Im Roman "Die größere Hoffnung" spielt Kindheit eine große Rolle. Für Aichinger bedeutet Kindheit den „Höhepunkt der Existenz“ (zit. nach Hetzer 1999: 67). Außerdem sei der „Verlust der Kindheit“ (ebd.) nicht mit dem normalen Altern zu vergleichen: „Weil das Spielen und die Kindheit die Welt erträglich machten und sie überhaupt begründen. Wahrscheinlich tauchen deshalb so viele Kinder bei mir auf: weil es ohne sie unerträglich wäre“ (ebd.). Die Auswirkungen des Nationalsozialismus treffen die Kinder im Roman in einem Moment, indem sie gerade beginnen, ihr eigenes Ich sowie ihre Zugehörigkeit – zur Familie und zum Judentum – wahrzunehmen. Die „geniale Epoche“ (Hetzer 1999: 68) der Kindheit wird demnach zu früh zerstört.
Im Folgenden werden neben der Darstellbarkeit des Holocaust in "Die größere Hoffnung" die Funktion von Kindheit und Kinderperspektive im Roman untersucht. Was kann Sprache bei Aichinger als ’Zeugenschaft’ leisten? Wie wird die Identität der jüdischen Kinder im Roman dargestellt? Aichinger schreibt 'vom Ende her' und 'übersetzt' den Grauen der Nationalsozialisten in eine kindliche Welt zwischen Phantasie und Wirklichkeit, die von Spielen und Träumen durchzogen ist. Aichingers Erstling wurde oftmals für die 'Poetisierung des Schreckens' kritisiert. Jedoch wirft Aichinger gerade anhand der Kinderperspektive einen naiven, märchenhaften und unschuldigen Kinderblick auf die Shoah. Mit dieser 'Übersetzung' erscheint die nationalsozialistische Wirklichkeit noch grauenhafter.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Darstellbarkeit des Holocaust
1.1 Juden und Judentum in Die größere Hoffnung
1.2 Die größere Hoffnung als Text der Nachkriegszeit
2. Schreiben vom Ende her
2.1 Klärung oder Verklärung?
2.2 Sprache und Macht in Die größere Hoffnung
2.3 Erzählen als Übersetzen
3. Kindheit und Kinderperspektive
3.1 Kindheit in Die größere Hoffnung
3.2 Kinderperspektive in Die größere Hoffnung
3.3 Zwischen Phantasie und Wirklichkeit
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung" im Hinblick auf die literarische Darstellbarkeit des Holocausts sowie die spezifische Funktion von Kindheit und Kinderperspektive innerhalb des erzählerischen Werks.
- Die ästhetische und sprachliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust
- Die Rolle der Kinderperspektive als Mittel der Wahrnehmung und Bewältigung
- Das Verhältnis von Sprache, Macht und Diskurs im Kontext der Shoah
- Die Wechselwirkung zwischen Realität, Traum und kindlicher Phantasie
Auszug aus dem Buch
Im Kapitel Der Kai rettet Ellen ihre jüdischen Freunde vor der Verhaftung
Im Kapitel Der Kai rettet Ellen ihre jüdischen Freunde vor der Verhaftung, die ihnen droht, da sie sich auf einer für Arier bestimmten Parkbank niedergelassen haben. Ellens Vater, ein Nazioffizier, hat die Familie verlassen und sie gebeten, ihn zu vergessen. Bei der Wiederbegegnung stößt er Ellen von sich und überläßt sie ihrem Schicksal. Das Kind stellt hier ihren Vater bloß – durch Antwort- und Wissensverweigerung. Ellen untergräbt mit ihrem Schweigen die väterliche Machtposition. Zwischen dem dynamisch herankommenden Nazioffizier und dem statisch sitzenden Mädchen kann es keine Kommunikation, keine (interaktive) Beziehung, geben. Demnach wird auch die Konfrontation vermieden. Ellen spielt mit ihren kindlichen Reizen und verhilft damit ihren Freunden listig zur Flucht.
