Um erste Erkenntnisse über das Personsein und die Bedürfnisse von Personen zu erwerben, setze ich mich mit dem „Standardparadigma von Demenz“, dem person-zentrierten Ansatz Tom Kitwoods auseinander. Der Begriff steht beispielhaft für eine extrem negative und deterministische Sichtweise von Demenz, die sich in dem gängigen Image eines „Todes, der den Körper zurücklässt“ zum Ausdruck bringt. Dieses (medizinische) Standardparadigma wurzelt in der Hypothese, dass ein Faktor oder Faktoren X zu neuropathischen Veränderungen und diese zur Demenz führen. Alle geistigen und emotionalen Symptome wären demnach ausschließlich das direkte Ergebnis einer Reihe katastrophaler Veränderungen im Gehirn. Diese Degeneration sei irreversibel und führt unabwendbar zu einer Verschlechterung des gesamten Zustands einer Person. Dabei vernachlässigt dieses vereinfachte Modell jedoch den Fakt, dass beträchtliche neuropathologische Zustände auch ohne eine Demenzerkrankung vorhanden sein können, und das eine Demenz auch ohne signifikante Neuropathologie bestehen kann. Ebenso wird eine Vielzahl von Aspekten der Nervenarchitektur ignoriert, die entwicklungsbedingt sind und somit keiner statischen Verschlechterung unterworfen sein können. Darüber hinaus existiert eine Reihe von psycho-sozialen Zuständen, die einen demenzähnlichen Zustand verursachen oder eine bestehende Demenz verstärken können.
In dieser Arbeit soll daher im Besonderen betont werden, dass jegliche Entwicklung von Personen individuell einzigartig verläuft und über die gesamte Lebensspanne hinweg, positiv oder negativ, beeinflussbar bleibt - auch während einer Demenzerkrankung. Das unmittelbare psycho-soziale Umfeld von Personen bildet einen solchen Einflussfaktor. Auch Kitwood setzt das Individuum, in seinem psycho-sozialen Modell von Demenz, zu seiner sozialen Umwelt in Wechselwirkung. Dabei definiert er das Thema Menschenwürde in Form einer Bedürfnistheorie, wobei der Erhalt der Menschenwürde unmittelbar damit verbunden ist, inwieweit die Bedürfnisse von Personen (die sich aus den Menschenrechten ergeben) befriedigt werden.
Abschließend soll anhand einer DCM-Evaluation (Dementia Care Mapping) in einem Tageszentrum gezeigt werden, inwieweit diese Methode sinnvolle Rückschlüsse zur Einleitung adäquater Intervention im Rahmen Sozialer Arbeit ermöglicht. Mit dem Ziel, die erlebte Lebensqualität und das subjektive Wohlbefinden von Menschen mit Demenz, langfristig zu erhalten und ihr Personsein zu würdigen und zu stärken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklungen über den Verlauf der Lebensspanne
2.1 Das SOK-Modell nach Baltes
2.2 Die Sozio-emotionale Selektivitätstheorie nach Carstensen
2.3 Exkurs: Gedächtnisentwicklung
3. Eine kurze Beschreibung von Demenz
3.1 Die Symptome einer Demenzerkrankung
3.2 Depression und andere Zustände, die eine Demenz verstärken
3.3 Das Standardparadigma von Demenz nach Kitwood
4. Der Person-zentrierte Ansatz Kitwoods
4.1 Die Bedürfnisse von Personen (mit Demenz)
4.2 Maligne, bösartige Sozialpsychologie
4.3 Die positive Arbeit an der Person
5. Sozialpädagogik und Soziale Arbeit
5.1 Sozialpädagogisches Handeln (Können) nach Burkard Müller
5.2 Der Prozess professioneller Fallarbeit
5.3 Soziale Arbeit, Soziale Probleme und Demenz
5.4 Der Erhalt der Menschenwürde als Aufgabe von Sozialer Arbeit
5.5 Wohlbefinden und Lebensqualität von Menschen mit Demenz
6. Die Dementia Care Mapping Methode
6.1 Wohlbefinden und Unwohlsein im DCM
6.2 Der methodische Aufbau von DCM
6.2.1 Das Kodieren von Affekt und Kontakt
6.2.2 Das Kodieren von Verhalten
6.2.3 Personale Detraktionen
6.2.4 Personale Aufwerter
6.3 Reliabilität und Validität von DCM
7. Eine DCM Untersuchung in einem Alzheimer Tageszentrum
7.1 Planung und Einsatz von DCM
7.2 Räumlichkeiten und Tagesrhythmik im Tageszentrum
7.3 Eine kurze Beschreibung der Therapieinhalte
7.4 Graphisch gestützte Datenanalysen
7.5 Auswertung und Kritik
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung professioneller Sozialer Arbeit für Menschen mit Demenz. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie durch einen person-zentrierten Ansatz sowie den Einsatz von Dementia Care Mapping (DCM) das Wohlbefinden und die Lebensqualität Betroffener langfristig erhalten und gefördert werden können, anstatt sie lediglich einer medizinischen Defizitsicht zu unterwerfen.
