Was passiert mit Sprachen, wenn sie miteinander in Kontakt kommen? Die Skala reicht von keinerlei sprachlicher Veränderung bis hin zum Aussterben einer der beteiligten Sprachen. Absicht dieser Arbeit ist es, Media Lengua in dieser Skala zu situieren. Dazu werden zunächst grundlegende Sprachkontaktphänomene entlang der Entlehnungsskala von THOMASON & KAUFMANN (1988) dargestellt und anhand von Pidgins, Kreolsprachen und bilingualen Mischsprachen extreme Formen des Sprachkontakts aufgezeigt. Anschließend dient die Sprachgeschichte Ecuadors als Grundlage für das Erstellen eines soziolinguistischen Profils der ML-Sprechergemeinschaft. Weiterhin werden markante Prozesse der ML-Genese untersucht, anhand derer die Sprache von Pidgins und Kreolsprachen abgegrenzt wird. Den Abschluss bildet eine alternative Sicht zu MUYSKENS (1997: 367) „innovative features [...] of Media Lengua“, in der von normalem kontaktbedingtem Sprachwandel ausgegangen wird.
What happens to languages when they come into contact with each other? The scale ranges from no linguistic changes at all, to the death of one of the languages involved. The aim of this work is to situate Media Lengua in this scale. For this purpose a preliminary account of essential language-contact phenomena along the borrowing scale of THOMASON & KAUFMANN (1988) is given, and extreme forms of language-contact such as Pidgins, Creoles and Bilingually Mixed Languages are shown. Subsequently, the language history of Ecuador serves as a basis for reconstructing the sociolinguistic profile of the ML-speech community. Furthermore distinctive processes of ML-genesis are analyzed and taken as a basis for distinguishing the language from Pidgins and Creoles. Finally, an alternate view to MUYSKEN’S (1997: 367) “innovative features […] of Media Lengua” is given, regarding them as normal contact induced language change.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Sprachkontakt – Bestandsaufnahme
2.1 Kontaktbedingter Sprachwandel
2.1.1 Thomason & Kaufmanns Entlehnungsskala
2.1.2 Sprecherattitüden
2.1.3 Typologische Distanz
2.1.4 Myers-Scottons Matrix Language Frame Model
2.2 Extreme Formen der Sprachmischung
2.2.1 Pidgins
2.2.2 Kreolsprachen
2.2.3 Bilingually Mixed Languages
3 Media Lengua
3.1 Sprachgeschichte Ecuador
3.2 Soziolinguistisches Profil der ML-Sprechergemeinschaft
3.3 Sprachgenese
3.3.1 Relexifizierung
3.3.2 Translexifizierung
3.3.3 Reduplikation
3.3.4 Kongelation
3.4 Media Lengua eine Bilingually Mixed Language
4 Media Lengua und „normaler“ kontaktbedingter Sprachwandel
4.1 Neubetrachtung von Media Lengua
4.2 Media Lengua in der Entlehnungsskala
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel der Arbeit besteht darin, die Sprache Media Lengua (ML) innerhalb der Skala des kontaktbedingten Sprachwandels zu verorten. Dabei wird untersucht, inwiefern die Genese dieser Sprache als extremer Fall der Sprachmischung betrachtet werden kann oder ob sie sich durch normale kontaktbedingte Prozesse erklären lässt, wobei die soziolinguistische Situation in Ecuador eine zentrale Rolle spielt.
- Kontaktbedingter Sprachwandel und theoretische Entlehnungsskalen
- Merkmale und Abgrenzung von Pidgins, Kreolsprachen und Bilingually Mixed Languages
- Soziolinguistische Geschichte und Profil der Media Lengua-Sprecher
- Sprachgenetische Prozesse wie Relexifizierung und Translexifizierung
- Kritische Evaluation der Verortung von Media Lengua in der aktuellen Sprachwissenschaft
Auszug aus dem Buch
3.1 Sprachgeschichte Ecuador
Als die Kolonisten 1532 im Gebiet des heutigen Ecuador eintrafen, mussten sie feststellen, dass viele der dort lebenden indigenen Gruppen nicht Quechua, sondern ihre eigene Sprache sprachen (vgl. CERRÓN-PALOMINO zit. in HABOUD 1998: 31f.). Da die Inkas erst 1450 mit der von Peru ausgehenden nördlichen Expansion begannen (vgl. ENOCK 1914: 35f.), ist dies nicht weiter überraschend. Zwar führten sie im Laufe ihrer Eroberungszüge das Quechua als lengua general ein, aber es war erst „d[u]ring the colonial period, [that it] became the native language of the conquered populations“ (MUYSKEN 1997: 368). Die Kolonisten nutzten hier vorerst Quechua als Lingua Franca, um mit der indigenen Bevölkerung zu kommunizieren und die Sprache dadurch immer weiter. Auch wenn das Spanische von vornherein den Status der Amtssprache innehatte, war es doch „el quechua [que] se convirtió en una de las herramientas más importantes de la consolidación de la conquista” (HABOUD 1998: 35). Damit genoss es eine Sonderstellung, die es in anderen Kolonisationskontexten nicht gab.
