Metropolregionen in Deutschland zwischen politischem Wunschdenken und wissenschaftlicher Rechtfertigung


Diplomarbeit, 2012
112 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsgegenstand
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Begriffsdefinitionen
1.3.1 Region
1.3.2 Metropole
1.3.3 Metropolregion

2. Theoretisch konzeptionelle Grundlagen
2.1 Das Konzept der Europäischen Metropolregionen in Deutschland
2.1.1 Metropolregionen in Deutschland
2.1.2 Abgrenzung von Metropolregionen
2.1.3 Funktionen von Metropolregionen
2.1.4 Bedeutung für die Raumentwicklung in Deutschland
2.2 Theoretisch fundierte Konzepte zur Erklärung des Bedeutungszuwachses von Metropolregionen
2.2.1 Globalisierung und Regionalismus
2.2.2 Wachstumspolkonzept
2.2.3 New Economic Geography
2.2.4 World Cities / Global Cities
2.2.5 Funktionentheorie

3. Methodik
3.1 Räumliche Dimension
3.2 Methodische Arbeitsweise
3.3 Das Indikatorenset
3.3.1 Entscheidungs- und Kontrollfunktion
3.3.2 Innovations- und Wettbewerbsfunktion
3.3.3 Gatewayfunktion
3.3.4 Symbolfunktion
3.4 Hinweise zu messmethodischen Problemen

4. Ergebnisse
4.1 Faktorenanalyse
4.1.1 Bildung der Index-Werte
4.1.2 Validität und Reliabilität
4.2 Ranglisten der LK / KfSt nach „Metropolität“
4.3 Beurteilung des Zusammenhangs zwischen der Ausübung von MR-Funktionen und der MR-Zugehörigkeit
4.3.1 Analyse ohne Grenzmaße („ETA“)
4.3.2 Analyse mit Grenzmaßen („Phi / Cramer V“)
4.4 Beurteilung der administrativen Abgrenzungen deutscher MR

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Anhang - Faktorenanalyse

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Strukturdaten der MR Deutschlands (2008)

Tab. 2: KMO- und Bartlett-Test

Tab. 3: Ergebnis der Dimensionsreduzierung (Gesamt)

Tab. 4: Faktorenladungen auf Index-Wert (Gesamt)

Tab. 5: Ergebnis der Dimensionsreduzierung (Entscheidungs- und Kontrollfunktion)

Tab. 6: Faktorenladungen auf Index-Wert (Entscheidungs- und Kontrollfunktion)

Tab. 7: Ergebnis der Dimensionsreduzierung (Innovations- und Wettbewerbsfunktion)

Tab. 8: Faktorenladungen auf Index-Wert (Innovations- und Wettbewerbsfunktion)

Tab. 9: Ergebnis Dimensionsreduzierung (Gatewayfunktion)

Tab. 10: Faktorenladungen auf Index-Wert (Gatewayfunktion)

Tab. 11: Ergebnis der Dimensionsreduzierung (Symbolfunktion)

Tab. 12: Faktorenladungen auf Index-Wert (Symbolfunktion)

Tab. 13: Variablenbezeichnung der "Metropolität"-Indizes

Tab. 14: Reliabilitätsstatistiken (Cronbachs Alpha)

Tab. 15: Rangfolge der LK / KfSt - „Gesamt-Index“

Tab. 16: Rangliste der LK / KfSt - „Entscheidungs- und Kontrollfunktion“

Tab. 17: Rangliste der LK / KfSt - „Innovations- und Wettbewerbsfunktion“

Tab. 18: Rangliste der LK / KfSt - „Gatewayfunktion“

Tab. 19: Rangliste der LK / KfSt - „Symbolfunktion“

Tab. 20: Richtmaße - "ETA"

Tab. 21: Auswertung - "ETA"

Tab. 22: Variablenbezeichnung der Funktionsentscheidungen

Tab. 23: Richtmaße - „Cramer V“ / „Phi“

Tab. 24: Auswertung - „Cramer V“

Tab. 25: Auswertung - "Phi"

Tab. 26: Indikatorenset zur Metropolitätsmessung (EK / IW)

Tab. 27: Indikatorenset zur Metropolitätsmessung (Ga / Sy)

Tab. 28: Dimensionsreduzierung komplett

Tab. 29: Inter-Item-Statistiken Gesamt

Tab. 30: Inter-Item-Statistiken der Teilfunktionen

Tab. 31: Rangliste - „Gesamt-Index“ (81-160)

Tab. 32: Rangliste - „Gesamt-Index“ (161-240)

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Abgrenzung der Metropolregionen Deutschlands (2010)

Abb. 2: „Metropolitane“ Gebiete Deutschlands nach verschiedenen Kriterien

Abb. 3: Indikatorenmodell des BBR

Abb. 4: Indikatorenmodell nach Blotevogel/Schulze

Abb. 5: Faktorenanalyse - Screeplot

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Forschungsgegenstand

Aufgrund der Globalisierung und der zunehmenden europäischen Integration haben die großen Städte sowie die Ballungsräume einen erheblichen Bedeutungszuwachs für die Raumentwicklung erfahren (vgl. ANDRIEßEN 2007:1). Dementsprechend geraten sie vermehrt in den Fokus der Raumentwicklungspolitik. MR werden in diesem Zusammenhang als Zentren innerhalb Europas gesehen, die durch gesellschaftliche Innovationen und wirtschaftliche Entwicklung die Wettbewerbsfähigkeit und den Zusammenhalt Europas stärken. In der Zukunft wird ihnen eine herausragende Stellung im Wettbewerb der Regionen als Knotenpunkte der globalen Ökonomie und Raumentwicklung zugesprochen (vgl. BBR 2006:7). Durch die Deklaration der ersten europäischen MR innerhalb Deutschlands im Rahmen der MKRO 1995 kam diesem Forschungsgebiet ein zunehmend größeres Interesse zugegen, sodass die Intensität raumpolitischer Diskurse stark zunahm (vgl. GOPPEL 2007:19). Ein Zitat des ehemaligen (bis 2011) Ministerialdirigenten im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung spiegelt sehr gut die Wirkung des auf der MKRO beschlossenen strategischen Raumkonzepts auf die Raumentwicklung wieder (vgl. SCHMITT 2007:12): „Das Konzept der Metropolregionen ist eine raumordnungspolitische Erfolgsgeschichte. Selten zuvor ist es gelungen, nur durch ein strategisches Leitbild ohne zusätzliche Fördermittel oder planerische Instrumente neue regionale Initiativen anzustoßen und erfolgreich voranzubringen. Eine ganze Reihe großer deutscher Großstadtregionen hat erkannt, dass es notwendig ist, sich im europäischen Wettbewerb zu positionieren und dazu die regionalen Kräfte über die kommunalen Grenzen hinweg zu bündeln.“ (SINZ 2005:I). Die Globalisierungsprozesse sowie die zunehmende europäische Integration sind eine große Herausforderung steuerungspolitischer Aktivitäten. Weltwirtschaftsrelevante Handlungsorte lösen sich teilweise von nationalstaatlichen hin zu regionalen Kontexten. Staaten fällt es zunehmend schwerer die Komplexität globaler Prozesse in politische Aktivitäten einzubringen und effiziente Maßnahmen einzuleiten, um diesen zu begegnen, da die Verflechtungen und Interaktionen verstärkt über staatliche Souveränitätsgebiete hinaus gehen. Dementsprechend werden Alternativen gesucht, um im globalen Wettbewerb zu bestehen und Wettbewerbsvorteile zu schaffen. Diese werden in den MR gefunden, auf die sich der Wettstreit um sogenannte „Global Player“ konzentriert, denen ein maßgeblicher Anteil an den ökonomischen sowie gesellschaftlichen Entwicklungen auf regionalen, nationalen wie auch supranationalen Maßstab zugesagt wird. Demnach ist die Stärkung solcher globalen Schlüsselzentren in Deutschland ein bedeutsames Thema geworden und die MR sind eng in politische Prozesse eingebunden. Inwieweit diese von der Politik definierten Gebiete tatsächlich die von ihnen erwarteten Aufgaben und Funktionen umsetzen, soll das Thema dieser Arbeit bilden und wird in den folgenden Kapiteln aufgearbeitet.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Ein Problem, welches in raumentwicklungspolitischen Diskursen oftmals auftaucht, ist die Identifikation und Quantifizierung der MR. MR wurden nach der MKRO anhand von Orientierungsmerkmalen definiert, sodass sie „… nach ihrer Lage im Kommunikations- und Verkehrsnetz, ihrer Wirtschaftskraft, ihrer Bevölkerungsentwicklung, ihrer politischen Funktion als Dienstleistungs- und Handelszentrum und ihrem kulturellen Angebot beurteilt werden können.“ (MERZ 2006:10). Das Problem ist, dass die Ausweisung der MR auf einem normativen Rahmen fundiert ist und keine wissenschaftlich hergeleiteten oder auf Erfahrung basierenden Begründungen Anwendung fanden (vgl. EGELN et al. 2009:24). Dadurch fehlen vor allem empirisch belegte Daten und Fakten, die die definierten Grenzen der MR aus funktionaler Sichtweise rechtfertigen. Daran anlehnend fehlt eine „… umfassende Definition zur Identifizierung und Abgrenzung von Metropolräumen.“ (EGELN et al. 2009:24). Den ausgewiesenen MR Deutschlands werden verschiedene Funktionen zugesagt, wobei zumeist eine empirische Fundierung aussteht.

