Streethandball - eine neue Trendsportart für die Schule?


Bachelorarbeit, 2012

54 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Streethandball
2.1 Entstehung
2.2 Philosophie
2.3 Spiel
2.4 Ausrüstung

3 Trendsport
3.1 Begriffsdiskussion und Forschungsstand
3.1.1 Trend
3.1.2 Sport
3.1.3 Definition von Trendsport
3.2 Entwicklung von Trendsportarten
3.3 Trends im Sport
3.3.1 Informalisierung des Sporttreibens
3.3.2 Entnormierung des Sports
3.3.3 Erlebnisorientierung
3.4 Merkmale von Trendsportarten
3.5 Zusammenfassung

4 Die Diskussion über Trendsport im Schulsport
4.1 Fachdidaktische Stellungsnahmen
4.2 Argumente für eine Integration von Trendsportarten
4.2.1 Motivation und Interesse der Schüler
4.2.2 Beitrag zu mehr Lebensnähe
4.2.3 Anleitung zur reflexiven Handlungskompetenz im Sport
4.2.4 Chancengleicher Zugang
4.3 Argumente gegen Trendsport
4.3.1 Fehlende räumliche, zeitliche und organisatorische Voraussetzungen
4.3.2 Gefahr der Verschulung
4.3.3 Maßlosigkeit, Übersteigerung und Einseitigkeit
4.3.4 Fehlende Qualifikation der Lehrkräfte
4.3.5 Kurzlebigkeit
4.3.6 Sicherheitsbedenken
4.4 Welche Trendsportarten kommen für die Schule in Frage?
4.5 Zusammenfassung

5 Problemstellung
5.1 Streethandball als Trendsport
5.1.1 Anwendung des Modells nach Lamprecht und Stamm
5.1.2 Anwendung Merkmale nach Laßleben
5.2 Streethandball in der Schule
5.2.1 Rahmenbedingungen
5.2.2 Personelle Voraussetzungen
5.2.3 Didaktische Negationskriterien
5.2.4 Didaktisch-methodische Überlegungen
5.2.5 Pädagogische Bewertung
5.3 Fazit

6 Untersuchungsdesign
6.1 Fragebogen
6.2 Durchführung
6.3 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
6.3.1 Soziodemographische Merkmale
6.3.2 Bekanntheitsgrad von Streethandball
6.3.3 Einstellung gegenüber Streethandball aus Sicht der Lehrer/innen
6.3.4 Merkmale einer Trendsportart
6.3.5 Streethandball als Trendsportart
6.3.6 Eignung von Streethandball für die Schule
6.3.7 Umsetzung von Streethandball in der Schule
6.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

7 Fazit

8 Anhang

9 Literaturverzeichnis

10 Abbildungsverzeichnis

11 Tabellenverzeichnis

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Streethandball ist die neue Straßen- und Freizeitvariante des traditionellen Handballspiels. Im Rahmen der Aktion „Handballstars goes School“ (HSGS) wurde die Sportart in Deutschland zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Die Schüler/innen und Lehrer/innen konnten innerhalb des Settings Schule einen Vormittag Streethandball in allen Variationen ausprobieren und erste Erfahrungen sammeln. Die zahlreichen begeisterten Teilnehmer und das vielfältige positive und negative Feedback gaben den Anlass für die vorliegende Arbeit.

Das Thema „Streethandball – eine neue Trendsportart für die Schule?“ impliziert zwei Fragestellungen: erstens, ob es sich bei der Sportart Streethandball um eine Trendsportart handelt und zweitens, ob Streethandball eine für die Schule geeignete Sportart ist.

Zu Beginn wird durch die Beschreibung von Streethandball ein erster Eindruck der neuen Sportart vermittelt. Das nächste Kapitel erläutert zunächst der Begriff „Trendsport“, bevor im Anschluss die Entwicklung, aktuelle Trends im Sport und die Merkmale einer Trendsportart beschrieben werden. Das vierte Kapitel spiegelt die Diskussion über Trendsport in der Schule wieder, indem fachdidaktische Positionen, die Vor- und Nachteile sowie die notwendigen Merkmale einer einer Schulsportart vorgestellt werden. Im fünften Kapitel erfolgt dann die spezifische Anwendung auf die Sportart Streethandball. Mit Hilfe des Modell von Lamprecht und Stamm (1998) wird die Entstehungsgeschichte von Streethandball auf Übereinstimmungen mit der Entwicklung von Trendsportarten untersucht und anschließend auf die spezifischen Merkmale einer Trendsportart nach Laßleben (2009) überprüft. Die Eignung von Streethandball für die Schule erfolgt anhand eines zuvor festgelegten Kriterienkatalogs. Die so gewonnenen Ergebnisse werden zum Abschluss im Rahmen einer empirischen Erhebung überprüft.

