"Transform yourself!" Entwürfe künstlerischer Selbstrepräsentation am Beispiel von Karl Lagerfeld


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalte

Leitgedanken

Einleitung

Lebenswege

Ansätze der Selbstsrepräsentation

Abschlussgedanken

Bibliographie

Leitgedanken

Identitäten und Rollenkonstruktionen, Transformationen und Selbstrepräsentationen – prägende Schlüsselbegriffe, die einem die Türen der Methodiken der Kunst öffnen können. Durch alle Spielarten des Kunstbetriebes ziehen sich diese Begrifflichkeiten, wie ein roter Faden in den Lebenslinien der Protagonisten. Ob im literarischen, visuellen oder darstellenden Werk – die „Verkleidung“, das Übernehmen von Rollen ist oft Bestandteil der schöpferischen Arbeit und zum Teil auch darüber hinaus.

Das „darüber hinaus“ ist bedingt vom „gesehen werden“. Es ist weniger ein temporärer Performancegedanke als künstlerische Praxis, sondern vielmehr das Streben nach Identitätenfindung im Prozess einer ständigen Transformation. Keine bloße Rollenaneignung, geschweige eine vorhersehbare Selbstdarstellung auf Basis verbreiteter Gesellschafts- erwartungen. Es geht vielmehr, um die Repräsentation des Selbst, in potentia, mannigfaltiger Weise, jedes Mal auf ein Neues.

Die Genese künstlicher und künstlerischer Identitäten aus einem Subjekt heraus und auf das Selbige projiziert, geprägt durch den Prozess der Transformation – erzeugt Vielschichtigkeit. Die Überlagerung des Selbst erzeugt einerseits Verstärkungen in der Wahrnehmung des Subjekts, sorgt durch Verschiebungen ebenso für Unklarheiten.

Die Erschaffung, im Sinne einer Repräsentation in actu, des Selbst als ein Kunstwerk spielt mit dem Erkenntnisgewinn über die wahre Identität - sofern es diese gibt – schafft den Nährboden für die Entstehung von Mythen.

Einleitung

„Ich bin eine Abstraktion. Eine Marionette, die von mir selbst manipuliert wird. Will ich auch so sein. Ich habe mit irdischen Problemen wenig zu tun.“[1]

Die Abstraktion, die sich selbst als Marionette der eigenen Manipulation betrachtet, ist Karl Lagerfeld. Als „König der Mode“[2] wird er überschwänglich von der Boulevard-Presse weltweit gefeiert und in seiner Selbstrepräsentation ist er sich der Erscheinung als Modezar durchaus bewusst. Der Begriff der Selbstrepräsentation soll an verschiedenen Entwürfen der Personenwahrnehmung Lagerfelds erörtert werden. Die vor- herrschende Kluft in der Definition zwischen dem Selbst und dem Subjekt soll, wenn möglich in der Erarbeitung zu Gunsten der Transformationsanalyse nicht abgedeckt werden. Der Fokus wird sich auf die Details der Transformationen und ihre Spezifika in der Wirkung konzentrieren. Es sind vielmehr Entwürfe, aus der Perspektive den Transformator „Lagerfeld“ sichtbar zu machen, aufzuweisen und die Mechanismen der Wandlung zu identifizieren. In den „Künsten der Existenz“ schreibt Michel Foucault zur Konstituierung des Selbst:

„Darunter sind gewusste und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen sich die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht.“[3]

Diese Überlegungen setzen die Existenz von Transformationen Lagerfelds voraus, ohne diese kann die Subjektkonstitution nicht repräsentiert, noch die Erscheinungen der künstlerischen Inszenierung des Lagerfeld’schen Selbst begonnen werden.

Der zu erarbeitende Ansatz dieser Arbeit findet sich auch treffend in einer Formulierung von Ruth Noack wieder:

„ It is still the case that individual positions posing as autonomous receive the greatest attention. The contingency of individual construction is made to disappear again and again. For this reason, it has to be made apparent again – and again and again.“[4]

Diese größte Aufmerksamkeit kommt auch Karl Lagerfeld zu[5]. Die individuellen Konstruktionsleistungen seines eigenen Selbst sind zahlreich – so zahlreich, dass durchaus im Sichtbarmachen von Facetten seines Selbst Heureka-Momente auftreten, die Verlagerungen des Erscheinens mit sich bringen.