An der dargestellten Problematik der funktionalen Rechtfertigung der MR soll diese Untersuchung ansetzen. Es erfolgt eine Betrachtung der Raumeinheiten Deutschland bezüglich der Ausprägung der in der Theorie beschriebenen Funktionen von MR und es werden die Gebiete identifiziert, welche die Anforderungen am stärksten erfüllen. Um festzustellen, ob sich die MR tatsächlich von den Gebieten abheben, die nicht den MR zugeteilt sind, werden alle LK / KfSt Deutschlands betrachtet und auf einen Zusammenhang zwischen dem Grad der Ausübung der MR-Funktionen und der politischen Zuordnung der LK / KfSt zu den MR untersucht.

Ein weiterer Untersuchungsgegenstand soll die Abgrenzung der MR sein. Im Fokus steht die Frage, ob die aktuell definierten Abgrenzungen auch empirisch ohne Widersprüche begründbar sind oder ob bessere Zuschnitte denkbar wären. Um die Validität und Reliabilität zu gewährleisten, ist es notwendig ein wissenschaftlich fundiertes methodisches Rahmen zu gestalten und ein entsprechendes methodisches Vorgehen zu erarbeiten. Die Erläuterung der Methodik und den einhergehenden Überlegungen, mitsamt der Probleme die es zu beachten gilt, ist demnach sehr bedeutend, um die späteren Ergebnisse aussagekräftig einordnen zu können.

Insgesamt muss jederzeit klar sein, dass dies kein „one-best-way“ Ansatz darstellt und die Arbeit zudem auch keine ultimative Lösung anbieten wird. Dafür ist dieser Themenbereich zu komplex. Vielmehr soll ein wissenschaftlicher Beitrag auf diesem Gebiet geleistet werden, auf dem darüber hinaus weiter aufgebaut werden kann und auch soll. Insgesamt lässt sich folgende Zielfragestellung formulieren:

„Üben die deutschen MR tatsächlich die ihnen zugesprochenen Funktionen aus und heben sie sich dadurch nach dem heutigen Stand von den anderen Einheiten im Bundesgebiet, die nicht den MR angeh ö ren, entsprechend ab? “

Um diese Fragestellung zu untersuchen, sollen zwei Teilziele verfolgt werden:

Ziel 1: Es wird untersucht, wo in Deutschland die LK bzw. KfSt zu finden sind, welche die für diese Arbeit relevanten MR-Funktionen am besten ausüben und ob ein Zusammenhang zwischen der Ausübung der Funktionen und den Abgrenzungen der MR existiert.

Ziel 2: Es wird untersucht, ob die von der Politik definierten Abgrenzungen von MR aus funktionaler Sichtweise empirisch begründbar sind oder ob doch andere Zuschnitte der MR sinnvoller wären.

1.3 Begriffsdefinitionen

1.3.1 Region

Grundsätzlich ist der Begriff Region ein „... mehrdimensionales Phänomen..“ (SCHÖDEL 2007:7), sodass eine Vielzahl an Definitionen existieren und je nach Interessenlage unterschiedlichen Regionen gebildet werden können. Allgemein versteht man „... unter einer Region einen aufgrund bestimmter Merkmale abgegrenzten, zusammenhängenden Teilraum mittlerer Größenordnung in einem Gesamtraum.“ (SINZ 2005:919). In Raumwirtschaftstheorien wird der Regionsbegriff entsprechend dem spezifischen Untersuchungsziel unterschiedlich definiert. Dementsprechend existiert keine einheitlich definierte Dimension. Regionen können beispielsweise Standorte von Betrieben, Städte sowie nationale, intranationale oder internationale Gebietseinheiten sein. Auch komplexe zusammengeschlossene Systeme lassen sich je nach Interpretation bilden (vgl. SCH„TZL 2003:99). Ausschlaggebend für die Bestimmung einer Region sind oftmals die Gemeinsamkeiten eines Gebietes in einem bestimmten Aspekt. Durch diese lassen sich räumliche Einheiten bzw. Regionen voneinander abgrenzen. Die Homogenitäten werden hierbei hauptsächlich bei physisch-geographischen sowie ethnisch, sprachlich, kulturellen oder religiösen Aspekten, der gemeinsamen Vergangenheit von Gebieten sowie bei ökonomischen Strukturen einzelner Gebiete beobachtet (vgl. HÖLCKER 2004:7). Im Kontext der MR ist eine Differenzierung nach funktionalen Aspekten sinnvoll. Demnach lassen sich Regionen nach HÖLKSCHER durch 4 Kardinalfunktionen bestimmen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Speziell die Wirtschafts- und Verwaltungsregionen lässt sich in Bezug auf die Zielsetzung dieser Arbeit sehr gut einordnen. Auf der einen Seite stehen die von der Politik festgelegten normativen Grenzen der Metropolregionen (Verwaltungsregion) und auf der anderen die tatsächlich durch funktionale Verflechtung geprägten Wirtschaftsregionen, welche nach dem Grundgedanken der MR im Idealfall mit den Verwaltungsregionen deckungsgleich sind. Demnach sollen diese zwei definierten Regionstypen bei der differenzierten Betrachtung von MR dem Verständnis dienen. Die Herstellung eines eindeutigen Bezuges der Verwaltungs- und Sozialregion gestaltet sich als schwieriger. Aufgrund der inneren Heterogenität der MR und der Auslegbarkeit des Begriffs Kultur ist die Definition der Kulturregion in Bezug auf die MR nur bedingt anwendbar. Spricht man aber von kulturellen Aspekten im traditionellen historischen Sinne, weisen MR aufgrund der globalen Anziehungskraft und der damit verbundenen multinationalen Prägung sicherlich keine einheitliche kulturelle Tendenz auf. Dementgegen ist es jedoch ein Wunsch innerhalb der MR eine eigene regionale Identität zu entwickeln (vgl. MERZ 2006:13), was auch als eine Form der Kultur verstanden werden kann. Das Verständnis der Sozialregionen kann aufgrund zufälliger Erfahrungen ebenfalls nur schwer fest auf MR übertragen werden, obwohl durchaus Gemeinsamkeiten durch notwendig einheitliche politische Positionierungen existieren, die zu kollektiven Gruppierungen führen können. Allerdings kann man demnach nicht jeder MR eine einheitliche Sozialregion zuweisen. Unter dem Begriff Region soll allgemein innerhalb dieser Arbeit ein territorial abgegrenztes Gebiet unterhalb der staatlichen Ebene mit eigenständiger Organisation verstanden werden.