- Entwicklungspsychologische Perspektiven des Alterns und der Demenz
- Der person-zentrierte Ansatz nach Tom Kitwood
- Sozialpädagogische Handlungsformen und professionelle Fallarbeit
- Einsatz und Auswertung der Dementia Care Mapping Methode (DCM)
- Erhalt der Menschenwürde und Rechte von Menschen mit Demenz
Auszug aus dem Buch
3.3 Das Standardparadigma von Demenz nach Kitwood
Kitwood versteht die wahre Natur von Demenz als ein fortlaufendes Wechselspiel (Dialektik) zwischen den neuropathologischen und sozialpsychologischen Faktoren. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass das Studium der Demenz bislang vornehmlich von Forschungsarbeiten in Disziplinen der Anatomie, Physiologie, Biochemie, Pathologie oder der Genetik dominiert wurden. Denn solche neuropathologischen Beschreibungen tendieren dazu, sich auf die organische Grundlage einer Demenz zu reduzieren (medizinisches Modell der Demenz). Infolgedessen erzeugen sie vereinfachte, unvollkommene Beschreibungen der komplexen Demenzerkrankung, die Kitwood, wie oben gesehen, als Pseudodemenzen bezeichnet.
Der Begriff des Standardparadigmas bezieht sich demnach auf die gängige Hypothese des medizinischen Modells von Demenz, dass ein Faktor oder Faktoren X zu neuropathischen Veränderungen und diese zu Demenz führen (Theorie der Verursachung). Alle geistigen und emotionalen Symptome wären demnach das direkte Ergebnis einer Reihe katastrophaler Veränderungen im Gehirn, welche unausweichlich zum Absterben von Hirnzellen führen. Solche Degenerationen gelten als irreversibel und verursachen ausschließlich eine Verschlechterung des gesamten Zustandes einer Person.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin begründet ihre Motivation für die Arbeit durch das persönliche Schicksal ihrer Großmutter und skizziert die Problematik, Menschen mit Demenz lediglich medizinisch und defizitorientiert zu betrachten.
2. Entwicklungen über den Verlauf der Lebensspanne: Dieses Kapitel erläutert Konzepte wie das SOK-Modell von Baltes und die Sozio-emotionale Selektivitätstheorie, um Entwicklungspotenziale auch im Alter und bei Demenz aufzuzeigen.
3. Eine kurze Beschreibung von Demenz: Es erfolgt eine medizinische und symptomatische Einordnung der Demenz, wobei zwischen primären und sekundären Formen sowie dem Demenzsyndrom unterschieden wird.
4. Der Person-zentrierte Ansatz Kitwoods: Der Fokus liegt auf der Bedürfnistheorie von Kitwood, der Abgrenzung zur malignen Sozialpsychologie und der Bedeutung der positiven Arbeit an der Person zur Wahrung der Menschenwürde.
