Von Fortschritt und Wachstum

Gegensatz oder Kongruenz?


Essay, 2013
14 Seiten

Leseprobe

Von Fortschritt und Wachstum

Es ist schon erstaunlich, für welche Themenfelder in unserer Gesellschaft die Begriffe Fortschritt und Wachstum überall eingesetzt werden. Sie sind universell einsetzbare Begriffe geworden, die jedoch auch dann eingesetzt werden, wo sie eher etwas Gegenteiliges bewirken.

Ziel in diesem Essay soll sein, ob es tatsächlich sich ergänzende oder aber auch gegensätzliche Merkmale zwischen den umgangssprachlichen Begriffen Fortschritt und Wachstum gibt.

Jeder konstruiert seine eigene Vorstellung von Fortschritt und Wachstum, dabei verharrt der eine oder andere am festen Glauben, das Richtige zu wissen.

Der eine ist der Meinung, dass Wachstum, mal abgesehen von der Natur und ihrem natürlichen Wachstumsende, in vielen Lebensbereichen unendlich ist.

Der andere ist dagegen der Auffassung, dass Wachstum in jeder Lebenssituation endlich ist und so ein rücksichtsvoller Umgang mit diesem Begriff für die menschliche Gesellschaft und allem weiteren Leben auf der Erde notwendig erscheint.

Diese beiden Aussichten mögen konstruiert erscheinen. Beide haben ihre persönlichen Lebenserfahrungen bis zum heutigen Datum gemacht. Beide haben durch ihre persönlichen Erfahrungen, aber auch der Lebenserfahrungen und Geschichten Dritter, eine selbst konstruierte Lebenswirklichkeit geschaffen, die sie zu ihren jeweils gegensätzlichen Meinungen zum Wachstumsbegriff geführt haben.

Da jeder Mensch, falls ihm dies überhaupt möglich ist, einem Begriff eine bestimmte Bedeutung beizumessen oder zu konstruieren, findet ein stetiger Wirrwarr an Begriffsdeutungen statt. Wir versuchen dies durch allgemeingültige Begriffsdefinitionen zu kaschieren, die allerdings wiederum eigene Deutungsmuster beim Leser der Begriffserklärungen hervorrufen, so dass die ursprünglich allgemein gefasste Definition von Fortschritt oder Wachstum eine neue individuelle Interpretation erhält, wie es beispielsweise bei Kunstwerken und ihren Interpretationen der Fall ist. Was will uns der Künstler sagen oder warum hat er überhaupt dieses Werk hergestellt?

„Einhundert Menschen bedeutet gleichwohl einhundert verschiedene Interpretationen.“

Eine einheitliche und vor allem von allen getragene und sinnvolle Begriffsdefinition zu entwickeln, erscheint in einer begrüßenswerten, vielfältigen Gesellschaft als ein nahezu unmögliches Unterfangen.

Doch muss dies in Ansätzen nicht unlösbar bleiben. Denn sobald sich Menschen von einem überwiegenden Egoismus trennen und mehr einen wahren solidarischen Gedanken, damit ist keine aufgesetzte oder vorgetäuschte Solidarität als Ziel zum einzig und allein persönlichen Vorteil gemeint, zuwenden, kann eher eine allgemeingültige Begriffsauffassung erreicht werden.

Die Illusion vom nicht enden wollenden ökonomischen Wachstum

Einige Akteure der Wirtschaft haften dem Denken nach, dass das Wachstum ihrer Unternehmung keinen natürlichen Grenzen aufgesetzt ist.

Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Das Wachstum meines Unternehmens bedeutet andererseits wenigstens Stillstand oder gar Schrumpfung eines anderen Unternehmens innerhalb meiner Wirtschaftsbranche. Dieser Wachstum oder Schrumpfung einer Unternehmung materialisiert sich in statistischen Marktanteilswerten.

Mein erhöhter Marktanteil innerhalb meiner Branche bedeutet auf der anderen Seite einen Marktanteilsverlust für ein Konkurrenzunternehmen.

