Der im achten Jahrhundert vor Christus entstandene Erzählepos Odyssee von Homer ist neben der Ilias eines der berühmtesten Werke des griechischen Altertums und nimmt bis heute einen starken Einfluss auf die Weltliteratur ein. In vierundzwanzig Gesängen werden die Abenteuer und Erlebnisse des listenreichen Odysseus erzählt, der nach dem Sieg im zehn-jährigen Trojanischen Krieg nicht die Heimkehr antreten kann, sondern zusätzliche zehn Jahre auf dem Meer herumirrt, bis er schließlich durch Athenes Hilfe den Weg in sein Königreich Ithaka findet. Dort angekommen muss er weitere Aufgaben meistern, um in einem radikalen Freiermord sein herrschaftliches Ansehen und seine Familie zurückzuerobern.
Der 1917 veröffentlichte Roman Robinson Crusoe von Daniel Defoe hat ebenfalls mit seinen Abenteuergeschichten, insbesondere aber mit dem isolierten Inseldasein und einhergehenden Überlebenskampf Weltliteraturstatus erworben. Mit dem Eingang der Gattungstheorie ist Defoes Werk in der Forschung als erste Robinsonade bekannt. Damit schließt sich eine frühere literarische Robinson-Existenz nahezu aus. Doch weist die Odyssee einige Elemente auf, die die Frage aufkommen lässt, ob Defoe bewusst oder unbewusst Bezüge zum Homerischen Epos gelegt hat. Beide Protagonisten, Odysseus und Robinson, pflegen einen deutlichen Hang zum weiten Meer sowie zur Schifffahrt und müssen durch ihre Erlebnisse auf der See mit einer langjährigen Insel-Abgeschiedenheit von der Außenwelt büßen, wenn auch sehr unterschiedlich verbringend. Auch die Denkweisen und Charaktereigenschaften der beiden Figuren lassen sich sehr anschaulich miteinander in Bezug setzen. Der direkte Vergleich der beiden Werke eröffnet deshalb neue interessante Zusammenhänge und vor allem Erkenntnisse, durch die beide Werke im Nachhinein noch einmal neu gelesen werden könnten. Meine Fragestellung lautet deshalb: Ist Odysseus wohl möglich der erste Robinson, wie er als solcher in der ausgewiesenen Gattung zu verstehen ist?
Mein Anliegen in der vorliegenden Arbeit ist es, beide Hauptcharaktere unter thematischen und motivischen Gesichtspunkten miteinander zu vergleichen, um herauszufinden, ob Odysseus wohl möglich der erste als Robinson ausgewiesene Typus ist. Dabei werde ich zunächst den Schwerpunkt auf räumliche und zeitliche Motive wie das Meer und die Insel setzen. Im zweiten Teil möchte ich mich mit psychischen, körperlichen und charakterlichen Eigenschaften befassen, um in Anschluss daran mein Fazit ziehen zu können.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Raum und Zeit
1.1 Die Bedeutung des Meeres
1.1.1 Die Schifffahrt bei Robinson und Odysseus: zwischen Leidenschaft und Zwang
1.1.2 Die Macht des Meeres: christlicher Glaube vs. Poseidons Gewalt
1.2 Die Bedeutung der Insel
1.2.1 Die langjährige Gefangenschaft: Robinsons Insel vs. die Insel der Kalypso
1.2.2 Die Flucht: Athenes Einsatz vs. die Ankunft des englischen Schiffes
2 Psyche und Charakter
2.1 Körper und Geist
2.1.1 Mit List und Verstand: logisches Denken bei Robinson und Odysseus
2.1.2 Die Körperkraft: handwerkliches Können bei Robinson und Odysseus
2.2 Religion und Schicksal
2.2.1 Die Macht der Götter: Glaube und Verzweiflung bei Homer und Defoe
2.2.2 Heimkehr und Fernweh: der Schluss von Homer vs. Defoe
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht typologische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Homers Odyssee und Daniel Defoes Robinson Crusoe, um der Frage nachzugehen, ob Odysseus als früher Typus des Robinson-Motivs verstanden werden kann.
