Das Selbstverständnis der DDR zwischen Revolution und Konterrevolution

Zur rechtsphilosophischen und rechtspraktischen Bedeutung des Schlüsselbegriffs 'Revolution' für die deutsche Verfassungsgeschichte des 20. Jahrhunderts


Seminararbeit, 1999

41 Seiten, Note: 12


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die DDR im Gesamtzusammenhang zwischen Geschichte, Politik und Ideologie – Zugleich eine Aufarbeitung des Selbstverständnisses der DDR
1.1 Die Zeit zwischen Kriegsende und der Konstitution der DDR (1945-1949)
1.1.1 Der Wandel der SBZ zur DDR
1.1.2 Die Etablierung der SED
1.1.3 Die Marxistisch-Leninistische und die Stalinistische Ideologie als Legitimationsgrundlage
1.1.4 Die Staatsgründung der DDR
1.1.5 Die Verfassung von 1949
1.2 Von der Gründung der DDR bis zum Abschluß des ersten 5-Jahres Planes (1949-1955)
1.2.1 Festigung und Konsolidierung der Macht der SED
1.2.2 Organe und Mittel der Machtausübung und Machtsicherung
1.2.3 Die Einbeziehung der DDR in den Ostblock
1.2.4 Der 17. Juni 1953 und seine Folgen
1.3 1955-1961 – Von der Entstalinisierung zum Mauerbau
1.3.1 Entstalinisierung und Kampf um die internationale Anerkennung
1.3.2 Vom Berlin-Ultimatum über den Bau der Berliner Mauer zur Festigung der DDR
1.4 Vom Bau der Mauer bis zum Sturz Ulbrichts (1961-1971)
1.4.1 Neue Legitimationsgrundlagen
1.4.2 Wirtschaftliche Konsolidierung und Ausbau der inneren Struktur der DDR
1.4.3 Das neue Strafrecht von 1967 und die Verfassung von 1968
1.4.4 Entwicklungen bis zum Sturz Ulbrichts
1.5 Die Ära Honecker (1971-1989)
1.5.1 Von der langsamen Annäherung zur schroffen Abgrenzung
1.5.2 Die Verfassungsänderung von 1974
1.5.3 Weitere Entwicklungslinien bis 1989

2 Einordnung der Geschehnisse in der DDR unter den Begriff der Revolution
2.1 Definitionsversuch der Revolution
2.2 Die einzelnen Ereignisse und ihre Einordnung unter den Revolutionsbegriff
2.2.1 Die Staatsgründung der DDR und die erste Verfassung von 1949
2.2.2 Der 17. Juni 1953 – Volksaufstand oder sogar Revolutionsversuch?
2.2.3 Der Bau der Mauer
2.2.4 Die Verfassung von 1968
2.2.5 Die Verfassungsänderung von 1974
2.2.6 Die Entwicklung der DDR als sozialistische Revolution
2.2.7 Der Fall der Mauer im Jahr 1989
2.3 Ergebnis

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die DDR hatte eine Verfassung, war aber augenscheinlich kein Verfassungsstaat. Sie verfügte über ein Parlament mit mehr Parteien und Verbänden als der deutsche Bundestag, war aber keine parlamentarische Demokratie und hatte auch kein Mehrparteiensystem. Die Regierung, die die oberste staatliche Gewalt repräsentieren sollte, war wenig mehr als ein unselbstständiger Weisungsempfänger und, obwohl sie regelmäßig an allgemeinen, gleichen Wahlen teilnahmen, waren die DDR-Bürger doch von jeder politischen Mitbestimmung ausgeschlossen. Darüber hinaus kann man die DDR im Nachhinein trotz einer Fülle von Gesetzen und einem ausgeprägten Gerichtswesen kaum als Rechtsstaat ansehen. Niemals zuvor in der deutschen Geschichte war die Kluft zwischen geschriebener Verfassung und der Verfassungswirklichkeit größer als in den vierzig Jahren der Existenz der DDR.[1] Selbst sah sich die DDR als Bestandteil des revolutionären Weltprozesses und der sozialistischen Welt, in die sie durch eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft gelangt war.[2] Ohnehin ging man im Sprachgebrauch der DDR relativ freizügig mit dem Begriff der Revolution um.

