzierten Betrachtungsweise von Schüler/innen ergeben, ausführlicher behandelt.
Inklusiver Unterricht, Differenzierung und Individualisierung gehen auch in Österreich einher mit kooperativem Lernen und der Koordination des Unterrichts durch ein sich ergänzendes Team von Lehrer/innen, dem sogenannten Teamteaching, das meist in Zweierteams erfolgt. Methoden des offenen Unterrichts und alternativ zum Ziffernnotensystem bestehende Formen der Leistungsbeurteilung unter Einbeziehung der Lernenden sind integrer Bestandteil des integrativen und differenzierenden Modells, das hier mit seinen wesentlichsten Merkmalen beschrieben wird.
Schließlich werden besondere Aspekte der Gehörlosenpädagogik unter Berück-sichtigung oralen, lautsprachlich orientierten und bilingualen Unterrichts erörtert.
Der praktische Teil in Abschnitt 7 soll an Hand des Faches Biologie und Umweltkunde demonstrieren, welche Möglichkeiten es zur Aufbereitung von Unterrichtsmaterialien im Rahmen eines offenen Stationentrainings mit Wahlmöglichkeiten gibt. Um diese Arbeit so praxisbezogen wie möglich zu gestalten, wurde eine Integrationsklasse „geschaffen“, die sich aus 24 Schüler/innen, davon 2 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und zwei gehörlose Kinder, zusammensetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der historische Rahmen der Hörbeeinträchtigtenpädagogik
2.1. Fürsorge für Kranke und Behinderte in prähistorischer Zeit am Beispiel von mittelpaläolithischen Gesellschaftsformationen
2.2. Behinderte im Vorderen Orient, in der Antike und im Mittelalter
2.3. Die Anfänge der Behindertenpädagogik seit dem 16. Jahrhundert
2.4. Gebärdensprache versus Oralismus - der Mailänder Kongress
2.5. Gehörlosigkeit und Eugenik - von Graham Bell bis Hitler
2.6. Die Gehörlosenpädagogik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am Beispiel der USA, Deutschlands und Österreichs
