„Fans werden als Gewalttäter stigmatisiert“ (Gensing) – so lautet die Überschrift eines Interviews aus dem Jahr 2007 mit Matthias Bettag, Sprecher von BAFF, dem Bündnis Aktiver Fußballfans, der vereinsübergreifenden Interessenvertretung deutscher Fußballfans. Wie relevant ist diese Aussage? Die nachfolgende Arbeit möchte aufzeigen, ob Fußballfans wirklich stigmatisiert werden und wie es zu dieser Entwicklung kam. Dazu wird die Entstehung von Fankultur beleuchtet, wie die Fußballinteressierten sie heute in den deutschen Fußballstadien kennen. Eingeschlossen werden auch die aktuellen Konfliktfelder mit denen sich Fußballfans bzw. die Ultras von heute auseinanderzusetzen haben. Anhand von Beispielen soll schließlich versucht werden, die oben gestellte Frage zu beantworten und die Aussage von Bettag zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffliche Klärungen
2.1 Stigmatisierung
2.2 Fußballfan
3 Fußball als Zuschauersport
4 Zur Entwicklung von Fankultur
5 Typologie des Fußballfans
6 Die unvermeidliche Veränderung der Fankultur
7 Kommerzialisierung und Aussperren der „wahren Fans“
8 Vorherrschende Konfliktpotentiale, die Stigmatisierung verstärken
8.1 Konfliktpotential Medien
8.2 Konfliktpotential Polizei und Ordnungsdienste
8.3 Konfliktpotential Fußballverbände
9 Beispiele für Stigmatisierung von Fußballfans
10 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob Fußballfans in Deutschland tatsächlich stigmatisiert werden und wie es zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung kam. Dabei wird die historische Entstehung der Fankultur analysiert und mit aktuellen Konfliktfeldern zwischen Fans, Medien, Polizei und Verbänden in Verbindung gesetzt, um die Relevanz der öffentlichen Wahrnehmung von Fans als Gewalttäter zu überprüfen.
- Historische Entwicklung der Fankultur
- Differenzierung verschiedener Fantypen und Subkulturen
- Auswirkungen der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs
- Analyse aktueller Konfliktfelder und Repressionsmechanismen
- Kritische Auseinandersetzung mit polizeilichen Maßnahmen und Stadionverboten
Auszug aus dem Buch
8.2 Konfliktpotential Polizei und Ordnungsdienste
Die Ultras problematisieren gegenüber der Polizei und anderen Sicherheitsorganen die zunehmenden Repressionen bei den Spielen, besonders denen in fremden Stadien (vgl. Pilz 2006a S. 137ff.). Dabei berichten Ultras häufig von Provokationen seitens der Polizei und einer herablassenden Haltung den Anhängern gegenüber, sowie dem „martialischen Auftreten“ (Pils 2006a S. 143). Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Auswärtsspielen, wie die Studie von Pilz et al. belegt (Pilz 2006a S. 140ff.). Dort kommt erschwerend hinzu, dass den Fans selten die gleichen Möglichkeiten zur Unterstützung ihrer Mannschaft gewährt werden (vgl. Pilz 2006a S.145). Vor dem Hintergrund des Zeitaufwandes, der hinter der Erstellung eines Banners oder einer Fahne steckt, können so leichter Konfliktsituationen entstehen.
Die oben bereits erwähnte Datei „Gewalttäter Sport“ ist ein weiterer Konfliktherd, weil sie von den kritischen Fans als Schikanemaßnahme angesehen wird. In diese Datei gelangen Personen, die sich mindestens eines von 16 Vergehen (vgl. Polizei Nordrhein-Westfalen 2008) schuldig gemacht haben. Kritisch wird folgender Punkt in der Richtlinie gesehen:
„Darüber hinaus werden aber auch die Daten von Personen gespeichert, gegen die von der Polizei Personalienfeststellungen, Platzverweise und Ingewahrsamnahmen angeordnet wurden, wenn bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigten, dass sich diese Personen zukünftig im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen an Straftaten von erheblicher Bedeutung beteiligen werden.“ (Polizei Nordrhein-Westfalen 2008)
Diese Datei steht zwar auf einer rechtlichen Grundlage, wird aber neben den Fans vor allem von Datenschützern kritisiert, da ein Eintrag nicht nach einem Ermittlungsverfahren, sondern im Ermessen der Beamten erfolgen kann (vgl. Gabler 2010 S. 134). Ein weiterer Grund für das schlechte Verhältnis der Ultras mit der Polizei (vgl. Pilz 2006a S. 139) ist die Videoüberwachung während der gesamten Sportveranstaltung, also auch inklusive An- und Abreise. Gabler weist darauf hin, dass im Zeitalter moderner Technologien zur Gesichtserkennung solchen Aufnahmen die Verhältnismäßigkeit abhanden kommt (vgl. Gabler 2010 S. 135).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Stigmatisierung von Fußballfans und definiert den inhaltlichen Rahmen der Untersuchung.
