Themen und ihre Bedeutung im öffentlichen Diskurs

Phasen und Einflussfakoren


Seminararbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Einleitung

Die tägliche Informationsbeschaffung von Nachrichten über lokale, regionale oder globale aktuelle Themen gehört für die meisten Menschen zum Alltag und ist im Tagesablauf fest verankert. Dies ist nicht nur aus Interessensgründen der Fall, sondern auch, weil die Möglichkeit vorhanden ist, sich in Gesprächen mit Mitmenschen über aktuelle Geschehnisse und Themen auszutauschen.

Eine Aufgabe der Medien ist es unter anderem, Themen bereitzustellen, über die in der Öffentlichkeit diskutiert werden kann. Nach Habermas (1962) soll dann im öffentlichen Diskurs ein rationaler Meinungsaustausch stattfinden, welcher eine Grundvoraussetzung für Demokratie darstellt, da der öffentliche Diskurs eine Vermittlerrolle zwischen dem Privatbereich und dem Staat einnimmt.

Ob und in welchem Maße ein öffentlicher Diskurs über ein Thema stattfindet, differiert jedoch sehr stark. Einige Themen, wie zum Beispiel die kürzlich aufgetretenen Erdbeben in Japan und deren verheerende Auswirkungen, sind in kürzester Zeit und relativ lange „in aller Munde“, während andere ebenso wichtige Themen, wie zum Beispiel die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 1010 bzw. deren ökologische Folgen, scheinbar kaum noch im öffentlichen Diskurs vorhanden sind. Manchmal finden Themen auch gar nicht erst Eingang in den öffentlichen Diskurs; nicht über alles, was in der Welt passiert, kann sich ausführlich ausgetauscht werden. Während einige Themen sehr kontrovers diskutiert werden, wie zum Beispiel der Vorwurf des Plagiats der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Gutenberg, scheinen sich dagegen über andere Themen alle Menschen einig zu sein; eine Berichterstattung erfolgt hier nur relativ einseitig und ohne Gegenüberstellung verschiedener Ansichten.

Es gibt also eine große Bandbreite von Möglichkeiten darüber, wie sich ein Thema bzw. eine Nachricht im öffentlichen Diskurs auswirkt. Oft hat dieser öffentliche Diskurs auch Konsequenzen hinsichtlich politischer oder persönlicher Entscheidungen, wie zum Beispiel dem Rücktritt eines Politikers, der aufgrund eines Medienereignisses sein öffentliches Ansehen bzw. seine öffentliche Zustimmung verloren hat. Wichtig ist es deshalb zu wissen, wann einem Thema in der Öffentlichkeit eine Bedeutung zugewiesen wird, in welchen Phasen Themen in und aus dem öffentlichen Diskurs gelangen und welche Einflussfaktoren es gibt, die die Bedeutung eines Themas in der Öffentlichkeit erhöhen. Dies soll im Folgenden geklärt werden.

Zunächst ist der Begriff des öffentlichen Diskurses genauer zu betrachten. Anschließend sollen verschiedene Modelle von Themenkarrieren erklärt werden und schließlich sollen Theorien über Einflussfaktoren, welche die Bedeutung eines Themas in der Öffentlichkeit erhöhen oder senken, betrachtet werden. Zum Schluss soll der Einfluss der Medienberichterstattung speziell für die Politik aufgezeigt werden.

2. Zum Begriff und zur Bedeutung des öffentlichen Diskurses – drei Sichtweisen

Zu den Autoren, die sich am meisten mit Öffentlichkeit auseinandersetzten, zählt der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas. In seinem 1962 erschienenen Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ analysiert er unter anderem das Aufkommen der politischen Öffentlichkeit. Zu Zeiten des Merkantilismus im 17. Jahrhundert entwickelte diese sich zunehmend durch die Entstehung von Kaffeehäusern und Salons, in denen sich Menschen der bürgerlichen Schicht trafen, um über politische und ökonomische Themen zu kommunizieren. Merkmale dieser Institutionen waren die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Publikums sowie die soziale Gleichheit innerhalb der Mitglieder (1990, S.97 f.), was ein Diskussionsklima schaffte, in dem durch die Kraft des Arguments die Möglichkeit, eine rationale öffentliche Meinung hervorzubringen, gegeben war. Im Ergebnis dieses Austauschs sollten Entscheidungen von Obrigkeiten kritisch reflektiert und erörtert werden, um - ähnlich einem Marktplatz der Ideen – eine alle Interessen berücksichtigende öffentliche Meinung hervorzubringen.

In der heutigen Zeit ist dies unter den Gesichtspunkten der Globalisierung und der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft kaum noch möglich. Anstelle der Kaffeehäuser bzw. Salons haben die Massenmedien die Funktion übernommen, Öffentlichkeit herzustellen. Mit zunehmendem Einfluss der Presse und später auch des Rundfunks ist also eine Plattform entstanden, die es möglich macht, vor einem breiten Publikum über Themen und Angelegenheiten allgemeinen Interesses zu diskutieren.