2.6.1. Akzeptanz der Gebärdensprache
2.6.2. Mehr Rechte für Behinderte, neue Unterrichtsmodelle
3. Integrative Beschulungsmodelle für Beeinträchtigte
3.1. Die Entstehung integrativer und inklusiver Unterrichtsformen
3.2. Exkurs zum Begriff „Inklusion“ - Definitionen
3.3. Die derzeitige Situation von Integrationsklassen in Österreich
3.4. Integrative Unterrichtsmodelle - Erklärung relevanter Begriffe
3.4.1. Zum Thema sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF)
3.4.2. Zum Thema Teamteaching
3.4.3. Zum Thema Integration
3.4.3.1. Integrationsklasse
3.4.3.2. Kooperative Klasse
3.4.3.3. Klein- oder Förderklasse
3.4.3.4. Stützlehrer/innen
3.4.4. Zum Thema Kooperatives Lernen
3.4.5. Zum Thema Wohlbefinden in der Schule
4. Differenzierung und Individualisierung im Unterricht
4.1. Was versteht man unter Differenzierung?
4.1.1. Allgemeine Definitionen
4.1.2. Äußere Differenzierung
4.1.3. Innere Differenzierung
4.1.4. Flexible Differenzierung
4.1.5. Individualisierung
4.2. Möglichkeiten der Umsetzung innerer Differenzierung in integrativen Schulklassen
4.2.1. Grundformen des Unterrichts
4.2.2. Qualitätskriterien für guten Unterricht
4.2.3. Methoden der Unterrichtsgestaltung
4.2.3.1. Freiarbeit
4.2.3.2. Arbeit nach dem Wochenplan
4.2.3.3. Stationenlernen (Lernzirkel)
4.2.3.4. Sonstige Formen des differenzierenden Unterrichts
4.3. Leistungsbewertung in einer differenzierenden Lernkultur
4.3.1. Das Portfolio-Konzept
4.3.2. Lernfortschrittsdokumentation (LFD) und Pensenbuch für die Grundschule
4.4. Besondere Aspekte der Gehörlosenpädagogik
4.4.1. Gebärdensprache und bilingualer Unterricht
4.4.2. Gehörlosenpädagogik in der schulischen Realität
5. Zusammenfassung
6. Praxisteil: Stationenlernen am Beispiel des Themas „Unser Getreide“
6.1. Arten von Materialien
6.2. Rahmenbedingungen
6.3. Beschreibungen der einzelnen Materialien
6.3.1. Der Stationenplan:
6.3.2. Das BU - Buch: Schulstufe 7
6.3.3. Die Karteikarten
6.3.4. Die Arbeitsblätter: Der Hafer, der Roggen, der Weizen
6.3.5. Klammerspiel: Lebensraum Acker
6.3.6. Das Arbeitsblatt: „Getreide- ein wichtiges Nahrungsmittel“
6.3.7. Das Arbeitsblatt: Das Getreide: „Versuche das richtige Wort zu finden,“
6.3.8. Das Arbeitsblatt: „Bei uns wachsen fünf Getreidesorten“
6.3.9. Fladenbrot: Probiere das Rezept zu Hause aus
6.3.10. Male das Bild an!
6.3.11. Lege zu den beiden Abbildungen die richtigen Begriffe!
6.3.12. Arbeite mit Hilfe des Internets!
6.3.13. Plakate herstellen
6.3.14. Lerne folgende Gebärden:
6.3.15. Quiz im Internet
6.3.16. Beantworte die Fragen und baue das Puzzle zusammen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rahmenbedingungen für die schulische Integration von hörbeeinträchtigten Kindern in Österreich. Das primäre Ziel ist die Darstellung von Differenzierungsmöglichkeiten im Unterricht, wobei die Forschungsfrage darauf fokussiert, wie durch offene Unterrichtsformen – konkret am Beispiel einer Materialiensammlung zum Thema "Unser Getreide" – Inklusion und individuelle Förderung erfolgreich realisiert werden können.
- Historische Entwicklung der Gehörlosenpädagogik und der Behindertenintegration
- Integrative Beschulungsmodelle und rechtliche Rahmenbedingungen in Österreich
- Methoden der Binnendifferenzierung und Individualisierung im Unterricht
- Alternative Leistungsbeurteilung durch Portfolios und Lernfortschrittsdokumentationen
- Praxisorientierte Anwendung von Stationenlernen in einer Integrationsklasse
Auszug aus dem Buch
2.1. Fürsorge für Kranke und Behinderte in prähistorischer Zeit am Beispiel von mittelpaläolithischen Gesellschaftsformationen
Einige Worte zu den Ursprüngen von Moral und Ethik:
Ist moralisches Empfinden und somit auch die Fürsorge für hilfsbedürftige Mitglieder der Gemeinschaft nur uns Menschen vorbehalten? Und wenn ja, ab welchem Stadium der anatomischen und sozialen Evolution im Jahrmillionen langen Übergangsfeld zwischen Tier und modernem Menschen? Wer solche Fragen stellt ist ein Fremder unter den meisten Moralphilosophen und heimatlos unter philosophierenden Biologen.
Dass es Moral geben muss, liegt daran, dass wir unser Handeln mit anderen abstimmen müssen. Handeln muss selbstverständlich erfolgen und mit anderen koordiniert werden können, so dass es im täglichen Leben durch gegenseitig verpflichtende Regeln reibungslos geschieht (vgl. Horster, 1997, S. 1).
Es gibt Hinweise darauf, dass Moral und Ethik älter sind als der Mensch. Ethisches Verhalten könnte sogar als Teil neurobiologischer Erscheinungen ein Produkt der Evolution sein, das in Ansätzen bereits beim Affen angelegt ist. Studien an Primaten ergaben, dass diese genauso wie Menschen Gut und Böse, Falsch und Richtig oder Recht und Unrecht erkennen und dass behinderte Affen die besondere Fürsorge ihrer Horde genießen.
