Deutschland nach Hitler. Die Entwicklung der Bevölkerungswissenschaft und ihre Umsetzung in Ost- und Westdeutschland ab 1945


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Bevölkerungswissenschaft
Definition
Stellung und Anwendung in den europäischen Staaten
Stellung und Anwendung in Deutschland

Entwicklungslinien der Bevölkerungswissenschaft
... in der Deutschen Demokratischen Republik
... in der Bundesrepublik Deutschland
... im wiedervereinigten Deutschland seit 1989/90
Kontinuitäten

Fazit

Literatur

Aufsätze

Internet

Anhang: Internetauftritt des SDV (www.schutzbund.de)

Einleitung

In dieser Hausarbeit soll im Folgenden untersucht werden, wie sich die Bevölkerungswissenschaft in der Zeit nach dem Zweiten Weltrkrieg entwickelt hat.

Dabei soll das Augenmerk vor allem auf das geteilte Deutschland gelegt werden, weil gerade hier die Auswirkungen der aktiven Bevölkerungspolitik des „Dritten Reiches“ zu einer ganz besonderen Einstellung in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft geführt haben. Aber auch der Vergleich mit dem Ausland soll nicht außer Acht gelassen werden.

Die demographischen Daten selbst sollen in dieser Arbeit nur eine untergeordnete Rolle spielen; sie tauchen nur in dem Zusammenhang auf, in dem sie politische oder wissenschaftliche Entscheidungen verdeutlichen helfen. Ansonsten sollen eher wissenschaftliche und politische Entwicklungen und damit einhergehende Konzepte im historischen Kontext beleuchtet und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft aufgezeigt werden.

Der erste Teil widmet sich der Definition der Bevölkerungswissenschaft. Was sind deren Aufgabengebiete und welche Faktoren spielen eine übergordnete Rolle? Bei einer generellen Betrachtung soll auch der Blick über den deutschen Tellerrand gewagt werden. Dies scheint deswegen besonders angebracht, weil andere europäische Staaten, in dieser Arbeit insbesondere Frankreich, durch eine andere Historie andere Auffassungen von der Bevölkerungswissenschaft erkennen lassen. Besonders deutlich wird dies dann in einer direkten Gegenüberstellung zur Situation in Deutschland.

Der Hauptteil befasst sich schließlich mit den Entwicklungslinien der Bevölkerungswissenschaft in den Jahren von 1945 bis heute. Der institutionelle Aufbau der Wissenschaften spielt dabei ebenso eine Rolle wie die konkrete Politik. Der Hauptteil ist ab dem Jahr 1949 in die Kapitel „Deutsche Demokratische Republik“ und „Bundesrepublik Deutschland“ und nach 1989/90 in das Kapitel „Wiedervereinigtes Deutschland“ aufgeteilt. Welche Gegensätze aber auch welche Gemeinsamkeiten weisen die beiden deutschen Staaten in diesen Jahren auf? Welche neuen Entwicklungen lassen sich ausmachen?

Interessant erscheint zudem eine Untersuchung der führenden Personen in der Bevölkerungswissenschaft. Welche Rolle spielten sie nach und, vor allem, vor 1945. Das Fazit komplettiert die Hausarbeit.

Bevölkerungswissenschaft

Definition

Bei der Bevölkerungswissenschaft handelt es sich um eine multifunktionale Forschungsrichtung (weshalb der Begriff „Bevölkerungswissenschaft en “ eigentlich angebrachter wäre1 ). Sie setzt sich aus unterschiedlichsten Teildisziplinen zusammen, und ist daher auch wenig fest umrissen. Neben der Statistik und den Sozialwissenschaften spielen auch die Bevölkerungslehre, die Bevölkerungsgeschichte und die Bevölkerungspolitik in ihre Zusammensetzung mit hinein. Medizinische, biologische und soziologische Teilaspekte vermengen sich so zu der Gesamtforschungsrichtung „Bevölkerungswissenschaft“, in der die genannten Teilaspekte je nach Zeit und Ort unterschiedlich stark gewichtet werden.

Sterbequote, Wanderungsbewegung und Geburtenrate sind die maßgeblichen Komponenten der Disziplin Bevölkerungswissenschaft.2 Die Sterbequote wird vor allem durch den wissenschaftlichen Fortschritt im Gesundheitswesen beeinflusst. Geringere Säuglingssterblichkeit und erhöhte Lebenserwartung haben die Sterbequote immer niedriger werden lassen. Trotzdem ist sie nicht die entscheidene Einflussgröße auf die Bevölkerung und somit auf die Bevölkerungspolitik.

Wanderungsbewegung : Grenzüberschreitende Migrationen spielen vor allem in Zusammenhang mit der Zuwanderungspolitik eine große Rolle. Einige Länder sind besonders bemüht um (eine ausgeglichene) Zuwanderung, andere verstehen unter Zuwanderungspolitik eher die Einschränkung derselben. Unterschieden werden muss im wissenschaftlichen Sinn noch zwischen der r ä umlichen (regionale Verteilung der Bevölkerung) und der nat ü rlichen (Anzahl, Wachstum und Altersaufbau der Bevölkerung) Bevölkerungsbewegung. Ein Beispiel mag aber verdeutlichen, inwieweit die Zuwanderungspolitik über die Größe der Bevölkerung entscheidet: Vor allem die westeuropäischen Staaten sehen sich dem Umstand gegenüber, dass die Bevölkerung immer älter wird und gleichzeitig schrumpft. Wissenschaftler haben Berechnungen darüber angestellt, wieviele Ausländer, also Migranten, zum Beispiel nach Deutschland einwandern müssten, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.3 Demnach müssten bis ins Jahr 2050 hinein 188 Millionen Menschen mehr ein- als auswandern, um den Altersquotienten niedrig halten zu können. An diesem Beispiel wird deutlich, welchen geringen Stellenwert oder, anders ausgedrückt, welche geringen Einflussmöglichkeiten auf die gesamte Bevölkerung gesehen die Kategorie Wanderungsbewegung hat im Vergleich mit der Geburtenrate.

Geburtenrate : Die Anzahl der Kinder ist (in enger Verbindung mit der Kindersterbehäufigkeit) die wohl wichtigste Einflussgröße. Dabei kann generell von einer pronatalistischen (die Vermehrung fördernd) oder einer antinatalistischen Politik (die Vermehrung hemmend) gesprochen werden. Dem Leser soll in diesem Zusammenhang in Erinnerung bleiben, dass also auch geburtenhemmende Effekte gewünscht sein können. In Westeuropa ist allerdings vom genauen Gegenteil auszugehen (s. u.).

Die Bevölkerungspolitik ist, wie schon herausgestellt wurde, ein wichtiger Unterpunkt der Bevölkerungswissenschaft. Sie soll in dieser Hausarbeit in einem speziellen Teil genauer untersucht werden, weil sie die praktische Komponente der eher theoretisch orientierten Gesamtdisziplin darstellt.

Stellung und Anwendung in den europäischen Staaten

Im wieder die Vorbedingungen für ein zufriedenstellendes bevölkerungspolitisches U Gleichgewicht zu schaffen“ und die „Erneuerung der Generationen besser abzusichern“ sei eine neue Politk nötig, verkündete im Jahr 1980 der damalige französische Staatspräsident Valérie Giscard d'Estaing auf einem Kolloqium der französischen Bevölkerungswissenschaftler. Er bekannte sich in seiner Rede zu einer Zielfunktion der Bevölkerungswissenschaft, nämlich der Erreichung des „replacement levels“.4 Diese Unbefangenheit drückt recht deutlich aus, welche Stellung der Bevölkerungswissenschaft und vor allem welche konkrete Funktion ihr im Ausland zugesprochen wird.

Nachdem in den ersten Nachkriegsjahren im gesamten Europa das Thema „Bevölkerungspolitik“ nicht auf der Agenda stand5, ließen die endenden sechsziger Jahre erahnen, dass aufgrund wankender sozialer Stabilität und abflauenden wirtschaftlichen Wachstums bevölkerungspolitische Motive wieder mehr in den Vordergrund rücken mussten. Verschärft wurde diese erste Krise durch ein ernstes Rütteln an den festgefügten Familiennormen. Allerdings hatten die nun aufkommenden Überlegungen bevölkerungspolitischen Handels, im Gegensatz zu früheren Jahren und Jahrzehnten, keine „Politik der äuß eren nationalen Stärke“, sondern eine „Stabilisierung der inneren Verhältnisse“ im Auge. Dies war der neue Charakter der Bevölkerungspolitik.6

Aber: „Nirgendwo trat die Familienpolitik [als Teil der Bevölkerungspolitik] aus dem Schattendasein einer vernachlässigten Dimension des Wohlfahrtsstaates heraus.“7 Dies habe nach Bahle vor allem an der „begrenzten Funktion des Staates“ gelegen, der sich nur wenig in die Belange der Bevölkerung einmischen wollte.

Die Anzahl der Wissenschaftler für bevölkerungswissenschaftliche Institute in Europa kann als erstes den ungefähren Stellenwert dieser Forschungsrichtung widerspiegeln. So ist das bereits 1945 gegründete „Institut National d'Études Démographiques“ in Paris mit rund 50 Forschern ausgestattet. Das „Netherlands Interdiciplinary Demographic Institute“ kann auf 26, das „Institute di recherche sulla populazione“ in Rom auf 20 Wissenschaftler zurückgreifen. Demgegenüber hatte das deutsche Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung“ nur neun Mitarbeiter.8

Die deutsche Vorstellung von einer fächerübergreifenden Disziplin der Bevölkerungswissenschaft konnte in den anderen europäischen Staaten nur schwer Fuß fassen. Vor allem dem angloamerikanischen Denken nach herrscht dort eher der biologisch-mathematische Begriff der „Demographie“ vor.

Stellung und Anwendung in Deutschland

Gerade im Hinblick auf die Geschichte Deutschlands in den letzten 100 Jahren ist eine enorme Vielfältigkeit der Ideen und Ratschläge zur Bevölkerungspolitik auszumachen. Überlagert wird diese Vielfältigkeit allerdings durch die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft.

MacIntosh spricht mit Blick auf Deutschland von einem „prisoner of the past“9. Damit spielt er auf die Politik des „Dritten Reiches“ an, mit der die Nationalsozialisten, ihrer Ideologie folgend, „Schwache“ oder Erbkranke“ zu vernichten versuchten. Diese Politik wirkt so weit nach, dass sie die momentane Familienpolitik stark beeinflusst, bzw. die offizielle Existenz der Bevölkerungspolitik für Deutschland unmöglich macht.

Nach 1945 konnte sich die Bevölkerungswissenschaft nicht zu einem eigenständigem Fach weiterentwickeln, sondern beschränkte sich auf die amtliche und universitäre Statistik.10 Und trotzdem fehlt, wegen der Verdrängung oder Nichtbeachtung der Bevölkerungswissenschaft, Datenmaterial, welches Aufschlüsse darüber liefern könnte, welche direkten Auswirkungen zum Beispiel die Familienpolitik gehabt hat.11

Bevölkerungspolitik kann für Deutschland in die Begriffe „Familienpolitik“, „familienorientierte Sozialpolitik“, „Gesundheitspolitik“, „Wohnungsbaupolitik“ und „Migrationspolitik“ unterteilt werden.12 Eine explizite Politik, die die Bevölkerung stärken oder vermehren soll, fand nach 1945 in Westdeutschland und findet bis heute im vereinten Deutschland nicht statt. In keinem familienpolitischen Gesetz finden sich zum Beispiel als Begründung für das Gesetz bevölkerungspolitische Beweggründe.13

Aber wenn in Deutschland auch keine explizite Bevölkerungspolitik betrieben wird, weisen doch die Entscheidungen aus den oben genannten Politikbereichen bevölkerungspolitische Züge auf. So kann die Auszahlung des Kindergeldes im Dritten Reich und in der BR Deutschland durchaus als bevölkerungspolitisches Instrument gedeutet werden. Die Intention dieser Politik ist allerdings eine wesentlich andere.

