Rechtsscheinhaftung des Geschäftsführers einer Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) wegen Falschangabe der Rechtsform

Unter Berücksichtigung der Rechtslage zur Rechtsscheinhaftung des Geschäftsführers einer GmbH


Ausarbeitung, 2012

48 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

A. Problemaufriss

B. Grundsätze allgemeiner Rechtsscheinhaftung
I. Voraussetzungen
1. Rechtsscheintatbestand
2. Zurechenbarkeit des Rechtsscheintatbestands
3. Konkrete Schutzbedürftigkeit des Vertragspartners
II. Rechtsfolgen

C. Rechtsprechung des BGH
I. Die Rechtsprechung zur GmbH
1. Die Entscheidung vom 3. Februar 1975
2. Die Entscheidung vom 3. Februar 1975
3. Die Entscheidung vom 1. Juni 1981
4. Die Entscheidung vom 7. Mai 1984
5. Die Entscheidung vom 15. Januar 1990
6. Die Entscheidung vom 5. Februar 2007
II. Die Entscheidung zur Unternehmergesellschaft
1. Tatbestand
2. Vorinstanzen
a) Landgericht Braunschweig
b) Oberlandesgericht Braunschweig
III. Übertragung der Haftungsrechtsprechung auf die Unternehmergesellschaft
1. Fallgruppen
a) Fehlender Rechtsformzusatz
b) Fehlerhafter Rechtsformzusatz
2. Haftung des Handelnden
a) Allgemeine Rechtsscheinhaftung
b) Entsprechende Anwendung des § 179 BGB
c) Außenhaftung
d) Beweislast
IV. Zusammenfassung

D. Diskussion und Bewertung
I. Anwendungsfälle für die Haftung in der Unternehmergesellschaft
1. Bezeichnung einer Unternehmergesellschaft als „GmbH“
2. Weglassen oder Abkürzen des Warnhinweises „(haftungsbeschränkt)“
3. Umstellung der Wortreihenfolge oder Umformulierung
II. Vertragspartner
III. Haftung des Handelnden
1. Allgemeine Rechtsscheinhaftung
a) Haftungsumfang
b) Entsprechende Anwendung des § 179 BGB
2. Anfechtung
3. Culpa in contrahendo
4. § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 5a Abs. 1 GmbHG
5. § 826 BGB
IV. Anspruchsgegner
1. Außenhaftung
2. Innenhaftung
V. Beweislast

E. Stellungnahme und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Altmeppen, Holger

Geschäftsleiterhaftung für Weglassen des Rechtsformzusatzes aus deutsch-

europäischer Sicht,

ZIP 2007, S. 889-896.

ders.

Irrungen und Wirrungen um den täuschenden Rechtsformzusatz und seine Haftungsfolgen,

NJW 2012, S. 2833-2839.

Bamberger, Georg/Roth, Herbert (Hrsg.)

Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Band 1 (§§ 1-240),

3. Auflage, München 2011.

Baumbach, Adolf (Begr.)

Beck’scher Kurzkommentar zum Handelsgesetzbuch,

35. Auflage, München 2012.

Baumbach, Adolf/Hueck, Alfred (Hrsg.)

Beck’scher Kurzkommentar zum Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG),

19. Auflage, München 2010.

Bork, Reinhard/Schäfer, Carsten (Hrsg.)

Kommentar zum GmbH-Gesetz,

2. Auflage, Köln 2012.

Braun, Eberhard (Hrsg.)

Kommentar zur Insolvenzordnung,

4. Auflage, München 2010.

Brox, Hans/Henssler, Martin

Handelsrecht mit Grundzügen des Wertpapierrechts

21. Auflage, München 2011.

Bühler, Christoph

Zur (Rechtsschein-)Haftung einer GmbH,

GmbHR 1991, S. 356-358.

Ebenroth, Thomas/Boujong, Karlheinz/Joost, Detlev (Hrsg.)

Kommentar zum Handelsgesetzbuch, Band 1 (§§ 1-342e),

2. Auflage, München 2008.

Canaris, Claus-Wilhelm

Die Vertrauenshaftung im deutschen Privatrecht,

München 1971.

ders.

Handelsrecht,

24. Auflage, München 2006.

ders.

Rechtsscheinhaftung wegen Fortlassung des Formzusatzes „GmbH“, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 24.06.1991, Az. II ZR 293/90,

NJW 1991, S. 2627-2629.

Fleischer, Holger/Goette, Wulf (Hrsg.)

Münchener Kommentar zum Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung – GmbHG, Band 1 (§§ 1-34),

München 2010.

Gasteyer, Thomas

Die Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt), Praktische Umsetzung des § 5a GmbHG aus anwaltlicher Sicht,

NZG 2009, S. 1364-1368.

Gehb, Jürgen/Drange, Günter/Heckelmann, Martin

Gesellschaftsrechtlicher Typenzwang als Zwang zu neuem Gesellschaftstyp,

NZG 2006, S. 88-96.

Gehrlein, Markus

Der aktuelle Stand des neuen GmbH-Rechts,

Der Konzern 2007, S. 771-796.

Grigoleit, Christoph/Rieder, Markus

GmbH-Recht nach dem MoMiG. Analyse – Strategie – Gestaltung,

München 2009.

Goette, Wulf

Aktuelle Entwicklungen im deutschen Kapitalgesellschaftsrecht im Lichte der höchstrichterlichen Rechtsprechung,

DStR 2009, S. 51-57.

ders.

Chancen und Risiken der GmbH-Novelle,

WPg 2008, S. 231-238.

ders.

Einführung in das neue GmbH-Recht,

München 2008.

ders.

Rechtsscheinhaftung des für die Gesellschaft Auftretenden, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 08.07.1996, Az. II ZR 258/95,

DStR 1996, S. 1372-1374.

Goette, Wulf/Habersack, Mathias (Hrsg.)

Das MoMiG in Wissenschaft und Praxis,

Köln 2009.

Haas, Ulrich

Die Vertreterhaftung bei Weglassen des Rechtsformzusatzes nach § 4 II GmbHG,

NJW 1997, S. 2854-2857.

