Man mag geneigt sein, zu sagen: Eine weitere Arbeit über Bühlers Organon-Modell? Welche Erkenntnisse mögen daraus noch entspringen? Ich möchte in dieser Arbeit das wohlbekannte und gern zitierte Modell nicht außen vor lassen, doch es soll sich nur einreihen in die Axiomatik, die Bühler für die Linguistik skizziert hat. Die „Brüder“ des Organon-Modell sind im Laufe der Zeit sowohl in der Sekundärliteratur, als auch im Hochschulunterricht wenn nicht unter den Tisch gefallen, so doch sehr nah an die Tischkante geraten. Mit anderen Worten: Sie sind in vielen akademischen Lehrplänen, sowie in der Forschung weit aus dem Fokus der Betrachtung gerückt. Dies ist schade und gebührt der Leistung Bühlers auch nicht die nötige Anerkennung.
Es ist mein Bestreben in dieser Arbeit diese vier Axiome in gleichberechtigter Weise darzustellen und im Anschluss an diese Darstellung einen Überblick über die Rezeptionsgeschichte der Sprachtheorie zu skizzieren, seine Fürsprecher zu zeigen und auch die Kritiker zu erwähnen. Zum Abschluss dieser Arbeit werde ich in einem Fazit die Theorie bewerten und einen Ausblick für die künftige Arbeit mit Bühlers Sprachtheorie geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bühlers Axiomatik
2. 1 Axiom A – Das Organon-Modell der Sprache
2. 2 Axiom B – Die Zeichennatur der Sprache
2. 3 Axiom C – Sprechhandlung & Sprachwerk; Sprechakt & Sprachgebilde
2. 4 Axiom D – Wort und Satz. Das S-F-System vom Typus Sprache
2.5 Resümee der Sprachtheorie
3. Rezeptionsgeschichte
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die umfassende Axiomatik der Sprachtheorie nach Karl Bühler darzustellen, wobei ein besonderer Schwerpunkt darauf liegt, neben dem bekannten Organon-Modell auch die weniger beachteten theoretischen „Brüder“ des Modells in den Fokus der Betrachtung zu rücken und deren Relevanz für die Linguistik aufzuzeigen.
- Die systematische Aufarbeitung der vier zentralen Axiome Bühlers.
- Die Analyse des Organon-Modells im Kontext der psychologischen Fundierung von Sprache.
- Die Untersuchung der Zeichennatur der Sprache unter Einbeziehung des Konzepts der abstraktiven Relevanz.
- Die Erörterung der handlungstheoretischen Komponenten und der Zweifelderlehre (Symbol-Feld-System).
- Ein Überblick über die bisherige Rezeptionsgeschichte von Bühlers Werk in der internationalen Sprachwissenschaft.
Auszug aus dem Buch
2. 1 Axiom A – Das Organon-Modell der Sprache
„Ich denke, es war ein guter Griff PLATONS, wenn er im Kratylos angibt, die Sprache sei ein organum, um einer dem andern etwas mitzuteilen über die Dinge.“ [sic!] (S. 24.) Bühler zeigt uns hier die, ich nenne es „Urquelle“, auf welche er für sein erstes Axiom zurückgreift. Er entlehnt den Namen seines Modells dem Kratylosdialog. Es basiert dabei auf drei „Relationsfundamente[n]“, (S. 25.) und einem vierten Punkt, dem Organum, in der Mitte:
In der Mitte befindet sich das Zeichen, dargestellt durch den Buchstaben Z. Die Beziehung der drei Relationsfundamente (Sender, Gegenstand und Empfänger) lässt sich grob zunächst so formulieren: Der Sender teilt dem Empfänger etwas über die Dinge (Gegenstände) mit und benutzt dazu das sich in der Mitte befindende Organon. Der Sender wird von Bühler in seinem Werk dabei als „Täter der Tat des Sprechens, […] als Subjekt der Sprechhandlung“ bezeichnet. (S. 31.) Der Empfänger dagegen ist der „Adressat der Sprechhandlung“. (S. 31.) Beide sind für den jeweils anderen ein „Austauschpartner“ (S. 31.). Bühler macht mit dieser Formulierung eines sehr deutlich: Er zieht im Gegensatz zu vielen anderen Sprachforschern, die Sprache als bloßes Abstraktum betrachten, die „lebenden Wesen“ in seine Theorie mit ein. „Zu allem Zeichenhaften in der Welt gehören der Natur der Sache nach Wesen, die es dafür halten und mit ihm als Zeichenhaftem umgehen.“ (S. 47.) Diese Betrachtungsweise ist sicher nicht zuletzt seiner eigentlichen Berufung als Psychologe zu schulden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung motiviert die Auseinandersetzung mit der weniger beachteten Axiomatik Bühlers und skizziert den Plan, neben dem Organon-Modell auch weitere zentrale Theoriebausteine zu untersuchen.