Vielfach wird die DDR fast zehn Jahre nach der Wiedervereinigung als starres, bewegungs- und reformunfähiges Gebilde ohne rechtliche Grundlage angesehen, das totalitär strukturiert war und sich selbst nur auf Gewalt, Unterdrückung und leere ideologische Phrasen stützen konnte; ein staatliches Gebilde, das über Jahrzehnte hinweg ein Bild der gleichen bedrückenden Kontinuität bot.

Das Wesen der DDR jedoch auf eine derartige Vorstellung zu reduzieren, würde der Deutschen Demokratischen Republik, dem ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat[3], wie sie sich selbst bezeichnete, jedoch in keinster Weise gerecht werden. Bei genauerer Betrachtung muss man erkennen, dass die DDR in ihrer vierzigjährigen Geschichte durchaus Wandlungen, sogar einschneidende Brüche aufweist.[4] Um die DDR unter Einbeziehung ihres Selbstverständnisses wirklich begreifen zu können, muss man sie in einem Gesamtzusammenhang zwischen ihrer Geschichte, der inneren und äußeren Politik und der in ihren Grenzen vertretenen Ideologien bringen.

Die nachfolgende Arbeit soll daher das Selbstverständnis der DDR im Gesamtzusammenhang zwischen Politik, Geschichte und Ideologie herausarbeiten und in diesem Zusammenhang auf die Frage der Legitimation der DDR eingehen. Darüber hinaus soll sie ein besonderes Augenmerk auf die Frage, inwiefern gewisse Ereignisse und Prozesse innerhalb der DDR-Historie als revolutionär betrachtet werden können, legen.

1 Die DDR im Gesamtzusammenhang zwischen Geschichte, Politik und Ideologie – Zugleich eine Aufarbeitung des Selbstverständnisses der DDR

1.1 Die Zeit zwischen Kriegsende und der Konstitution der DDR (1945-1949)

1.1.1 Der Wandel der SBZ zur DDR

Mit der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation aller deutschen Streitkräfte durch das Oberkommando der Wehrmacht am 8. Mai 1945 im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst war der zweite Weltkrieg -wenigstens in Europa- beendet. Für das weitere Verfahren mit dem durch die alliierten Streitkräfte in die Knie gezwungenen Hauptaggressor des Krieges wurden schon vorab verschiedene Modelle entwickelt, die von einer Zerstückelung des deutschen Reiches in kleine, voneinander unabhängige Länder, wie es auf den alliierten Kriegskonferenzen von Teheran im Spätherbst 1943 und partiell noch in Jalta im Februar 1945 geplant wurde[5], bis zu einer Errichtung eines Agrarstaates[6] reichten. Jedoch wurden diese Pläne schon ab Herbst 1944 von einem britischen Planungsstab wieder verworfen und waren ab März 1945 vollkommen vom Tisch, da eine Zergliederung Deutschlands nach allgemeiner Auffassung dessen Wirtschaftskraft dermaßen schwächen würde, dass durch die zu erwartende Abhängigkeit Deutschlands von anderen Ländern erneut ernsthafte Gefahren für den Frieden in Europa entstehen könnten. Außerdem wollte man sich einen wenigstens einigermaßen leistungsfähigen Staat im Hinblick auf Reparationen erhalten.[7]

Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli – 2.August 1945 wurde daher der Entschluss gefaßt Deutschland unter der Kontrolle Englands, der USA und der Sowjetunion weiterhin als wirtschaftliche Einheit zu betrachten, seine Industrie zu kontrollieren und seine Land- und Friedenswirtschaft zu fördern. Sein Niveau sollte jedoch unter dem der anderen europäischen Länder gehalten werden.[8] Desweiteren wurde eine umfassende Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Demokratisierung und Dekartellisierung Deutschlands beschlossen. Mit dem Beitritt Frankreichs zu diesen Beschlüssen am 7. August kam eine vierte Besatzungsmacht hinzu, so dass Deutschland ab diesem Zeitpunkt in vier Besatzungszonen gegliedert war, die vordergründig, aller Meinungsverschiedenheiten zum Trotz, untereinander unter Beibehaltung der Anti-Hitler-Koalition noch einigermaßen gleiche Ziele Deutschland betreffend verfolgten.

