Die Umkehr von einem Überangebot zu einem Unterangebot an qualifizierter Arbeitskraft könnte für Arbeitnehmer, Unternehmer und nicht zuletzt die öffentliche Hand deutliche Veränderungen, sowohl positive als auch negative, bedeuten. Wie bei vielen Veränderungen sind jedoch auch hier deren Geschwindigkeit und die gesellschaftliche, ökonomische und politische Adaptionsfähigkeit, die sich in den Strategien mit dem Ziel die Veränderung zu verlangsamen oder zu stoppen widerspiegelt, entscheidend. Damit das Thema überschaubar bleibt und um die Aussagekraft und Präzision insbesondere im ersten Teil der Arbeit zu verbessern, wird die makroökonomische Perspektive, die den gesamten deutschen Arbeitsmarkt im Blick hat, punktuell verlassen. Stattdessen findet zunächst eine exemplarische Fokussierung auf eine für die deutsche Wirtschaft zentrale Berufsgruppe, die Ingenieure, statt. Die Ingenieurberufe sind zum Rückgrat der deutschen Industrie geworden. Die zahlreichen mittelständischen Unternehmen,aber auch Großkonzerne, haben durch ihre Exportzentrierung auf hochwertige technische Güter einen hohen Bedarf an qualifizierten Ingenieuren, vor allem in den Bereichen Forschung und Entwicklung – einen Bedarf, der das Angebot schon jetzt in Teilen
des Landes übersteigt, wie in Kapitel 3 dieser Arbeit gezeigt wird. Ohne diese wären die zahlreichen mittelständischen Maschinenbauer und die großen Automobil- und Mischkonzerne nicht in der Lage, ihre herausgehobene Rolle in der Welt zu behalten. Bei diesen Unternehmen würde ein langanhaltender Fachkräfteengpass bei den Ingenieuren, zu erheblichen Problemen führen.
Wie so oft bei Problemen von hoher Komplexität, sind auch beim Thema Fachkräftemangel verschiedene Szenarien und Strategien denkbar. Ausgehend von den sichersten Informationen zu aktuellen, regionalen, temporär begrenzten, branchen- und berufsspezifischen Fachkräfteengpässen und einem prognostizierten breiteren Fachkräftemangel, werden diverse Strategien diskutiert, die letztlich nur gemeinsam in der Lage sein werden die resultierenden negativen Folgen für die Wirtschaft und Gesellschaft – auf die im Teil zur Relevanz der Arbeit noch näher eingegangen wird – zu begrenzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Hinführung
2. Methodik und Forschungsstand
2.1 Methodik
2.2 Forschungsstand
3. Fachkräftemangel: Annäherung an ein komplexes Problem
3.1 Fachkräfteanalyse von Ingenieuren: Vom Mismatch zu Fachkräfteengpässen?
3.2 Demografischer Wandel: Deutschlands Weg in den Fachkräftemangel?
3.3 Strategien gegen Fachkräftemangel
3.3.1 Strategien zur Nutzung vorhandener Potenziale
3.3.2 Strategien zur Gewinnung zusätzlicher Potenziale: Zuwanderung
3.4 Zwischenfazit I
4. Migrationstheorien
4.1 Grundbegriffe, Typologisierungen und Überblicksmodelle
4.2 Strukturierung der Migrationstheorien I: Klassische und Neue Theorien internationaler Migration
4.3 Strukturierung der Migrationstheorien II: Angebots- und nachfrageorientierte Theorien der Wirtschafts- und Arbeitsmigration
4.4 Theoriekonzepte der Migrationspolitik
4.5 Zwischenfazit II
5. Politische Steuerung von Migration: Deutschland und Kanada im Vergleich
5.1 Deutsche Zuwanderungspolitik und europäischer Kontext
5.2 Kanadische Zuwanderungspolitik: Das Punktesystem
5.3 Vergleich der Zuwanderungspolitik Deutschlands und Kanadas
5.4 Vergleich des Migrations-Outputs: Das Kanadische Punktesystem als „best practice“ zur Behebung deutscher Fachkräfteengpässe?
6. Fazit
6.1 Ausblick: Reformvorhaben, -möglichkeiten und -probleme der deutschen Zuwanderungspolitik zur besseren Deckung des Fachkräftebedarfs
6.2 Zusammenfassung
6.3 Schlussfolgerungen und Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Master-Thesis untersucht, inwiefern Zuwanderung als Strategie zur Behebung von Fachkräfteengpässen, insbesondere bei Ingenieuren, in Deutschland dienen kann, wobei die kanadische Zuwanderungspolitik als Vergleichsmodell dient. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, ob die aktuelle deutsche Zuwanderungspolitik geeignet ist, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, und welche Handlungsempfehlungen aus dem kanadischen System abgeleitet werden können.
- Analyse der Fachkräftesituation und Engpässe bei Ingenieuren in Deutschland.
- Untersuchung theoretischer Ansätze zur internationalen Arbeitsmigration.
- Vergleichende Analyse der deutschen und kanadischen Zuwanderungspolitik.
- Evaluation des kanadischen Punktesystems als Instrument zur Steuerung hochqualifizierter Zuwanderung.
