Sprachkontakt und Media Lengua: Eine Evaluation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

30 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung

2 Sprachkontakt - Bestandsaufnahme
2.1 Kontaktbedingter Sprachwandel
2.1.1 Thomason & Kaufmans Entlehnungsskala
2.1.2 Sprecherattitüden
2.1.3 Typologische Distanz
2.1.4 Myers-Scottons Matrix Language Frame Model
2.2 Extreme Formen der Sprachmischung
2.2.1 Pidgins
2.2.2 Kreolsprachen
2.2.3 Bilingually Mixed Languages

3 Media Lengua
3.1 Sprachgeschichte Ecuador
3.2 Soziolinguistisches Profil der ML-Sprechergemeinschaft
3.3 Sprachgenese
3.3.1 Relexifizierung
3.3.2Translexifizierung
3.3.3 Reduplikation
3.3.4 Kongelation
3.4 Media Lengua eine Bilingually Mixed Language

4 Media Lengua und „normaler" kontaktbedingter Sprachwandel
4.1 Neubetrachtung von Media Lengua
4.2 Media Lengua in der Entlehnungsskala

5 Zusammenfassung

6. Bibliografie

Abstract

Autor: Nico Hübner

Thema: Sprachkontakt und Media Lengua: Eine Evaluation.

Was passiert mit Sprachen, wenn sie miteinander in Kontakt kommen? Die Skala reicht von keinerlei sprachlicher Veränderung bis hin zum Aussterben einer der beteiligten Sprachen. Absicht dieser Arbeit ist es, Media Lengua in dieser Skala zu situieren. Dazu werden zunächst grundlegende Sprachkontaktphänomene entlang der Entlehnungs­skala von Thomason & Kaufmann (1988) dargestellt und anhand von Pidgins, Kreolsprachen und bilingualen Mischsprachen extreme Formen des Sprachkontakts aufgezeigt. Anschließend dient die Sprachgeschichte Ecuadors als Grundlage für das Erstellen eines soziolinguistischen Profils der ML-Sprechergemeinschaft. Weiterhin werden markante Prozesse der ML-Genese untersucht, anhand derer die Sprache von Pidgins und Kreolsprachen abgegrenzt wird. Den Abschluss bildet eine alternative Sicht zu Muyskens (1997: 367) „innovative features [...] of Media Lengua", in der von normalem kontaktbedingtem Sprachwandel ausgegangen wird.

Stichwörter: Sprachkontakt, Mischsprachen, Ecuador, Media Lengua

Author: Nico Hübner

Subject: Language Contact and Media Lengua: An Evaluation.

What happens to languages when they come into contact with each other? The scale ranges from no linguistic changes at all, to the death of one of the languages involved. The aim of this work is to situate Media Lengua in this scale. For this purpose a preliminary account of essential language-contact phenomena along the borrowing scale of Thomason & Kaufmann (1988) is given, and extreme forms of language-contact such as Pidgins, Creoles and Bilingually Mixed Languages are shown. Subsequently, the language history of Ecuador serves as a basis for reconstructing the sociolinguistic profile of the ML-speech community. Furthermore distinctive processes of ML-genesis are analyzed and taken as a basis for distinguishing the language from Pidgins and Creoles. Finally, an alternate view to Muysken's (1997: 367) "innovative features [...] of Media Lengua" is given, regarding them as normal contact induced language change.

Keywords: Language Contact, Mixed Languages, Ecuador, Media Lengua

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

Seit Menschengedenken existieren Kontakte zwischen Sprachen, deren Auswirkungen sich in verschiedenster Weise bemerkbar machen. Untersuchungen hierzu konzentrieren sich auf zwei Ebenen. Auf der Ebene der einzelnen Sprecher, werden unter anderem Phänomene wie Bilingualismus, Entlehnungen oder Code-Switching untersucht. Auf gesellschaftlicher Ebene beschäftigt man sich hingegen mit der sozialen, kulturellen und politischen Bedeutung von Sprachen. Ziel dieser Arbeit ist es, die von Muysken (1981a; 1988; 1997) ausführlich beschriebene Media Lengua (ML) auf diesen beiden Ebenen zu untersuchen, um ein besseres Verständnis davon zu bekommen, inwieweit sich die Sprache von anderen Sprachkontaktresultaten unterscheidet.