Während England, Frankreich und die USA Gebiete im Westen unter Besatzung nahmen, gingen an die Sowjetunion die Gebiete zwischen Elbe und Oder-Neiße-Linie. Alle östlich von dieser Grenze liegende Staatsgebiete Deutschlands wurde unter polnische Verwaltung gestellt. Berlin wurde eine in vier Besatzungszonen geteilte Stadt. Mit dem Einrücken der roten Armee in den Westteilen Sachsens, Thüringens und Mecklenburgs, die bis dahin von den westlichen Alliierten besetzt waren, im Juli 1945, lagen die Grenzen der späteren DDR schon früh fest.[9]

Der Sowjetunion jedoch schon zu diesem Zeitpunkt den Vorwurf zu machen, sie habe von Anfang an zielgerichtet die Teilung Deutschlands gewollt, wäre jedoch verfehlt. Vielmehr stand es im Interesse Stalins zur Ausrottung des Faschismus, Militarismus, ja sogar des Kapitalismus als Fernziel das eigene System in ganz Deutschland zu installieren.

Begonnen wurde hiermit relativ früh. Schon vor der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands wurde die Gruppe Ulbricht von ihrem Exil in Moskau nach Berlin eingeflogen. Diese Gruppe mit in Moskau geschulten Funktionären unter der Führung des später einflußreichsten Politikers der DDR, Walter Ulbricht, sollte schon vor Kriegsende die sofortige Wiedergründung der sowjetergebenen KPD vorantreiben.[10] So konnte auch am 11. Juni 1945 die KPD als erste Nachkriegspartei Deutschlands, gerade zwei Tage nach der Konstituierung der SMAD[11] in Berlin Karlshorst, gegründet werden. Ihr folgten mit der SPD am 15. Juni, der CDU am 26. Juni und der LDPD am 5.Juli mit der Zustimmung der SMAD, die die deutsche Verwaltung kontrollierte und faktisch die Souveränität in der SBZ[12] ausübte und der daher auch maßgebliche Bedeutung für die Entwicklung in der SBZ zukam, weitere antifaschistische Parteien, welche in Folge der sowjetischen Besatzungspolitik fortwährend unter Repressalien zu leiden hatten. Nach anfänglichen Erfolgen wurden sie daher auch durch verschiedene Maßnahmen immer mehr in eine Nebenrolle gegenüber der KPD und später der SED, die im April 1946 durch Zwangsvereinigung der KPD mit der SPD gegründet wurde, gedrängt. Die Sowjetunion nutzte ihre Machtposition bei der Reorganisation der Verwaltung durch die Unterstützung von KPD bzw. SED fortwährend mit dem Ziel des personellen und strukturellen Aufbaus eines neuen deutschen Staates aus, der nicht nur keine Bedrohung für die Sowjetunion mehr darstellen, sondern sogar eine Bereicherung für das spätere östliche Bündnissystem sein würde.[13]