Heckschen, Heribert

Gründungserleichterungen nach dem MoMiG – Zweifelsfragen in der Praxis,

DStR 2009, S. 166-174.

Henssler, Martin/Strohn, Lutz (Hrsg.)

Gesellschaftsrecht, Beck’scher Kurzkommentar,

München 2011.

Holzner, Stefan

Die Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) im Wettbewerb der Gesellschaftsrechtsformen,

Hamburg 2011.

Jauernig, Othmar (Hrsg.)

Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch,

14. Auflage, München 2011.

Jung, Peter

Handelsrecht

9. Auflage, München 2012.

Kirchhof, Hans-Peter/Lwowski, Hans-Jürgen/Stürmer, Rolf (Hrsg.)

Münchener Kommentar zur Insolvenzordnung, Band 1 (§§ 1-102 InsO, InsVV),

2. Auflage, München 2007.

Kleindiek, Detlef

Auf dem Weg zur Reform des GmbH-Rechts – Die Initiative zur Reform des Mindestkapitals der GmbH (MindestkapG),

DStR 2005, S. 1366-1369.

Kneisel, Katharina

Rechtsscheinhaftung im BGB und HGB – mehr Schein als Sein,

JA 2010, S. 337-342.

Kort, Michael

Die Haftung der Beteiligten im Vorgründungsstadium der GmbH,

DStR 1991, S. 1317-1321.

Lutter, Marcus/Hommelhoff, Peter

Kommentar zum GmbH-Gesetz,

18. Auflage, Köln 2012.

Meckbach, Anne

Haftungsfolgen unrechtmäßiger Firmierung einer UG (haftungsbeschränkt)?,

NZG 2011, S. 968-972.

Michalski, Lutz (Hrsg.)

Kommentar zum Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG), Band I (§§ 1-34),

2. Auflage, München 2010.

Miras, Antonio

Aktuelle Fragen zur Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt),

NZG 2012, S. 486-491.

ders.

Die neue Unternehmergesellschaft, UG (haftungsbeschränkt) und vereinfachte Gründung nach neuem Recht,

2. Auflage, München 2011.

ders.

Handelndenhaftung für fehlerhafte Firmierung im Rechtsverkehr,

NZG 2012, S. 1095-1098.

ders.

Rechtsscheinhaftung bis zur Höhe von 25.000 Euro bei Handeln für eine als GmbH

bezeichnete UG, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 12.06.2012, Az. II ZR 256/11,

GWR 2012, S. 372.

Oetker, Hartmut

Handelsrecht

6. Auflage, Berlin 2010.

Palandt, Otto (Begr.)

Beck’scher Kurzkommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch,

71. Auflage, München 2012.

Pöschke, Moritz

UG (haftungsbeschränkt) – Rechtsscheinhaftung bei Verwendung des Rechtsformzusatzes „GmbH“, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 12.06.2012, Az. II ZR 256/11,

DStR 2012, S. 1814-1817.

Roth, Günter H./Altmeppen, Holger

Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG), Kommentar,

7. Auflage, München 2012.

Römermann, Volker

Die Unternehmergesellschaft – manchmal die bessere Variante der GmbH. Wider die vorurteilsbelastete Sicht einer neuen Gesellschaftsform,

NJW 2010, S. 905-910.

ders.

Rechtsscheinhaftung der für eine niederländische B.V. auftretenden Personen, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 05.02.2007, Az. II ZR 84/05,

GmbHR 2007, S. 593-596.

ders.

Rechtsscheinhaftung des für eine UG auftretenden Vertreters bei Verwendung des unrichtigen Formzusatzes „GmbH“, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 12.06.2012, Az. II ZR 256/11,

GmbHR 2012, S. 953-958.

Saenger, Ingo/Inhester, Michael (Hrsg.)

Nomos Handkommentar zum GmbHG,

Baden-Baden 2011.

Säcker, Franz Jürgen/Rixecker, Roland (Hrsg.)

Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Band 1 (§§ 1-240),

6. Auflage, München 2012.

Säcker, Franz Jürgen/Rixecker, Roland (Hrsg.)

Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Band 2 (§§ 241-432),

6. Auflage, München 2012.

Säcker, Franz Jürgen/Rixecker, Roland (Hrsg.)

Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Band 5 (§§ 705-853),

5. Auflage, München 2009.

Schanze, Erich

Sanktionen bei Weglassen eines die Haftungsbeschränkung anzeigenden Rechtsformzusatzes im europäischen Rechtsverkehr,

NZG 2007, S. 533-536.

Schmidt, Karsten (Hrsg.)

Münchener Kommentar zum Handelsgesetzbuch, Band 1 (§§ 1-104a),

3. Auflage, München 2011.

Schmidt, Karsten/Schwark, Eberhard (Hrsg.)

Unternehmen, Recht und Wirtschaftsordnung, Festschrift für Peter Raisch zum 70. Geburtstag,

Köln 1995.

Schmidt-Salzer, Joachim

Haftung des GmbH-Geschäftsführers nach Rechtsscheingrundsätzen, Anmerkung zu BGH, Urt. v. 03.02.1975, Az. II ZR 128/73,

NJW 1975, S. 1511-1512.

Scholz, Franz (Begr.)

Kommentar zum GmbH-Gesetz, mit Anhang Konzernrecht, III. Band ( §§ 53-85, Nachtrag MoMiG),

10. Auflage, Köln 2010.

Schreiber, Alexander

Die Unternehmergesellschaft als Rechtsformvariante im Gefüge des GmbH-Rechts,

DZWIR 2009, S. 492-499.

Staudinger, Julius von

Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch mit Einführungsgesetz und Nebengesetzen, Buch 1 (§§ 164-240; Allgemeiner Teil, Teil 5),

Neubearbeitung, Berlin 2009.

Staudinger, Julius von

Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch mit Einführungsgesetz und Nebengesetzen, Buch 2 (§§ 823 E-I, 824, 825; Unerlaubte Handlungen, Teilband 2),

Neubearbeitung, Berlin 2009.

Ulmer, Peter/Habersack, Mathias/Winter, Martin (Hrsg.)

Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG), Großkommentar, Band I (§§ 1-28),

Tübingen 2005.

dies.

Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG), Großkommentar, Ergänzungsband MoMiG,

Tübingen 2010.

Veil, Rüdiger

Die Unternehmergesellschaft nach dem Regierungsentwurf des MoMiG – Regelungsmodell und Praxistauglichkeit,

GmbHR 2007, S. 1080-1086.

Wälzholz, Eckhard

Die Reform des GmbH-Rechts,

MittBayNot 2008, S. 425-437.

Weber, Jörg-Andreas

Die Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt),

BB 2009, S. 842-848.

Wicke, Hartmut

Kommentar zum Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG),

2. Auflage, München 2011.

Ziemons, Hildegard/Jaeger, Carsten (Hrsg.)

Beck’scher Online-Kommentar, GmbHG (Stand: 1.9.2012, Edition 12),

München 2012.

A. Problemaufriss

Mit der Einführung des am 1. November 2008 in Kraft getretenen „Gesetzes zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen“ (MoMiG) hat der Gesetzgeber eine weitere Rechtsform im nationalen Gesellschaftsrecht geschaffen: die Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt)[1]. Die Niederlassungsfreiheit und diverse Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs haben in der Europäischen Union zu einem Wettbewerb der nationalen Rechtsordnungen und in der Folge gleichfalls zu einem Wettbewerb nationaler Gesellschaftsformen geführt. In Deutschland wurde nicht zuletzt die englische „Limited Company (Ltd.)“ zu einer ernsthaften Konkurrenz für die GmbH. Es bestand sogar die Sorge, dass sie die GmbH zunehmend verdrängt.[2] Aus dem MoMiG ist nun in § 5a GmbHG die Unternehmergesellschaft hervorgegangen, die die Attraktivität der deutschen GmbH verbessern soll.[3] Sie stellt eine Rechtsformvariante der GmbH dar und kann bereits mit einem Startkapital von einem Euro gegründet werden.[4] Das Hauptanliegen hinter der Festlegung eines so geringen Stammkapitals war es, Existenzgründungen durch kostengünstige und zügige Errichtung zu erleichtern.[5] Die deutsche GmbH – ob als Unternehmergesellschaft oder als vollwertige 25.000-Euro-GmbH – sollte für junge Unternehmensgründer und Kleinunternehmer wieder attraktiv werden.

Die neue Gesellschaftsform birgt allerdings auch manches Risiko. Die neuen gesellschaftsrechtlichen Regelungen können insbesondere für Kleinunternehmer, die zügig ein eigenes Unternehmen ohne entsprechend versierte Hilfe gründen wollen, Verwirrung stiften. Denn auch für die Unternehmergesellschaft gelten alle Vorschriften des gesamten deutschen Rechts, die die GmbH betreffen.[6] Die für eine Unternehmergesellschaft im Rechtsverkehr auftretende Person – in aller Regel ist dies der Geschäftsführer – hat die gleichen Sorgfaltsanforderungen zu befolgen, wie sie für den Vertreter einer GmbH gelten. In diesem Zusammenhang wurde in der Literatur bereits seit Einführung der Unternehmergesellschaft insbesondere darüber diskutiert, welche Rechtsfolgen es haben kann, falls die für eine Unternehmergesellschaft handelnde Person im Rechtsverkehr mit einem falschen Rechtsformzusatz auftritt.

Eine Firma kann in Bezug auf die korrekte Führung des Rechtsformzusatzes im Rechtsverkehr in zwei verschiedenen Formen unzulässig vertreten werden. Entweder der Vertreter lässt die Rechtsform ganz weg oder sie wird falsch verwendet. Bei einer falschen Bezeichnung kann wieder unterschieden werden. Sie kann eine existierende, aber rechtlich verschiedene Rechtsform beinhalten oder sie bezeichnet eine Rechtsform, die in der Weise nicht existent ist. Die Rechtsprechung hat für Fälle, in denen der Vertreter das Vertretungsgeschäft zwar als solches offenlegt, aber auf eine bestehende gesetzliche Haftungsbeschränkung des Vertretenen nicht hinweist, die Rechtsscheinhaftung des Handelnden analog § 179 BGB entwickelt. Dies betraf aber ausschließlich das Handeln für eine GmbH im Rahmen von Geschäftsabschlüssen, bei denen ohne den erforderlichen Rechtsformzusatz „GmbH“ gezeichnet wurde.[7] Nun hatte der BGH erstmals darüber zu entscheiden, ob dieser Rechtsgedanke entsprechend gilt, wenn eine Unternehmergesellschaft unter Verstoß gegen § 5a Abs. 1 GmbHG im Rechtsverkehr als „GmbH“ auftritt.[8]

In der vorliegenden Arbeit, werden die Verwendung eines fehlerhaften oder fehlenden Rechtsformzusatzes und dessen rechtliche Auswirkungen auf eine mögliche Haftung des Handelnden dargestellt. Im Mittelpunkt steht hierbei die Entscheidung des BGH zur Unternehmergesellschaft. Das Gericht hatte darüber zu entschieden, welche Folgen die Firmierung einer Unternehmergesellschaft als GmbH hat. Darüber hinaus gibt es aber weitere Konstellationen, in denen eine Unternehmergesellschaft im Rechtsverkehr falsch vertreten werden kann. Die weiteren Anwendungsfälle einer unzulässigen Firmierung sowie die Rechtsfolgen für die Haftung des unmittelbar Handelnden sollen in dieser Arbeit aufgezeigt werden. Der BGH greift in seiner Entscheidung die Rechtsprechung zur Handelndenhaftung bei der GmbH auf und überträgt diese in weiten Teilen auf die Unternehmergesellschaft. Um diese Vorgehensweise nachvollziehen zu können, soll zunächst die zur GmbH ergangene Rechtsprechung in ihren Grundzügen dargestellt werden. Sowohl die Rechtsprechung als auch weite Teile der Literatur sehen die Haftung des für die Firma handelnden Vertreters in den Grundsätzen der allgemeinen Rechtscheinhaftung verankert. Diese Grundsätze sollen zu Beginn der Arbeit kurz umrissen werden, um die behandelte Problematik hinreichend einordnen und umfassend darstellen zu können.

B. Grundsätze allgemeiner Rechtsscheinhaftung

Die Rechtsscheinhaftung ist gesetzlich nicht geregelt.[9] Sie beruht aber letztlich auf dem Grundsatz von Treu und Glauben und hat in einigen Fallgruppen Anwendung gefunden.[10] So gibt es beispielsweise im Bürgerlichen Recht die Anscheinsvollmacht und im Handelsrecht den Scheinkaufmann.[11] Die bestehenden Fallgruppen eint aber die Voraussetzung des Vorliegens bestimmter Kriterien. Im Grundsatz setzt die Rechtscheinhaftung voraus, dass der in Anspruch Genommene den Anschein einer entsprechenden Rechtslage in zurechenbarer Weise erweckt hat, die Gegenpartei auf diesen Anschein tatsächlich vertraute und gutgläubig war.

I. Voraussetzungen

1. Rechtsscheintatbestand

Objektive Voraussetzung einer Rechtsscheinhaftung ist stets das Vorliegen eines Scheintatbestandes. Dieser kann sich zum einen aus einer ausdrücklichen Erklärung und zum anderen aus einem konkludenten Verhalten ergeben.[12] Ob ein ausreichender Rechtsschein gesetzt wurde, richtet sich dabei nach den Grundsätzen der objektiven Auslegung analog §§ 133, 157 BGB.

2. Zurechenbarkeit des Rechtsscheintatbestands

Der Rechtsschein muss dem Handelnden zurechenbar sein. Dies bedeutet, dass der Scheintatbestand durch das Verhalten desjenigen veranlasst worden sein muss, dessen Einstandspflicht begründet werden soll.[13] Ein Verschulden ist dabei nicht erforderlich. Vielmehr erfolgt die Zurechnung durch das Veranlassungs- bzw. Risikoprinzip.[14] Das Veranlassungsprinzip hat zur Folge, dass der Handelnde geschäftsfähig sein muss, da sonst der Verkehrsschutz Vorrang vor dem Schutz des Nichtgeschäftsfähigen hätte.[15]

3. Konkrete Schutzbedürftigkeit des Vertragspartners

Erste Voraussetzung in der Person des vertrauenden Dritten ist dessen guter Glaube, denn nur der gutgläubige Dritte ist schutzwürdig. Dieser fehlt jedenfalls dann, wenn er positive Kenntnis von der wahren Rechtslage hatte. Sofern ihm der Sachverhalt unbekannt ist, kommt es darauf an, ob der Dritte grob fahrlässig gehandelt hat.[16]

Der Dritte muss ferner Kenntnis von dem Scheintatbestand erlangt haben, da er nur dann in seinem Vertrauen auf diesen Scheintatbestand schutzwürdig ist.[17] Die Beweislast trifft hierbei den Dritten. Allerdings braucht er keine in allen Einzelheiten bestehende Vorstellung von dem Scheintatbestand, sondern es genügt, wenn ihm die wesentlichen Grundlagen bekannt waren.[18] Im Vertrauen auf die suggerierte Rechtslage muss der Geschäftsgegner sodann eine bestimmte Disposition oder Vertrauensinvestition vorgenommen haben. Hierzu genügt bereits der Abschluss des betreffenden Rechtsgeschäfts.

Zwischen der Kenntnis des Scheintatbestandes und der Vornahme der Disposition muss grundsätzlich Kausalität bestehen, d.h. der Dritte muss in seinem Verhalten durch den Scheintatbestand beeinflusst worden sein.[19] Da dies aber nur schwer zu beweisen ist, wird im Interesse der praktischen Effizienz der Rechtsscheinhaftung eine Umkehrung der Beweislast zu Gunsten des Dritten vorzunehmen sein.[20] Derjenige, gegen den der Rechtsschein spricht, muss daher den Gegenbeweis führen, dass der Dritte auch bei Kenntnis der wahren Rechtslage nicht anders gehandelt hätte.

II. Rechtsfolgen

Die Rechtsfolge der Rechtsscheinhaftung liegt in der Gleichstellung von Rechtsscheintatbestand und Wirklichkeit. Der Dritte wird demnach so gestellt, als bestünde die von ihm angenommene Rechtslage tatsächlich.[21] Dies gilt jedoch grundsätzlich nur zu seinen Gunsten.[22] Hiervon abgesehen darf die Gleichstellung von Rechtsschein und Wirklichkeit aber keine Besserstellung des Dritten gegenüber der hypothetischen Rechtslage, wie sie bestünde, wenn der Schein der Wirklichkeit entspräche, haben.

C. Rechtsprechung des BGH

In der Entscheidung zur Haftung des für eine Unternehmergesellschaft auftretenden Geschäftsführers geht der BGH in den ausschlaggebenden Entscheidungsgründen auf seine ständige Rechtsprechung zur unzulässig vertretenen GmbH ein. Die dort aufgestellten Grundsätze zur Rechtsscheinhaftung in entsprechender Anwendung des § 179 BGB überträgt er nun auf die Unternehmergesellschaft. Vor diesem Hintergrund soll zunächst die Rechtsprechung zur GmbH zusammenfassend dargestellt werden, um in der Folge die Entscheidung zur Unternehmergesellschaft einordnen und nachvollziehen zu können.

I. Die Rechtsprechung zur GmbH

Der BGH begann im Jahr 1975, die Grundsätze der Rechtsscheinhaftung für den Geschäftsführer einer GmbH, der mit einer unzulässigen Firmenbezeichnung im Rechtsverkehr auftrat, zu entwickeln. In diesem Jahr hatte er sich gleich in zwei Entscheidungen mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. In späteren Entscheidungen erweiterte er diese Grundsätze und ging auf neue, sich hiermit ergebende Fragestellungen ein. Im Folgenden sollen auszugsweise die Entscheidungen des BGH vorgestellt werden, die mit Blick auf die Rechtsscheinhaftung analog § 179 BGB wichtige Erkenntnisse hervorgebracht haben.

1. Die Entscheidung vom 3. Februar 1975

Der Entscheidung vom 3. Februar 1975[23] lag der Sachverhalt zugrunde, dass der Alleingesellschafter und Geschäftsführer einer GmbH im Rechtsverkehr als Vertreter gehandelt hatte, ohne die Gesellschaft mit dem nach § 4 Abs. 2 GmbHG[24] erforderlichen Rechtsformzusatz zu zeichnen.[25] Da die GmbH bereits in Konkurs gefallen war, wollte die Klägerin nun den Geschäftsführer persönlich in die Haftung nehmen. Der BGH gab der Klage statt. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass der Geschäftsführer einer GmbH durch das Auftreten für die Firma im Rechtsverkehr ohne den gesetzlich geforderten mbH-Zusatz[26] wegen des hierdurch von ihm geschaffenen Rechtsscheins selbst hafte. Zur Begründung führt er aus, dass durch das Weglassen des Rechtsformzusatzes bei dem Geschäftsgegner der Eindruck entstehe, der Firmeninhaber, für den der Geschäftsführer handelt, sei keine mit einem beschränkten Vermögen haftende juristische Person, sondern ein Einzelkaufmann. Es bestehe im Rechtsverkehr aber das Bedürfnis, dem Geschäftspartner über das Fehlen einer unbeschränkten persönlichen Haftung Klarheit zu verschaffen, da durch unzutreffende Vorstellungen insbesondere die Gefahr besteht, dass Dispositionen getroffen werden, die der Geschäftspartner sonst nicht oder nicht in dieser Form getroffen hätte.[27] Unterlässt der Geschäftsführer die von ihm zu erwartende Offenlegung, so entspricht es dem Schutzzweck des § 4 GmbHG, dass der Geschäftsführer wegen des von ihm geschaffenen Rechtsscheins selbst haftet. Die persönliche Vertrauenshaftung bestehe zumindest dann, wenn das für die Haftung zur Verfügung stehende beschränkte Geschäftsvermögen zur Befriedigung nicht ausreicht.[28]

Darüber hinaus trifft der BGH Ausführungen zur Beweislast. Die Rechtsscheinhaftung setze weiter voraus, dass die Klägerin die wahren Verhältnisse nicht kannte und im Vertrauen auf die unbeschränkte Haftungsmasse ein Vertragsverhältnis eingegangen sei. Dies darzulegen und zu beweisen, sei aber Sache des Handelnden, der die Folgen der Rechtsscheinhaftung nicht gegen sich gelten lassen will. Ratio des § 4 GmbH sei die Schaffung eines gesteigerten Verkehrs- und Vertrauensschutzes. Dieser Schutzweck würde aber entwertet, wenn der Geschäftspartner den schwierigen Nachweis führen müsse, er habe die Haftungsbeschränkung weder gekannt noch kennen müssen und dass der fehlende Rechtsformzusatz für sein Handeln auch ursächlich war.[29]

2. Die Entscheidung vom 3. Februar 1975

Die zweite Entscheidung, ebenfalls am 3. Februar 1975 ergangen[30], bezog sich auf den gleichen Sachverhalt, in dem der Geschäftsführer einer GmbH im Rechtsverkehr als Vertreter gehandelt hatte, ohne die Gesellschaft mit dem gesetzlich geforderten Rechtsformzusatz zu zeichnen. Eine andere Klägerin nahm den Geschäftsführer auf Zahlung aus verschiedenen, nicht eingelösten Wechsel in Anspruch, da dieser aus ihrer Sicht als Wechselnehmer hafte und nicht die GmbH. Auch in diesem Fall hatte die Revision des Beklagten keinen Erfolg. Der BGH klärt – nun erstmals – zunächst die zwischen den Parteien strittige Frage, wer aus den Wechseln verpflichtet wurde. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz finde § 164 Abs. 2 BGB auf Fälle wie dem vorliegenden keine Anwendung, wenn erkennbar sei, wer Vertragspartner sein soll und lediglich unklar bleibt, ob der Erklärende selbst dieser Vertragspartner ist oder nur dessen Vertreter. Der Beklagte habe insofern hinreichend genau erkennen lassen, wer aus den Wechseln verpflichtet werden solle und das es sich um ein unternehmensbezogenes Geschäft handelt. Stattdessen werde der Firmeninhaber verpflichtet, auch wenn nicht besonders zum Ausdruck komme, dass der Zeichner mit dem Inhaber der Firma nicht identisch ist, sondern als dessen Vertreter handelt.[31]

Auch in dieser Entscheidung gelangt der BGH mit Hilfe der gleichen Argumentation zu dem Ergebnis, dass der Geschäftsführer aufgrund des Weglassens des mbH-Zusatzes und der hiermit einhergehenden, nicht erfolgten Offenlegung des beschränkten Haftungsvermögens der Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt der Rechtsscheinhaftung für die Verbindlichkeiten einzustehen habe.[32] Wolle der Handelnde die Rechtsscheinfolgen nicht gegen sich gelten lassen, müsse dieser darlegen und beweisen, dass die Klägerin die Haftungsbeschränkung kannte oder dass diese für sie im konkreten Fall keine Rolle gespielt habe.[33]

3. Die Entscheidung vom 1. Juni 1981

Der BGH hatte in der Entscheidung vom 1. Juni 1981[34] über einen Fall zu entscheiden, bei dem die Geschäftsführerin einer GmbH im Rahmen eines Vertragsabschlusses weder mit dem Zusatz „GmbH“ noch mit einem Vertreterzusatz zeichnete. Nachdem die Firma in Konkurs gefallen war, wollte die Klägerin nun die Geschäftsführerin für die noch bestehenden Verbindlichkeiten in Anspruch nehmen. Der BGH bejahte auch hier die Haftung der Beklagten aus Rechtsscheingesichtspunkten. Handelt der Geschäftsführer in Vertretung für eine Firma im Rechtsverkehr ohne dies entsprechend zu kennzeichnen und erweckt er dadurch den Eindruck, er selber sei Inhaber der Firma, müsse er sich gegenüber dem auf den damit zurechenbar gesetzten Schein gutgläubig Vertrauenden so behandeln lassen, als entspräche der Schein der Wirklichkeit. Erstmals problematisiert der BGH auch das Verhältnis von § 4 GmbHG zu § 15 Abs. 2 HGB. Dass sich die wahren Verhältnisse aus dem Handelsregister ergeben[35], sei vorliegend nicht von Belang. § 4 GmbHG sei wegen des erhöhten Publizitätserfordernis vorrangig anzuwenden. Andernfalls würde der Zweck dieser Vorschrift, die beschränkte Haftung des Unternehmensträgers im Interesse der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs auch ohne vorherige Einsicht in das Handelsregister schon aus der Firma erkennbar werden zu lassen, vereitelt.[36]

Darüber hinaus, so der BGH in Anknüpfung an seine bisherige Rechtsprechung, hafte der Handelnde aber auch dann persönlich, wenn er – erkennbar als Vertreter handelnd – beim Vertragspartner den Eindruck erweckt, der Inhaber der Firma, wer auch immer dies sei, hafte jenem unbeschränkt.[37] In seiner Argumentation betritt der BGH hierbei kein Neuland. Interessant ist jedoch, dass er sich in seiner Begründung nun erstmals auf § 179 BGB stützt. Vertraue der Vertragspartner aufgrund des Handelns ohne die zusätzliche Bezeichnung „mit beschränkter Haftung“[38] auf eine Firma ohne Haftungsbeschränkung, sei es im Interesse des lauteren Verkehrs geboten, den Vertreter in Anlehnung an den in § 179 BGB zum Ausdruck kommenden Rechtsgedanken hierfür einstehen zu lassen.[39]

4. Die Entscheidung vom 7. Mai 1984

In dem der Entscheidung vom 7. Mai 1984[40] zugrunde liegenden Fall hatte der Beklagte für eine Firma mit dem Stempel “GmbH i.G.“ gezeichnet. Die Gesellschaft fiel in Konkurs, noch bevor die Handelsregistereintragung erfolgte. An dieser Entscheidung ist erwähnenswert, dass, nachdem der BGH in der vorangegangenen Entscheidung den § 179 BGB im Rahmen der Rechtsscheinhaftung ohne nähere Erläuterung lediglich erwähnte, er nun erste nähere Ausführungen hierzu machte. Wird der Rechtsträger des Unternehmens, für das gehandelt werde, falsch bezeichnet, werde, sofern der Handelnde bevollmächtigt war, der wahre Rechtsträger aus dem Rechtsgeschäft verpflichtet. Eine eigene Haftung des Handelnden nach § 179 BGB[41], stellte der BGH erstmals ausdrücklich fest, ergebe sich aber dann, wenn er keine Vollmacht besitzt oder aber der Rechtsträger gar nicht existiert.[42]

5. Die Entscheidung vom 15. Januar 1990

Der BGH hatte in der Entscheidung vom 15. Januar 1990[43] ein weiteres Mal über das Auftreten des Geschäftsführers und Alleingesellschafters einer GmbH im Rechtsverkehr zu urteilen, der die Firma bei einem Vertragsabschluss ohne den Zusatz „mit beschränkter Haftung“ gezeichnet hatte. Hinsichtlich des Vertragspartners bei einem unternehmensbezogenem Geschäft, der Rechtsscheinhaftung des Beklagten sowie der Beweislast griff der BGH in seinen Erwägungen auf die frühere Rechtsprechung zurück.[44] Interessant ist allerdings, dass trotz der gleichen Interessenlage § 179 BGB hier keine Erwähnung fand. Der BGH stellt nun aber erstmals deutlich heraus, dass es sich bei der Haftung des Beklagten um eine Außenhaftung handelt. Die Rechtsscheinhaftung des Beklagten hänge nicht von einer etwaigen Zahlungsunfähigkeit der GmbH ab[45], denn sie sei grade keine subsidiäre Ausfallhaftung für den wirklichen Unternehmensträger. Sie habe vielmehr zur Folge, dass der Handelnde nach Maßgabe des zurechenbar verursachten Rechtsscheins hafte und neben den Unternehmensträger als Gesamtschuldner trete[46], sodass der Kläger nach seiner Wahl die Leistung von dem einen oder dem anderen fordern könne.[47] Werde der Vertreter in Anspruch genommen, könne er aber im Innenverhältnis Ausgleich von dem wirklichen Rechtsträger verlangen.[48]

6. Die Entscheidung vom 5. Februar 2007

In der Entscheidung vom 5. Januar 2007[49] hatte der BGH über die Klage gegen den Geschäftsführer einer niederländischen Besloten Vennootschap[50] wegen des Fortlassens des vorgeschriebenen Formzusatzes zu entscheiden. Innerhalb der Urteilsbegründung befasste sich der BGH – nachdem er es in vielen Urteilen ohne nähere Erläuterung nur mit einem Hinweis hierauf belassen hatte – nun erstmals ausführlicher mit Rechtsscheinhaftung analog § 179 BGB. Zunächst wiederholte er turnusartig die diesbezüglich entwickelte Rechtsprechung, wonach der für eine Gesellschaft handelnde Vertreter[51] aus dem Gesichtspunkt einer Rechtscheinhaftung analog § 179 BGB hafte, sofern er durch das Zeichnen der Firma ohne Formzusatz das berechtigte Vertrauen des Vertragspartners auf die Haftung mindestens einer natürlichen Person hervorrufe. Dies beschreibt der BGH nun aber näher. Die Haftung gründe sich aus einer entsprechenden Heranziehung des Rechtsgedankens des § 179 BGB und führe nicht zu einer allgemeinen, verhaltenspflichtorientierten Rechtsscheinhaftung, sondern müsse als eine schuldunabhängige Garantiehaftung verstanden werden, die allein auf dem Umstand beruht, dass die unmittelbar handelnde Person durch die dem Geschäftsgegner gegenüber abgegebene sachlich unzutreffende Erklärung den Vertrauenstatbestand geschaffen habe, es hafte zumindest eine natürliche Person unbeschränkt.[52]

II. Die Entscheidung zur Unternehmergesellschaft

In der Entscheidung vom 12.06.2012[53] befasste sich der BGH erstmals mit der unzulässigen Vertretung einer Unternehmergesellschaft. Hierbei war nun entscheidend, ob er die zur GmbH entwickelte Rechtsprechung auf die Unternehmergesellschaft übertragen würde und genau dies geschah. Verwendet der für eine Unternehmergesellschaft handelnde Vertreter den unrichtigen Rechtsformzusatz „GmbH“, hafte dieser nicht nach den Grundsätzen der Unterbilanzhaftung, sondern nach Rechtsscheingesichtspunkten entsprechend § 179 BGB dem auf den Rechtsschein vertrauenden Vertragspartner persönlich.

[...]


[1] Im Folgenden „Unternehmergesellschaft“.

[2] Siehe hierzu die Einführungen von Gehb/Drange/Heckelmann, NZG 2006, 88 (89 f.) und Goette, Einführung in das neue GmbH-Recht, 2008, Einf., Rn. 39.

[3] Schreiber, DZWIR 2009, 492 (492); Grigoleit/Rieder, GmbH-Recht nach dem MoMiG, 2009, Rn. 80.

[4] Gasteyer, NZG 2009, 1364 (1634); Römermann, NJW 2010, 905 (906); Goette sieht das so geringe Startkapital sehr kritisch und bezeichnet die Unternehmergesellschaft als „GmbH ohne jeden tragfähigen Gläubigerschutz“. Goette, DStR 2009, 51 (54). Vgl. hierzu ansonsten auch Wachter, in: Goette/Habersack, Das MoMiG in Wissenschaft und Praxis, 2009, Rn. 1.84.

[5] Wälzholz, MittBayNot 2008, 425 (426); Pfisterer, in: Saenger/Inhester, GmbHG, 2011, § 5a, Rn. 1.

[6] Begr. RegE des Gesetzes zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen (MoMiG) v. 25.07.2007, BT-Drucks. 16/6140, S. 31.

[7] Vergleiche hierzu die Ausführungen unter C.I.

[8] Miras, NZG 2012, 1095 (1096).

[9] Sie hat lediglich in einigen Fällen gesetzliche Ausprägungen erhalten, so z.B. in den §§ 170 ff. BGB sowie im Handelsrecht in den §§ 5, 15, 56 HGB.

[10] Brox/Henssler, Handelsrecht, 21. Aufl. 2011, Rn. 63.

[11] Eine sehr interessante und umfassende Darstellung der Rechtsscheinhaftung im BGB und HGB vermittelt Kneisel, JA 2010, 337 ff.

[12] Oetker, Handelsrecht, 6. Aufl. 2010, § 2, Rn. 61; Jung, Handelsrecht, 9. Aufl. 2012, § 8, Rn. 41.

[13] Schmidt, in: Münchener Kommentar zum HGB, 3. Aufl. 2010, § 5 Anh., Rn. 21; Brox/Henssler, Handelsrecht, 21. Aufl. 2011, Rn. 65.

[14] Kneisel, JA 2010, 337 (337); Kindler, in: Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn, HGB, 2. Aufl. 2008, § 5, Rn. 66.

[15] Schilken, in: Staudinger, BGB, Neubearbeitung 2009, § 167, Rn. 39; Schramm, in: Münchener Kommentar zum BGB, 6. Aufl. 2012, § 167, Rn. 65.

[16] Oetker, Handelsrecht, 6. Aufl. 2010, § 2, Rn. 62; Schmidt, in: Münchener Kommentar zum HGB, 3. Aufl. 2010, § 5 Anh., Rn. 22; Schilken, in: Staudinger, BGB, Neubearbeitung 2009, § 167, Rn. 43.

[17] Schramm, in: Münchener Kommentar zum BGB, 6. Aufl. 2012, § 167, Rn. 66.

[18] Schmidt, in: Münchener Kommentar zum HGB, 3. Aufl. 2010, § 5 Anh., Rn. 22.

[19] Schilken, in: Staudinger, BGB, Neubearbeitung 2009, § 167, Rn. 43; Kindler, in: Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn, HGB, 2. Aufl. 2008, § 5, Rn. 76.

[20] Oetker, Handelsrecht, 6. Aufl. 2010, § 2, Rn. 62; Schramm, in: Münchener Kommentar zum BGB, 6. Aufl. 2012, § 167, Rn. 71.

[21] Kneisel, JA 2005, 337 (337); Oetker, Handelsrecht, 6. Aufl. 2010, § 2, Rn. 64.

[22] Brox/Henssler, Handelsrecht, 21. Aufl. 2011, Rn. 68.

[23] BGH, Urt. v. 03.02.1975, Az. II ZR 142/73, WM 1975, 742 ff.

[24] Zur Zeit der damaligen Entscheidungen war das Gebot des Rechtsformzusatzes noch in § 4 II GmbHG a.F. normiert. § 4 GmbHG wurde durch das HRefG vom 22.05.1998 neu gefasst, so dass Abs. 2 zwischenzeitlich nicht mehr existiert.

[25] Der Beklagte hatte sowohl auf einem Wechsel als auch auf einem Firmenbriefbogen den mbH-Zusatz weggelassen.

[26] Im Gegensatz zur heutigen Gesetzeslage verlangte § 4 II GmbHG a.F. lediglich den Zusatz „mit beschränkter Haftung“, nicht aber den weiteren Begriff „Gesellschaft“. Ein sachlicher Unterschied war damit jedoch nicht verbunden.

[27] BGH, WM 1975, 742 (743).

[28] Dies hat zur Folge, dass trotz eines faktisch nur beschränkten Gesellschaftsvermögens der handelnde Geschäftsführer über die Rechtsscheinhaftung in eine unbeschränkt persönliche Schadensersatzhaftung gerät. Siehe hierzu auch die Feststellungen von Schmidt-Salzer, NJW 1975, 1511 (1512).

[29] BGH, WM 1975, 742 (743).

[30] BGH, Urt. v. 03.02.1975, Az. II ZR 128/73, WM 1975, 441 ff.; GmbHR 1975, 129 ff.

[31] BGH, GmbHR 1975, 129 (130). Vgl. zum unternehmensbezogenen Geschäft zuletzt BGH, Urt. v. 31.07.2012, Az. X ZR 154/11, ZIP 2012 2159 ff.

[32] Die Erwägungsgründe des BGH waren insofern die gleichen wie in der erstgenannten Entscheidung und wurden beinahe wortgetreu übernommen.

[33] Die Argumentation des BGH stützt sich insofern auf die gleichen Erwägungen, wie bereits in der Entscheidung zuvor. Vgl. hierzu BGH, WM 1975, 742 (743).

[34] BGH, Urt. v. 01.06.1981, Az. II ZR 1/81, WM 1981, 873 ff.; NJW 1981, 2569 f.

[35] Die GmbH war im konkreten Fall ordnungsgemäß gegründet und korrekt in das Handelsregister eingetragen worden.

[36] BGH, GmbHR 1982, 154 (155).

[37] BGH, NJW 1981, 2569 (2570).

[38] Der BGH betont allerdings, dass es hierzu eines Schriftstückes bedarf oder aber die Haftung zumindest ausdrücklich verneint wurde. Es reiche nicht aus, dass der Vertreter bei mündlichen Geschäftsabschlüssen ohne den GmbH-Zusatz auftritt, da hierbei in der Regel nur besonders einprägsame Firmenbestandteile verwendet würden. In dem der Entscheidung zugrunde liegenden Fall ging dem (schriftlichen) Vertragsabschluss bereits eine konkrete mündliche Vereinbarung voraus, im Rahmen derer die Beklagte ebenfalls ohne Rechtsformzusatz agierte. Vgl. hierzu in Fortführung dieser Rspr. auch BGH, Urt. v. 08.07.1996 – II ZR 258/95, NJW 1996, 2645 sowie Goette, DStR 1996, 1372 (1374).

[39] BGH, NJW 1981, 2569 (2570).

[40] BGH, Urt. v. 07.05. 1984, Az. II ZR 276/83, GmbHR 1984, 316 f.; NJW 1984, 2164 f.

[41] Die Problematik ergab sich vorliegend daraus, dass der Handelnde im Vorgründungsstadium für die Vorgründungsgesellschaft handeln wollte, sie aber als GmbH i.G. bezeichnete. Vertraut der Dritte aufgrund einer Falschbezeichnung wie z.B. „GmbH i.G.“ oder „GmbH“ nun aber darauf, der Vertreter handele im Namen einer bereits errichteten GmbH, so ist die Vertretererklärung dahingehend auszulegen, dass der Vertreter die (noch nicht errichtete GmbH) vertreten wollte und er haftet nach § 179 BGB. Siehe hierzu die Ausführungen von Kort, DStR 1991, 1317 (1320).

[42] BGH, GmbHR 1984, 316 (317).

[43] BGH, Urt. v. 15.01.1990, Az. II ZR 311/88, NJW 1990, 2678 ff.; WM 1990, 600 ff.

[44] BGH, NJW 1990, 2678 (2678 f.).

[45] Der BGH betont, dass seine Erwägungen in früheren Entscheidungen, die Rechtsscheinhaftung käme zumindest dann zum Tragen, wenn das zur Verfügung stehende beschränkte Vermögen der Gesellschaft nicht ausreiche, Einzelfallentscheidungen waren und auf dem Umstand beruhten, dass die GmbH in Konkurs geraten war.

[46] Kritisch hierzu Canaris, NJW 1991, 2627 (2628).

[47] BGH, WM 1990, 600 (602).

[48] Dies bedeutet aber, dass der Vertreter, sollte er denn aus Rechtsscheingesichtspunkten in die Haftung genommen werden, das Insolvenzrisiko der Gesellschaft trägt. Der BGH empfindet diese Risikoverteilung aber als angemessen. Vgl. hierzu Bühler, GmbHR 1991, 356 (357).

[49] BGH, Urt. v. 05.02.2007, Az. II ZR 84/05, GmbHR 2007, 593 ff; WM 2007, 833 ff.

[50] Die Besloten Vennootschap (B.V.) ist eine Kapitalgesellschaft niederländischen Rechts und vergleichbar mit der deutschen GmbH. Der BGH hatte sich mit diesem Fall zu befassen, weil der Rechtsschein durch eine deutsche Zweigniederlassung in Deutschland gesetzt wurde und sich dort auch ausgewirkt hatte. Zu der Frage der (analogen) Anwendbarkeit des § 4 GmbHG auf die B.V. und die hierbei zu beachtenden Probleme vgl. Römermann, GmbHR 2007, 593 (595).

[51] Zwischenzeitlich hatte der BGH klargestellt, dass nicht nur den Geschäftsführer, sondern auch jede andere Person, die unmittelbar als Vertreter des Unternehmens handelt, eine Haftung nach Rechtsscheingesichtspunkten treffen kann. Vgl. hierzu BGH, Urt. v. 24.06.1991, Az. II ZR 293/90, WM 1991, 1505 ff; GmbHR 1991, 360 f. und in Fortführung dieser Rspr. BGH, Urt. v. 08.07.1996, Az. II ZR 258/95, NJW 1996, 2645.

[52] BGH, GmbHR 2007, 593 (594).

[53] BGH, Urt. v. 12.06.2012, Az. II ZR 256/11, GmbHR 2012, 953 ff.; NJW 2012, 2871 ff.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Rechtsscheinhaftung des Geschäftsführers einer Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) wegen Falschangabe der Rechtsform
Untertitel
Unter Berücksichtigung der Rechtslage zur Rechtsscheinhaftung des Geschäftsführers einer GmbH
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Autor
Jahr
2012
Seiten
48
Katalognummer
V209062
ISBN (eBook)
9783656365808
ISBN (Buch)
9783656366775
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rechtsscheinhaftung, geschäftsführers, unternehmergesellschaft, falschangabe, rechtsform, unter, berücksichtigung, rechtslage, gmbh
Arbeit zitieren
Ralf Nobis (Autor), 2012, Rechtsscheinhaftung des Geschäftsführers einer Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) wegen Falschangabe der Rechtsform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209062

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rechtsscheinhaftung des Geschäftsführers einer Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) wegen Falschangabe der Rechtsform



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden