Der Einfluss narrativer Verfahren auf das Verschollenenmotiv in Joseph Conrads 'Heart of Darkness'


Hausarbeit, 2009
10 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

1.Einleitung

„Die Flussmündung war von einer schwarzen Wolkenwand verhängt, und die ruhige Wasserstraße, die bis an die äußersten Grenzen der Erde führt, strömte düster unter einen bewölkten Himmel dahin – schien hineinzuführen ins Herz einer unermesslichen Finsternis.“[1]

Mit diesem Satz endet Joseph Conrad seine Erzählung „Herz der Finsternis“ und deutet damit gleichzeitig nochmal auf den Titel des Romans hin. Dieses „finstere Herz“ ist zugleich eine Andeutung auf den Ort, zu dem die Reise den Protagonisten geführt hat. Außerdem geht von dem Namen etwas Bedrohliches aus, was schon daraufhin deutet, dass man an diesem Ort leicht verloren oder verschollen gehen kann. Der Titel des Buches ist so gesehen schon ein Anhaltspunkt für das tödliche Ende, das der Hauptfigur, Mr. Kurtz, im Herzen der Finsternis bevorsteht. Dieses Ende macht ihn damit zu einem „Verschollenen der Literatur“. Doch nicht nur dieser Titel, sondern vor allem die narrativen Verfahren, die Conrad benutzt, schaffen eine düstere Atmosphäre in der Erzählung und bereiten den Leser auf das „aus der Welt fallen“ vor.

In dieser Arbeit soll daher der Einfluss der Narratologie auf das Motiv des Verschollen- bzw. Verlorengehens mit Hilfe von ausgewählten Verfahren der Erzähltheorie, untersucht werden. Außerdem sollen einige Fragen die von dieser Untersuchung ausgehen beantwortet werden. Zum Beispiel, wie sich die Verfahren zwischen dem ersten Erzähler, der mit Hilfe einer Rahmenhandlung als eine Erzählinstanz agiert, und dem Protagonisten, der den Hauptteil des Erzählens einnimmt, unterscheiden.

Zunächst soll aber im zweiten Punkt ein kurzer Einblick zum historischen Hintergrund des Romans gegeben werden. Möglicherweise kann dadurch Aufschluss erlangt werden, inwieweit Conrad seine persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse darin verarbeitet. Der dritte Punkt erklärt die Stimme der beiden Erzählinstanzen näher bzw. wird erklärt, wer spricht. Dazu werden Diegese, Erzählform, -verhalten, - standort, -haltung und Sichtweise der zwei Darsteller untersucht. Punkt vier soll einen weiteren Faktor darstellen, der sich beim Verschollengehen bemerkbar macht – die Zeit. Wie ist das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit? Wie wird mit Rückblenden und Vorausdeutungen umgegangen? Der vorletzte Punkt soll den Modus der Erzählung überprüfen. Distanzieren sich die Erzähler vom Geschehen oder sind sie unmittelbar als Instanzen vorhanden? Welche Fokaliserung wird ihnen zugeteilt? Schließlich soll der letzte Punkt die Auswirkungen auf das Verschollenenmotiv durch die untersuchten Verfahren überprüfen. Zur Untersuchung sollen einschlägige Einführungsliteraturen verwendet werden.

2. Der historische Hintergrund als Vorlage für die Erzählinstanz Charlie Marlow

Es kann nur darüber spekuliert werden, inwieweit die beiden Erzählinstanzen mit dem Autor Joseph Conrad übereinstimmen. In der Bestimmung der Erzählweise sind sie von ihm und von sich selbst zu trennen. Doch um Conrads Intention und Hintergründe zu erfahren ist ein Vergleich mit Conrads Person vielleicht wichtig.

Wie Marlow war Conrad auch ein Seemann und auch in ihm wurde schon sehr früh ein großes Interesse für Karten geweckt. Er erfuhr viel über imperiale Systeme und Seeabenteuer, als er 1878 beim „British Service“ arbeitete. Sein Interesse an Afrika wurde höchstwahrscheinlich durch Henry Morton Stanley’s Suche nach David Livingstone und später der nach Emin Pasha geweckt.[2] Conrad lebte ohnehin in einer Zeit, wo neben den beiden genannten, noch viele andere Entdecker (z.B. Lovett Cameron, Pierre Savorgnan de Brazza und Carl Peters) den afrikanischen Kontinent durchquerten und erforschten. So lassen sich einige Parallelen zwischen Stanley’s Suche nach Livingstone finden. So wie Stanley also nach Livingstone suchte und seine Begrüßungsworte „Dr. Livingstone, I pressume“ in die Geschichte eingehen, als er ihn findet, so sucht Marlow auch nach Kurtz und wird dadurch bekannt. Außerdem stirbt auch Livingstone wie Kurtz in der Wildnis an einer Krankheit und kann nicht in die Zivilisation zurückkehren.[3] Die Geschichte basiert so gesehen möglicherweise sogar auf einer wahren Begebenheit, beziehungsweise kann auf sie ein historischer Hintergrund zurückgeführt werden. Das gehörte möglicherweise auch teilweise zur Intention des Autors, denn „[...] Conrad’s text presents a critique of voice as the representation of imperialism.“[4] Diese Aussage lässt sich durch einige Szenen beweisen, in denen er Kritik an der Möglichkeit der Annexion und der Versklavung der Eingeborenen übt. Besonders in der Beziehung zwischen Marlow und seinem Diener, dessen Tod Marlow bedauert oder als er ein Gespräch belauscht, wo es um das Aufhängen von Kurzt geht, wird der Imperialismus als System bloßgestellt. Weiterhin verarbeitet Conrad in der Geschichte seine eigene fatale Kongoreise auf seinem Schiff „Roi du Belges“ (im Film „Heart of Darkness“ hat das Schiff Marlows sogar diesen Namen).

[...]


[1] Joseph Conrad, Herz der Finsternis, München, Süddeutsche Zeitung GmbH, 2004, S. 125

[2] D.C.R.A Goonetilleke, Joseph Conrad’s Heart of Darkness, London [u.a.], Routledge, 2007, S. 5

[3] Details zu Livingstone aus: Hendrik L. Wesseling, Teile und herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880 – 1914, Stuttgart 1999, S. 8 – 83

[4] Yuan- Jung Cheng, Heralds of the postmodern: madness and fiction in Conrad, Woolf, and Lessing, S.52

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss narrativer Verfahren auf das Verschollenenmotiv in Joseph Conrads 'Heart of Darkness'
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V208246
ISBN (eBook)
9783656355601
ISBN (Buch)
9783656356332
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, verfahren, verschollenenmotiv, joseph, conrads, heart, darkness
Arbeit zitieren
Winifred Radke (Autor), 2009, Der Einfluss narrativer Verfahren auf das Verschollenenmotiv in Joseph Conrads 'Heart of Darkness', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208246

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