- Vergleich räumlicher und zeitlicher Motive (Meer und Insel)
- Analyse psychischer und charakterlicher Eigenschaften der Protagonisten
- Untersuchung der religiösen Einbettung und der Schicksalsvorstellungen
- Gegenüberstellung der Reisemotivationen und der Heimkehr-Szenarien
- Reflektion über die Gattungszugehörigkeit und den Status als Weltliteratur
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der Insel
Robinsons Insel kann durch den Aspekt der Gefangenschaft mit der Insel der Nymphe Kalypso, welche Odysseus sieben Jahre lang festhält, in Zusammenhang gebracht werden. Allerdings ist deren Aufenthalt zeitlich und inhaltlich sehr divergierend.
Robinsons Erfahrungen auf der Insel sind geprägt vom Überlebenswillen. Als einziger Mensch auf der Insel verbringt er seine Zeit mit Zivilisationsvorhaben jeglicher Art. Ob Hausbau, Bepflanzung, Tierhaltung, Strandgut-Verwertung, Robinson erarbeitet sich ein neues, maßvolles, vernunftgeleitetes Leben. Die handwerklichen Kenntnisse, die er in Brasilien auf seine Zuckerrohr-Plantage erworben hat, helfen ihm, sich die Insel zu eigen zu machen.
Abgeschottet von der Außenwelt, ohne Kommunikationsmöglichkeiten resigniert er nicht, sondern hält sich mit ständiger Inselpflege und regelmäßigen Arbeitsgängen sowie Anbauideen auf Trab. Die neuen Tätigkeitsfelder fördern sein Denken als auch seine Neugierde. Sein Wissensstand erweitert sich stetig und seine Tüchtigkeit zahlt sich aus. Robinson fängt an, in der Bibel zu lesen und fasst „den festen Entschluss, mir alles, was ich bedurfte, durch Arbeit zu verschaffen und von nun an ein möglichst regelmäßiges Leben zu führen.“ Die Reduktion auf die Grundbedürfnisse erweist sich als besonderes Lebensgefühl. Diese Wende ist der erste Schritt, seine Fehler anzuerkennen und der gottgewollten Fügung näher zu rücken, sich seinem Schicksal zu ergeben und das Beste daraus zu schlagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Raum und Zeit: Dieses Kapitel analysiert die Motive des Meeres und der Insel als rahmende Elemente, die bei beiden Protagonisten als Schauplätze für existenzielle Herausforderungen und göttliche Prüfung dienen.
1.1 Die Bedeutung des Meeres: Hier wird der Kontrast zwischen Robinsons leidenschaftlich getriebener Schifffahrt und Odysseus' pflichtbewusster Heimreise sowie die jeweilige Rolle des Göttlichen in den Stürmen beleuchtet.
1.1.1 Die Schifffahrt bei Robinson und Odysseus: zwischen Leidenschaft und Zwang: Der Abschnitt arbeitet heraus, wie Robinson aus eigenem Antrieb das Abenteuer sucht, während Odysseus als Flottenführer durch den Krieg zur Heimreise verpflichtet ist.
1.1.2 Die Macht des Meeres: christlicher Glaube vs. Poseidons Gewalt: Es wird diskutiert, wie Robinson das Meer als Ort der christlichen Bewährung sieht, während bei Odysseus das Meer durch Poseidons Zorn als instrumentelle Strafe fungiert.
1.2 Die Bedeutung der Insel: Dieser Teil vergleicht die langjährige Isolation beider Helden und stellt ihre unterschiedliche Bewältigung der Einsamkeit und Gefangenschaft gegenüber.