In der mit Karl Otto Apel entwickelten „Diskursethik“ (1991), dessen Kernelement ein rational-argumentativer Dialog ist, der die gerechtfertigten Bedürfnisse eines jeden angemessen berücksichtigt, wird aufgezeigt, dass durch den herrschaftsfreien öffentlichen Diskurs eine intersubjektive, von allen Teilnehmern einer Gemeinschaft anerkannte Wahrheit entsteht, die Partizipation an staatlichen Entscheidungen ermöglicht. Durch allgemein anerkannte Werte und Normen, die von allen zwanglos akzeptiert werden können, bildet sich ein Konsens heraus, den Habermas und Apel als „Universalisierungsprinzip“ bezeichnen (Gottschalk-Mazouz, 2000, S.17). Es ist also Aufgabe aller Betroffenen, Diskurse zu führen und diesen Konsens herzustellen, um damit zum Wohle aller beizutragen. Für Habermas ist ein Diskurs eine Form der Kommunikation, in der problematisch gewordene Normen und Geltungsansprüche zum Thema gemacht werden. Somit stellt der Diskurs eine grundlegende gesellschaftliche Integrationsinstanz dar. (Gottschalk-Mazouz, 2000, S.19).

Die Öffentlichkeit fungiert also als Vermittler zwischen dem Staat und den Bedürfnissen der Gesellschaft (Habermas, 1990, S. 90). Deshalb ist der öffentliche Diskurs auch heute noch insbesondere in Demokratien wichtig. Die Teilnahme am öffentlichen Diskurs ist hier frei und steht nach Artikel 3 des Grundgesetzes der BRD jedem offen; dies soll nicht nur die Partizipation der Bürger an gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten ermöglichen, sondern auch staatliche Entscheidungen legitimieren.

Damit kann der öffentliche Diskurs als eine Schnittstelle zwischen dem Privaten und dem Staat gesehen werden. Entscheidend ist, dass Habermas öffentliche Diskurse aus einem normativen Blickwinkel betrachtet. Es wird aus demokratietheoretischer Sicht erklärt, wie öffentliche Diskurse sein sollten: gesellschaftlicher Konsens und gesellschaftliche Legitimität sollten immer wieder durch ungeschriebene Regeln und regen Austausch sowie informationelle Prozesse gewonnen und durchgesetzt werden (Scherer/Thiele, 2008, S.102).

Tatsächlich ist es jedoch so, dass diese Idealvorstellung mit der Realität oft nicht übereinstimmt. Im Sinne der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie kritisiert Habermas die Kulturindustrie und den Massenkonsum kommunikativ einseitiger Programme, welcher dazu führt, dass nicht mehr rationale Argumente im Vordergrund stehen, sondern eine unbestimmte stimmungsmäßige Neigung an die Stelle der öffentlichen Meinung tritt (Habermas, 1990, S. 344). Die Kommunikationsprozesse der Gruppe stehen nun entweder unmittelbar oder durch Meinungsführer vermittelt unter dem Einfluss der Massenmedien (Habermas, 1990, S.355). Damit wird das diskursive Element beeinträchtigt und die integrative Funktion der öffentlichen Meinung wird nicht mehr vollständig erfüllt.

Noelle-Neumann betrachtet die Motivation, sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen deshalb eher aus einer individuellen Perspektive heraus. Sie geht davon aus, dass es eine manifeste und eine latente Funktion von öffentlicher Meinung gibt: die manifeste Funktion bringt die Bürger dazu, sich in einem rationalen Diskurs an der politischen Willensbildung zu beteiligen; die latente Funktion besteht dagegen in der sozialen Kontrolle des Einzelnen (Noelle-Neumann, 1992, S.283ff.)

Dadurch, dass sich der Einzelne an der Herausbildung eines gesellschaftlichen Konsens´ beteiligt hat, unterliegt er dem Zwang, sich diesem zu unterwerfen. Öffentliche Meinung wirkt nach ihrer Ansicht als „soziale Kraft“ in der Form, dass - aus dem Grund der Isolationsfurcht - Annahmen über die Meinung der anderen die eigenen Aussagen beeinflussen (Noelle-Neumann, 1980, S.23ff). Ihr Konzept der Schweigespirale, welches den sozialpsychologischen Aspekt von Öffentlichkeit betont, verweist auf die Annahme, dass sich die Meinung der Bevölkerung an der Annahme über die Mehrheitsmeinung orientiert, welche ihrerseits zum Teil durch Massenmedien geprägt ist (Schulz, 1997, S.94). Die Massenmedien als Orientierung für den Einzelnen sieht sie insofern als Gefahr, dass diese ein unzutreffendes Bild des Meinungsklima vermitteln können, und dadurch wiederrum die fehlerhafte Situationsdefinition zu einem Umschwung in der Bevölkerung führen kann (Schulz, 2011, S. 64). Wenn der öffentliche Diskurs dann unter dem Deckmantel einer Meinung, die nicht wirklich mehrheitlich vertreten wird, stattfindet, können aus individuellen Effekten langfristige politische Effekte werden, wie das zum Beispiel bei Wahlentscheidungen der Fall sein könnte. Der öffentliche Diskurs kann also nach Noelle-Neumann nur unter Einbeziehung der sozialen Natur des Menschen stattfinden und ist damit nicht immer rational.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Themen und ihre Bedeutung im öffentlichen Diskurs
Untertitel
Phasen und Einflussfakoren
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Öffentliche Meinung
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V207667
ISBN (eBook)
9783656349525
ISBN (Buch)
9783656850175
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
themen, bedeutung, diskurs, phasen, einflussfakoren
Arbeit zitieren
Andrea Beckert (Autor), 2011, Themen und ihre Bedeutung im öffentlichen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207667

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