In einem seiner zahlreichen Interviews mit dem Chefreporter von BUNTE Paul Sahner antwortete Karl Lagerfeld auf die Frage, ob er denn außergewöhnlich sei wie folgt:

„Entsetzlich, wenn man so was von sich selbst behauptet. Da muss man dringend etwas an sich tun. Ich meine, da ist man irgendwo stecken geblieben. Ich finde mich oberflächlich und gleichgültig. Auch daran muss ich noch schleifen.“[6]

So bescheiden diese Antwort auch zu vernehmen ist, so unterschiedlich gibt Karl Lagerfeld immer wieder unterschiedliche Wahrnehmungen seines Selbst preis, in dem er mit dem Sosein und dem Erscheinen in Widersprüchlichkeit agiert. Auf die Frage Sahners „Gedanken – zermartern Sie manchmal Ihr Gehirn?“ antwortet Lagerfeld:

„Nein, ich handle. Ich denke nicht. Das Denken ist genau das, was ich vermeide oder zu vermeiden versuche. Sonst würde ich kein so angenehmes Leben haben, wie ich es mir vorstelle. Ich weiß, was in der Welt vor sich geht. Es ist grauenhaft, aber ich baue mir meine eigene Realität. Damit komme ich ganz gut klar. Ich lebe, ich arbeite, ich genieße den Luxus, ich bin der Mittelpunkt meiner eigenen, heilen Welt.“[7]

Es bleiben trotz des Anspruches die Feinheiten aufzuspüren immer höchst fragile Betrachtungen, die abhängig von inneren und intrapsychischen Bewegungen sind. Ebenso die Ein- und Auswirkungen äußerer Umstände, die dazu führen, dass das Subjekt eher in ihrem Erscheinen[8], in momentum, erfasst wird als in ihrem Sosein. Das Sein ist von Wahrnehmungen gekennzeichnet, dass wir als Erscheinen „eher als etwas Bestimmtes oder eher als etwas Besonderes auffassen“[9].

Demnach werden die Praktiken und deren Verwendung, mit denen Karl Lagerfeld die Regeln seines Erscheinens nicht nur festlegt, eben sich dadurch auch transformiert und modifiziert in Entwürfen, beziehungsweise in der Formulierung von „Ansätzen“ betrachtet. „Karl who?“ ist Leitgedanke und soll insbesondere die Umwandlung der Personenrepräsentation über die Jahrzehnte – vom dicken Hamburger Modeschöpfer zum dürren „francomanischen“ Modezar aufzeigen. Bedeutungsgleich in der Form, aber in der Zusammensetzung der Darstellung ein Unterschied zwischen den Erscheinungen.

Parfümeur, Kostümbildner, Fotograf – Ikone, Lichtgestalt und Richter. Die Selbstrepräsentationen, Positionen und Außenwahrnehmungen Lagerfelds sind nicht vorrangig die Spiegelbilder gesellschaftlicher Projektionen, geschweige bloße temporäre Entwürfe, die unbedacht im Zeitgeist-Kontext zu finden sind, oder?

Von welchem Karl sprechen wir?

Es geht auch um ein „enabling myth“, ohne dabei auf den Effekt der Bloßstellung zu zielen. Andernfalls würde so der äußerst schmale Grat des Erkenntnisgewinns verlassen und das, was „übrig“ bliebe, auch nur Produkt entfernter Interpretationen sein.

Dementsprechend möchte ich mich an das Zitat von Diedrich Diederichsen halten:

„Manche Verwandlung ist eine Tarnung, eine List, die ein bestimmtes Ziel erreichen will, andere sind so etwas wie ein Job, eine Zuständigkeit. Doch all das ist nicht die Regel, nicht der Kern des Prinzips. Denn meistens ist die Verwandlung ein Übergang zwischen Zuständen, der alles zu umfassen scheint, was nicht aus den steten Bemühungen, folgerichtigen Entwicklungen und gezielten Absichten planender Subjekte direkt hervorgeht, sondern aus von diesen nicht berechneten Überraschungen: Zauberei, Götterwille. Zufall.“[10]

In der weiteren Betrachtung soll zunächst das Hauptaugenmerk auf die Biografie Lagefeld gelegt und stellvertretend einige Lebensstationen, die für die Herausarbeitung von Transformationen grundlegend sein könnten, herausgearbeitet werden. Im Fortgang der Betrachtung werden, wie bereits erwähnt, „Ansätze“ zu Erscheinungen herausgefiltert. Abschließend soll der Versuch der Deutung des Gesamtmythos Lagerfelds unternommen werden.

... immer im Bewusstsein, dann doch dem Spieler Lagerfeld in seiner Rechtfertigung aufzusitzen.

„Ja, doch, doch, doch!“[11]

Lebenswege

„Wen kümmert’s, wer spricht?“[12] mit dieser Frage eröffnet Michel Foucault eine Sitzung der Französischen Gesellschaft für Philosophie, um die Frage „Was ist ein Autor zu erörtern?“. Gleichwohl fährt er fort und erklärt „In dieser Gleichgültigkeit äußert sich das wohl grundlegendste ethische Prinzip zeitgenössischen Schreibens. Das Zurücktreten des Autors ist für die Kritik zu einem mittlerweile alltäglichen Thema geworden. Wesentlich ist jedoch nicht, einmal mehr sein Verschwinden festzustellen, sondern als – ebenso gleichgültige wie zwingende – Leerstellen die Orte ausfindig zu machen, an denen er seine Funktion ausübt. [...] Was kann die „Rückkehr zu ...“ als entscheidendes Moment für die Transformation eines Redefeldes bedeuten?“.[13]

Sicherlich ist Karl Lagerfeld nicht die Person, an der es möglich wäre, diese Fragen explizit zu beantworten, dennoch weist Foucault, natürlich in einem ganz anderen Kontext eingebettet, auf ein Verschwinden hin, dass sich mittlerweile auch als bewusste Strategie der eigenen Biographieschreibung genutzt wird. In der Tat „Wen kümmert’s, wer spricht?“, wichtig ist doch nur das gesprochen wird. Die Leserschaft, oder vielmehr der Zuschauer will Details hören - Leerstellen des Autors, hier im Sinne eines schaffenden Selbst von öffentlichem Interesse, befüllen. Das bereits Erfahrene, wie das Werk, die Kollektionen und Entwürfe – in der Entstehung in Einklang bringen mit dem Erschaffer, Künstler, Philosophen , Musiker, oder eben mit dem Edel-Couturier. Bereits Rousseau und auch Voltaire standen dieser Entwicklung gegenüber. „Durch den Hinblick darauf, dass ihr Leben zu einer ständigen Leinwand für ihre Werke wurde, waren sie dazu gezwungen, im Leben epische Motive zu inszenieren und sich andererseits eine künstliche biographische Legende mit einer bewussten Zusammenstellung realer und erdachter Ereignisse zu erschaffen.“[14], so erklärt es Boris Tomasevskij und verweist dabei noch auf die Tatsache, dass die Biographie keine Personal- oder Untersuchungsakte sei, sondern die vom Autor selbst geschaffene Legende seines Lebens, die allein ein literarisches Faktum darstellt.

Eine Autobiographie, Memoiren oder Anekdoten gibt es bis dato von Karl Lagerfeld persönlich nicht. Nichts Offizielles, weder von Ihm autorisierte oder in Co-Autorschaft geschriebene, ganzheitliche Aufzeichnungen, die seine Vita beschreiben. Lagerfeld äußert sich zu diesem Thema:

„Wenn eine Autobiografie, dann werde ich das Buch selbst schreiben. Auf Englisch, weil ich es wohl auf Englisch am Besten kann. Die Engländer haben Humor, die Deutschen nicht. Deshalb will ich auch keine Übersetzung. [...] Aber ich bin mir nicht sicher, dass ich die wahre Geschichte veröffentlicht haben will, solange ich lebe. Ich schreibe oft und dann schmeiße ich’s wieder weg. [...] Wenn es um meine Memoiren geht, die können, solange ich lebe, nicht veröffentlicht werden.“[15]

Wir wissen nun, er spricht nicht, zunächst einmal nicht. Dennoch gibt es scheinbar genug Fakten, Dokumente und Aufzeichnungen, die die Lebenswege des Karl Lagerfelds aufzeigen lassen. Allesamt zusammengetragen aus Interviewantworten Lagerfelds, Kommentaren von Wegbegleitern, Schulkameraden und Nachbarn.

