Poetische Krankengeschichte

Goethes "Werther" im Kontext der zeitgenössischen Diskussion um Depression und Suizid


Studienarbeit, 2012
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Diskurs um Melancholie und Selbstmord um
2.1 Melancholie im zeitgenössischen Diskurs
2.2 Der Freitod im zeitgenössischen Diskurs

3. Melancholie und Suizid in der Literatur am Beispiel von Goethes Werther
3.1 Der Fall Carl Wilhelm Jerusalem
3.2 Melancholie-Symptome Werthers
3.3 Krankheit zum Tode und Freitod Werthers
3.4 Reaktionen auf den Roman

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit zu Modul L3 hat es zum Ziel aufzuzeigen, welche Aspekte aus dem zeitgenössischen Diskurs um Melancholie, also Depression, und Selbstmord Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ behandelt, ob und wie die Symptome der Melancholie sich bei Werther äußern und welcher Standpunkt zur Melancholie als Krankheit und zum Suizid im Roman vertreten wird.

Zur Annäherung an die Thematik, wird im ersten Teil zunächst auf den Diskurs um Melancholie und Suizid im 18. Jahrhundert eingegangen. Hierbei werden die Positionen aus aufklärerischer, anthropologischer, theologischer und juristischer Sicht dargestellt.

Im Hauptteil wird aufgezeigt, wie Melancholie und Suizid Eingang in die Literatur des 18. Jahrhunderts fanden, wobei Goethes Werther zentraler Untersuchungsgegenstand sein soll. Nach der Darstellung der Empfindsamkeit als emotionsgesteuerte Gegenströmung der Aufklärung erfolgt die Ausarbeitung, welche Symptome der Melancholie der Werther aufweist und wie diese und seine so genannte Krankheit zum Tode im Roman dargestellt werden. Darüber hinaus sollen zeitgenössische Rezeption und öffentliche Reaktionen auf den „Werther“ Thema sein.

Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse in einem Resümee zusammengefasst und ein Deutungsversuch angestellt, welche Position Goethe im zeitgenössischen Diskurs mit seinem Roman zu Melancholie und Freitod einnimmt.

2. Der Diskurs um Melancholie und Selbstmord um 1800

2.1 Melancholie im zeitgenössischen Diskurs

Im 18. Jahrhundert vollzieht sich unter dem Einfluss der Aufklärung ein Mentalitätswandel in der Beurteilung des Selbstmordes. Zum Anfang des Jahrhunderts stellt der Suizid eine schwere Sünde im religiösen Sinn dar. Gegen Ende des Jahrhunderts stellt sich eine für die seelischen Zustände, die zum Selbstmord führen, werbende Haltung ein, welche beispielsweise in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ Ausdruck finden. Auch wird der Selbstmord nicht mehr strafrechtlich verfolgt.

Die „Bereitschaft, mit Empathie und Mitleid auf die Seelenlage Leidender, von Melancholie und Selbstmordgedanken gequälter Menschen zu reagieren“ entwickelte sich und es ergab sich „im Zusammenhang der aufklärerischen Anthropologie die Tendenz, den Selbstmord als eine Erscheinung innerhalb der Psychopathologie zu betrachten.“[1]

Es galt nun vielmehr, die seelischen und biografischen Hintergründe zu erforschen, die zum Selbstmord führen und dem präventiv entgegenzuwirken, statt den Suizid an sich zu verteufeln und zu sanktionieren.

Mit der aufklärerischen Pathologisierung der Melancholie ergeben sich Möglichkeiten der Erklärung und gegebenenfalls der Therapie. Gegen den als reaktionär angesehenen pietistischen Geist „bildet sich eine Einheitsfront von aufgeklärten Anthropologen und philosophischen Ärzten, von Moralisten, Theologen und Literaten.“[2]

In der Zeit der Aufklärung kommt die Lehre des Menschen, die Anthropologie, auf. Sie beschäftigt sich intensiv mit körperlich-seelischen Zusammenhängen, wodurch die Melancholie zwangsläufig ein Untersuchungsgegenstand wird, dessen Ursachen es zu finden gilt. Auch der Philosoph Immanuel Kant beschäftigt sich mit der Melancholie. Sie wird bei ihm, wie auch in anderen anthropologischen Ansätzen, pathologisiert. Jedoch wertet er das Bild des Melancholikers auf und spricht ihm ein Gefühl für das Erhabene und eine besondere Standhaftigkeit zu. Trotzdem weist er darauf hin, dass eine Ausartung des melancholischen Charakters zu Schwermut, Schwärmerei etc. führen könne.

Entscheidend ist, daß Kant die fatalen Negativelemente auf ihren eigentlichen pathologischen Kern zurückdrängt und der Melancholie […] einen Freiraum für moralische Qualitäten schafft. Damit entlastet er den Melancholiker als Gegenfigur zur Aufklärung und öffnet […] in einer radikalen Wende den Weg zum melancholischen Genie.[3]

Während die Anthropologie empirisch ausgerichtet ist, wendet die Erfahrungsseelenkunde sich individuellen Fällen zu. Einzelberichte über Melancholie-Patienten sind häufig im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, dessen Herausgeber Karl Philipp Moritz ist, zu finden.

Mit der Empfindsamkeit verbinden sich keineswegs nur literarische, sondern auch ästhetische, lebensweltliche und sozialgeschichtliche Elemente. „Für den phasenhaften Verlauf, für die Periodisierung und nicht zuletzt für das Verständnis der Empfindsamkeit in Deutschland ist der Werther-Roman zu einem der wichtigsten Anhaltspunkte und zu einem ergiebigen Zeugnis geworden.“[4]

Seit dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zeichnete sich eine Entwicklung zu einem neuen bürgerlichen Roman in Deutschland ab, dem empfindsamen Roman, welche einherging mit der Wandlung bestehender Moralvorstellungen und einer erstarkenden Empfindungstheorie.

Nicht mehr öffentlich-repräsentative Begebenheiten, deren Schauplatz meist die höfische Gesellschaft war, sondern das Alltägliche, das Familienleben und private Lebensschicksale werden zum zentralen Punkt der Interesse.

Laut Flaschka gehört unter anderen der schwärmerische Kult um den Tod zu den Aspekten der empfindsamen Funktionalisierung.

Daß die Empfindsamen ihrem Ende geradezu verzückt entgegensehen und sich das Bild ihrer letzten Ruhe schwärmerisch ausmalen, dazu haben vor allem aus der deutschen Poesie Klopstocks Oden mit ihrer tränenseligen Kirchhofstimmung beigetragen. […] Für die Empfindsamen ist der Tod kein Übel und sein Kommen kein düsteres Ereignis.[5]

Die Empfindsamkeit ist geprägt von einem schwärmerischen, hypochondrischen Lebensgefühl, in dem Weltschmerz, Weltflucht und eben Melancholie ihren berechtigten Platz finden.

2.2 Der Freitod im zeitgenössischen Diskurs

Johann Heinrich Zedler definiert in seinem Universallexikon den Selbstmord verurteilend gemäß Thomas von Aquin:

Der subtile Selbst-Mord ist, da man zwar nicht selbst Hand an sich leget; noch die Absicht hat, sich um das Leben zu bringen; gleichwohl aber Anlaß giebt, daß die Gesundheit verderbet und das Leben verkürtzet wird, welches auf verschiedene Art geschehen kann. […] Hernach durch eine unordentliche Lebens-Art, wenn selbige so beschaffen, daß die Gesundheit des Leibes dabey nicht bestehen kann, indem man entweder durch Fressen und Sauffen und andere Debauchen, ingleichen durch übermäßige Arbeit zu viel; oder durch ein geitziges und fiziges Wesen zu wenig thut; und also freventlich und ohne Ursach die Kräffte des Leibes schwächet, daß man vor der Zeit sein Leben beschliessen muß.[6]

Hiernach bedingen Übermaß und Mangel den subtilen Selbstmord. Da nach theologischer Auffassung nur Gott selbst über Leben und Tod zu entscheiden hat, gilt der Selbstmord als Frevel und schwere Verfehlung. Der Freitod galt sogar als noch schwerwiegender als der Todschlag. „Zugrunde lag die Auffassung, daß der Selbstmord ein schlimmeres Verbrechen sei als Mord und Totschlag, weil der Täter hier nur ‚seines Nächsten Leib tödtet‘, während er dann, wenn er Hand an sich selbst legt, ‚unstreitig so wohl den Leib, als die Seele, zugleich auf das schändlichste und kläglichste verlieret.‘“[7]

Gemeinhin wurde die Leiche eines Selbstmörders mehr oder weniger verscharrt. Nur bei Vorliegen einer Unzurechnungsfähigkeit wurde eine christliche Bestattung, jedoch ohne Zeremoniell zugelassen.

Mit der Aufklärung änderte sich auch die Beurteilung des Suizids hin zu einer differenzierteren und milderen Betrachtung. 1764 schreibt Cesare Beccaria, dass der Selbstmord kein Verbrechen vor den Menschen sei, „mag er auch eine Schuld sein, die von Gott bestraft wird, da er allein auch nach dem Tode strafen kann.“[8]

[...]


[1] Jürgen C. Jacobs: Cato und Werther: Zum Problem des Selbstmords im 18. Jahrhundert. Hg. v. Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste. Ferdinand Schöningh. Paderborn 2010, S.8

[2] Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Aufklärung. Melancholiker und ihre Kritiker in Erfahrungsseelenkunde und Literatur des 18. Jahrhunderts. Metzler, Stuttgart 1977, S.127

[3] Werner Nesbeda: Schwermut und Lyrik. Studien zur deutschen Romantik (Diss.). München 1991, S.39

[4] Horst Flaschka: Goethes „Werther“. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. Wilhelm Fink Verlag, München 1987, S.156

[5] Horst Flaschka: Goethes „Werther“. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. Wilhelm Fink Verlag, München 1987, S.165

[6] Artikel Selbstmord in: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Bd. 36, Leipzig, Halle 1743, Sp. 1595 f.

[7] Jürgen C. Jacobs: Cato und Werther: Zum Problem des Selbstmords im 18. Jahrhundert. Hg. v. Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste. Ferdinand Schöningh. Paderborn 2010, S.11

[8] Cesare Beccaria: Über Verbrechen und Strafen. Hg. V. Wilhelm Alff. Frankfurt 1966. S.133

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Poetische Krankengeschichte
Untertitel
Goethes "Werther" im Kontext der zeitgenössischen Diskussion um Depression und Suizid
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Literarische Anthropologie
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V208517
ISBN (eBook)
9783656358947
ISBN (Buch)
9783656359623
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Werther, Die Leiden des jungen Werther, sturm und drang, anthropologie, literarische anthropologie, kulturwissenschaften, selbstmord, suizid, depression, melancholie
Arbeit zitieren
Sandro Abbate (Autor), 2012, Poetische Krankengeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208517

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