2 Begriffliche Klärungen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen durch Definitionen von Stigmatisierung und Fußballfan gelegt.
3 Fußball als Zuschauersport: Dieser Abschnitt beschreibt die historische Transformation des Fußballs vom unorganisierten Volkssport zum professionellen Massenspektakel.
4 Zur Entwicklung von Fankultur: Hier wird die Herausbildung einer eigenständigen Fanidentität im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen beleuchtet.
5 Typologie des Fußballfans: Es werden verschiedene wissenschaftliche Modelle zur Kategorisierung von Fans vorgestellt, darunter konsumorientierte Fans, Hooligans und Ultras.
6 Die unvermeidliche Veränderung der Fankultur: Das Kapitel analysiert gewaltsame Ereignisse und Katastrophen, die zu restriktiven Sicherheitsmaßnahmen führten.
7 Kommerzialisierung und Aussperren der „wahren Fans“: Es wird erörtert, wie die zunehmende Kommerzialisierung des Sports zur Entfremdung und zum Ausschluss sozial schwächerer Fankreise führt.
8 Vorherrschende Konfliktpotentiale, die Stigmatisierung verstärken: Dieses Kapitel untersucht Spannungsfelder zwischen Fans und gesellschaftlichen Institutionen wie Medien, Polizei und Verbänden.
9 Beispiele für Stigmatisierung von Fußballfans: Anhand konkreter Fallbeispiele wird die faktische Stigmatisierung und ungerechte Behandlung durch Ordnungskräfte dokumentiert.
10 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass Fußballfans einer sozialen Stigmatisierung unterliegen.
Schlüsselwörter
Fußballfans, Stigmatisierung, Fankultur, Gewaltprävention, Kommerzialisierung, Ultras, Stadionverbote, Polizeigewalt, Soziale Arbeit, Massenspektakel, Fanprojekte, Diskriminierung, Datei Gewalttäter Sport, Sicherheitskonzept, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Stigmatisierung von Fußballfans in Deutschland und analysiert, inwieweit die öffentliche Wahrnehmung und staatliche Maßnahmen eine Diskriminierung dieser Gruppe darstellen.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Zu den zentralen Themen gehören die Geschichte der Fankultur, die Typisierung von Fans, die Auswirkungen der Kommerzialisierung des Fußballs sowie die Konflikte mit Medien, Polizei und Fußballverbänden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, aufzuzeigen, ob Fußballfans tatsächlich stigmatisiert werden und wie sich dieses Stigma auf ihre soziale Identität und Behandlung durch den Staat auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung von Fallbeispielen, rechtlichen Dokumenten und soziologischen Modellen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung der Fankultur, die Typisierung der Anhänger, die Analyse der Kommerzialisierung und eine detaillierte Untersuchung der Konfliktpotentiale gegenüber Ordnungsinstanzen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Stigmatisierung, Kommerzialisierung, Fußballfan, Fanprojekte, Stadionverbote und Repression charakterisieren.
Was ist das „Ultra-Manifest“ und welche Bedeutung hat es in der Arbeit?
Das Ultra-Manifest dient als Beleg für den Protest der Fans gegen die fortschreitende Kommerzialisierung und ist ein wichtiger Ausgangspunkt für die Analyse der Konfliktlinien im Fußball.
Warum wird die „Datei Gewalttäter Sport“ in der Arbeit kritisiert?
Die Datei wird kritisiert, weil die Datenspeicherung häufig im Ermessen der Polizei erfolgt, ohne dass ein juristisches Ermittlungsverfahren oder ein Nachweis einer Straftat vorliegen muss.
Welche Bedeutung kommt dem „Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“ (NKSS) zu?
Das NKSS markiert den Beginn präventiver Maßnahmen und der Fanbetreuung durch Sozialarbeit als Alternative zu rein repressiven Strategien, wobei die Arbeit kritisch hinterfragt, ob dieser Ansatz heute noch ausreichend ist.
- Quote paper
- Christian Gundlach (Author), 2011, Zur Stigmatisierung von Fußballfans, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208522