Entwicklungslinien der Bevölkerungswissenschaft

Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges machten sich die ersten Gegensätze im besetzten und schließlich zweigeteilten Deutschland zwischen den westlichen und den östlichen Besatzern bemerkbar. So auch in der Bevölkerungspolitik, zu der die beiden Parteien unterschiedliche Überlegungen und Einstellungen hatten. „Aufgrund der gegensätzlich stukturierten Wirtschafts- und Sozialordnungen sowie der politischen Systeme, der konträren institutionellen Strukturen sowie Divergenzen in der Sozialgliederung“14 gab es sehr deutliche Politik-Unterschiede zwischen der DDR und der BR Deutschland.

Die direkte Nachkriegszeit ist dabei durch drei Entwicklungen in der Bevölkerung gekennzeichnet: Erstens die Welle der Flucht und Vertreibung, zweitens die darauf aufbauende Veränderung in Bevölkerungswachstum und -zusammensetzung und drittens Unterschiede im generativen Verhalten.15

Die Disziplin Bevölkerungswissenschaft fiel nach 1945 in ein tiefes Loch. Erst mit der Errichtung der ersten Lehrstühle 1969 in Ost-Berlin im östlichen und der Gründung des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden im Jahr 1973 im westlichen Teil Deutschlands erwachte diese Wissenschaft wieder zu neuem erstem Leben.

Aktive Bevölkerungspolitik wurde aber von beiden Parteien abgelehnt.

... in der Deutschen Demokratischen Republik

Bevölkerungsentwicklung

Die DDR hatte seit ihrer Gründung über den meisten Zeitraum ihrer Existenz mit D einem Bevölkerungsrückgang zu kämpfen. Dies betraf vor allem die Abwanderung der Landsleute in den „Westen“. Diese Ost-West-Bewegung, die nach dem Krieg aus den ehemaligen Ostgebieten nach Deutschland eingesetzt hatte, setzte sich nach 1950 in dem Sinne fort, dass DDR-Bürger in die BR Deutschland einwanderten.16 Erst mit dem Jahr 1957, in dem das Gesetz gegen die „Republikflucht“ von der SED erlassen worden war, ging diese Deutsch-Deutsche-Wanderungsbewegung merklich zurück. Außerdem musste die Führung seit 1965 mit einem starken Geburtenrückgang umgehen.

[...]


1 Vom Brocke (10).

2 vom Brocke (35),

3 Vergleiche dazu: Birg (1 ff.).

4 Zitiert nach: Schubnell (23).

5 Vgl.: Bahle (41): Er nennt als Grund dafür, dass “Heiraten und Geburten einen historischen Höhepunkt er- reicht hatten”. Deshalb habe man sich über die weitere Bevölkerungsentwicklung keine Gedanken machen müssen.

6 Vgl.: Bahle (42).

7 Vgl.: Ebd.

8 Zahlen aus dem Jahr 1992, zitiert nach: vom Brocke (19). In einem weiteren Aufsatz nennt vom Brocke die “personelle und institutionelle Ausstattung kümmerlich.” (Geschichte der Bevölkerungswissenschaft, 4). Münz gibt an, dass “nur wenige Lehrstühle” existierten und ergänzt: “Dies steht im Gegensatz zur Bedeutung, die der Bevölkerungswissenschaft zukommt.” (1).

9 Zitiert nach: Bahle (87).

10 vom Brocke (110).

11 Vgl. dazu Bellers (15 ff.): Sie stellt nur so viel fest, dass “Zusammenhänge zwischen der Familienpolitik der Nachkriegszeit und der Entwicklung der Heirats- und Geburtenhäufigkeit” nicht festgestellt werden kön- nen.

12 Vergleiche dazu den Aufsatz von Birg.

13 Bellers (13).

14 Wendt (4).

15 Marschalck (86).

16 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Deutschland nach Hitler. Die Entwicklung der Bevölkerungswissenschaft und ihre Umsetzung in Ost- und Westdeutschland ab 1945
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V208146
ISBN (eBook)
9783656355229
ISBN (Buch)
9783656355397
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Bundesrepublik, BRD, Bevölkerungswissenschaften, Schutzbund
Arbeit zitieren
Dennis Schmidt (Autor), 2004, Deutschland nach Hitler. Die Entwicklung der Bevölkerungswissenschaft und ihre Umsetzung in Ost- und Westdeutschland ab 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208146

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