Auszug aus dem Buch
3. Fachkräftemangel: Annäherung an ein komplexes Problem
Bevor man sich dem Thema Fachkräftemangel fundiert nähern kann, muss eine definitorische Abgrenzung der Begriffe Fachkräftemangel, Fachkräfteengpass und Mismatch vorgenommen werden. Grundlegend für eine griffige und präzise Definition ist dabei die geografische Abgrenzung von Arbeitsmärkten und dem Eingeständnis einer begrenzten Mobilität des Produktionsfaktors Arbeit. Gesteht man den potentiellen Arbeitnehmern diese eingeschränkte Mobilität nicht zu, kann es keinen Fachkräftemangel geben, da in den aufstrebenden Volkswirtschaften mit gut ausgebautem Hochschulsystem wie China oder Indien hochqualifizierte Ingenieure in großer Zahl vorhanden sind. Die Perspektive für eine Analyse der Probleme Fachkräftemangel, Fachkräfteengpass und Mismatch ist daher eine nationale, die durch die Möglichkeit der Migration nach Deutschland aus der EU und, deutlich schwieriger von außerhalb der EU, erweitert wird.
Am einfachsten gelingt eine Abgrenzung des Begriffs über die Dimension des Problems und dessen Verortung auf einer Mikro-Makro-Skala. Mismatch ist ein Problem eines Unternehmens das auf dem oftmals regionalen Arbeitsmarkt keine Fachkraft findet, die den Suchkriterien entspricht. Umgekehrt ist es ein Problem eines Arbeitsuchenden, der keine Beschäftigung gemäß seinen Suchkriterien findet. Ein solcher Mismatch kann verschiedene Gründe haben, wie zum Beispiel eine Diskrepanz zwischen dem angebotenen und dem geforderten Gehalt, der mangelnden Attraktivität eines Unternehmens oder Ausschlusskriterien, wie das Alter von potentiellen Bewerbern. Ein Fachkräfteengpass hingegen besteht, wenn für eine oder mehrere Berufsgruppen keine oder zu wenige Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und diese auch nicht substituiert werden können. Der Begriff Engpass impliziert dabei eine zeitliche Begrenzung des Zustandes. Wird der Terminus Fachkräftemangel benutzt, müssen die folgenden Kriterien erfüllt sein: zeitlich unbegrenzt, branchen- und berufsübergreifend und nicht ausschließlich regional begrenzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Hinführung: Die Einleitung beleuchtet den Paradigmenwechsel von der Massenarbeitslosigkeit hin zum Fachkräftemangel in der deutschen Debatte und führt die Relevanz der Ingenieure für die Industrie ein.
2. Methodik und Forschungsstand: Dieses Kapitel erläutert den deskriptiv-analytischen Ansatz der Arbeit und grenzt die Literatur zum Fachkräftemangel sowie zu Migrationstheorien ein.
3. Fachkräftemangel: Annäherung an ein komplexes Problem: Hier erfolgt eine definitorische Abgrenzung von Mismatch, Engpass und Mangel sowie eine erste Analyse der Ingenieurberufe und demografischer Entwicklungen.
4. Migrationstheorien: Das Kapitel strukturiert Theorien der internationalen Migration, unterteilt in klassische und neue Ansätze sowie nach angebots- und nachfrageorientierten Modellen.
5. Politische Steuerung von Migration: Deutschland und Kanada im Vergleich: Dieser Kernteil vergleicht die Zuwanderungssysteme beider Länder und analysiert das kanadische Punktesystem als Modell für die deutsche Politik.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, gibt einen Ausblick auf aktuelle Reformen wie die Blue Card und diskutiert die Schlussfolgerungen kritisch.
Schlüsselwörter
Fachkräftemangel, Fachkräfteengpass, Zuwanderungspolitik, Ingenieure, Deutschland, Kanada, Punktesystem, Migrationstheorien, Arbeitsmarkt, Demografischer Wandel, Humankapital, Hochqualifizierte, Arbeitsmarktintegration, Politische Steuerung, best practice
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob Zuwanderung als effektives Mittel genutzt werden kann, um drohende Fachkräfteengpässe in Deutschland zu mildern, unter besonderer Betrachtung der Ingenieurberufe.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der deutsche Arbeitsmarkt, die theoretischen Erklärungsmodelle für Migration sowie die konkrete Gestaltung und Steuerung der Einwanderungspolitik in Deutschland und Kanada.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit analysiert, ob die deutsche Zuwanderungspolitik in ihrer jetzigen Form geeignet ist, Fachkräfteengpässen entgegenzuwirken, und ob das kanadische Modell als "best practice" für Deutschland dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es wird ein deskriptiv-analytischer Ansatz verfolgt, der Daten zum Arbeitsmarkt interpretiert und eine vergleichende Studie (Systemvergleich) der Zuwanderungsgesetzgebungen beider Länder durchführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Definition des Fachkräftemangels, eine Darstellung der Migrationstheorien sowie einen detaillierten Vergleich der Zuwanderungsregulierungen, insbesondere des kanadischen Punktesystems mit der deutschen Rechtslage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind insbesondere Fachkräftemangel, Zuwanderungspolitik, kanadisches Punktesystem, Ingenieurberufe und demografischer Wandel.
Wie bewertet der Autor die Wirksamkeit der deutschen Zuwanderungspolitik für Hochqualifizierte?
Der Autor stuft die deutsche Politik als eher restriktiv ein und sieht in den hohen bürokratischen Hürden und der starken Betonung formaler Bildungsnachweise erhebliche Barrieren, die das Land im internationalen Wettbewerb um Talente benachteiligen.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Vergleich mit Kanada?
Kanada überzeugt durch ein transparentes, bedarfsorientiertes Punktesystem, das eine gezielte Auswahl von Zuwanderern nach Humankapitalkriterien ermöglicht, während Deutschland stärker an einer Politik des Schutzes vor Zuwanderung festhält.
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- Nils Binder (Author), 2012, (How) Can Migration Matter? Zuwanderung als Strategie gegen Fachkräfteengpässe bei Ingenieuren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209169