Als erstes ist es hierzu nötig, sich mit den gängigen Theorien zum Sprachkontakt zu befassen. Grundlage bietet hier Thomason & Kaufmanns (1988) Entlehnungsskala, anhand welcher einige Prinzipien des Sprachkontakts beschrieben werden. Damit einhergehend, werden nicht nur linguistische Faktoren wie die typologische Distanz der Sprachen und das im Matrix Language Frame Model (MLF) (Myers-Scotton 2002) inkludierte Code-Switching (CS) erfasst, sondern auch der „social context in which [they are] embedded" (Thomason & Kaufmann 1988: 4). Dem entgegengesetzt befasst sich der nächste Abschnitt mit Pidgins, Kreolsprachen und Bilingually Mixed Languages (BML) als extreme Formen von Sprachmischung wobei ML „is often cited as an exemplary case of [the latter]" (Shappeck 2011: 2).

Dem folgend beschäftigt sich das nächste Kapitel mit der Sprachgeschichte Ecuadors, welche aufschlussreiche Informationen darüber gibt, wie sich das soziolinguistische Profil der ML-Sprechergemeinschaft herausbilden konnte. Nach einer Zusammenfassung der wichtigsten Prozesse, die bei der ML-Genese eine Rolle spielten, wird die Sprache, sich von Pidgins und Kreolsprachen abgrenzend, kurz im Rahmen der BML betrachtet.

Der Abschluss der Arbeit bietet eine durchaus kritische Betrachtung von Muyskens Darstellung der ML, als besonderer Fall von Sprachmischung in Ecuador. Nach einer Neubewertung seiner „innovative features" (Muysken 1997: 367) wird hier eine alternative Analyse der Sprache gegeben, die sich stark am kontaktbedingten Sprachwandel, bzw. an der Entlehnungsskala orientiert.

Bevor nun zum Hauptteil der Arbeit übergegangen wird, sei darauf hingewiesen, dass die hier untersuchte Variante von ML nicht mehr gesprochen wird (vgl. Dikker 2008: 124). Die Entscheidung sich dennoch mit ihr zu beschäftigen liegt zum einen darin, dass „el contacto del quichua y el castellano ha producido no una sino distintas variedades de media lengua, que comparten esencialmente los mismos rasgos lingüísticos (Gómez Rendón 2005: 20); die Faktoren, die bei ihrer Genese eine Rolle spielten, können also für andere Varianten von ML übernommen werden. Zum anderen präsentiert sich hier der weitaus größte Fundus an Literatur, der sich mit ML als Resultat des Kontaktes zwischen Spanisch und Quechua befasst hat.

2 Sprachkontakt - Bestandsaufnahme

In seiner Arbeit über ML stellt Muysken (1985; 1997) fest, dass sich deren Genese weitestgehend vom herkömmlichen kontaktbedingten Sprachwandel (CiCh = contact- induced language change) unterscheidet. Unter anderem führt er hierfür die massive Relexifizierung an, welche ,,[d]este el punto de vista de la teoría de criollización y pidginización, [...] constituye un caso único" (Muysken 1985: 394). Im Folgenden soll nun auf einige Sprachkontaktphänomena eingegangen werden, um Muyskens ML anschließend in diesem Bezugssystem situieren zu können. Da es sich hierbei um ein sehr komplexes Thema handelt, werden nur die für die Argumentation relevanten Punkte betrachtet.

2.1 Kontaktbedingter Sprachwandel

Um auf die verschiedenen Prozesse des CiCh eingehen zu können, ist es zuerst notwendig festzustellen, welche Veränderungen einer Sprache unter diesem Begriff zusammen­gefasst werden können. Thomason (2001a: 62) bietet hierzu zunächst eine sehr allgemeine Definition: ,,[A]ny linguistic change that would have been less likely to occur outside a particular contact situation is due at least in part to language contact." Darunter fasst sie mehrere für den Sprachwandel relevante Faktoren zusammen, wobei sie eine Unterscheidung zwischen CiCh und extremen Formen der Sprachmischung (siehe Kapitel 2.2) trifft.