2 Streethandball

“We want to have a game that could be the link between the unorganised and the organised part of team handball. Traditional handball is too physical and has too many rules to attract a wider audience. With Street Handball it is possible to beat the limitations of traditional handball.” (Lasse Boesen)

Frei übersetzt soll Streethandball die Lücke zwischen dem organisierten und unorganisierten Handball füllen, indem es die spielerischen Elemente aus dem Handballspiel mit der Kultur der Straße verbindet. Streethandball überwindet dabei die Einschränkungen, denen der traditionelle Handball unterliegt und kann überall, jederzeit und von jedem individuell gespielt werden. Dabei bietet es eine Vielfalt an möglichen Umsetzungen vom „traditionellen“ Sportspiel, über den kreativen Umgang mit Ball und Umgebung, bis hin zur „Erfindung“ neuer Spiele. Streethandball funktioniert somit als eigenständige Sportart, soll aber gleichzeitig zur Teilnahme am selbstorganisierten Sport befähigen oder das Sprungbrett zum traditionellen Sport sein. Alle wichtigen Informationen, die die Grundlage dieses Kapitels bilden, finden sich auf den Internetseiten http://www.streethandball.org und http://www.goalcha.de.

2.1 Entstehung

Das Handballspiel hat in Dänemark und Deutschland eine lange Tradition[1] und hat sich zu einer

weltweit beliebten Sportart entwickelt. Der Handballsport hat aber auch mit strukturellen Problemen (vgl. u.a. Digel, 1993; König & Zentgraf, 1999) und gesellschaftlichen Veränderungen (vgl. u.a. Kuhlmann, 1996; Burrmann & Baur, 2004; Opper, 2009; Cosler et al., 2003) zu kämpfen, die auch in Dänemark nach neuen Ideen und Konzepten verlangten.

Im Jahre 2008 entwickelten die ehemaligen dänischen Handballspieler Lasse Boesen, Ole Bruun Andersen und Torben Sørensen ein neues Spiel, das fester Bestandteil im Schulsport werden sollte, um so die Popularität des Handballsports zu erhöhen. Die Idee des Streethandball war geboren. Es verging ein halbes Jahr, ehe in Kooperation mit der Firma Select ein Ball entwickelt und produziert wurde, der den Anforderungen und der Philosophie des Spiels entsprach. Es folgte die Gründung der Street Handball Organisation (SHO) und durch die Kooperation mit dem Dänischen Handballverband (DHF) konnte sich das Spiel in den nächsten Jahren rasch verbreiten. Im Dezember 2011 wurde die GOALCHATM[2] GmbH von Lasse Boesen, Ole Bruun Andersen und Torben Sørensen sowie Stefan Kretzschmar und Ciz Schönberger in Deutschland gegründet. Die Aufgabe der GmbH ist die Verbreitung von Streethandball in den deutschsprachigen Ländern.

2.2 Philosophie

Streethandball hat den Anspruch ein „Sport für Alle“ zu sein, der sich aber speziell an Kinder und Jugendliche richtet. Die Grundidee besteht darin, ein fester Bestandteil in deren Freizeit zu werden und sie in den Bereichen Sport, Kreativität, Selbstvertrauen und Verantwortung positiv zu beeinflussen. Um das dafür benötigte Interesse zu entfachen, wird die Umgebung und Kultur der Straße genutzt. Vielfältige und kreative Bewegungserfahrungen sowie der Spielspaß stehen im Vordergrund und der Wettkampfcharakter ist auf ein Minimum reduziert.

2.3 Spiel

Im Streethandball sind alle anspruchsvollen Elemente des Handballspieles entfernt oder angepasst. Die wenigen Basisregeln (vgl. Anhang 1) können von den Spielern jederzeit verändert und an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden.