(Zu diesen Beobachtungen vgl. De Waal, 1997 - De Waal ist einer der weltweit führender Verhaltensforscher an Primaten und Forschungsleiter am Yerkes Regional Primate Research Center).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Wandel von homogenem Frontalunterricht zu offenen Unterrichtsformen und definiert den Fokus der Arbeit auf die inklusive Beschulung hörbeeinträchtigter Kinder.
2. Der historische Rahmen der Hörbeeinträchtigtenpädagogik: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der Behindertenpädagogik von der Prähistorie über die Antike und das Mittelalter bis hin zum Euthanasie-Programm im Nationalsozialismus nach.
3. Integrative Beschulungsmodelle für Beeinträchtigte: Hier werden die theoretischen Modelle der Inklusion und Integration sowie die aktuelle Schulsituation in Österreich basierend auf gesetzlichen Rahmenbedingungen diskutiert.
4. Differenzierung und Individualisierung im Unterricht: Dieses Kapitel expliziert pädagogische Konzepte wie äußere und innere Differenzierung sowie alternative Leistungsbewertung als notwendige Werkzeuge für erfolgreichen integrativen Unterricht.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die historische Herleitung und die methodischen Notwendigkeiten für eine moderne, kompetenzorientierte Pädagogik bei hörbeeinträchtigten Kindern.
6. Praxisteil: Stationenlernen am Beispiel des Themas „Unser Getreide“: Der Praxisteil demonstriert die Umsetzung der erarbeiteten Theorie anhand einer konkreten, differenzierten Materialiensammlung für ein Stationentraining in einer NMS-Integrationsklasse.
Schlüsselwörter
Inklusion, Integration, Gehörlosenpädagogik, Differenzierung, Individualisierung, Gebärdensprache, Stationenlernen, Sonderpädagogischer Förderbedarf, Teamteaching, Schulentwicklung, Leistungsbeurteilung, Portfolio, Bilinguale Erziehung, Kooperatives Lernen, Unterrichtsqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Rahmenbedingungen und die praktische Umsetzung eines differenzierten Unterrichts in Integrationsklassen, in denen Kinder mit und ohne Hörbeeinträchtigung gemeinsam lernen.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Gehörlosenpädagogik, aktuelle integrative Beschulungsmodelle in Österreich sowie methodische Ansätze wie Stationenlernen und Individualisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer durch offene Unterrichtsformen und eine bilinguale Orientierung die Potenziale hörbeeinträchtigter Schüler in einem inklusiven Schulsystem bestmöglich fördern können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgreifende Literaturanalyse sowie die Dokumentation einer praxisbezogenen Unterrichtseinheit im Fach Biologie.
Was wird im theoretischen Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Fundierung von Differenzierung und Inklusion sowie der historischen Genese der Stigmatisierung und späteren Emanzipation von Gehörlosen.
Welche Schlagworte charakterisieren das Dokument am besten?
Integration, Inklusion, Differenzierung, Gehörlosenpädagogik und Stationenlernen sind die zentralen Begriffe.
Wie definiert die Autorin den Begriff der Inklusion im Vergleich zur Integration?
Inklusion wird als eine "Pädagogik der Vielfalt" verstanden, die von der Individualität jedes Kindes ausgeht, während Integration oft noch in defizitorientierten Systemen verhaftet bleibt.
Welche Rolle spielt die Gebärdensprache im bilingualen Modell?
Sie fungiert als vollwertige Sprache mit eigener Grammatik und dient als Instruktionssprache, um hörbeeinträchtigten Kindern einen barrierefreien Zugang zu Lerninhalten zu ermöglichen.
Warum wird im Praxisteil ein Stationenlernen-Modell favorisiert?
Es erlaubt eine starke Individualisierung, bei der Kinder ihr eigenes Arbeitstempo wählen und durch vielfältige Materialien unterschiedliche Lernkanäle bedienen können.
- Arbeit zitieren
- Christin Adlaßnig (Autor:in), 2012, Differenzierung in Integrationsklassen mit hörbeeinträchtigten Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207116