2.1.1 Thomason & Kaufmans Entlehnungsskala

Die übliche Form von Entlehnung beinhaltet das Überführen sprachlicher Einheiten aus einer Gebersprache (SL = source-language) in eine Nehmersprache (RL = recipient- language), durch Sprecher dieser Sprache. Hierbei muss es sich nicht zwingend um Muttersprachler handeln, es ist jedoch erforderlich, dass die Sprecher der RL diese auch fließend beherrschen. Damit grenzt sich die hier genannte Definition von jener ab, bei der es sich um mangelhaften Spracherwerb einer Fremdsprache handelt (vgl. Thomason 2001a: 67-69). Um Ambiguitäten zu vermeiden, sind die folgenden Ausführungen nur im Rahmen dieser Einschränkung zu sehen.

Das Ausmaß der Entlehnung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einer dieser Faktoren ist die „intensity of contact: the more intense the contact is, the more kinds of inference are possible" (ebd. 66). Thomason und Kaufmann (1988) und in einer leicht abgeänderten Form Thomason (2001a) haben in diesem Zusammenhang eine Skala entworfen, bei der angenommen wird, dass sich Entlehnungen je nach Kontaktintensität in ihrem Charakter und Auftreten stark unterscheiden können.

An oberster Stelle dieser Skala steht der gelegentliche Sprachkontakt (casual contact), bei welchem sich Entlehnungen auf Inhaltswörter, meist Substantive aber auch Verben, Adjektive und Adverbien beschränken, wobei diese keinen Teil des Grundwortschatzes darstellen. Dabei ist es nicht notwendig, dass die Sprecher die SL fließend beherrschen.

An nächster Stelle steht ein etwas intensiverer Sprachkontakt (slightly more intense contact). Hier ist eine gewisse Anzahl von bilingualen Sprechern gegeben, auch wenn sie im Allgemeinen eine Minderheit ausmachen. Entlehnungen sind im Bereich der Inhalts- und Funktionswörter (z.B. Konjunktionen und adverbiale Partikel) anzusiedeln. Der Grundwortschatz ist, wie auch am Anfang der Skala, nicht von Entlehnungen betroffen. Die Übernahme von strukturellen Elementen ist an dieser Stelle ebenso möglich, wenngleich sie keine Änderungen der Struktur der RL herbeiführen. Darunter fallen phonologische wie auch syntaktische Erscheinungen.

An dritter Stelle befindet sich ein noch stärker ausgeprägter Sprachkontakt (more intense borrowing). Er ist von einer noch größeren Anzahl bilingualer Sprecher gekennzeichnet, deren Einstellung im Zusammenspiel mit anderen sozialen Faktoren, weitere Entlehnungen begünstigt. Neben den in den ersten beiden Phasen genannten Merkmalen kommt nun erstmals der Grundwortschatz für Entlehnungen in Frage. Dieser beschränkt sich jedoch nur auf solche Wörter, die in allen Sprachen zu finden sind. Dazu gehören unter anderem Pronomen, Kardinalia und Derivationsaffixe. Auf Seiten der Struktur ist ebenfalls eine größere Anzahl von Entlehnungen zu erwarten, welche aber keine größeren typologischen Veränderungen der RL bewirken. Phonologische Veränderungen wie der Wegfall von nativen Phonemen (nicht SL-inhärent) oder das Überführen von neuen Phonemen aus der SL können ebenso auftreten, wie Alternationen auf der prosodischen und morphophonemischen Ebene. Ferner sind syntaktische und morphologische Änderungen zu erwarten.

An vierter und letzter Stelle steht ein intensiver Sprachkontakt (intense contact). Ein weitreichender Bilingualismus unter den RL-Sprechern, wie auch die bereits genannten sozialen Faktoren sind Impulse, die starke Entlehnungen begünstigen. Diese können nun alle Teile des Lexikons betreffen und auch starke typologische Veränderungen hervorbringen.

Die hier zusammengefasste Skala ist, wie Thomason (2001a: 71) selbst feststellt, ,,a matter of probabilities, not possibilities. The predictions it makes can be violated". Man betrachte nur den unter anderem von Crystal (2000) ausführlich beschriebenen Language Death oder sprachpuristische Bewegungen wie die der Zapotec Sprecher in Mexico (vgl. Schrader-Kniffki 2008), die sich gegen einen allochthonen Spracheinfluss auflehnen. Gerade letzteres Beispiel deutet an, dass eine solche Entlehnungsskala immer an die Einstellungen der beteiligten Parteien geknüpft ist. ,,[A]s far as the strictly linguistic possibilities go, any linguistic feature can be transferred from any language to any other language" (Thomason & Kaufmann 1988: 14), es sind aber gerade die Einstellungen der Sprecher, die das Ergebnis entscheidend beeinflussen.

2.1.2 Sprecherattitüden

Sprache, im erweiterten Sinne, kann als identitätsstiftendes und identitätssicherndes Konstrukt (vgl. Thim-Mabrey 2003: 5) bzw. als vermittelnder Faktor von kollektiver Identität (vgl. Assmann 2007: 139) gesehen werden. Betrachtet man Einstellungen nun hinsichtlich ihrer „social identity function (or value-expressive function)" (Smith & Mackie 1999: 250), dann fungiert Sprache als ein Medium, durch welches sie übertragen werden. In diesem Zusammenhang haben Einstellungen einen direkten Einfluss auf Sprache, bzw. im oben betrachteten Kontext, einen signifikanten Einfluss auf das Ausmaß der Entlehnungen durch die Sprecher.

Diese Einstellungen werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst, von denen der sozioökonomische Status einer Gruppe (und deren Sprache) hervorzuheben ist. Bourdieu (1977: 646) spricht in diesem Kontextvon „linguistic capital" und fügt hinzu:

When one language dominates the market, it becomes the norm against which the prices of the other modes of expression, and with them the values of the various competences, are defined. (ebd. 652)

Für Sprachkontaktsituationen bedeutet dies, je höher das linguistische Kapital einer Gruppe ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Sprecher der andern Gruppe(n) an diesem orientieren und ihre eigene Sprache abwerten. Folglich kommt es dazu, „that often [...] speakers [...] are fighting not for the defense of their own language but for the acquisition of a second language as a strategy for improving their economic conditions" (García 2003: 75). Dies allein ist zwar noch kein Indikator dafür, dass Entlehnungen wirklich stattfinden werden, der dadurch entstehende Bilingualismus ist aber, wie oben festgestellt, ein begünstigender Faktor.

Wie hier gezeigt, ist es durchaus möglich, dass Sprechergruppen im Prozess des CiCh bewusste Entscheidungen treffen, die, auf positiven oder negativen Einstellungen basierend, die Richtung und Stärke des Sprachwandels beeinflussen. Da Einstellungen aber auch Auswirkungen auf mannigfaltige unbewusste Entscheidungsprozesse haben, sind sie „[seen f]rom a broader perspective, [...] ultimately responsible for the failure of [...] substantive predictions about contact-induced language change" (Thomason 2001a: 82). Es liegt auf der Hand, dass es sich hierbei um einen wenig zufriedenstellenden Sachverhalt handelt, sodass weitere Faktoren untersucht werden müssen, um dennoch gewisse Tendenzen im CiCh festlegen zu können.

2.1.3 Typologische Distanz

Versuche, Vorhersagen über die Art und Weise von Entlehnungen in einer Skala darzustellen, sind in der Literatur zahlreich vertreten (u.a. Muysken 1981b; Field 2002).

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sprachkontakt und Media Lengua: Eine Evaluation
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Kreolsprachen
Note
1,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V208483
ISBN (eBook)
9783656358183
ISBN (Buch)
9783656359814
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Englisch und Spanisch Kenntnisse von Vorteil.
Schlagworte
Kreolsprachen, Media Lengua, Sprachkontakt, Mischsprachen, Ecuador, Mixed Languages, Muysken
Arbeit zitieren
Nico Hübner (Autor), 2012, Sprachkontakt und Media Lengua: Eine Evaluation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208483

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