Nach der Unabhängigkeit und dem Entstehen der Republik Ecuador im Jahre 1830, war eine gewisse Urbanisierung zu beobachten. Mehr und mehr indigene Arbeiter gingen in die Städte, wodurch das Spanische für sie immer mehr an Bedeutung gewann und der Bilingualismus unter der Bevölkerung zunahm. Dadurch bedingt, verlor das Quechua an Prestige und wurde mit Rückständigkeit und Ignoranz assoziiert. In den Augen der neuen ecuadorianischen Elite sollte sich die indigene Bevölkerung von ihrer Sprache und Kultur entfernen, um die Einigkeit und den Fortschritt der Nation zu gewährleisten (vgl. MUYSKEN 1997: 368; HABOUD 1998: 38f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Sprachkontakten dar und führt in die Thematik der Media Lengua sowie deren wissenschaftliche Untersuchung ein.
2 Sprachkontakt – Bestandsaufnahme: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen des Sprachwandels, darunter Entlehnungsskalen sowie die Definition von Pidgin-, Kreol- und Mischsprachen.
3 Media Lengua: Der Hauptteil beschreibt die Entstehung von Media Lengua vor dem Hintergrund der ecuadorianischen Sprachgeschichte und analysiert linguistische Prozesse wie die Relexifizierung.
4 Media Lengua und „normaler“ kontaktbedingter Sprachwandel: Hier erfolgt eine kritische Evaluation, ob Media Lengua als Sonderfall oder im Rahmen normaler Kontaktprozesse zu verstehen ist.
5 Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die zukünftige Entwicklung sowie die Rolle der Sprechereinstellungen.
Schlüsselwörter
Sprachkontakt, Sprachwandel, Ecuador, Quechua, Spanisch, Media Lengua, Bilingually Mixed Languages, Relexifizierung, Soziolinguistik, Pidgin, Kreolsprachen, Sprachgenese, Translexifizierung, Entlehnungsskala, Sprachmischung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entstehung und den Status der Sprache Media Lengua im Kontext des Sprachkontakts zwischen Quechua und Spanisch in Ecuador.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Theorie des kontaktbedingten Sprachwandels, die soziokulturelle Geschichte Ecuadors sowie die linguistische Analyse der Sprachmischung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Media Lengua auf der Skala des kontaktbedingten Sprachwandels zu verorten und zu prüfen, ob es sich um eine einzigartige Mischsprache oder um normale Kontaktphänomene handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse soziolinguistischer Daten und linguistischer Strukturen (Relexifizierung) unter Einbeziehung bekannter Entlehnungsskalen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Sprachgeschichte Ecuadors, das soziolinguistische Profil der Sprechergemeinschaft und spezifische Sprachbildungsprozesse analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sprachkontakt, Media Lengua, Quechua, Sprachwandel, Soziolinguistik und Sprachmischung charakterisieren.
Wie spielt die sozioökonomische Situation in Ecuador eine Rolle für die Sprache?
Die soziale Abwertung des Quechua und die Migration in städtische Zentren führten zu einer veränderten Identitätsbildung, die die Entstehung von Media Lengua begünstigte.
Warum wird die Einzigartigkeit von Media Lengua als Bilingually Mixed Language hinterfragt?
Einige Forscher argumentieren, dass die beobachteten Phänomene auch in anderen Sprachkontaktsituationen auftreten und nicht notwendigerweise eine separate Kategorie für Mischsprachen erfordern.
- Arbeit zitieren
- Nico Hübner (Autor:in), 2012, Sprachkontakt und Media Lengua: Eine Evaluation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208483