5. Sozialpädagogik und Soziale Arbeit: Dieses Kapitel verortet Soziale Arbeit theoretisch, diskutiert Konzepte der Fallarbeit nach Burkard Müller und verbindet Soziale Arbeit mit dem Erhalt der Menschenwürde und Lebensqualität.
6. Die Dementia Care Mapping Methode: Die Methodik des DCM wird als Instrument und Prozess zur Erfassung von Wohlbefinden und Pflegequalität detailliert vorgestellt, inklusive der Kodierung von Verhalten, Kontakt und Affekten.
7. Eine DCM Untersuchung in einem Alzheimer Tageszentrum: Die Autorin präsentiert eine praktische Anwendung des DCM in einer Tageseinrichtung, wertet die erhobenen Daten aus und diskutiert die Ergebnisse kritisch im Hinblick auf Pflege- und Beziehungsqualität.
8. Fazit: Die Autorin resümiert, dass Soziale Arbeit für Menschen mit Demenz essenziell ist, um über die rein physische Pflege hinaus deren Personsein und Menschenwürde in einer komplexen gesellschaftlichen Realität zu sichern.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Demenz, Dementia Care Mapping (DCM), Person-zentrierter Ansatz, Tom Kitwood, Menschenwürde, Lebensqualität, Wohlbefinden, Sozialpädagogik, Fallarbeit, psychosoziale Intervention, Pflegequalität, Bedürfnisorientierung, Identität, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Rolle und Bedeutung professioneller Sozialer Arbeit bei der Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz, wobei der Schwerpunkt auf der Förderung von Lebensqualität und Wohlbefinden liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Demenz, der person-zentrierte Ansatz nach Tom Kitwood, die Methoden der Sozialpädagogik in der Fallarbeit sowie die praktische Evaluation mittels der Dementia Care Mapping (DCM) Methode.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch eine professionelle Soziale Arbeit, die sich an Bedürfnissen und dem Erhalt der Menschenwürde orientiert, der Verlauf einer Demenzerkrankung positiv beeinflusst und ein würdevolles Leben ermöglicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Literaturanalyse mit der praktischen Anwendung der Dementia Care Mapping (DCM) Methode, um in einer empirischen Untersuchung in einem Tageszentrum Daten zu Wohlbefinden und Interaktionsqualität zu erheben.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Modellen zur Entwicklung im Lebensverlauf und den verschiedenen Demenzformen insbesondere der person-zentrierte Ansatz von Kitwood sowie die methodischen Grundlagen der professionellen Fallarbeit und des DCM detailliert ausgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Soziale Arbeit, Demenz, person-zentrierter Ansatz, Dementia Care Mapping, Menschenwürde, Lebensqualität und psychosoziale Intervention definieren.
Was ist das sogenannte "Standardparadigma" der Demenz laut Kitwood?
Es bezeichnet die verbreitete, rein medizinisch-deterministische Sichtweise, die Demenz ausschließlich als irreversiblen Verfall und Zerstörung von Hirnfunktionen begreift, ohne dabei soziale oder psychologische Einflussfaktoren zu berücksichtigen.
Wie unterscheidet DCM zwischen personalen Detraktionen und personalen Aufwertern?
Personale Detraktionen sind Ereignisse der "malignen Sozialpsychologie", die das Personsein verletzen, während personale Aufwerter Interaktionen darstellen, die das Wohlbefinden und die Identität der Person mit Demenz aktiv stärken.
Was ist die zentrale Schlussfolgerung der Autorin zur Rolle der Sozialen Arbeit?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Soziale Arbeit für Menschen mit Demenz unverzichtbar ist, da sie als "Anwältin" des Personseins fungieren muss, um in einem oft rein pflegefokussierten System die psychosozialen Bedürfnisse und die Menschenwürde der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen.
- Citar trabajo
- Anita Helm (Autor), 2012, Die Bedeutung Sozialer Arbeit für Menschen mit Demenz, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208606