1.3.2 Metropole

Der aus der Antike stammende Begriff Metropole hatte ursprünglich die Bedeutung „Mutterstadt“ und so verbindet man im allgemeinen Sprachgebrauch diesen Ausdruck mit der Hauptstadt eines Landes, welches als Zentrum für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angesehen wird (vgl. KÖNIG 2007:43). Im heutigen Begriffsverständnis sind Metropolen große Städte, welche von einer starken internationalen Ausstrahlung, einer besonderen Konzentration politischer und wirtschaftlicher Steuerungsfunktionen sowie eine Agglomeration von hoch spezialisierten Dienstleistern geprägt sind. Weitere Merkmale sind eine gute infrastrukturelle Ausstattung sowie ein hoher kultureller Stellenwert (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:23). So werden Metropolen „… zumeist als Knotenpunkte globalisierter Ökonomien und als Steuerungszentralen mit transnationalen Verflechtungen angesehen.“ (LIEBEL 2005:25f). Es ist zu beobachten, dass der Metropolbegriff zunehmend als Modewort als genutzt wird und teils eine inflationäre Anwendung zu beobachten ist. Dies 11 liegt vor allem daran, dass der Begriff Metropole „… nicht zwangsläufig auf eine exakt abgrenzbare administrative Raumeinheit schließen lässt, …“ (SCHMITT 2007:42). So existiert ein gewisser Spielraum, welcher sich darin äußert, dass neben großen Agglomerationsräumen ebenso kleinere Städte oder Städte-Regionen als zum Beispiel Shopping-, Freizeit- oder Sportmetropolen betitelt werden. Daher eignet sich der Begriff Metropole besonders für städtische und regionale Marketingzwecke und wird entsprechend genutzt. Dies ist mit dafür verantwortlich, dass der Begriff MR und die Bedeutung des raumordnungspolitischen europäischen Metropolregionen Konzepts in den letzten Jahren so einen „Hype“ erlebten. Der mit dem Wortteil „Metropole“ verbundene Symbolcharakter und die positive Assoziation die mit diesem Begriff verbunden wird sind unterstützen dies (vgl. SCHMITT 2007:42).

1.3.3 Metropolregion

In dem Beschluss der MKRO werden die MR folgendermaßen definiert: „Europäische Metropolregionen sind räumliche und funktionale Standorte, deren herausragende Funktion im internationalen Maßstab über die Grenzen hinweg ausstrahlen. Als Motoren der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung sollen sie die Leistung- und Konkurrenzfähigkeit Deutschlands und Europas erhalten und dazu beitragen, den europäischen Integrationsprozess zu beschleunigen.“ (BMBAU 1995:27). Hierbei werden die wichtigsten Eigenschaften benannt und zugleich wird darauf abgezielt, Fehlinterpretationen zu vermeiden. Im Wesentlichen weisen MR vorrangig qualitative Ausstattungsmerkmale auf und werden z. B. nicht als eine neue Zielkategorie im Rahmen des zentrale-Orte-Systems Deutschlands gesehen, wodurch ihnen im Wesentlichen keine Versorgungsfunktion gegenüber dem Verbraucher zukommt (vgl. MERZ:10). Ihnen wird ein hohes Maß an Beschäftigungspotenzial, eine hohe Bedeutung als Wissenschafts- und Forschungsstandort sowie eine herausragende Lage im globalen System der Handels-, Verkehrs- und Informationsströme nachgesagt (vgl. EGELN et al. 2009:21). MR stehen untereinander unter einem großen Konkurrenzdruck. Da sie zu einem Großteil an dem BIP eines Landes beitragen, sind auch diese unmittelbar davon betroffen, wenn eine MR in diesem internationalen Vergleich abfällt (vgl. BBR 2006:7). Der Begriff „Metropolregion“ setzt sich zusammen aus den zwei Wörtern „Metropol“ und „Region“. Obwohl die Zusammenführung dieser 2 Begriffe auf den ersten Blick kontrovers erscheint, da es sich bei „Metropolen“ um 12 urbane Konzentrationen und bei „Regionen“ um flächenhafte Gebilde der mittleren Größenordnung handelt, ist diese Verbindung sinnvoll. Das Grundverständnis von MR ähnelt dem der Metropole. Das Problem liegt in der räumlichen Dimension. Die wichtigen Faktoren und Funktionen für die hier beschriebene Leistungsfähigkeit sind nicht an die politisch- administrativen Grenzen der Kernstädte gebunden, sondern sind gekennzeichnet von einer engen Verflechtung mit dem Umland. Um dieser Problematik entgegenzutreten, wird der „Regions-Begriff“ mit einbezogen, wodurch MR als Standorträume oder auch „Cluster“ metropolitaner Funktionen beschrieben werden, die unabhängig von den politisch- administrativen Grenzen der Kernstädte sind. (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:22f). Weiterhin wird durch die Abgrenzung zu dem Wort „Metropole“ dem Problem des vielfältig interpretierbaren Alltagsverständnisses entgegengewirkt. Unterschieden werden MR entsprechend ihrer Struktur nach Monozentrischen- und Polyzentrischen MR. Monozentrische MR zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch eine dominierende Kernstadt geprägt sind. Diese überwiegt gegenüber den anderen Gebieten innerhalb der MR in Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft. Dem gegenüber sind polyzentrische MR geprägt durch eine Gruppe von „metropolitanen Kernen“ (vgl. ANDRIEßEN 2007:4). Im Vergleich zu den monozentrisch geprägten MR ergeben sich Vor- wie auch Nachteile. Die Aufteilung der Funktionen auf mehrere „Kerne“ kann zur Verminderung möglicher Nachteile führen, die sich durch starke Konzentrationsprozesse ergeben (siehe Kapitel 2.2.5) führen. Zusätzlich kann eine funktionale Arbeitsteilung der Zentren innerhalb der MR zu einer besseren Nutzung der Kapazitäten führen. Weiterhin ist oft ein vielfältigeres Freizeit- und Kulturangebot sowie eine Verminderung der Wegstrecken zu beobachten, welche in den MR für die Freizeitgestaltung oder Arbeit zurückgelegt werden müssen. Ebenso können durch größere Flächenreserven Kostenvorteile im Bereich Wohnen und Lebenshaltung erzielt werden. Negativ zu bewerten ist ein größeres Verkehrsaufkommen zwischen den Kerngebieten. Es kann auch trotz der kürzeren Wegtrecken zu längeren Wegzeiten kommen, da das System der öffentlichen Verkehrsmitteln oftmals nicht vergleichbar gut ausgebaut zu konzentrierten Großstädten wie z. B. Hamburg oder Berlin ist. Ein weiteres Problem könnte durch Konkurrenzsituationen der Zentren innerhalb der MR in Bereichen der technischen, sozialen oder kulturellen Infrastruktur entstehen. Es wird deutlich, wie wichtig gerade in einer polyzentrisch ausgerichteten MR eine optimale Abstimmung der Infrastruktur und der Interessen aller Akteure ist, was allerdings einen höheren Personal- und Verfahrensaufwand mit sich zieht. (vgl. BBR 2006:46).