2. Bühlers Axiomatik: In diesem Kapitel werden die vier Grundpfeiler der Sprachtheorie vorgestellt, beginnend mit dem Organon-Modell bis hin zur Zweifelderlehre.
2. 1 Axiom A – Das Organon-Modell der Sprache: Dieser Abschnitt erläutert die platonische Grundlage und die drei zentralen Relationsfundamente (Sender, Empfänger, Gegenstand) im Modell.
2. 2 Axiom B – Die Zeichennatur der Sprache: Das Kapitel behandelt die selektive Wahrnehmung bei Sprachzeichen und das Prinzip der abstraktiven Relevanz.
2. 3 Axiom C – Sprechhandlung & Sprachwerk; Sprechakt & Sprachgebilde: Hier werden die vier Momente der Satzlehre eingeführt, die den handlungstheoretischen Charakter von Sprache unterstreichen.
2. 4 Axiom D – Wort und Satz. Das S-F-System vom Typus Sprache: Das vierte Axiom beschreibt die Verbindung von Wort und Satz innerhalb des Symbol-Feld-Systems als Zweiklassensystem.
2.5 Resümee der Sprachtheorie: Dieser Teil fasst die zentralen Aussagen der vier Axiome zusammen und betont den psychologisch-soziologischen Ansatz Bühlers.
3. Rezeptionsgeschichte: Das Kapitel beleuchtet die langjährige Vernachlässigung und die spätere Wiederentdeckung von Bühlers Werk in der internationalen Sprachwissenschaft.
4. Fazit: Das Fazit würdigt Bühlers Beitrag zur Kontextualisierung der Sprache und seine Bedeutung als Wegbereiter der modernen Pragmatik.
Schlüsselwörter
Karl Bühler, Sprachtheorie, Organon-Modell, Axiomatik, Sprachhandlung, Sprachzeichen, Symbol-Feld-System, Zeigfeld, Symbolfeld, apperzeptive Ergänzung, abstraktive Relevanz, Pragmatik, Sprachwissenschaft, Zeichentheorie, Kommunikationsmodell
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Sprachtheorie von Karl Bühler, wobei ein besonderer Fokus auf der systematischen Darstellung seiner Axiomatik liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Kernbereichen gehören das Organon-Modell, die Zeichennatur der Sprache, die vier Momente der Sprachlehre sowie die Zweifelderlehre (Symbol-Feld-System).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die vier Axiome Bühlers gleichberechtigt darzustellen, um zu zeigen, dass die Theorie weit über das bekannte Organon-Modell hinausgeht und für die Linguistik von hoher Relevanz ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturbasierten Aufarbeitung und Analyse der primärtheoretischen Schriften Bühlers sowie der entsprechenden Sekundärliteratur zur Einordnung in den wissenschaftshistorischen Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Sektionen, die jeweils eines der vier Axiome Bühlers behandeln: von der Funktion des Zeichens (A) über die Zeichennatur (B) und die vier Momente der Sprache (C) bis hin zum S-F-System (D).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Axiomatik, Pragmatik, Zeigfeld, Symbolfeld und den handlungstheoretischen Aspekt der Sprache charakterisiert.
Welche Rolle spielt die psychologische Berufung Bühlers für seine Theorie?
Bühlers Hintergrund als Psychologe führt dazu, dass er die lebenden Akteure (Sender und Empfänger) in seine Theorie integriert, anstatt Sprache rein als abstraktes System zu betrachten.
Warum ist laut der Arbeit eine „hinreichende Aufarbeitung“ des Gesamtstoffes noch nicht abgeschlossen?
Aufgrund der Emigration Bühlers im Jahr 1938 und der darauf folgenden langen Zeit des Vergessens in Europa wurden viele seiner tiefergehenden Erkenntnisse erst spät oder nur fragmentarisch rezipiert.
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- M.A. Cornelia Scherpe (Author), 2010, Die Sprachtheorie nach Karl Bühler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207304