Im Zeichen der Hölle: Sehnsucht, Fremdbestimmung und Isolation in Paula Ludwigs "Fragment 1938"


Forschungsarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

I. EINLEITUNG

Die Autorin Paula Ludwig hat nur ein schmales Zeugnis ihrer dichterischen Arbeit hinterlassen.[1] Ihre Biographie ist lückenhaft und oftmals herrscht Unsicherheit über bestimmte Daten im Leben Ludwigs.[2] Einen größeren, aber unbekannten Nachlass an Fragmenten, die nicht zu ihren Bänden gehören, wurden in der Nachkriegszeit in der Öffentlichkeit verdrängt. In diesen Stücken tritt dem Leser eine „[…] ganz andere und unbekannte Paula Ludwig […]“[3] entgegen.[4] Die Autorin möchte ihr Leben nie vollständig preisgeben. Daher schreibt sie einmal an einen Verleger:

„Bitte: auf Lebenslauf verzichten! Mein Leben war viel zu großartig (verhältnismäßig), als daß ich es in kurze Formeln bringen könnte. Geboren: 5. 1. 1990[!]; gestorben hundert Mal voraus! Aus Berlin emigriert 1933! aus Tirol geflohen 1938! aus Paris geflohen 1940! 13 Jahre Brasilien; 1953 `Heimkehr´ - fatal […] Schon aus diesen wenigen Zeilen wird deutlich, daß Paula Ludwigs Biographie untrennbar mit den politischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden ist“[5].

Ich werde im Folgenden in meiner Analyse auf die Biographie Ludwigs im Kontext ihrer Exilzeit eingehen, um zu sehen, wie sich ihr Leben auf die Thematik des Fragments[6] ausgewirkt hat. In einem nächsten Schritt gehe ich auf die Gattung des Fragments im Rahmen des Gedichts ein. Dann werde ich der Frage nachgehen, wie die Autorin im Text vorgeht, Fremdbestimmung, Sehnsucht und Isolation auf himmlischer und diabolischer Ebene zu erzeugen. Wie und wodurch wird diese Fremdbestimmung genau dargestellt?

II. BIOGRAPHISCHE EBENE IM KONTEXT DER ZEIT

II.1. Die Gewissensemigrantin

Nach Längle finden im Leben Ludwigs 3 große Zäsuren statt, die sich maßgeblich auf ihr weiteres Leben und ihr dichterisches Schaffen auswirken. Der erste Einschnitt ist das Verlassen Deutschlands 1934[8]. An dieser Stelle beendet sie nicht nur ihre langjährige Beziehung zu Bonsels, sondern verlässt auch viele Freunde, zum Beispiel Ina Seidel, die sich allesamt zunehmend dem Nationalsozialismus zuwenden. Ludwig sieht der bevorstehenden Katastrophe mit der Machtübernahme Hitlers entgegen. Sie kann keine Kompromisse mehr mit Deutschland schließen und sieht sich gezwungen, die Flucht zu ergreifen und die „Hitler[n]“[9], wie sie die Sympathisanten des Führers nennt, zu verlassen. Mit der beginnenden Flucht vor dem Regime Hitlers wird sich auch ihr zukünftiges Leben immer schwieriger gestalten. Seit 1932 hat sie sich stärker an Ivan Goll gebunden, der eigentlich mit Claire Goll verheiratet ist. Es entsteht eine spannungsreiche Dreiecksbeziehung, der Claire Goll dann schlagartig ein Ende setzt, nachdem das Ehepaar 1939 nach New York ins Exil emigriert.[10] Paula Ludwig ist nie über diese endgültige Trennung hinweg gekommen und hofft nach ihrer Rückkehr aus dem Exil in Brasilien 1953, Ivan Goll wieder zu sehen. Dies bedeutet die nächste tiefgreifende Zäsur in ihrem Leben, denn erst bei der Rückkehr erfährt sie von Golls Tod.[7]