2. Theoretisch konzeptionelle Grundlagen

2.1 Das Konzept der Europäischen Metropolregionen in Deutschland

2.1.1 Metropolregionen in Deutschland

In Deutschland herrscht im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein System von MR. Während beispielsweise in Frankreich oder England mit Paris bzw. London durch eine dominierende Metropolregion geprägt sind, existiert in Deutschland ein Netzwerk von mehreren MR, welche besonders stark in das transnationale Wirtschaftssystem eingegliedert sind (vgl. BBR 2002:33). Aufgrund der flacheren Städtehierarchie Deutschlands ist das Gebiet durch mehrere funktionalteilige MR beeinflusst. Dementsprechend weist Deutschland eine sehr hohe Bevölkerungsdichte auf und liegt dabei weit über dem EU-Durchschnitt, sodass sich fast die Hälfte der Bevölkerung in agglomerierten Räumen konzentriert (vgl. BREU 2007:16). Auf der MKRO 1995 wurden die ersten sieben europäische MR in Deutschland ausgewiesen. Dies waren Berlin-Brandenburg, das Halle-Leipzig-Sachsendreieck, Hamburg, München, Rhein-Main, Rhein-Ruhr und Stuttgart. Es gab in den darauf folgenden Jahren große Bemühungen anderer Regionen ebenfalls als eine MR anerkannt zu werden, sodass auf der MKRO 2005 mit Hannover-Braunschweig-Göttingen, Nürnberg, Rhein-Neckar und Bremen-Oldenburg vier weitere Regionen diesen Status erhielten. Demnach existieren aktuell elf offiziell anerkannte europäische MR in Deutschland. Hierbei ist anzumerken, dass die MR Halle-Leipzig-Sachsendreieck 2009 in MR Mitteldeutschland umbenannt wurde (vgl. MR MITTELDEUTSCHLAND 2012). Weiterhin gab es im zeitlichen Verlauf teilweise „nderungen der räumlichen Dimension. Die Grenzen der MR unterliegen einem stetigen Prozess und es ist durchaus zu beobachten gewesen, dass diese in den letzten Jahren vereinzelnd neu definiert wurden. Die MR Deutschlands lassen sich nach ihrer Struktur in vier Gruppen einteilen. München, Hamburg und Berlin-Brandenburg verkörpern rein monozentrische Metropolregionstypen während Hannover-Braunschweig-Göttingen- Wolfsburg, Rhein-Neckar, Rhein-Ruhr polyzentrisch ausgerichtet sind und mehrere starke gleichwertige Kernregionen besitzen. Die MR Mitteldeutschland findet sich zwischen den beiden Gruppen wieder. Man spricht von einer polyzentrischen MR mit zwei starken Zentren, welche Dresden und Leipzig sind. Bremen-Oldenburg, Nürnberg, Rhein-Main und Stuttgart besitzen auch eine polyzentrale Struktur, sind jedoch durch ein dominierendes Zentrum geprägt, dass sich in den Regionen herausragt (Bremen, Frankfurt, Stuttgart) (vgl. BBR 2006:43).

In Tabelle 1 sind die aktuellen MR mitsamt drei ausgewählten Strukturindikatoren aufgelistet. Es soll ein erster Überblick sowie ein grobes Verständnis über die räumlichen Dimensionen vermittelt werden. Demnach leben ca. 57,8 Mio. Menschen in den MR, was auf Deutschland bezogen einen Anteil von knapp 70% ergibt. Dies darf nicht mit der vorherigen Aussage verwechselt werden, dass knapp die Hälfte in agglomerierten Räumen zu finden sind, da MR eine Zusammensetzung von Kerngebieten und ländlich geprägten Räumen sind. Auch bei den Flächenanteilen nehmen die MR mit knapp 60% einen erheblichen Anteil des Bundesgebietes ein. Bei den Daten muss allerdings angemerkt werden, dass die MR Mitteldeutschland elf Städte als Mitglieder besitzt, die Landkreise dazwischen jedoch nicht offiziell der MR angehören. Aus praktischen Gründen werden diese bei statistischen Betrachtungen des BBR allerdings hinzugezählt, weshalb die statistische Datenerfassung im Vergleich zu den administrativen Abgrenzungen nach oben verzerrt wird. Besonders die Agglomerationsräume des Rheingebietes zeichnen sich durch eine hohe Konzentration der Bevölkerung auf wenig Fläche aus. Das Metropolregionsgebiet Rhein-Ruhr ist mit Abstand die stärkste MR, was Einwohnerzwahl und Bevölkerungsdichte angeht. Im Gegensatz zu den anderen umfasst die Rhein-Ruhr Region kaum schwach besiedelte ländliche Kreise, sondern konzentriert sich stark auf den verdichteten Kern des Ruhrgebietes. Eine ähnliche Struktur weisen die MR Rhein-Neckar und Rhein-Main auf, welche ebenfalls durch eine im Vergleich sehr hohe Bevölkerungsdichte aufweisen. Dem entgegen umfassen speziell Nürnberg und Mitteldeutschland vermehrt Räume, die von schwacher Bevölkerungsdichte zeugen. Beim Fall Mitteldeutschland muss man hierbei jedoch wieder die dafür vereinfachte erweiterte räumliche Dimension auf die dazwischen liegenden Landkreise beachten. Nach der Statistik ragt diese MR flächenmäßig heraus, obwohl streng genommen nur die Flächen der elf Mitgliedsstädte eingerechnet werden dürften.

Tab. 1: Strukturdaten der MR Deutschlands (2008)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach IKM 2010:12f

2.1.2 Abgrenzung von Metropolregionen

Ein europaweites allgemeines Grundverständnis besagt, dass die Mindesteinwohnerzahl der Kernstadt bei 500.000 und des gesamten metropolitanen Raumes bei 1 bis 1,5 Millionen liegt. Einzig Frankreich bildet eine Ausnahme, wo die Mindesteinwohnerzahl des Zentrums bei 200.000 liegt (vgl. BBR 2006:14). Generell sind MR aufgrund der Einbindung in das globale Wirtschaftssystem von einer über die Städte hinausreichende Betrachtungsweise gekennzeichnet, sodass es nicht ausreichend ist, sich an den Grenzen der Kernstädte zu orientieren. Diese bilden vielmehr ein funktionales System mit dem Umland, welches durch eine Vielzahl an Interaktionen geprägt ist. Bei der Bestimmung der räumlichen Dimension ist es daher notwendig, den funktionale Verflechtungsraum um die Kernstädte herum mit zu berücksichtigen (vgl. ANDRIEßEN 2007:5). Wie schon erwähnt ist es grundsätzlich aufgrund der Schwankungen der Akteursbeziehungen und der Komplexität dieser Räume und deren Verflechtungen nicht sinnvoll MR exakt festzusetzen, vielmehr sollten die Abgrenzungen als variabel angesehen werden. Dadurch können sie sich zeitlich je nach Herausforderung in Ausdehnung verändern, neu entwickeln oder ganz entfallen (vgl. BEGE 2010:18f), weshalb „… eine feste äußere Abgrenzung einer europäischen Metropolregion nicht möglich bzw. sinnvoll ist.“ (BMBAU 1995:28). Dementsprechend sind im zeitlichen Verlauf auch Grenzveränderungen der MR erkennbar. Ein aktuelles Beispiel ist die Erweiterung der MR Hamburg um drei Landkreise und zwei kreisfreie Städte (vgl. MR Hamburg 2012). Es wird als problematisch angesehen, dass „… in Politik und Wissenschaft keine Kriterien, …, existieren, welche den Begriff MR an sich und damit auch dessen räumliche Dimension erklären.“ (BEGE 2010:18). Eine Möglichkeit diese abzugrenzen findet sich in den funktionalen Merkmalen, was auch als Basis für diese Arbeit genutzt wurde. Die darauf bezogenen MR-Funktionen werden in Kapitel 2.1.3 näher erläutert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Abgrenzung der Metropolregionen Deutschlands (2010)

Quelle: IKM 2010:7

Die MR Deutschlands sind vorwiegend kreisscharf definiert. Lediglich München und Stuttgart stellen zwei Ausnahmen dar und werden teilweise über Gemeinden definiert. Während alle MR geschlossenen Räume sind besteht Mitteldeutschland hingegen wie bereits bekannt nur aus einzelnen Inseln in Form kreisfreier Städte. Aus funktionaler Sichtweise existieren sicherlich Verflechtungen mit den ländlichen Räumen zwischen den Kerngebieten, jedoch sind diese politisch nicht der MR zugeordnet. Stellenweise existieren zudem Überschneidungen, wodurch einzelne Landkreise zwei MR zugeordnet sind. In Abbildung 1 ist zu erkennen, dass es bei den MR Rhein-Neckar und Rhein-Main sowie Hamburg mit den MR Bremen-Oldenburg und Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg Schnittmengen existieren.

