Bildung ist heutzutage eine zentrale Ressource für die Teilnahme am ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben. Damit Migranten gleiche Teilnahmechancen im Aufnahmeland haben, muss man ihnen auch gleiche Bildungschancen ermöglichen. Eine erst kürzlich vorgestellte Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IfS) belegt jedoch, dass auch zwölf Jahre nach dem PISA-Schock die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem immer noch nicht gewährleistet ist. Demnach haben Migrantenkinder, laut dem Chancenspiegel, nach wie vor geringere Chancen einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen als Gleichaltrige deutscher Abstammung. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nun mit der Frage, wo die Gründe für diese gravierenden Bildungsunterschiede zu suchen sind.
Zuerst soll geklärt werden, welcher Teil der Bevölkerung mit der Bezeichnung Migranten gemeint ist. Danach soll eine systematische Zusammenfassung über die Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem gegeben werden. Dabei wird zuerst auf einige geschichtliche Aspekte eingegangen. Anschließend wird anhand von drei Indikatoren ein Überblick über die Bildungslage von Schülern mit Migrationshintergrund gegeben. Es folgt ein erstes Fazit, indem die Begriffe Chancengleichheit und Benachteiligung näher betrachtet werden.
Im Hauptteil werden einige Ursachen der Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem genannt. Hierzu werden die drei in der Bildungsforschung dominierenden Erklärungsansätze, die anhand von markanten Befunden und empirischen Studien versuchen den mangelnden schulischen Erfolg von Migrantenkindern zu erklären, skizziert und analysiert. Ein Vergleich der Theorien, sowie eine eigene Einschätzung sollen einige Erkenntnisse der Arbeit zusammenfassen. Zum Schluss wird diskutiert wie diese Bildungsbarrieren möglicherweise behoben werden können indem Reformvorschläge benannt werden. Diese Lösungsansätze sollen zeigen wie Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem möglicherweise zukünftig gewährleistet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Stellung der Migrantenkinder und -jugendlichen im deutschen Bildungswesen
2.1 Wer sind Migranten?
2.2 Ein geschichtlicher Überblick über die Bildungsbeteiligung von Migranten
2.3 Indikatoren zur Beschreibung der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
2.3.1 Die aktuelle Bildungsbeteiligung
2.3.2 Die Schulleistungen
2.3.3 Der Bildungserfolg
2.4 Eine Zusammenfassung der Ergebnisse
3. Benachteiligung und Chancengleichheit – Zwei widersprüchliche Begriffe
4. Erklärungsansätze für die Bildungsnachteile von Schülern mit Migrationshintergrund im deutsche Schulsystem
4.1 Die kulturell-defizitäre Erklärung
4.1.1 Analyse und Kritik
4.2 Die humankapitaltheoretische Erklärung
4.2.1 Ergänzung: Das kulturelle Kapital von Bourdieu
4.2.2 Analyse und Kritik
4.3 Erklärung durch institutionelle Diskriminierung
4.3.1 Analyse und Kritik
4.4 Vergleich der Theorien
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit geht der Forschungsfrage nach, welche Ursachen für die gravierenden Bildungsunterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem verantwortlich sind, und diskutiert, wie durch bildungspolitische Reformen mehr Chancengleichheit erreicht werden kann.
- Analyse der Bildungssituation von Kindern mit Migrationshintergrund.
- Untersuchung des kulturell-defizitären Erklärungsansatzes.
- Diskussion der humankapitaltheoretischen Erklärung (inkl. Bourdieu).
- Betrachtung der Theorie der institutionellen Diskriminierung.
- Vergleich und kritische Würdigung der verschiedenen Erklärungsmodelle.
- Ableitung von Perspektiven und Reformmöglichkeiten für das Bildungssystem.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die kulturell-defizitäre Erklärung
Dieser Ansatz geht davon aus, dass der Bildungsmisserfolg von Migrantenkinder mit deren kulturellem Erbe zusammenhängt. Unter dem kulturellen Erbe versteht man, den „Prozess, durch den ein Kind in die Kultur eingeführt wird, während dessen es die konstituierenden Elemente einer Kultur und die spezifische Form, in der sie aufeinander bezogen sind, kennenlernt und verinnerlicht.“30 Die Basispersönlichkeit eines Kindes wird demnach von den Eltern und dem sozialen Umfeld geformt. Man geht davon aus, dass diese dann oftmals nicht vereinbar mit den Methoden der schulischen Bildung hier in Deutschland ist.
Ausländische Schüler und solche aus Migrantenfamilien weisen aufgrund ihres kulturellen Erbes Defizite hinsichtlich dessen auf, was als „‘Normalausstattung‘ an Verhaltensweisen, Kenntnissen und Fähigkeiten [vorausgesetzt wird], die ein Kind oder ein Jugendlicher eines bestimmten Entwicklungslandes in die Institutionen der Bildung und Erziehung mitbringe.“31 Eine genaue Definition dieser Defizite variiert je nach Autor.
Raiser nennt zunächst die traditionellen Erziehungsmethoden der Migranteneltern als problematisch, da diese nicht mit unserem modernen Bildungssystem einhergehen. Kinder türkischer Herkunft beispielsweise seien autoritärer und strenger erzogen, haben ein anderes Verständnis von Lernen und Leistung, was zwangsläufig zu Problemen im deutschen Schulalltag führt.32 „Diese traditionelle Haltung zum Wissen ist autoritativ-sachgebunden, die moderne Haltung [aber ist] instrumentell und individualistisch.“33 Migranteneltern würden daher „Skepsis und Misstrauen“34 der deutschen Schule gegenüber ausdrücken. Diese ablehnende Haltung der Eltern zur Schule wird von den Kindern reproduziert. Man geht also von der Vorannahme aus, dass Migranteneltern sich nicht für die schulischen Belange ihrer Kinder interessieren und engagieren. Ihre Erziehungsvorstellung ist unvereinbar mit den deutschen Erziehungszielen und -normen, sie sind nicht gewillt und in der Lage sich den schulischen Integrationsanforderungen zu stellen.35
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Bildung als zentrale Ressource dar und führt in das Problem der mangelnden Chancengleichheit für Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem ein.
2. Die Stellung der Migrantenkinder und -jugendlichen im deutschen Bildungswesen: Dieses Kapitel definiert den Begriff Migranten, gibt einen historischen Überblick und analysiert Bildungsindikatoren sowie die aktuelle Benachteiligungslage.
3. Benachteiligung und Chancengleichheit – Zwei widersprüchliche Begriffe: Das Kapitel reflektiert die theoretischen Konzepte von Benachteiligung und Chancengleichheit im Kontext des meritokratischen Prinzips.
4. Erklärungsansätze für die Bildungsnachteile von Schülern mit Migrationshintergrund im deutsche Schulsystem: Hier werden die drei Hauptansätze – kulturell-defizitär, humankapitaltheoretisch und institutionelle Diskriminierung – detailliert vorgestellt, analysiert und miteinander verglichen.
5. Ausblick: Der Ausblick fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert notwendige bildungspolitische Reformen und Investitionen zur Verbesserung der Bildungschancen.
Schlüsselwörter
Chancengleichheit, Migrationshintergrund, Bildungssystem, Bildungsbenachteiligung, kulturelles Kapital, Humankapitaltheorie, institutionelle Diskriminierung, Schulerfolg, PISA, Integration, Sozialisation, meritokratisches Prinzip, Bildungsbeteiligung, Schulform, Selektionsmechanismen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen für die schlechteren Bildungsabschlüsse von Kindern mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Schülern ohne Migrationshintergrund in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Bildungsstatistik, soziologische Erklärungsmodelle (Kultur, Humankapital, institutionelle Diskriminierung) sowie Ansätze zur bildungspolitischen Reform.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Gründe für Bildungsnachteile zu identifizieren, die verschiedenen theoretischen Erklärungen kritisch zu hinterfragen und Ansätze zur Förderung der Chancengleichheit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse aktueller Bildungsstudien, empirischer Daten (wie PISA, IGLU) sowie soziologischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung und kritische Analyse dreier dominierender Erklärungsansätze: den kulturell-defizitären Ansatz, die Humankapitaltheorie sowie die Theorie der institutionellen Diskriminierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind Chancengleichheit, Bildungsbenachteiligung, Migration, kulturelles Kapital und institutionelle Diskriminierung.
Warum spielt das kulturelle Kapital nach Bourdieu eine besondere Rolle?
Der Ansatz von Bourdieu ermöglicht eine differenziertere Betrachtung, da er erkennt, dass auch Familien aus unteren sozialen Schichten über inkorporiertes kulturelles Kapital verfügen können, das trotz ökonomischer Benachteiligung den Bildungserfolg positiv beeinflussen kann.
Inwiefern beeinflusst das deutsche Schulsystem die Selektion?
Die Arbeit argumentiert, dass das frühe selektive Schulsystem in Deutschland die soziale Herkunft verfestigt und die schulische Laufbahn durch institutionelle Diskriminierung – etwa bei Schulempfehlungen – bereits frühzeitig negativ beeinflussen kann.
- Quote paper
- Anna Theresa Wendel (Author), 2012, Chancengleichheit für alle an deutschen Schulen? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208469