Nach ihrem Umzug 1934 von Berlin nach Tirol muss sie bald entdecken, dass auch hier die Nazipropaganda greift.[11] Eines Tages sieht sie ein antisemitisches Plakat, mit der Inschrift „Denn die Köpfe werden rollen“[12].Von dem Tag an weiß die Autorin, dass sie Europa verlassen muss. „„Denn ich hatte bis zu diesem Tag – wie man sagt: ´auf dem Mond gelebt!´ Ich schrieb meine Gedichte und malte meine Bilder und achtete nicht was um mich vorging. Bis mich dieses Plakat aus meinem Schlaf aufschreckte. Von dem Moment an, allerdings war ich überwach. Ja, ich war wacher als meine Umwelt, wacher als meine Freunde und Bekannten. Mein Weltgewissen war jäh erwacht! Und war seitdem nicht mehr einzuschläfern. Sogleich warnte ich meine jüdischen Freunde und die Menschen meines geistigen Kreises – aber fast alle glaubten zu diesem Zeitpunkt 1933 noch nicht an das Furchtbare […].““[13] Diese prophetische Vorahnung soll die dritte große Zäsur in ihrem Leben darstellen. Sie muss sich mit ihrer Vermutung völlig von ihren Kollegen isoliert gefühlt haben, kann keine innere Ruhe mehr finden und begibt sich allein mit ihrem Sohn auf die ständige Flucht und Exil. Das Außergewöhnliche bei ihrer Entscheidung zum Exil liegt darin begründet, dass sie eigentlich nichts zu befürchten gehabt hätte, denn sie ist „´Voll-Arierin´“[14] gewesen. Ihre Entscheidung liegt allein in ihrem christlichen Gewissen begründet. Sie nimmt „[…] ihren Katholizismus, wie ihr allgemeines Christen- und Menschtum zu ernst, als dass es möglich gewesen wäre, in Hitler-Deutschland tätig zu sein … .“[15] Ihre religiösen Überzeugungen spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben, wenn sie aufgrund der Unkonformitäten zwischen der katholischen Religion und den Staaten bereit ist, Deutschland und Österreich zu verlassen. Nach Längle macht Erika Mann eine sehr zutreffende Äußerung: „„[Paula Ludwig ist eine] reine Gesinnungs- und Gewissensemigrantin““[16] mit einem unbeugsamen Willen und Charakter und großem Gerechtigkeitssinn.[17] Während der Zeit ihres Exils macht sie viele vergebliche Versuche eine Staatsbürgerschaft zu erlangen. Nachdem ihr die deutsche Identität entnommen wird, versucht sie die österreichische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Leider bleiben alle Versuche erfolglos. Ihre dauerhafte Flucht zwischen den Staaten ist auch eine ständige Suche nach Heimat, nach Identität. An keinem Ort kann sie ihre innere Ruhe finden, einerseits getrieben von den Schrecken des Hitler-Regimes und auf der anderen Ebene getrieben durch die Identitätssuche. Lediglich in Frankreich kann sie einen ´provisorischen´ Ausweis erwerben, den sie regelmäßig verlängern muss.[18] In Brasilien erlebt sie die größte und prägendste Zeit ihres Exils. Auch dort nimmt der Grad ihrer Vereinsamung ständig zu. „Diese Isolation dürfte damit zusammenhängen, daß es in Brasilien „keine solidarische Gruppe exilierter Schriftsteller […]““[19] gegeben hat. Hinzu kommt die ständige Angst um den Sohn. „Er kam ins Lager Bassens bei Bordeaux, wurde dann auf der Fahrt nach Spanien verhaftet und im Lager Miranda de Ebro in Nordspanien interniert.“[20] 1940 erkrankt Ludwig an Ruhr und Krebs. Sie muss unmenschliche Leiden während dieser Zeit durchgemacht haben, dennoch überlässt sie uns eine Notiz : „„2 Monate Salpêtrière. Radium gegen Krebs und danach diese Darmoperation! Aber wie glücklich war ich! Wirklich wie neu geboren!““ Ihre körperlichen Leiden diminuiert sie im Vergleich zu den Leiden der Opfer des Nationalsozialismus. Die Auswirkungen des Nationalsozialismus und des folgenden Kriegs assoziiert sie mit dem ´Inferno´, ´Furchtbaren´; etwas das unsteigerbar an Intensität ist. Ihr Krankenhausaufenthalt schildert sie als „Paradies“[21] Psychisch gesehen, muss Ludwig mit ihrem Leben am Abgrund gewesen sein, völlig zerrüttet von der Flucht, ihren Identifikationsproblemen und dem Verlust an Menschen, die ihr etwas bedeutet haben und dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind. Nach rastlosem Bemühen um eine Identifikation, wird sie 1952 brasilianische Staatsbürgerin.[22] Dieser Akt Brasiliens trägt einen großen Anteil dazu bei, Paula Ludwig endlich einen Teil ihrer langersehnten Ruhe zurückzugeben: „Ich bin so froh, […] 13 Jahre habe ich in Brasilien gelebt und war in Sao Paulo nicht einmal polizeilich angemeldet. Und trotzdem haben sie mir die Staatsbürgerschaft verliehen! Während die Deutschen sie mir entzogen haben und die Österreicher sie mir nicht gewährten!“[23] Enttäuscht und im Stich gelassen über ihre eigene Heimat, freut sie sich über ihre wiedererlangte innere Ruhe. 1953 kehrt sie nach München zurück. Sie erlebt das „exemplarische Emigrantenschicksal“[24] bei der Rückreise. Durch den gefallenen Wert der Währung hat sie kaum Geld, keine Wohnung und viele Freunde verloren, bzw. tot. Sie muss feststellen, dass die Nazis in der Nachkriegszeit immer noch unter den Menschen weilen, bekommt auch des Öfteren Drohungen. Längle beschreibt diese Konfrontation Ludwigs „[…] wie ein Gang durchs Dante´sche Inferno […]“[25]. Auch zu ihrem Lebensende hin, findet sie keine vollständige Ruhe, denn nie wird sie die begangenen Gräuel der Vergangenheit vergessen können. Diese Gräuel sind die Nachwirkungen der Nazizeit und manifestieren sich bei ihr in etwas unidentifizierbaren. Manche Menschen meinen dieses Unbehagen entstehe durch das schlechte Wetter oder die Winter, aber Paula Ludwig weiß, „„[…] daß sich hinter dieser Klage eine ganz andere verbirgt.““[26]