Beide Teams, bestehend aus je drei oder vier Spielern, spielen auf ein Tor und wechseln nach jedem abgeschlossenen Angriff oder Ballverlust die Rollen. Aus den Offensivspielern werden Defensivspieler und umgekehrt. Einer der Defensivspieler übernimmt die Position des Torwarts, so dass die Offensive immer in Überzahl spielt. Ist ein Spieler in Ballbesitz, darf er nicht dribbeln und nur drei Schritte machen, so dass foulträchtige eins gegen eins Situationen vermieden werden und das Zusammenspiel gefördert wird. Die Spieler sind selber für den Ablauf des Spiels und die Einhaltung der Regeln zuständig. Schiedsrichter sind damit überflüssig.

Neben dem „regulären“ Spiel, bietet Streethandball noch zahlreiche andere Möglichkeiten. Der optionale „Rebounder“[3], der Ball, die Umgebung und die Kreativität der Kinder und Jugendlichen lassen neue Spielideen von alleine entstehen. Hier sollte man ihnen weitgehend freie Hand lassen und immer im Hinterkopf behalten, dass es kein Richtig oder Falsch gibt.

2.4 Ausrüstung

Streethandball benötigt keine teure Ausrüstung, da schon der bereits erwähnte Ball reicht, um Streethandball zu spielen. Der Ball ist für alle Spieler gleichermaßen geeignet und wird ihren verschiedenen motorischen Fähigkeiten gerecht. Er wird aus widerstandsfähigem synthetischem Leder genäht und ist anstelle einer Ballblase mit synthetischer Wolle gefüllt. Dadurch lässt sich der weichere Ball leicht zusammendrücken, kehrt jederzeit in seine Ursprungsform zurück und verursacht keine Schmerzen. Entsprechend der Spielidee von Streethandball wurde der Ball so konzipiert, dass er nicht weg springen oder gedribbelt werden kann und mit einer Hand zu kontrollieren ist. Er fühlt sich an wie ein normaler Handball, erlaubt aber eine bessere Kontrolle und ist aufgrund seiner robusten Oberfläche für den Einsatz im Freien geeignet. Der Steethandball besitzt einen hohen Motivationsfaktor, der dazu führt, dass man ihn, einmal in der Hand habend, so schnell nicht wieder hergeben möchte.

3 Trendsport

Windsurfing, Streetball, Beachvolleyball, Cross-Golf, Speedminton oder Parkour haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Bei näherer Betrachtung fällt indes auf, dass alle Aktivitäten aktuell oder in der Vergangenheit mit dem Label „Trendsport“ versehen sind und waren. Dieses wird als Synonym für vielfältige Sport- und Bewegungsformen genutzt, die risikoreich und innovativ sind sowie häufig von Jugendlichen ausgeübt werden. Im sportwissenschaftlichen Kontext muss der Begriff jedoch differenzierter betrachtet werden.

3.1 Begriffsdiskussion und Forschungsstand

3.1.1 Trend

Ein Trend ist eine „über einen gewissen Zeitraum bereits zu beobachtende, statistisch erfassbare Entwicklung[stendenz]“ (Duden, 2012). Er zeichnet sich unter anderem durch die Merkmale „Wirkungsdauer“ „und Wirkungsbreite“ aus. Diese setzt Wopp (2006, S.15) in seinem Trendportfolio zueinander in Beziehung und differenziert zwischen „Mode“, „Hype“, „Trend“, „Nischentrend“ und „Megatrend“. Seine Überlegungen führen ihn zu der folgenden Definition eines Trends: „Trends sind durch Menschen bewirkte Grundrichtungen von Entwicklungen, die als Metaphern im Bewusstsein vieler Menschen verankert sind und Handlungen großer Bevölkerungsgruppen mindestens 5 Jahre lang beeinflussen.“ (Wopp, 2006, S.24)

3.1.2 Sport

Der Begriff „Sport“ wurde früher „als umfassende Bezeichnung für alle mit der planmäßigen Körperschulung und mit der körperlichen Betätigung im Wettkampf und Wettspiel zusammenhängende Belange“ genutzt (Breuer & Sander, 2003, S.43). Neue Sportaktivitäten und veränderte Formen des Sporttreibens erfassen immer mehr Menschen und integrieren den Sport neben der Freizeit auch in Bereiche des Alltags und Berufs. Diese Veränderungen führen zu einer Ausweitung des Sportbegriffs, so dass heute eine weniger am Wettkampf orientierte und individuellere Definition zu Grunde gelegt wird. In diesem Sinne verstehen Balz et al. (1994, S.19) Sport als ein „freiwilliges, zweckentlastetes und ganzheitliches Tun, in dem es vor allem darum geht, […] Bewegungsaufgaben durch individuelles Können regelbezogen zu bewältigen und dies im eigenen Handeln als sinnvoll erleben zu können.“

Eine noch weitere Definition liefert Wopp (2006, S.24), indem er alle Lösungen von Bewegungsaufgaben, die im Auge der Aktiven als sportlich gelten, als Sport bezeichnet.

3.1.3 Definition von Trendsport

Wie lassen sich diese beiden Begriffe nun zusammenbringen? Gleich vier verschiedene Ansätze zur Definition von Trendsport liefern Breuer und Michels (2003, S.13ff.). Der quantitative Ansatz beschreibt dabei Trendsportarten als „eine Sport- oder Bewegungsform, die in einem kurz- oder mittelfristig zurückliegendem Zeitraum eine deutliche Nachfragesteigerung aufweist.“ (ebd., S.13). Mit dem qualitativen Ansatz werden Unterschiede zu den traditionellen Sportarten in den Mittelpunkt gestellt und der soziale Ansatz beschreibt den Trendsportbegriff in Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Kontext. Der vierte, quantitativ-qualitative, Ansatz verbindet sämtliche Formen der Nachfragesteigerung mit Merkmalen der Andersartigkeit. Dieser Ansatz findet bei Lamprecht und Stamm (1998, S.370) ebenso Anwendung, wie bei Schwier, der den Begriff „Trendsportart“ zur Kennzeichnung von „neuartigen bzw. lifestylegerecht aufbereiteten Bewegungspraktiken [verwendet], denen kurz- oder mittelfristig ein erhebliches Verbreitungspotenzial vorhergesagt werden kann“ (Schwier, 2000 S.52).

3.2 Entwicklung von Trendsportarten

Neue Sportarten besitzen ihre individuelle Entstehungsgeschichte. Vergleicht man diese miteinander, lassen sich dennoch Regelmäßigkeiten erkennen, mit deren Hilfe sich ein idealtypisches Modell der Ausbildung und Verbreitung von Trendsportarten begründen lässt.

Lamprecht und Stamm (1998, S.374) haben verschiedene Trendsportarten analysiert und festgestellt, dass diese auf dem Weg vom „avantgardistischen Lebensstil zur Massenfreizeit“ bestimmte Muster aufweisen und verschiedene Phasen durchlaufen. Auf Basis dieser Beobachtungen entwickelten sie ein Modell (siehe Anhang 2), das sich am aus der Wirtschaft bekannten Produktlebenszyklus[4] orientiert und die in der Wirtschaft geltenden allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und Wettbewerbsmechanismen auf den Sport überträgt[5].

Demnach ist eine neue Sportart nach ihrer Erfindung (Phase 1: Invention) zunächst nur einem kleinen Kreis an Personen zugänglich, der sie beständig weiterentwickelt (Phase 2: Innovation). Ist die neue Bewegungsform interessant genug, wird sie von (jugendlichen) Subkulturen aufgegriffen und verbreitet sich als Gegenbewegung zur traditionellen Sportwelt (Phase 3: Entfaltung und Wachstum). Unter der Voraussetzung, dass die Bewegungsform relativ einfach zu erlernen ist und ein gewisses Marktpotenzial aufweist, erfährt sie ein hohes Interesse von Sportlern, Medien und Industrie. Der „Trend wird zum Allgemeingut“ und es kommt zur Bildung formeller Organisationen (Phase 4: Reife und Diffusion). Die letzte Phase ist gekennzeichnet durch Differenzierungs- und Spezialisierungsprozesse, an deren Ende eine „Normalsportart“ steht, die vollwertiger Bestandteil der etablierten Sportwelt ist (Phase 5: Sättigung).

3.3 Trends im Sport

„Erst wenn die gesellschaftliche Entwicklung eine neue Richtung einschlägt, sich neue Bedürfnisse oder Wertvorstellungen etablieren, werden andere Sportarten zu Trendsportarten, und die heutigen werden möglicherweise als traditionell(er) bezeichnet“ (Küßner, 2002, S.23).

Diese Aussage verdeutlicht, dass Trendsportarten von gesellschaftlichen Veränderungen abhängig sind. Je mehr eine neue Sportart den Trends im Sport und damit den veränderten Bedürfnissen entspricht, desto wahrscheinlicher wird sie zur Trendsportart werden. Für das Verständnis von Trendsportarten ist es also notwendig, sich zunächst über die Trends im Sport bzw. die sportliche Wirklichkeit von Kindern und Jugendlichen zu informieren. Dafür wird im Folgenden auf drei Faktoren näher eingegangen.

3.3.1 Informalisierung des Sporttreibens

Institutionen wie Vereine, Verbände und die Schule verlieren an Legitimation und Akzeptanz und werden zunehmend durch Sporttreiben im informellen Kontext ersetzt. Dieser Trend vom „verbindlichen zum unverbindlichen Sport“ (Schildmacher, 1998, S.18) entspricht dem Wunsch, Sport entsprechend der eigenen Erwartungen zu gestalten, gemeinsame Sportaktivitäten abwechslungsreich zu organisieren und Sport zu treiben, wann, wo und wie lange man will (Telschow, 2000, S.95). Dieser Trend wird durch die Entwicklungen „von der Indoor- zur Outdoorvariante“[6] (Schildmacher, 1998, S.16f.) und „vom großen Mannschafts- zum kleinen Gruppensport“[7] (Schildmacher, 1998, S.17) unterstützt. Exemplarisch seien hier Streetball, Streetsoccer oder eben Streethandball genannt. Hier wurden traditionelle Sportarten aus ihrem traditionellen Kontext herausgelöst und neu inszeniert. Dadurch ist ein individuelles Sporttreiben unabhängig von Trainings- oder Öffnungszeiten möglich. Gleichzeitig führt die Reduktion von Spielern und Spielfeld zu einer höheren Dynamik und damit zu dem von Schwier (2000, S.82f.) beschriebenen „Trend zur Beschleunigung“.

3.3.2 Entnormierung des Sports

Der von Schildmacher (1998, S.16) aufgezeigte Trend vom „normierten zum unnormierten Sport“ zeigt sich in der Öffnung der Technik, der Vereinfachung der Regeln sowie der Individualisierung der Umgebungsbedingungen. Die Ausübung des Sports geht dabei über das reine traditionelle Sporttreiben hinaus und wird als Element des Lebensstils betrieben, bei dem nicht der Leistungsgedanke im Mittelpunkt steht, sondern das Erlernen neuer Tricks und Fertigkeiten. Diese Tendenzen bezeichnet Schwier (2000) als Stilisierung (S.81f.) und Virtuosität (S.84):

3.3.3 Erlebnisorientierung

Training, Wettkampfresultate und Disziplin gehören nicht länger zu den Handlungsmotiven der Kinder und Jugendlichen. Stattdessen stehen der Spielverlauf und die kreative Auseinandersetzung mit der Sportart im Vordergrund. Diese Auseinandersetzung erfolgt häufig nicht mehr auf dem Sportplatz, sondern dem „Trend des Sampling“ und dem „Trend zur Eventorientierung“ folgend, auf den von angesagten Firmen organisierten Sportveranstaltungen mitten in der Stadt (Schwier, 2003, S.108ff.). Hierbei handelt es sich um „Gesamtinszenierungen, die das eigene Sich-Bewegen mit dem Genuss professioneller Darbietungen, mit einer Partykultur und mit Produktwerbung verbindet“ (ebd, 2003, S.109).

Die Entwicklung von einer Ergebnis- zur Erlebnisorientierung beinhaltet zudem den „Trend vom geschützten zum risikoreichen Sport“ (Schildmacher, 1998, S.17f.) bzw. den „Trend zur Extremisierung“ (Schwier, 2000, S.85f.) und äußert sich in der Suche nach dem Extremen und dem Austesten immer neuer Grenzen[8].

3.4 Merkmale von Trendsportarten

Aus den beschriebenen Trends im Sport und den verschiedenen Definitionen von Trendsport, hat Laßleben (2009, S.39ff.) eine Liste von Merkmalen erstellt, die für eine Trendsportart charakteristisch sind. Anhand dieser Merkmale soll im späteren Verlauf dieser Arbeit geprüft werden, inwiefern es sich bei Streethandball um eine Trendsportart handelt oder nicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Merkmale einer Trendsportart nach Laßleben (2009, S.39ff.)

3.5 Zusammenfassung

Der Begriff „Trend“ ist keinem spezifischen Anwendungsbereich zuzuordnen und kann somit zur Beschreibung von Sportarten benutzt werden. In der Fachliteratur finden sich zahlreiche Definitionen, die verdeutlichen, dass eine einheitliche Begriffsdefinition aufgrund fehlender Trennschärfe nicht möglich ist. Dieser Umstand zeigt sich ferner in dem Versuch, die Entwicklung von Trendsportarten anhand von Modellen zu beschreiben. Die unzähligen Trendverläufe sowie die mögliche Kurzlebigkeit von Trendsport an sich führen dazu, dass nicht alle Eventualitäten abgedeckt werden können und der Übergang zwischen den Phasen nur schwer vorherzusagen ist (Laßleben, 2009, S.53; Wopp 2006, S.57f.). Weiterhin sind Trendsportarten von gesellschaftlichen und sportlichen Entwicklungen beeinflusst. Hier sind die von Schwier (1998) und Schildmacher (1998) ausgemachten „Trends“ zu nennen, die sich in den drei zentralen Entwicklungen Informalisierung, Entnormierung und Erlebnisorientierung zusammenfassen lassen.

Von diesen Überlegungen ausgehend hat Laßleben sieben charakteristische Merkmale aufgelistet, die eine Unterscheidung in traditionelle Sportarten und Trendsportarten ermöglichen sollen. Diese bilden zudem die Grundlage für seine Definition von Trendsport, die dieser Arbeit zu Grunde liegt.

„Unter Trendsport werden neue, sportliche Bewegungsformen verstanden, die sich über mehrere Jahre hinweg zunehmender Beliebtheit erfreuen. Trendsport wird primär in informellen Kontexten organisiert, betont erlebnis- und verlaufsorientiert ausgeübt und vorwiegend nach stilistischen Kriterien bewertet. Die durch ihre Verbindung mit hochwertigen Sportgeräten exklusiven Sportarten werden von den Aktiven in ihren Lebensstil eingebunden und umfassend kommerzialisiert“ (Laßleben, 2009, S.45).

Alle bisher unternommenen Versuche, Trendsportarten zu definieren, zu bestimmen und nach bestimmen Kriterien zu ordnen, funktionieren immer nur für einen bestimmten Ausschnitt aus der Welt des Trendsports. Ob nun traditioneller Sport, Trendsport, Mode, Hype, Nischen- oder Megatrend – eine klare Abgrenzung und damit die Vergabe des Labels „Trendsport“ ist nicht immer möglich und muss schlussendlich für jede Sportart individuell überprüft werden. Eine solche Überprüfung erfolgt für Streethandball in Kapitel 5.1 anhand des Modells von Lamprecht und Stamm (1998) und den Merkmalen einer Trendsportart nach Laßleben (2009).

4 Die Diskussion über Trendsport im Schulsport

Veränderungen in Gesellschaft und Sport, eine in der Folge veränderte Spiel- und Bewegungswelt der Kinder sowie neue Interessen und Motive führen zu einem Attraktivitätsverlust der traditionellen Sportarten und machen Trendsportarten zu einer festen Größe der gegenwärtigen Sport- und Bewegungskultur. Die Lehrkräfte wissen um deren Popularität und Beliebtheit[9] bei den Schülern, die wiederum Trendsportangebote im Unterricht vermissen und traditionelle Sportarten überrepräsentiert sehen (Brettschneider & Kuhlmann, 2006, S.15).

In der Vergangenheit wäre eine Aufnahme von Trendsportarten in den Sportunterricht trotzdem kaum denkbar gewesen, da der einheitliche Sportbegriff die Grundlage für einen verbindlichen traditionellen Schulsportartenkanon bildete (Schulz, 1994, S.499). Dieser war im Laufe der Jahre im außerschulischen Bereich jedoch immer weniger gefragt. Eintönigkeit, Motivationsdefizite und die Forderung nach einer Ergänzung der traditionellen Inhalte waren die Folge. Nach langwierigen Diskussionen erfolgte 1972 die Aufnahme außerschulischer Sportarten im Rahmen des ersten Aktionsprogramms für den Schulsport (König, Zentgraf, 1999, S.269). Im zweiten Aktionsprogramm von 1985 wurde dann die Aufgabe formuliert, außerschulischen Sport im Sportunterricht zum Thema werden zu lassen (Kultusministerkonferenz, 1985, S.4).

Gegenwärtig hat sich der Doppelauftrag eines erziehenden Sportunterrichts[10] durchgesetzt, dessen offene Formulierung die Einführung von Trendsport im Unterricht ermöglicht. In der Praxis werden die neuen Inhalte jedoch nur unzureichend angeboten, so dass in diesem Zusammenhang noch einige Fragen zu klären sind (Gerlach et al., 2006, S.150):

Was sind die Vor- und Nachteile von Trendsport in der Schule? Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein? Und wie positioniert sich die Fachdidaktik zu diesem Thema?

[...]


[1] Eine ausführliche Schilderung der historischen Entwicklung findet sich bei Eggers, Erik (2007).

[2] Der Begriff Goalcha setzt sich aus dem englischen Wort „goal“ (Tor) und dem vom Wort „you“ (Du) abgeleiteten Begriff „Cha“ zusammen. In Anlehnung an das Wort „Gotcha“, was soviel wie „Hab Dich“ bedeutet, lässt sich Goalcha mit „Ich hab ein Tor gegen dich gemacht“ übersetzen (Übersetzung des Autors dieser Arbeit).

[3] Ein gerahmtes, straff gespanntes Netz, von dem der Ball abprallt und entsprechend dem Spiel verwertet werden kann.

[4] Der Absatz von zeitlich begrenzten Produkten verläuft nicht kontinuierlich sondern in Wellen.

[5] Schwier präsentiert gibt es ein Modell mit sechs Phasen, das von der Überlegung ausgeht, dass Trendsportarten Produkte sind, die ein aktives Zutun der Akteure erfordern (1998, S.12f.). Da es aber zu ähnlichen Ergebnissen kommt, ist es nicht Bestandteil dieser Arbeit.

[6] Diese Entwicklung kann nicht verallgemeinert werden, da gleichzeitig auch Fitnessstudios und Indoorhallen entstehen.

[7] Hallenvolleyball mit zwölf Spieler vs. Beachvolleyball mit vier Spielern, Hallenhandball mit 14 Spielern vs.Steethandball mit acht Spielern und Fußball mit 22 Spielern vs. Streetsoccer mit zehn Spielern.

[8] Dabei handelt es sich um eine subjektive Risikosteigerung, da zeitgleich die Sicherheitsbedingungen verbessert werden (Laßleben, 2009, S.49). Da viele extreme Sportarten zwar begeistern, in der Realität aber nur von Wenigen ausgeübt wird ist dies vielmehr ein theoretisches Phänomen (Burmann & Baur, 2004, S.67).

[9] 62,5% der Befragten geben an, dass Thema Trendsportarten in ihrem Sportunterricht zu behandeln (Sieland, 2003, S.135).

[10] Damit sind bestimmte Zielsetzungen für den Schulsport verbunden. Den Schülern sollen verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt werden, so dass sie eine umfassende Handlungsfähigkeit erlangen, sich eine vielfältige Sport- und Bewegungskultur erschließen, ihre Persönlichkeit entwickeln und zur lebenslangen Teilhabe am Sport angeregt werden.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Streethandball - eine neue Trendsportart für die Schule?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Sportwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
54
Katalognummer
V208796
ISBN (eBook)
9783656396017
ISBN (Buch)
9783656396222
Dateigröße
1968 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
streethandball, trendsportart, schule
Arbeit zitieren
Stefan Moors (Autor), 2012, Streethandball - eine neue Trendsportart für die Schule?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208796

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