Unternehmen können auf natürlicher Weise nur insoweit wachsen, wie weit der unternehmensrelevante Markt für die eigenen Produkte ausgeweitet werden kann, wie weit die strategischen Wachstumsziele der Konkurrenz hinsichtlich ihrer Marktanteile ausschauen und wie viele Märkte es noch in unserer globalisierten Wirtschaftswelt zu erschließen gibt. Sind diese Märkte erst einmal gesättigt, gibt es kein Wachstum mehr.

Die Natur hat das Wachstum dahingehend beschränkt, wo die natürlichen Grenzen tangiert bzw. erreicht werden. Man könnte ja mal spaßeshalber ein Gebäude bauen lassen, dass sich bis zum äußersten Bereich unserer irdischen Atmosphäre erstreckt. Mal schauen, ob die Berechnung der Gebäudestatik gelingt, ob sich Menschen überhaupt finden lassen, die einerseits die Ausdauer für dieses imposante Bauvorhaben mitbringen und sich andererseits auch möglichst höhentauglich erweisen und ob die durchschnittliche Lebenszeit der Projektbeteiligten hierfür grundsätzlich ausreichend ist.

Ferner wäre auch noch die Frage zu stellen, ob es einen Menschen gibt, der den festen Entschluss und die notwendigen Möglichkeiten zur Umsetzung dieses Bauvorhabens mitbringt.

Warum traut sich niemand an solche herausragenden Aufgaben heran? Sind es die ökonomischen Hemmnisse oder sind es doch eher die natürlichen Grenzen, die ein solches Vorhaben schon von Beginn an scheitern lassen?

Aber vielleicht findet eines Tages eine gravierende evolutionäre Veränderung statt, so dass die natürlichen Grenzen auch des menschlichen Wachstums schwinden und ein unendliches Wachstum keine Utopie mehr darstellt.

Beim technischen Fortschritt ist man nicht auf jeden Einzelnen angewiesen, beim sozialen Fortschritt dagegen schon. Die psychische Verfassung des Einzelnen ist beim sozialen Fortschritt unerlässlich. Gelingt es nicht jeden Einzelnen für eine sozial fortschrittliche Aufgabe zu gewinnen, dann scheitert es zumeist bei der Umsetzung.

Wirtschaftswachstum, welches im Allgemeinen die Zunahme des wirtschaftlichen Outputs einer Volkswirtschaft bedeutet (Paschke, 2011, S. 315), zielt in einer wirtschaftlich globalisierten Welt, verbunden mit einem nahezu grenzenlosem Denken, auf eine allumfassende Wirtschaftsleistung, die an jedem x-beliebigen Ort auf unserer Erde unter möglichst gleichen Bedingungen erbracht werden kann.

Wachstum bei einzelnen privatwirtschaftlichen Unternehmen läuft stets darauf hinaus, sich auszudehnen, um eine möglichst marktbeherrschende Stellung gegenüber seiner unmittelbaren Konkurrenz innerhalb seiner Wirtschaftsbranche zu erzielen.

Das dies mit eventuell gleichlautenden Wirtschaftszielen der Wettbewerber kollidiert, ist beim allgemein politisch geforderten Postulat Wirtschaftswachstum leicht nachzuvollziehen.

Hier verweise ich gerne auf meinen Essay-Band „Freiheit und der freie Wille“.

Denn Wachstumsgrenzen finde ich dort, wo ich die wirtschaftliche Freiheit des anderen beschneide.

In einer globalisierten Welt, wo die persönliche Freiheit als ein dominierendes gesellschaftliches Kulturgut angestrebt wird, führt sie andererseits zu stagnierenden oder sogar rückläufiger Wachstumsgrößen. Freiheit und Wachstum können als erstrebenswerte Ziele nicht gleichzeitig verfolgt werden, da sie weder indifferent (unabhängig) och gegenseitig unterstützend (harmonisch) erreicht werden können, sondern sich gegenseitig konkurrieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Von Fortschritt und Wachstum
Untertitel
Gegensatz oder Kongruenz?
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V208611
ISBN (eBook)
9783656360377
ISBN (Buch)
9783656360858
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Wirtschaftswachstum, Qualität, Quantität, Fortschritt, Wachstum
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. (FH), Master of Arts (Univ.) Jörg Löschmann (Autor), 2013, Von Fortschritt und Wachstum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208611

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