[...]


[1] Ulrike Längle: „Ich bin eine obdachlose Dichterin“: Über Paula Ludwig «1900-1974». In: Elisabeth Reichart (Hrsg.): Österreichische Dichterinnen. Salzburg und Wien 1993, S. 134. Insgesamt fünf Lyrikbände und 2 Bände in Kurzprosa und ein Band ihrer Autobiographie.

[2] Ebd. Z. B. führt Längle in diesem Kontext an, dass Paula Ludwig nicht wie allgemein angenommen wird, im Dezember 1940 von Portugal den Ozean nach Brasilien überquert, sondern erst im Februar 1941. Was in dieser Zwischenzeit in ihrem Leben passiert, bleibt verschleiert. S. 127.

[3] Ebd., S. 139.

[4] Ebd., S. 139.

[5] Ebd., S. 115f.

[6] Lyrik des Exils. Bio-bibliographisch ergänzte Ausgabe 1997. Wolfgang Emmerich / Susanne Heil (Hrsg.). Stuttgart 2004. [RUB; 8089], S. 334-337. Im Text fortan mit der laufenden Verszahl angegeben.

[7] In Anlehnung an Ulrike Längle: „Ich gehöre nicht zu den Normalen“. In: Alfons Bechter (Hrsg.): Beihefte des Franz-Michael-Felder-Vereins. Nr.8. 1991, S.8.

[8] Ulrike Längle, ich gehöre nicht, S. 16.

[9] Ulrike Längle, eine obdachlose Dichterin, S. 139.

[10] Ebd., S. 121.

[11] Ebd., S. 121.

[12] Ebd., S. 121.

[13] Ebd., S. 121f.

[14] Ulrike Längle, eine obdachlose Dichterin, S. 122.

[15] Ebd., S. 122.

[16] Ebd., S. 122.

[17] Ebd., S. 122.

[18] Ebd., S. 125.

[19] Ebd., S. 127.

[20] Ebd., S. 125.

[21] Ebd., S. 126.

[22] Ulrike Längle, eine obdachlose Dichterin, S. 129.

[23] Ebd., S. 130.

[24] Ebd., S. 131.

[25] Ebd., S. 132.

[26] Ebd., S. 134.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Im Zeichen der Hölle: Sehnsucht, Fremdbestimmung und Isolation in Paula Ludwigs "Fragment 1938"
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V208733
ISBN (eBook)
9783656361367
ISBN (Buch)
9783656362173
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paula Ludwig, Fragment, Fragment 1938, Isolation, Fremdbestimmung, Exillyrik, Gewissensmigrantin, Exil, Emigration
Arbeit zitieren
Marc Hoffmann (Autor:in), 2011, Im Zeichen der Hölle: Sehnsucht, Fremdbestimmung und Isolation in Paula Ludwigs "Fragment 1938", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208733

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