2.1.3 Funktionen von Metropolregionen

Den MR werden nach Hans Heinrich BLOTEVOGEL in seiner Funktionentheorie (siehe Kapitel 2.2.5) drei Funktionen zugeschrieben. Diese haben innerhalb der Metropolforschung eine „… gewisse Verfestigung erfahren.“ (MERZ 2006:13). und waren auch der Ausgang für die Entwicklung des Konzepts der MR (vgl. BEGE 2010:99). Demnach lassen sich drei große Funktionen für MR bestimmen, welche im Folgenden näher erläutert werden. Das ist die Entscheidungs- und Kontrollfunktion, die Innovations- und Wettbewerbsfunktion und die Gateway-Funktion. Ergänzend wird die Symbolfunktion als vierter Funktionsbereich mit einbezogen. Diese 4 Funktionsbereiche sind durchaus abhängig voneinander und können sich gegenseitig beeinflussen. Aufgrund der polyzentrischen Struktur Deutschlands kommt es zu Spezialisierung einzelner MR oder auch Teilen der MR auf bestimmte Teilfunktionen. Demnach müssen nicht alle MR zwingend in allen Funktionsbereichen herausragen, sondern können auch teilweise in einzelnen Teilaufgaben sehr stark ausgeprägt sein. Diese Arbeitsteilung ist allerdings nur stufenweise zu beobachten (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:25). Zu beachten ist, dass die MR-Funktionen sich nicht vollkommen auf den Bereich der MR beschränken und durchaus auch in verstädterten Regionen bzw. in Gebieten die nicht einer MR angehören zu finden sind, allerdings wird davon ausgegangen, dass in diesen großen Ballungsräumen eine starke Konzentration festzustellen ist (vgl. LIEBEL 2005:29).

Entscheidungs- und Kontrollfunktion

In wissenschaftlichen Diskussionen besteht Einigkeit darüber, dass MR als Knotenpunkte der weltweiten Informations- und Finanzströme fungieren. Sie sind politische und ökonomische Zentren, weshalb viele politisch und wirtschaftlich bedeutende Institutionen dort angesiedelt sind (vgl. ANDRIEßEN 2007:5). Bei der Standortwahl von großen Unternehmen ist die Nähe zu politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern ein wichtiger Faktor, sodass in diesen Regionen viele Headquarter von nationalen und internationalen Unternehmen vorzufinden sind (vgl. LIEBEL 2005:28). Dies bezieht sich speziell auf hoch spezialisierte Dienstleister. Dazu zählen das Finanzwesen, Banken, Börsen, Versicherungen und Logistikunternehmen. Weiterhin besteht eine hohe Konzentration politischer Institutionen. Hierzu zählen staatliche Regierungssitze, Parlamente, obersten Behörden, Gerichte, transnationale Organisationen, Verbände, Kammern sowie internationale non- governmental organisations (NGO) (vgl. BBR 2006:13). Bei den Industrieunternehmen gilt dies nur bedingt, da Headquarter oftmals aus historischen Gründen an den traditionellen Fertigungsort lokalisiert sind (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:26). Oftmals werden auch die Begriffe „Headquarter-Funktion“ oder „Steuerungsfunktion“ für diese Metropolfunktion verwendet. (vgl. BBR 2006: 13).

Innovations- und Wettbewerbsfunktion

Dies ist aus ökonomischer Sicht die bedeutendste Teilfunktion. Eine wesentliche Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit sind Innovationen. Das Ziel ist es, diese zu schaffen und in neue Produkte und Dienstleistungen zu transformieren (vgl. ANDRIEßEN 2007:5). Allgemein lässt sich die regionale Innovationsfähigkeit definieren „… als die Fähigkeit zur Generierung und Verbreitung von Wissen von Produkt- und Verfahrensinnovation sowie von sozialen und kulturellen Innovationen.“ (KNIELING 2009:25f). Demnach soll neben den ökonomischen und technischen Merkmalen auch der Bereich der kulturellen und sozialen Innovationen nicht vernachlässigt werden. Hierbei steht vor allem der Gedanke an die Herausbildung eines innovativen Milieus im Vordergrund. Durch ein vielfältiges kulturelles Leben soll ein Austausch verschiedenster unterschiedlicher Personengruppe (zum Beispiel Künstler, Manager, Politiker) gefördert werden, wodurch die Bildung eines kreativen und innovativen Klima unterstützt wird (vgl. KÖNIG 2007:44). Der Bereich der kulturellen und sozialen Innovationen wird innerhalb dieser Arbeit der Symbolfunktion zugeschrieben, sodass lediglich rein ökonomischen Ausprägungen aufgefasst werden. Dies ist bedingt durch das Einbeziehen der Symbolfunktion in die empirische Untersuchung und resultierenden Überlegungen bezüglich der methodischen Erfassung von Funktionen, was im weiteren Verlauf der Arbeit verdeutlicht wird.

Gateway-Funktion

Metropolregionen gelten als Zentren des internationalen Weltgeschehens. Durch die Globalisierung nehmen Stoff-, Kapital- und Personenströme stark in Ausdehnung und Intensität zu. Die MR werden als Knotenpunkte in diesem immer größer werdenden globalen Netz gesehen. Sie bilden in diesem Geflecht die Anfangs- und Endpunkte und dienen somit als Zugang zu Märkten, Menschen und Wissen (vgl. ANDRIEßEN 2007:6). Kennzeichnend für die MR sind eine optimal ausgebaute Verkehrsinfrastruktur im Bereich der Luftfahrt und der Hochgeschwindigkeitszug- und Autobahnverbindungen, was eine schnelle An- und Verbindung der Ballungsräume garantiert, sowie die Ansiedlung wichtiger Logistikakteure. (vgl. BBR 2006:13). Ebenfalls sind dort Medienanstalten, Bibliotheken und Kongresszentren ansässig, die dem Zugang zu Wissen zugeordnet werden. Der Marktzugang kennzeichnet sich vor allem durch große überregionale Messen, Tagungen und Ausstellungen aus (vgl. LIEBEL 2005:29). Allgemein ist festzuhalten, dass bei dieser infrastrukturellen Dimension der Transport und Austausch von Waren, Personen, Informationen, Wissen, Ideen und Einstellungen determinierend sind. Weiterhin beschreibt BLOTEVOGEL eine sogenannte soziokulturelle Dimension. Diese beschreibt, dass die MR ein Hauptziel der Zuwanderung sind und man dadurch stetig mit neuen unterschiedlichen Kulturen und Lebensformen konfrontiert ist. BLOTEVOGEL beschreibt dies als den „Umgang mit dem Fremden“, welcher immer wieder neu organisiert und praktiziert werden muss. Kennzeichnend ist zum Beispiel ein hoher Anteil von Migranten oder ethnisch segregierte Stadtteile (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:27). Um diesen Aspekt in den Rahmen der drei Unterteilungen der Gatewayfunktion zu bringen, lässt sich dieser als „Zugang zu neuen kulturellen und sozialen Lebensformen“ zusammenfassen. Dieser Faktor fand in der Literatur noch keine große Berücksichtigung, da es an wissenschaftlicher Aussagekraft in Bezug auf die MR mangelt. Es gestaltet sich als schwierig vom Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund signifikante Rückschlüsse auf dessen Wirkung innerhalb dieses Teilbereiches zu ziehen. Diese kulturelle Vielfalt kann zudem neben einer produktiven Wirkung ebenso für große Spannungen sorgen (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:27). Außerdem steht hierbei wieder stark der kulturelle Faktor im Vordergrund, welcher sich den kulturellen und sozialen Innovationen anlehnt, die in den Bereich der Symbolfunktion einfließen sollen. Aus diesen Gründen wird dieser Aspekt in dieser Arbeit nicht weiter thematisiert.

Symbolfunktion

Aus neueren Überlegungen geht hervor, dass das bisherige Spektrum an Funktionen der MR durch die Symbolfunktion ergänzt werden sollte. (vgl. BBR 2006:13) MR gelten demnach als „… Zentren der symbolischen Produktion.“ (BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:27). Diese symbolische Wirkung spiegelt sich darin wieder, dass Marken- und Statussymbole, Trends, Mode, Werte und Vorbilder sowie räumliche und architektonische Symbole erzeugt werden. Dadurch strahlt die „metropolitane Identität“ über die Region hinaus und zieht Menschen an. Hierdurch wird ein gewisser Kausalverlauf in Gang gesetzt, da der Zufluss an Menschen wiederum eine Stärkung der regionalen Identität bewirken kann, dass eine Steigerung der überregionalen Anziehungskraft unterstützt. Diese Entwicklung eigener Identitäten sind bezeichnend für MR (vgl. BBR 2006:14). Merkmale der Symbolfunktion sind sehr vielfältig. Unter anderem sind dies prägende, markante Gebäude und Ensembles, wozu Theater oder Hochschulen zählen, (vgl. ANDRIEßEN 2007:6) die Produktionsstätten der nationalen und transnationalen Medienanstalten sowie spezialisierte Orte der sozialen Kommunikation wie zum Beispiel Freizeiteinrichtungen, Restaurants und Cafés. Solche Einrichtungen sind attraktiv und ein Anlaufpunkt für hochqualifizierte Fachkräfte, welche ein wesentlicher Bestandteil für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit einer Region sind (vgl. BLOTEVOGEL/DANIELZYK 2009:27f). Dies ist ein gutes Beispiel für die komplementäre Beeinflussung der Funktionsbereiche und macht die Verflechtungen untereinander deutlich. Der Definition nach beschreibt die Symbolfunktion also ein vielfältiges, abwechslungsreiches und innovatives Lebensumfeld, was eine enge Verflechtung zu dem Bereich der kulturellen und sozialen Innovationen aufzeigt.

Durch neue Lifestyle-Trends und Symbolen wird die Außenwirkung gestärkt und die überregionale Anziehungskraft auf Personen forciert. Die Symbolproduktion besitzt dementsprechend einen wesentlichen Anteil bezüglich der Imageentwicklung und der Präsentation nach außen. Kulturelle und soziale Innovationen können praktisch als Grundlage für die Entwicklung eines überregionalen symbolischen Charakters gesehen werden und können diesen immer wieder stärken und neu ausprägen. Dieser kann durchaus als ein entscheidendes Kriterium für die Konzentration der kreativen Klasse und der Schaffung eines innovativen Milieus gesehen werden. Demnach werden innerhalb dieser Untersuchung soziale und kulturelle Aspekte aufgrund der analogen Inhalte in den Bereich der Symbolfunktion einfließen, und trennscharf zur Innovations- und Wettbewerbsfunktion dargestellt.

2.1.4 Bedeutung für die Raumentwicklung in Deutschland

Um auf die Bedeutung der Metropolen in der Raumentwicklung einzugehen, werden zunächst einführend ausgewählte Begrifflichkeiten der Raumplanung Deutschlands zum besseren Verständnis erläutert.

Die Raumordnung ist ein Teilgebiet der Raumplanung Deutschlands und befasst sich mit der Sicherung, Ordnung und Entwicklung der Raumnutzungen und Raumfunktionen. Hierbei dient der raumordnungspolitische Orientierungsrahmen sowie der Raumordnungsbericht als Leitbild. Die Raumordnungspolitik beinhaltet schließlich Maßnahmen, Rechtsregelungen, Planungen, Programme, etc. die der Raumordnung dienen (vgl. BEGE 2010:21). In der Wissenschaft und Praxis besteht Einigkeit darüber, dass es sich bei „… MR in Deutschland um ein gut begründetes Instrument und weitgehend gelungenes Projekt der Regionalentwicklung handelt.“ (FEDERWISCH 2011:36f) und diese eine bedeutende strategische Rolle in der Raumordnungspolitik einnehmen.

Grundlegend ist das Ziel, durch Ausübung der MR-Funktionen Ausstrahlungseffekte, Entwicklungsanstöße sowie Mentalitätsschübe aus den Verdichtungsräumen heraus in das angrenzende Umland erzeugt, was die Entwicklung dieser peripheren Gebiete antreibt. Sehr bedeutend für die Stärkung der MR war deren Verankerung in den Leitbildern der deutschen Raumordnung in den 90er Jahren. Diese wurden bis zu den einsetzenden Globalisierungs-, Regionalisierungs- und Metropolisierungsdiskursen in den 1980er Jahren stark durch eine Orientierung an hierarchischen Städtesystemen und den zentralen Orten geprägt. Seitdem stehen zunehmend stadtregionale Kontexte im Mittelpunkt. Der Grundgedanke liegt hierbei in der Förderung der gesellschaftlichen Schlüsselstellung der MR, wodurch der interregionale Wettbewerb stimuliert, die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit Deutschlands und Europas gefördert sowie der europäische Integrationsprozess unterstützt werden soll. Offiziell 22 tauchte das Konzept der europäischen Metropolregionen erstmals 1995 im Aktionsprogramm des Raumordnungspolitischen Handlungsrahmen auf, nachdem bereits im ersten gesamtdeutschen Leitbilddokument 1993 von zehn bis zwölf potenziellen metropolitanen Regionen gesprochen wurde (vgl. FEDERWISCH 2011:36ff). Nach dem Handlungsrahmen von 1995 definieren Bund und Länder MR als Motoren der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung (vgl. BMBAU 1995:27). Das Konzept der europäischen MR wird in der deutschen Raumordnungspolitik dem System der zentralen Orte an die Seite gestellt, steht mit diesem jedoch keineswegs in Konkurrenz. Für die Funktionen der regionalen Daseinsfürsorge wird den zentralen Orten weiterhin eine wesentliche Bedeutung zugesagt (vgl. FEDERWISCH 2011:36ff). Es ist zudem nicht angebracht, dem Zentralen-Orte-System die neue Kategorie „Metropolregion“ hinzuzufügen, da dies eine trennscharfe Abgrenzung der MR voraussetzen würde. Dies ist aber bekanntlich aufgrund der Prozesshaftigkeit und der funktionalen Verflechtungen nicht umsetzbar. Zudem würde diese Kategorisierung mit Grundgedanken der MR wie beispielsweise der Kooperation und Vernetzung, Offenheit, Flexibilität oder Freiwilligkeit nicht vereinbar sein (vgl. GOPPEL 2007:21).

Der Entwicklungsansatz der Metropolregionen ist ein „Bottom-Up“ Ansatz, welcher besagt, dass die Entwickelung von innen heraus (aus der Region) geschieht (vgl. GOPPEL 2007:20). Daher werden MR als eine wichtige Form der „Regionalisierung der Regionalpolitik“ angesehen. Dementsprechend werden diese Standorte in ihrer Schlüsselstellung von der EU, dem Bund und den Ländern bezüglich der Zielsetzungen in entsprechender Form unterstützt (vgl. FEDERWISCH 2011:36). „Regionalisierung der Regionalpolitik“ besagt, dass eigene regionale Kräfte genutzt und gefördert werden sollen, um die eine endogene Entwicklung voranzutreiben (vgl. CROW 2001:124). Unter diesem Gesichtspunkt ist die Selbstaufstellung der Regionen für alle Parteien bedeutungsvoll. Diese beinhaltet den Aufbau regionaler Netzwerke durch private und öffentliche Kooperationen zwischen Akteuren der Zentren und des Umlandes (vgl. GOPPEL 2006:646).

Im nationalen und internationalen Standortwettbewerb sind MR zudem ein wichtiges Marketinginstrument für die Standortqualitäten nach außen wie innen und erleichtern somit die Integration in das nationale wie auch internationale Wirtschaftsnetzwerk. Aufgrund des positiven Image und der Ausstrahlung wird eine regionalen Identität geformt und die Stärkung des regionalen Selbstbewusstseins unterstützt (vgl. GOPPEL 2007:20).

Mit der Gründung es „Initiativkreises Europäische Metropolregionen in Deutschland“ (IKM) im Rahmen des von der Bundesraumplanung unterstützten Forschungsprogramms „Modellvorhaben der Raumordnung“ im Jahr 2001, wurde eine bedeutungsvolle Plattform für MR geschaffen. Alle bis dahin definierten MR zuzüglich der Region Hannover, welche zu dem Zeitpunkt noch keiner zugeschrieben war, schlossen sich in der IKM zusammen. Die Tragfähigkeit dieses Konstrukts wird durch die Regionalverbände und Planungsinstitutionen der einzelnen MR sichergestellt (vgl. SCHMITT 2007:15). Die von der IKM formulierte Zielsetzung lautet: „Die wichtigsten Ziele des Initiativkreises sind die Formulierung des Selbstverständnisses und der Anforderungen der Metropolregionen in Deutschland an die Raumordnungs- und Raumentwicklungspolitik, die Verbesserung der Wettbewerbs- und Handlungsfähigkeit der Metropolregionen auf europäischer Ebene, die Weiterentwicklung und Umsetzung des Konzepts eines leistungsfähigen metropolitanen Netzes in Deutschland sowie die Verstetigung und der Ausbau der Zusammenarbeit zu einem Netzwerk.“ (INITIATIVKREIS METROPOLREGIONEN 2003:1). Der IKM bietet den MR demnach die Möglichkeit, dieses als Sprachrohr zu nutzen, um ihre Belange zu verdeutlichen. In der Zielsetzung der IKM geht eine Forderung nach einer stärkere politische Ausrichtung auf die Bedürfnisse der MR, einer Förderung von organisatorischen und institutionellen Strukturen sowie der Gewährleistung finanzieller und personellen Ressourcen hervor. Zudem wird die Notwendigkeit der Kooperationen und Aufgabenteilungen der MR untereinander betont, welche mithilfe regionaler Standortprofile forciert werden soll. Der IKM geht mit dem Grundverständnis der Aufgaben von MR im Wesentlichen einher mit dem europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK) und der EU-Strategie (Lissabon-Strategie / Europa 2020), sodass sie eine polyzentrische, nachhaltige und ausgewogene Entwicklung Europas unterstützen (vgl. EGELN et al. 2009:27f). Dementsprechend werden MR als dynamische vernetzte Zonen im Raum der EU weltwirtschaftlicher Integration gesehen und werden eine Schlüsselrolle bei der Verbesserung des räumlichen Ausgleichs in Europa einnehmen. (vgl. ADAM/GÖDDECKE-STELLMANN 2002:514). Auf diese Weise können sie sich auf europäischer Ebene positionieren und ihre Belange einbringen, indem sie argumentativ mithilfe des EUREK und dem Konzept der europäischen Metropolregionen der MKRO ihre Bedürfnisse stellen, wenngleich es keinen festgelegten Fördertatbestand auf europäischer Ebene existiert (vgl. SCHMITT 2007:15). In der aktuellen Strukturförderperiode hat man die in der vorherigen definierten Ziele, welche auf strukturschwache Regionen ausgerichtet waren, so angepasst, dass erstmals neben der flächenbezogenen Ausgleichsförderung die gezielte Stärkung von Wachstumszentren möglich ist (Ziel1: Konvergenz; Ziel2: regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“; Ziel3: Stärkung der territorialen Zusammenarbeit). Aus den Erfahrungen des langjährig angewandten „Gießkannenprinzips“, bei dem nicht immer die erwünschten Effekte erzielt wurden, orientiert sich die neue Kohäsionspolitik an einem Mittelweg zwischen der Förderung strukturschwacher Regionen und der Stärkung von Wachstumszentren. Es wird darauf abgezielt, durch förderungsfähige Schlüsselthemen Anreize für Raumentwicklungsunterstützende Projekte zu entwickeln. Diese Neuausrichtung der Lissabon-Strategie kann einen erheblichen Anteil an zukünftige Förderungen von MR haben. (vgl. BBR 2006:7f)

2.2 Theoretisch fundierte Konzepte zur Erklärung des Bedeutungszuwachses von Metropolregionen

In diesem Kapitel wird die Thematik der MR in einem theoretischen Kontext beleuchtet. Einleitend wird auf den Globalisierung- und Regionalisierungsprozess eingegangen, welche mit als wichtige Triebkräfte des Bedeutungszuwachs der MR gelten und in dem Sinne günstige Voraussetzungen schaffen. Es folgen Erläuterungen zu den Raumentwicklungskonzepte der „Theorie der Wachstumspole“ und der „New Economic Geography“, um die Entstehung und den Bedeutungsgewinn der MR zu einzuordnen. Zudem werden mit dem World-City- bzw. Global-City-Ansatz und der Funktionentheorie zwei Raumordnungskonzepte mit einbezogen, die das System einer globalen Städteordnung verdeutlichen, wie es sich auch bei den MR zu beobachten ist.

2.2.1 Globalisierung und Regionalismus

Immer wieder wird betont, wie stark die Globalisierung den MR überhaupt erst dessen Rolle ermöglicht hat und die Regionalisierung als wichtiger Erfolgsfaktor gesehen wird. Daher sollen diese zwei Prozesse als Einführung beschrieben und in Bezug zu den MR gestellt werden.

Globalisierung beschreibt die „Zunahme der internationalen Verflechtungen von Gesellschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft“ (KULKE 2004:195). Als Hauptursache gilt die Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung. Der Prozess ist verbunden mit der Entstehung weltweiter großer Märkte für Waren und Dienstleistungen. Diese sind stark geprägt durch Investitionen, Übertragungen von Technologien sowie den Austausch von Informationen. Es existiert ein globaler freier Markt, auf dem jeder Standort und jede Arbeitskraft prinzipiell jedem zugänglich ist (vgl. KÖNIG 2007:7). Dies hat zur Folge, dass Menschen-, Güter-, Kapital-, Ideen- und Informationsströme zunehmen und Organisations- sowie Interaktionsbeziehungen an Wichtigkeit gewinnen. Weiterhin verlieren physische Distanzen an Bedeutung, sodass die Bindungskraft an Städten und Regionen abgeschwächt wird (vgl. ANDRIEßEN 2007:3). Diese Wandlung des globalen Raumes bewirkt eine Veränderung der politischen Machtstrukturen und stellen besonders Nationalstaaten vor steuerungspolitische Herausforderungen. So verlagern sich Kontroll- und Entscheidungskompetenzen von den Staaten hin zu internationalen Organisationen und multinationalen Unternehmen als globale Akteure, sodass von deren Standorten aus weltweite Aktivitäten gesteuert werden. Dadurch treten diese zunehmend in den Vordergrund weltwirtschaftspolitischer Prozesse, während Nationalstaaten aufgrund des über die Grenzen hinausreichenden Interaktionsradius an Souveränität verlieren (vgl. MERZ 2006:4). Folglich ist das das Ziel aller Nationalstaaten diese Akteure in das eigene Territorium zu locken. Dies wird jedoch gerade im Kontext der Globalisierung erschwert. Die Möglichkeiten der Staaten enden an den administrativen Grenzen, während die vernetzten ökonomischen Aktivitäten weit über diese hinausreichen (vgl. EGELN et al. 2009:17). Ein Mittel der Globalisierung entgegenzutreten ist die Regionalisierung. Diese beschreibt den Bedeutungsgewinn von supranationalen Einheiten und weltweit vernetzten Zentren (vgl. KULKE 2004:194). Diese Zentren werden durch Regionen verkörpert, von denen man theoretisch erwarten könnte, dass auch deren Bedeutung im Zuge der Internationalisierung von Wirtschaftsaktivitäten und dem Verlust der Bindungskraft der Unternehmen an konkrete Räume geschwächt wird. Allerdings stärkt gerade der Aspekt der abnehmenden Standortbindung der Unternehmen die Bedeutung der regionalen Ebene. Akteuren ist es im Prinzip möglich an jeden Standort der Welt zu wechseln, sodass speziell die Rahmenbedingungen in der unmittelbaren Nähe der Standorte sehr relevant sind, also regionale Aspekte. Demnach kann man sagen, dass Regionalisierung gerade durch Globalisierung hervorgerufen wird und diese beiden Prozesse in einem komplementären Verhältnis stehen (vgl. BBR 2002:9). Aufgrund dieser Entwicklungen stehen Regionen zunehmend in Konkurrenz um die „Global Player“, um im internationalen Wettbewerb und den Herausforderungen der globalisierten Weltwirtschaft bestehen zu können (vgl. FEDERWISCH 2011:11). Die Relevanz der regionalen Standortprofile nimmt stark zu und die Schaffung von attraktiven, differenzierten Rahmenbedingungen zur Positionierung und Akzentuierung ist obligat. Hierbei ist zu bemerken, dass es nicht allen Regionen die gleichen Möglichkeiten besitzen die Anforderungen von Unternehmen zu erfüllen. Die ungleich verteilten Chancen sind bedingt durch unterschiedliche standortbezogene Ressourcenausstattungen, wodurch einige Regionen mehr und andere weniger in der Lage sind, spezifische Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Dies führt tendenziell von Natur aus zu divergenten Entwicklungen (vgl. BBR 2002:9f).

Wie bereits erwähnt verlieren Staaten zunehmend an Souveränität und die regionale Ebene erfährt „… durch die Enträumlichung ökonomischen, politischen und kulturellen Handelns …“ (MERZ 2006:6) einen Bedeutungsgewinn. Eine rein zentral ausgerichtete staatliche Steuerung kann daher keine optimale bzw. effiziente politische Ausrichtung garantieren. Die Folge ist eine Dezentralisierung politischer Steuerungskompetenzen, sodass den Regionen größere Entscheidungsbefugnisse und mehr Verantwortung übertragen werden. Diese Aufwertung regionaler Ebenen wird als „new regionalism“ bezeichnet. Der Staat hat allerdings die Möglichkeit, den Wettbewerb über die Region auszutragen. Da sie den Handlungsrahmen ihrer Regionen vorgeben, besitzen sie ein wichtiges steuerungsrelevantes Instrument, um der Globalisierung entgegen zu treten. So ist zu erkennen, dass die politischen Aufgaben des Staates an Komplexität gewonnen haben aber auch die Regionen ihre Formen der Steuerung und Organisation überprüfen und gegebenenfalls anpassen müssen (vgl. BLATTER/KNIELING 2009:233). Politik muss demnach vermehrt in vernetzten Strukturen von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren stattfinden (vgl. KÖNIG 2007:7f). Aus der Thematik der Globalisierung und Regionalisierung wird bereits deutlich, welchen Stellenwert Agglomerationsräume wie MR in Netzwerken der globalen Wirtschaftsaktivitäten besitzen. Demnach besitzen sie eine erhebliche Bedeutung speziell für die Raumentwicklung auf regionaler, wie auch nationaler Ebene.

2.2.2 Wachstumspolkonzept

Das Wachstumspolkonzept geht auf das Modell der Neoklassik ein und versucht aus diesem heraus ungleiche räumliche Entwicklungen zu erklären. Demnach kommt es nicht wie in der Neoklassik beschrieben zu einem automatischen Ausgleich räumlicher Disparitäten, sondern 27 die Entwicklung verläuft ungleichgewichtig, sodass Disparitäten unvermeidlich sind. Das Konzept ist kein abgeschlossenes Theoriegebilde, sondern gilt als Oberbegriff für eine Vielzahl an theoretischen Beiträgen der räumlichen Entwicklung. Diese können in Theorien der sektoralen und regionalen Polarisation unterteilt werden. Anhänger der sektoralen Polarisation befassen sich mit einer ungleichen Entwicklung verschiedener Wirtschaftszweige. Demgegenüber stehen bei den regionalen Polarisationstheoretikern Entwicklungsunterschiede von Regionen im Fokus. Bei beiden nehmen motorische Einheiten eine zentraler Rolle ein, die als Wachstumspole bilden und durch eine hohe Bedeutung für die jeweilige Volkswirtschaft gekennzeichnet sind. Sie zeichnen sich vor allem durch Dominanz, einem hohen Grad an Verflechtung, einem schnellen Wachstum sowie Interdisziplinarität aus (vgl. BEGE 2010:76ff). In der sektoralen Betrachtungsweise, welche vor allem durch Francois PERROUX geprägt wurde, sind die motorischen Einheiten in einzelnen oder Gruppe von Unternehmen bzw. Institutionen zu finden. Diese üben Anstoß- und Bremseffekte auf abhängige Wirtschaftsbereiche aus, was positive oder auch negative Auswirkungen auf deren wirtschaftliches Wachstum hat. (vgl. SCH„TZL 2003:159). Anstoßeffekte resultieren beispielsweise aus einem hohen Bedarf an Produktionsfaktoren, was die Entwicklung abhängiger Zulieferbetriebe unterstützt. Bremseffekte treten dadurch auf, dass Produktionsfaktoren anderen Sektoren entzogen werden.

Die regionale Sichtweise erweitert das Konzept um den räumlichen Aspekt. Durch Diffusions- und Adaptionsprozesse ausgehend von Innovationsströmen der Metropolen der Industrieländer (vgl. BEGE 2010:78) bilden sich um Schlüsselindustrien miteinander verflochtene regionale und sektorale Cluster von Betrieben, die als Wachstumspole gesehen werden. Die Umgebung dieser Cluster wird durch ausgehende Vorwärts- und Rückkopplungseffekte maßgeblich beeinflusst (vgl. KRAMAR 2005:56). Diese Prozesse sind vergleichbar mit den Anstoß- und Bremseffekten, beziehen sich jedoch nicht auf Wirtschaftszweige, sondern auf ein regionales dominantes Zentrum und der umliegenden Peripherie. Positive Effekte sind beispielsweise die Ansiedlung von Zulieferbetrieben sowie die Transferierung von Einkommen in die Peripherie. Schrumpfungsprozesse können u.a. durch höhere Löhne im Zentrum erzeugt werden, wodurch hochqualifizierte Arbeitskräfte dem Umland entzogen werden. Gleiches gilt für Innovationen, die durch höhere Renditen hauptsächlich in Zentren fließen können. Diese im Kernzentrum erzeugten Innovationen übertragen sich allerdings im Laufe der Zeit auf die Peripherie und sind in der Lage dort wiederum Wirtschaftswachstum zu erzeugen (vgl. BEGE 2010:79). Während bei der sektorale Betrachtungsweise zu kritisieren ist, dass kein räumlichen Bezug und somit keinerlei Aussage über den Standort der motorischen Einheiten existiert, wurde dies in der regionalen Weiterentwicklung berücksichtigt. Zudem wird auf die Verflechtungen der „motorischen Einheiten“ als regionale Cluster und deren Umgebung eingegangen, jedoch mangelt es an konkreten Aussagen zu den Ausprägungen der positiven und negativen Effekten (vgl. SCH„TZL 2003:162).

Die grundlegenden Aussagen beschreiben die Entstehung von polarisierten Zentren, die in der Lage sind Wachstumsimpulse an periphere sektorale wie auch regionale Bereiche zu erzeugen. Hierbei lässt sich grundlegend ableiten, dass auch MR solche Wachstumspole bilden, sodass die Theorie der Wachstumspole in diesem Rahmen zum Verständnis der Entwicklung von MR und deren Wirkung auf das Umland dient. Aufgrund der sehr allgemeinen, nicht-formalisierten Aussagen bezüglich der Wirkungen von Zentren und Peripherie soll das Modell der „New Economic Geography“ diese Grundgedanken aufgreifen und näher ausführen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Metropolregionen in Deutschland zwischen politischem Wunschdenken und wissenschaftlicher Rechtfertigung
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
112
Katalognummer
V208270
ISBN (eBook)
9783656355526
ISBN (Buch)
9783656356813
Dateigröße
1835 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
metropolregionen, deutschland, wunschdenken, rechtfertigung
Arbeit zitieren
Sebastian Thom (Autor), 2012, Metropolregionen in Deutschland zwischen politischem Wunschdenken und wissenschaftlicher Rechtfertigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208270

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