Das Heiratsritual – ein altes Ritual mit neuer Bedeutung


Essay, 2012

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Das Heiratsritual – ein altes Ritual mit neuer Bedeutung

Obwohl das partnerschaftliche Zusammenleben heu tzutage nicht mehr notwendigerweise in einer Ehe mündet und sich immer mehr Paare für eine nichteheliche Lebensgemeinschaft entscheiden, ist es dennoch für viele Menschen wichtig, die Zusammengehörigkeit zu dem eigenen Partner mit dem Bund der Ehe zu besiegeln. Noch immer finden jährlich etwa 350.000 Eheschließungen statt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010), was zeigt, dass das Interesse am Heiraten nach wie vor groß ist. Meist wird der „schönste Tag des Lebens“, wie der Tag des Heiratens im Volksmund oft bezeichnet wird, feierlich und festlich gestaltet. Nicht nur der Gang zum Standesamt beziehungsweise zum Altar wird zelebriert, auch die Eheschließung an sich und die anschließenden Feierlichkeiten beinhalten zahlreiche Riten. Diese sind, wie es auch für andere Rituale üblich ist, traditionell überliefert.

Das Heiraten gehörte bis in die 1970er Jahre in der modernen westlichen Kultur zur Standartbiographie eines Menschen. Verbesserte Bildungs- und Erwerbschancen für Frauen und eine damit verbundene ökonomisch bessere Stellung sowie ein neues Rollenverständnis der Frau führten dazu, dass ein neues Leitbild der Partnerschaft entstand, welches die Gleichberechtigung beider Partner betont und auf Aushandlungsprozessen innerhalb der Beziehung basiert (vgl. Schmidt/Moritz, 2009, S.91f.). Vor allem in den westlichen Industrieländern hat sich die Qualität der Ehe im letzten Jahrhundert verändert und die Heiratsneigung ist zurückgegangen (vgl. Lenz, 2009, S.17). Es ist zu berücksichtigen, dass es bis ins 19. Jahrhundert eine Heiratsbeschränkung gab, die finanziell schlechter gestellten Personengruppen eine Heirat rechtlich untersagte. Die folgenden Ausführungen werden sich daher ausschließlich auf die westlichen Industriestaaten und die bürgerliche Ehe beziehen und andere Kulturen und Gesellschaftsschichten außer Acht gelassen lassen.

Obwohl das Heiraten ein altertümliches Ritual ist, das lange zurückreicht, kann man anhand eines Vergleichs heutiger und bürgerlicher Hochzeiten gut erkennen, dass das Heiratsritual und dessen Symboliken in der damaligen Zeit auf der Untergeordnetheit der Frau gegenüber dem Mann sowie der Dominanz des Mannes basierten, während die Symbole heute eher auf Liebe und Partnerschaftlichkeit beruhen. Trotzdem ist das Heiratsritual sowohl für das Paar als auch für die Angehörigen weiterhin von großer Bedeutung.

Ein neuer Anspruch an die Ehe, die nicht mehr notwendigerweise zur Normalbiographie eines Menschen gehört, sondern zu einer möglichen Option im Leben geworden ist, schlägt sich auch in der Art und Weise des Vollzugs des Heiratsrituals nieder. Mit Blick auf die Veränderungen innerhalb der persönlichen Beziehung in der Ehe lohnt es sich deshalb, die einzelnen Riten des Heiratsrituals genauer zu untersuchen. Es ist festzustellen, dass das Heiraten in der modernen westlichen Kultur in den letzten Jahrzehnten einem Bedeutungswandel unterlag und dies zu einer Veränderung der Bedeutung und Ausübung der Hochzeitsriten führte. Dies soll im Folgenden näher beleuchtet werden.

Durch den außeralltäglichen Charakter, der meist langwierigen Vorbereitungsphase und der festen Abfolge am Hochzeitstag ist die Eheschließung als ein Ritual zu betrachten, durch das das Ehepaar eine Brücke zu einem neuen Lebensabschnitt schlägt. Die Hochzeit kann deshalb als ein Übergangsritus gesehen werden. Der Begriff ist auf den französischen Ethnologen Arnold van Gennep, der dies als „rite des passage“ bezeichnete, zurückzuführen. Dieser beschäftigte sich mit den zahlreichen Übergängen zwischen zwei Lebensstadien eines Individuums, wozu auch der Übergang zwischen Ledigsein und Ehe gehört. Die Einbettung in ein soziales Leben erfordert von den Menschen, dass der Wechsel von einer Alters- oder Tätigkeitsstufe in die nächste von speziellen Handlungen und Zeremonien begleitet wird, um Krisen innerhalb der Gemeinschaften zu verhindern. Diese Zeremonien haben bei allen Übergangsriten ein spezielles Ziel: „Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen“ (vgl. van Gennep, 1986, S.15). Von der Heirat, die einen besonders wichtigen Übergang zu einer neuen sozialen Kategorie darstellt, sind seit jeher viele Mitglieder einer Gemeinschaft betroffen; oft brachte sie einen Dorf- oder Stammeswechsel oder sozialen Aufstieg mit sich. Deshalb wird auch der Verlobungszeit als Übergangszeit eine besondere Bedeutung beigemessen. Die Hochzeitszeremonie an sich besteht hauptsächlich aus Riten, die endgültig an die neue Umgebung angliedern, wie zum Beispiel die zahlreichen Schutz- und Fruchtbarkeitsriten (vgl. van Gennep, 1986, S.115). Übergangsriten sind also Instrumente, mit deren Hilfe der Mensch kreativ und symbolisch mit Veränderungen und darauf bezogenen Unsicherheiten umgehen kann und diese Veränderungen in eine bestehende Ordnung integrieren kann. Da an den ledigen und an den verheirateten Menschen jeweils unterschiedliche gesellschaftliche Erwartungen und Rollenmuster geknüpft sind, symbolisiert die Hochzeit den Übergang zu neuen sozialen und ökonomischen Rechten und Pflichten. Außerdem ist die Hochzeitszeremonie die Voraussetzung für die Rechtmäßigkeit der Ehe. Demzufolge sollen Braut und Bräutigam durch die verschiedenen Symboliken während des Heiratens auf ihre neue Rolle als Ehepaar vorbereitet werden. Das rituelle Handeln dabei ist also wichtig, da - im Unterschied zu reinem kommunikativen Handeln - Rituale „soziale Arrangements“ sind, „in denen im gemeinsamen Handeln und in seiner Interpretation Ordnungen und Hierarchien geschaffen werden“ (Wulf, 2008, S.332). Das heißt, dass die Bedeutungen der Symboliken sowohl dem Brautpaar als auch der Gemeinschaft und Gesellschaft Sicherheiten verleihen und deshalb über einen langen Zeitraum Bestand haben. Mit Hilfe der Rituale werden soziale Übergänge zwischen sozialen Situationen und Institutionen gestaltet und Differenzen zwischen Menschen und Situationen bearbeitet (vgl. Wulf, 2008, S.331).

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Details

Titel
Das Heiratsritual – ein altes Ritual mit neuer Bedeutung
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Veranstaltung
Rituale gestern und heute
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V207619
ISBN (eBook)
9783656349563
ISBN (Buch)
9783656534235
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heiratsritual, ritual, bedeutung
Arbeit zitieren
Andrea Beckert (Autor), 2012, Das Heiratsritual – ein altes Ritual mit neuer Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207619

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