„Sind Sie Arier?“ Noch immer stand Ellen erstarrt im Schatten, versuchte den Fuß vorzusetzen und zuckte wieder zurück. Als der Offizier aber scharf und noch deutlicher seine Frage wiederholte, trat sie [Ellen] schnell in den Lichtkreis [...] und sagte: „Du mußt es wissen, Vater!“ [...] Das hier war der Mann, der Ellen gebeten hatte, ihn zu vergessen. Aber kann das Wort den Mund vergessen, der es gesprochen hat? [...] Keines der Kinder dachte mehr daran, zu fliehen. Mit einem Schlag waren sie in der Offensive, unbekannte Macht entströmte ihrer Machtlosigkeit. [...] Mit einem Sprung war sie [Ellen] an seinem [ihres Vaters] Hals, und sie küßte ihn. [...] Sie wandte sich um und machte eine lässige Handbewegung. „Ihr könnt jetzt nach Hause gehen!“ [...] Sie verbiß sich in ihn und ließ ihn nicht zu Wort kommen. Sie hing an seinen Schulterklappen wie ein kleines, lästiges Tier. Sie dachte: ’Herbert hat einen steifen Fuß, Herbert braucht länger.’ Sonst dachte sie nichts mehr. (DgH, S. 49f)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Darstellbarkeit des Holocaust: Dieses Kapitel erörtert die historische Einordnung des Judentums in Österreich sowie die Problematik der literarischen Darstellung nationalsozialistischer Verfolgung aus der Perspektive des Kindes.
2. Schreiben vom Ende her: Hier wird analysiert, wie Aichinger Sprache nutzt, um Machtverhältnisse zu unterlaufen und das "Undarstellbare" durch metonymische Sprechweisen und Übersetzungsleistungen in der Prosa zu artikulieren.
3. Kindheit und Kinderperspektive: Dieser Abschnitt untersucht, wie kindliche Denkmuster, Träume und Phantasien als Bewältigungsstrategien dienen und die Wahrnehmung des Holocausts im Roman prägen.
4. Fazit und Ausblick: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass Aichinger das Leiden und die Entwurzelung im Exil thematisiert und das "Werden wie die Kinder" als ethische Vision gegen das Vergessen des Holocausts stellt.
Schlüsselwörter
Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung, Holocaust, Kinderperspektive, Kindheit, Shoah, Sprache und Macht, Nationalsozialismus, Traumdeutung, Exilliteratur, Identität, Zeugenschaft, Sprachkritik, Bewältigung, Jüdische Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung" im Kontext der literarischen Aufarbeitung des Holocausts und der Rolle kindlicher Wahrnehmung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Darstellbarkeit des Holocaust, die Funktion von Sprache als Machtmittel sowie die psychologische Verarbeitung von Verfolgung durch Kinderspiele, Träume und Phantasien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung der Funktion von Kindheit und Kinderperspektive in Aichingers Werk und wie diese Perspektive dazu beiträgt, das Unaussprechliche des Holocausts in Sprache zu fassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyseansätze, einschließlich der Untersuchung von Erzählstrukturen, Traumanalysen und dem Vergleich mit historischen sowie fachliterarischen Kontexten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Sprachreflexion Aichingers, der Rolle des Kindes als Akteurin in einer feindseligen Umgebung und der Bedeutung von Träumen als Bewältigungsform.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Kinderperspektive, Holocaust-Literatur, Sprachkritik, Identitätsbildung und die Poetik des Ungefügten.
Warum wird im Roman die Kindersprache bzw. der Kinderblick als zentrales Stilmittel hervorgehoben?
Weil der Kinderblick laut Analyse eine Position der Unschuld einnimmt, die es ermöglicht, die Grausamkeit des nationalsozialistischen Systems indirekt, aber umso eindringlicher zu thematisieren.
Wie bewertet die Autorin das Ende des Romans in Bezug auf die "größere Hoffnung"?
Das Ende wird als Verschmelzung von Erlösung und Katastrophe gedeutet, wobei die "größere Hoffnung" als Glaube an die menschliche Veränderbarkeit interpretiert wird, sofern die Menschen "wie die Kinder werden".
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- Nina Jeanette Hofferberth (Author), 2008, Kindheit und Kinderblick in Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208383