Der Umgang mit Archivmaterial und Zeitzeugen

Am Beispiel der historischen Dokumentation "Geliebtes Leben" von Michael Kuball


Hausarbeit, 2004

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Eine Dokumentation ohne Zeitzeugen?

Der Inhalt

Die Form

Zeitzeugen und Archivmaterial
Die Protagonisten erinnern sich
Der Amateurfilm als historisches Dokument
Die Verpackung

Probleme der Erzählweise

Zusammenfassung

Quellenl

Abb. l: Grunddaten

Abb. 2: Welches Jahrzehnt wie lang (in %)?

Abb. 3: Wer redet wieviel (in %)?

Abb. 4: Das Problem der Erinnerung

Eine Dokumentation ohne Zeitzeugen?

ir kennen das: Ein Mann sitzt vor einem schwarzen Hintergund. Von links oben fällt ein schwacher Lichtstrahl ins Bild. Der Mann hat Tränen in den Augen. Er erzählt von der Ermordung seiner jüdischen Eltern und den Gräueln, die sie und er im Deutschland der dreißiger Jahre vorher erlebt hatten. Die Kamera hält jede noch so winzig kleine Bewegung des Interviewten fest. Jeder Gesichtsausdruck ist auf Zelluloid gebannt ...

Zeitzeugen und ihre Erinnerungen sind wichtig. Vielleicht sind sie sogar der wichtigste Bestandteil einer Dokumentation, weil sie die vom Sprecher kommentierte, von der Musik untermalte, vom Filmmaterial veranschaulichte und durch technische Hilfsmittel verdeutlichte Geschichte erst menschlich machen. Durch ihre Erzählung helfen sie dem Zuschauer, sich auch ein Bild von der menschlichen Seite zu machen. Tränen verdeutlichen die Verzweiflung und die Trauer, ein Grinsen erzeugt mitunter Freude und Spaß. Guido Knopp hat diese Art der Erzählweise mit seinen Dokumentationen salonfähig gemacht.

Man könnte denken, dass kein Dokudrama mehr und erst recht keine historische Dokumentation ohne Zeitzeugen auskommen kann.

Michael Kuball, der Autor von „Geliebtes Leben“, verzichtet jedoch auf dieses Element. Und nicht nur auf dieses: In seinem Werk fehlen auch die für eine moderne Dokumentation „benötigten“ fiktiven Szenen.

Der Autor geht einen anderen Weg: Er reiht Amateuraufnahmen von Privatpersonen aneinander, die in der Zeit von l940 – l980 entstanden sind. Als Kommentatoren dienen ihm, neben zwei „echten“ Off-Sprechern, die Filmer und Gefilmten, die auf den Aufnahmen zu sehen sind. Sie erinnern sich angeregt durch die Filmausschnitte nach langer Zeit und bestimmen so den Fortgang des Films. Die Protagonisten erzählen und übermitteln Geschichte, ohne jemals selbst im Bild zu erscheinen (abgesehen von den Aufnahmen).

Im Folgenden werde ich versuchen, das Besondere am Umgang mit den Zeitzeugen und den Filmaufnahmen in „Geliebtes Leben“ auszuarbeiten. Außerdem möchte ich auf die Probleme hinweisen, die durch solch eine Arbeitsweise auftreten können.

Grunddaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Inhalt

er zweite Teil von „Geliebtes Leben“ mit dem Untertitel „Was ist“ hat die Jahre l940 bis l980 zum Inhalt, die Kriegsjahre l940 – 45 werden in überproportionalem

Maß gezeigt (siehe Abb. 2).

Die Dokumentation erzählt das Leben von 25 verschiedenen Filmern. Alltag, Familie und die Kinder sind in den Original-Aufnahmen aus dieser Zeit ebenso Themen wie Krieg und Vertreibung. Allerdings werden diese negativen Erlebnisse nur nebensächlich behandelt. Klar, für das Heimkino, aus dessen Material der Film zusammengeschnitten ist, waren eher spaßige und familiäre Themen wichtig.

„Geliebtes Leben“ ist ein mit der Filmkamera geschriebenes Filmtagebuch (das ja eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht war). Der Inhalt dieser visuellen Memoiren gliedert sich wie folgt:

Es beginnt mit dem Aufmarsch der nationalsozialistischen Truppen in München. Im Anschluss daran werden der Einfall der Deutschen in Frankreich und die französische Flucht gezeigt. Es folgen die Ausdehnung der Deutschen nach Osten und der Afrikafeldzug. Diese Themen werden aber nur angerissen. Mehr

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2

Aufmerksamkeit gilt bei allen Themen den idyllischen Aufnahmen mit der Familie und dem Alltagsleben. „Geliebtes Leben“ nennt zum Beispiel nicht die bloße Tatsache, dass auf Köln Bomben abgeworfen werden, sondern zeigt die Auswirkungen auf die Nachbarn und ihre Häuser (mit den Amateuraufnahmen eines direkten Anwohners).

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgen andere Themen: Wiederaufbau, Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft und die Freuden am neuen/in den beiden neuen Deutschland(s). Die in den Nachkriegsjahren vorherrschenden Strömungen in

Deutschland, egal ob politisch, musikalisch oder sozial, werden in den Amateurbildern gezeigt und durch die Musik untermalt. Fetziger Rock'n'Roll und französische Chansons geben den Privataufnahmen der Amateurfilmer die richtige Atmosphäre. Mit Bildern aus der Zeit der „Hippies“ endet der Film.

Die Form

eliebtes Leben“ ist eine Kompilationsfilmserie, d. h. dass in diesem Dokumentarfilm Amateurfilme aus der Zeit zwischen l940 und l980 zusammengetragen und zu einem großen Ganzen verwoben wurden. In chronologischer Reihenfolge aufbereitet entsteht eine Geschichte des Alltags, ein Mosaik der Geschichte. Voneinander unabhängige Bilder hat Kuball so zusammengeschnitten, dass sie den

Eindruck vermitteln, als ob sie in direktem Zusammenhang stehen würden.

Fiktionale, also nachgestellte Szenen fehlen völlig. Zeitzeugen kommen nur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3

in dem Sinn vor, dass sie das Gezeigte aus dem Off kommentieren (sie sollen in dieser Hausarbeit trotzdem Zeitzeugen genannt werden). Zu sehen sind sie nie. Zwei Kommentatoren im Wechsel ergänzen sie in ihren Aussagen mit knappen inhaltlichen Überleitungen. Neben ihnen kommen auch Musik und nachträglich

eingefügte Geräuschuntermalungen vor, z. B. das Summen der Fliegen um einen gedeckten Tisch in der afrikanischen Wüste[1].

Die Musik wirkt je nach Situation bedrohlich, erheiternd oder angespannt. Sie ist es, die die Atmosphäre hauptsächlich beeinflusst. Was in Amateurfilmen noch schön anzusehen ist, kann durch die Musikunterlegung schockierend wirken. Beispiel Holocaust: Ein Mädchen verbrennt ihre Stofftiere, der Bruder filmt sie dabei. Im Familienkreis hatte diese Szene wahrscheinlich eine erheiternde Wirkung. Doch durch die düstere, bedrückende Musik und die inhaltliche Überleitung von den Flammen, die die Puppen zerfressen, zum Holcaust hin rückt der Filmausschnitt in ein anderes, düstereres Licht.

Als wollte der Film manchmal daran erinnern, dass das Gezeigte wirklich passiert ist und den Aufnahmen von Hobbyfilmern entspringt, wird drei Mal ein sich drehender Film- Projektor mit passenden Arbeitsgeräuschen gezeigt. Dadurch kommt Privatatmosphäre auf. Film, Projektor, Zeitzeuge und Zuschauer sind unter sich.

Die Protagonisten erinnern sich

as Besondere an „Geliebtes Leben“ ist wie gesagt die Form, in der die Zeitzeugen zu Wort kommen. Sie werden nicht durch konkrete Fragestellungen in eine bestimmte Richtung gelenkt, sondern können die Gedanken frei von sich geben, die ihnen beim Betrachten des Films einfallen. Sie sind es, die den Film lenken und erklären. Der

Kommentar aus dem Off hat nur noch ergänzenden Charakter.

Alle Äußerungen sind spontan. Nach Jahren erinnern sich die Zeitzeugen wieder an das Gefilmte und ordnen den Film ein. Der Zuschauer ist geneigt, sich in die Perspektive des Zeitzeugen hineinzuversetzen. Gefördert wird dies dadurch, dass es so scheint, als ob der Zeitzeuge den Filmausschnitt im selben Moment sieht wie der Zuschauer. Der sitzt praktisch im gleichen Raum wie der Erzählende und schaut auf die weiße Projektionswand mit den Aufnahmen. Der Film selbst hat dadurch familiären Charakter. Verstärkt werden soll dieser Effekt (a) visuell, durch die dreimalige Einblendung eines Projektors und das typische Flimmern der Super-Acht-Aufnahmen und (b) akustisch, durch die Unterlegung der Musik und der Sprache mit den Projektorgeräuschen, die immer mal wieder während des Films zu hören sind.

Die Dokumentation ist eingänglicher, weil sie nicht die Geschichte aus Sicht der Regierenden, sondern durch das Auge (Objektiv) des ganz normalen Bürgers erzählt. Sie macht deutlich: „Ja, so war es. So hätte es uns auch gehen können.“ „Geliebtes Leben“ zeigt Alltagsgeschichte, nicht die politische oder wirtschaftliche. Dabei kommen bei den Erzählungen auch vermeintlich unwichtige Aspekte zum Vorschein, etwa: „Das ist die Haustür, unsere hintere Haustür“[2]. Doch auch dieses Unwichtige sorgt für die oben genannte private Atmosphäre.

[...]


[1] Bei Minute l7:30, lybische Wüste

[2] Bei Minute 48:30, Hochzeit in Rottenbach

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Umgang mit Archivmaterial und Zeitzeugen
Untertitel
Am Beispiel der historischen Dokumentation "Geliebtes Leben" von Michael Kuball
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Fachjournalistik Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V208130
ISBN (eBook)
9783656364320
ISBN (Buch)
9783656365013
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michael Kuball, Guido Knopp, Dokumentation, Doku, Historische Doku, Arte, Zeitzeugen, Geschichte
Arbeit zitieren
Dennis Schmidt (Autor), 2004, Der Umgang mit Archivmaterial und Zeitzeugen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208130

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