1.2.1 Die langjährige Gefangenschaft: Robinsons Insel vs. die Insel der Kalypso: Das Kapitel vergleicht Robinsons aktiven Aufbau einer Zivilisation mit der tatenlosen, von Sehnsucht geprägten Zeit des Odysseus bei Kalypso.
1.2.2 Die Flucht: Athenes Einsatz vs. die Ankunft des englischen Schiffes: Es wird analysiert, wie beide Protagonisten nur durch äußere Intervention – Athene bei Odysseus, ein britisches Schiff bei Robinson – ihre Haft beenden können.
2 Psyche und Charakter: Ein Vergleich der inneren Entwicklung und der Kompetenzen, die es den Helden ermöglichen, ihr Überleben zu sichern.
2.1 Körper und Geist: Untersuchung der mentalen Stärke und der handwerklichen Fähigkeiten als notwendige Überlebensstrategien.
2.1.1 Mit List und Verstand: logisches Denken bei Robinson und Odysseus: Der Fokus liegt auf der „Zweckrationalität“ und der taktischen Klugheit, die beide Figuren zur Überwindung ihrer Notlagen einsetzen.
2.1.2 Die Körperkraft: handwerkliches Können bei Robinson und Odysseus: Es wird aufgezeigt, wie Robinson seine Fertigkeiten autodidaktisch erwirbt, während Odysseus von vornherein über die Handwerkskunst eines Zimmermanns verfügt.
2.2 Religion und Schicksal: Analyse der Beziehung der Helden zu den göttlichen Instanzen und dem vorbestimmten Schicksal.
2.2.1 Die Macht der Götter: Glaube und Verzweiflung bei Homer und Defoe: Hier wird die christliche Sinndeutung Robinsons der antiken Schicksalsergebenheit und den Götterritualen des Odysseus gegenübergestellt.
2.2.2 Heimkehr und Fernweh: der Schluss von Homer vs. Defoe: Dieser Abschnitt thematisiert das offene Ende bei Homer im Vergleich zu Robinsons weiterem Reiseleben bis ins hohe Alter.
Schlüsselwörter
Odyssee, Robinson Crusoe, Schifffahrt, Insel, Isolation, Heimkehr, List, Götter, Schicksal, Überlebenskampf, Identität, Zivilisation, Vergleich, Abenteuer, Handwerk
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht vergleichend die Epen von Homer und den Roman von Daniel Defoe, um herauszufinden, ob Odysseus als literarischer Vorläufer des "Robinson"-Typus betrachtet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die räumliche Bedeutung von Meer und Insel, die Entwicklung der Charaktere durch Isolation sowie der Einfluss von Religion und Schicksal auf das menschliche Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein typologischer Vergleich, um festzustellen, ob die Odyssee als erste Robinsonade verstanden werden kann, basierend auf inhaltlichen und strukturellen Motiven.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische literaturwissenschaftliche Analyse, die Motive und Charakterentwicklungen beider Werke in Bezug setzt.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die Bedeutung von Meer und Insel, die psychologische Konstitution der Helden (List, Verstand, Körperkraft) und ihr Verhältnis zu göttlicher Vorsehung und Schicksal.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Schifffahrt", "Isolation", "List", "Heimkehr" und "Zivilisationsnachvollzug".
Wie unterscheidet sich die Motivation der beiden Protagonisten bezüglich des Reisens?
Während Odysseus aus der Verpflichtung heraus handelt, seine Flotte in die Heimat zu führen, treibt Robinson ein individueller, fast manischer Drang nach Abenteuern und Selbstverwirklichung.
Welche Rolle spielen äußere Helfer bei der Flucht der beiden Protagonisten?
Beide Helden können ihre Inselgefangenschaft nicht aus eigener Kraft beenden; Odysseus benötigt das Eingreifen der Göttin Athene, während Robinson auf die zufällige Ankunft eines englischen Schiffes angewiesen ist.
- Citar trabajo
- Nicole Hilbig (Autor), 2012, Odysseus - der erste Robinson?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207750