„Structure without life is dead. But life without structure is unseen.“[16]

[...]


[1] zit. nach: Karl Lagerfeld in: Sahner Paul: Karl, S.434.

[2] Vgl. : M.Kotynek: „Wenn König Karl sich etwas wünscht“ in: sueddeutsche.de: 11.02.2009

[3] zit. nach: Foucault, Michel: What is Enlightment?, S.18.

[4] Noack, Ruth: Inszenierte Existenzen in der Kunst der siebziger Jahre in: Breitwieser, Sabine (Hrsg.): double life; Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst, S.24f.

[5] Besonders in den letzten Jahren ist eine erhöhte Präsenz Lagerfelds in den Medien festzustellen, nicht das permanente Grundrauschen zu den Schauen und Defilees der Modewochen, oder exklusive Retrospektiven seiner fotografischen Arbeit, sondern vielmehr die Omnipräsenz als Testimonial für unterschiedlichste Produkte, wie Pkws, Digitalfernsehen, Modemarken und eben das bewusste repräsentieren als Mythos des autonomen, von schöpferischer Leistung getragenen Modeprofis.

[6] Sahner, Paul: Karl, S.429.

[7] Sahner, Paul: Karl, S.412.

[8] Def.: „Das ästhetische Erscheinens eines Gegenstandes [ hier: einer Person] ist ein Spiel seiner Erscheinungen. So handlich diese Definition ist, sie hat es in sich.[...] Im Mittelpunkt stehen ihre drei Komponenten: der Gegenstand [hier: Person, bzw. Subjekt], seine Erscheinungen und deren Spiel.“ In: Seel Martin: Ästhetik des Erscheinens, S.70.

[9] Seel, Martin: Ästhetik des Erscheinens, S. 70.

[10] Diederichsen, Diedrich: Eigenblutdoping; Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation, S. 73.

[11] In der Bearbeitung der Hausarbeitsthematik fiel auf, wie es auch Paul Sahner in seinem Buch bemerkt, dass dieses eine Lieblingsredewendung Lagerfelds ist, jedoch nicht nur aus dem puren Wohlgefallen heraus, sondern vielmehr, um schwache Argumente mit einer absolutistischen Geste zu unumstößlichen Manifestationen zu machen, an denen keine Kritik geübt werden darf. Also das „Ja, doch, doch, doch!“ als Freifahrtsschein fürs Immer-Recht-Haben. (Gleichzeitig auch, um zum Ausdruck zu bringen hier keine weitere Diskussion führen zu wollen und zur nächsten Frage überzugehen.)

[12] Foucault, Michel: Was ist ein Autor? in: Texte zur Theorie der Autorschaft, S.198ff.

[13] ebda. S.199.

[14] Tomasevskij, Boris: Literatur und Biographie in: Texte zur Theorie der Autorschaft, S.60f.

[15] Sahner, Paul: Karl, S. 40f.

[16] zit. nach: John Cage in seiner „Lecture on Nothing“, S.113.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
"Transform yourself!" Entwürfe künstlerischer Selbstrepräsentation am Beispiel von Karl Lagerfeld
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Fakultät Gestaltung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V208419
ISBN (eBook)
9783668677678
ISBN (Buch)
9783668677685
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lagerfeld, Inszenierung, Transformation, Selbstrepräsentation, Rollenkonstruktion
Arbeit zitieren
Wilkin Schröder (Autor), 2011, "Transform yourself!" Entwürfe künstlerischer Selbstrepräsentation am Beispiel von Karl Lagerfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208419

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