Hierfür war es auch notwendig, die Entnazifizierung von Anfang an hart voranzutreiben. Unter dem gerade hier aufkommenden Schlagwort der „demokratisch-faschistischen Umwälzung“ erfolgte eine rigorose Entfernung aller früher mit der NSDAP in Verbindung stehenden Personen aus allen öffentlichen Ämtern und allen anderen Stellen, die öffentliches Vertrauen erforderten. Es erfolgten für diesen Personenkreis Einschränkungen in der allgemeinen Versorgung und in den politischen Rechten. Vielfach wurden sie auch in Internierungslager verfrachtet, wo sie entweder umerzogen oder einfach nur mundtot gemacht wurden.[14] Ausgefüllt wurden die durch die Entnazifizierung entstandenen Lücken in Verwaltung, Justiz und Bildungswesen durch „antifaschistische Kader“, insbesondere durch solche, die ihre Zuverlässigkeit gegenüber dem Besatzungsregime der UdSSR zum Ausdruck bringen konnten. So wurden viele Repräsentanten aus Widerstand und Exil, besonders aus den Reihen der KPD, in führende Positionen gehoben. Die Besatzungsmacht modifizierte so die mit den anderen Siegermächten abgestimmte Politik mit ihren eigenen ideologischen und Sicherheitsinteressen. Eine Teilung Deutschlands in einen westlichen und einen östlichen Teil zeichnete sich daher schon verstärkt ab, nachdem sich in den westlichen Besatzungszonen im Januar erst die englische und die amerikanische zu einer Bi-Zone und im April 1949 schließlich unter Einbeziehung der französischen Zone zu einer Tri-Zone zusammengeschlossen hatten, in der die Konstituierung einer parlamentarischen Demokratie nach westlichen Maßstäben vorangetrieben wurde. Wann es schließlich zum Beschluß der Sieger über eine Teilung Deutschlands kam ist auch heute, fünfzig Jahre später, schwer feststellbar. Sicher dürfte lediglich sein, dass sie ein Produkt des aufkeimenden Kalten Krieges zwischen den gerade im Entstehen begriffenen Ostblock und den Weststaaten unter der Führung der USA war, der eine Vielzahl von Reibungsflächen zwischen den beiden Systemen barg und zu einer schrittweisen Entfernung der beiden Systeme voneinander führte. Mit einer Teilung Deutschlands konnten die Reibungsflächen zwischen den Alliierten gemindert werden. Auf einen Krieg über das gemeinsam besiegte Deutschland wollte es wohl keiner ankommen lassen. Zudem versuchten sowohl der Westen wie auch der Osten seine Interessensphären vom jeweils anderen abzugrenzen. Die Teilung Deutschlands war somit der kleinste noch gemeinsame Nenner der Kriegsalliierten.[15] Um diese Teilung voranzutreiben, nachdem sie gesehen hatte, dass eine Umwandlung des gesamten deutschen Staatsterritoriums nach russischem Vorbild illusorisch war, bediente sich die Sowjetunion besonders der von ihr vehement unterstützten SED.

1.1.2 Die Etablierung der SED

In ihrem Gründungsaufruf vom 11. Juli 1945 bekannte sich die KPD zur Errichtung eines antifaschistischen, demokratischen Regimes und einer parlamentarischen Republik mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten.[16] Sogar die ungehinderte Entfaltung des freien Handels und der privaten Unternehmerinitiative wurde gefordert.[17] Ausdrücklich wurde die Einführung des Sowjetsystems abgelehnt. Dies war nicht einmal so weit von den Forderungen der nur wenige Tage später gegründeten SPD entfernt. Ein Zusammenschluss zwischen KPD und SPD wurde dennoch anfangs noch strikt abgelehnt. Gemeinsam mit der CDU und LDPD schlossen sich die beiden Parteien jedoch schon am 14. Juli 1945 zu einem Block, der „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“, zusammen. Hintergrund des von der SMAD unterstützten Zusammenschlusses war die Schaffung eines für die Formung des Parteiensystems brauchbaren Instruments, das von vornherein jede Koalitionsbildung ohne oder gegen die KPD ausschließen sollte.[18] Hier gelang es den Kommunisten erstmals, ihre Vormachtstellung auszubauen. Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD am 20./21. April 1946 zur SED beseitigte man darüber hinaus die wichtigste Konkurrenz der Kommunisten und band sie gleichzeitig in einer gemeinsamen Partei. Jedoch war trotz allem eine Alleinherrschaft noch nicht möglich. Mit der Unterstützung der SMAD wurden daher diejenigen Parteiführer der CDU und LDPD, die auf eine traditionelle Demokratie drängten bekämpft und schrittweise aus ihren Ämtern gedrängt. Auch die Gründung der beiden Konkurrenzparteien, der Demokratischen Bauernpartei (DBD) und der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) unter der Führung von Kommunisten, die vor allem Bauern sowie ehemalige Soldaten und NSDAP-Mitglieder und Sympathisanten ins System mit eingliedern sollten[19], schwächte die beiden verbliebenen „bürgerlichen“ Parteien.

Eine weitere Besonderheit des politischen Regimes der SBZ und später auch der DDR war die Einbeziehung so genannter Massenorganisationen in das Parteisystem. Direkt in das Parteisystem einbezogen wurden so die Freie Deutsche Jugend (FDJ), der Deutsche Kulturbund (DKB), der Demokratische Frauenbund (DFD) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB). Dies hatte wiederum einen weiteren Machtverlust der bürgerlichen Parteien zur Folge. Besonders galt dies, als die zunächst als überparteilich organisierten Massenorganisationen immer mehr von der SED dominiert wurden und schließlich nach und nach auch deren Vormachtstellung in der SBZ/DDR anerkannten und sich ihr unterordneten.

Trat die SED 1946 noch offen für eine parlamentarische Demokratie unter alleiniger Berufung auf den Marxismus ein, so wandelte sie sich bis 1948 doch zu einer „Partei neuen Typus“[20], die sich unter Einbeziehung der Lehren Lenins zum Marxismus-Leninismus und später sogar zum Stalinismus bekannte. Ebenso übernahm man mehr und mehr die Organisationsstruktur nach dem Modell der KPdSU, vermied es jedoch anfänglich noch von einem demokratischen Zentralismus zu sprechen, auch wenn die SED von vornherein diesen Aufbau wählte. Die erste Parteikonferenz der SED im Januar 1949 brachte dann auch endgültig die kommunistisch-stalinistische Ausrichtung der Partei zu Tage. Von nun an galt die strikte Unterordnung aller Organe und eine jeweils übergeordnete Führung mit unbedingter Parteidisziplin als verbindliches Organisations- und Leistungsprinzip.[21] Diese Prinzipien und der daraus resultierende Partei- und Staatsaufbau stützen sich vornehmlich auf die marxistischen, leninistischen und stalinistischen Ideologien.

1.1.3 Die Marxistisch-Leninistische und die Stalinistische Ideologie als Legitimationsgrundlage

Der Marxismus-Leninismus war die offizielle Weltanschauung der Sowjetunion und der sozialistischen Länder, die sich am sowjetischen Vorbild orientierten. Er umfasste drei Bestandteile: Die Philosophie des dialektischen und historischen Materialismus, die politische Ökonomie des Kapitalismus und Sozialismus und die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus.[22] Eine der Kernthesen des Marxismus ist, dass in jeder geschichtlichen Epoche ein Klassengegensatz zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, der in Klassenkämpfen ausgetragen wird, besteht. Durch eine Revolution der Gesellschaft hebt sich die Gesellschaft selbst immer wieder eine Stufe höher in ihrer Entwicklung bis hin zu einer sozialistischen Weltrevolution, in der die Fremdbestimmung des Einzelnen durch andere ausgeschlossen sein soll und die Selbstbestimmung des Menschen gilt.[23] Marx erwartete in diesem Sinne eine Revolution des ausgebeuteten Proletariats gegenüber der Bourgeoisie. Gerade diese sozialistische Weltrevolution nahm sich auch die SED-Spitze zum Vorbild. Mit einer Umgestaltung des Staates und der Gesellschaft wollte man sich langsam dem kommunistischen Idealbild annähern. Nach der Vorstellung von Marx handelte es sich bei der Revolution des Proletariats jedoch um eine Revolution von unten. Um die sogenannte Revolution jedoch auch von oben durchführen zu können und um sich selbst eine Legitimation der Machterhaltung zu verschaffen, bediente man sich der Lehren Lenins[24], der schon die bolschewistische Revolution als „Revolution von oben“ durchgeführt hatte. Lenin hatte in diesem Zusammenhang ebenfalls erklärt, dass es nach dem Sieg der Revolution Aufgabe des Staates sei, feindliche Elemente zu unterdrücken. Daher sei bis zum endgültigen und angestrebten Absterben des Staats als Herrschaftsform, die Diktatur oder besser die Diktatur des Proletariats zu wählen.

Der Marxismus-Leninismus erhob darüber hinaus den Anspruch, über Wissen zu verfügen, das die Struktur und sozialen Gesetze erkläre. Die Geschichte sei daher vorhersehbar und beherrschbar. Er sagte die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus in einer revolutionären Umwälzung voraus und propagierte trotz allem die friedlich Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung, solange die sozialistische Weltrevolution noch nicht allumfassend abgeschlossen sei und der Kapitalismus noch existiere. Auch waren seine Anhänger von der gesetzmäßig wachsenden Verschärfung des Klassenkampfes im internationalen Maßstab überzeugt.[25] Unter Stalinismus wird in der heutigen Zeit vor allem ein konservatives, bürokratisch-autoritäres und repressives Herrschaftssystem verstanden, das über einen Einparteienapparat seinen Einfluss sowohl auf die Institutionen des Staates, wie auch auf die eigene Partei und die Gesellschaft verbreitet.[26]

Gemeinsam mit den ideologischen Voraussetzungen des Marxismus-Leninismus machte sich die SED auch dieses Verständnis zu Eigen und legitimierte anfangs auch in diesem Rahmen ihre Macht und ihr Handeln in der SBZ und später in der DDR. Nach dem Tod Stalins distanzierte man sich jedoch, wenn auch etwas widerwillig, von der Ideologie Stalins. Für die Gründung der DDR waren jedoch diese drei Ideologien trotz allem auch als Legitimationsgrundlage mit ausschlaggebend.

[...]


[1] Jessen in DDR-Geschichte, S. 26 (26).

[2] Riege in Staatsrecht der DDR, S. 45 (47).

[3] Meyers Neues Lexikon in Acht Bänden, Band 2, S. 552.

[4] Weber, Die DDR 1945-1986, S. 1.

[5] Heinloth, Bernhard, Geschichte 4, S. 161.

[6] Auch nach dem amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau Morgenthau-Plan genannt.

[7] Benz, Informationen zur politischen Bildung 259, S. 3 (4).

[8] Lehmann, Deutschland-Chronik, S. 20f.

[9] Weber, Die DDR 1945-1986, S. 7.

[10] Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte, S. 363f.

[11] Abkürzung für „Sowjetische Militäradministration in Deutschland“.

[12] Abkürzung für „Sowjetische Besatzungszone“.

[13] Judt, DDR Geschichte, S. 9 (12).

[14] Benz, Informationen zur politischen Bildung 259, S. 23 (24).

[15] Thurich, Informationen zur politischen Bildung 232, S. 6 (17).

[16] Aus Leonhard, Aus Politik und Zeitgeschichte B 40/94, S. 3 (3).

[17] Weber, Aus Politik und Zeitgeschichte B 16-17/96, S. 3 (3).

[18] Weber, Aus Politik und Zeitgeschichte B 16-17/96, S. 3 (4).

[19] Jessen in DDR Geschichte, S. 27 (36).

[20] Weber, Aus Politik und Zeitgeschichte B 16-17/96, S. 3 (5).

[21] Weber, Aus Politik und Zeitgeschichte B 16-17/96, S. 3 (6).

[22] Nohlen, Wörterbuch Staat und Politik, S. 413.

[23] Heinloth, Geschichte 3, S. 146ff.

[24] 1870-1924, eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow.

[25] Nohlen, Wörterbuch Staat und Politik, S. 413.

[26] Nohlen, Wörterbuch Staat und Politik, S. 743 f; Heinloth, Geschichte 4, S. 70.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Das Selbstverständnis der DDR zwischen Revolution und Konterrevolution
Untertitel
Zur rechtsphilosophischen und rechtspraktischen Bedeutung des Schlüsselbegriffs 'Revolution' für die deutsche Verfassungsgeschichte des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Juristische Fakultät)
Veranstaltung
Rechtsphilosophisches Seminar
Note
12
Autor
Jahr
1999
Seiten
41
Katalognummer
V208354
ISBN (eBook)
9783656357827
ISBN (Buch)
9783656359982
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Revolution, Konterrevolution, Verfassung, Verfassungsgeschichte, Machtsicherung, SED, Ära Honecker, Ära Ulbricht, SBZ
Arbeit zitieren
Thorsten Adelhardt (Autor), 1999, Das Selbstverständnis der DDR zwischen Revolution und Konterrevolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208354

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Selbstverständnis der DDR zwischen Revolution und Konterrevolution



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden