Staatsbürgerkunde - ein Unterrichtsfach im Spiegel des Bildungssystems der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Schulsystem der DDR

3. Das Schulfach Staatsbürgerkunde
3.1 Die Entstehung der Staatsbürgerkunde
3.2 Ziele des Staatsbürgerkundeunterrichts
3.3 Institutionelle Konsolidierung des Staatsbürgerkundeunterrichts

4. Staatsbürgerkunde - ein unmögliches Unterrichtsfach?

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturnachweise

1. Einführung

2009 antwortet der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering (SPD) in einem Interview auf Frage, ob die DDR eine Diktatur gewesen sei folgendes: „Ich verwahre mich aber dagegen, die DDR als den totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab.“ (FAZ 2009). Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass vor allem bei der Bevölkerung in den neuen Bundesländer ein divergentes Verhältnis zwischen der Bewertung von alltäglichen Elementen des Systems der DDR, beispielsweise dem Schulsystem oder Angebote für Jugendliche, und politischer Repressionen, wie Überwachung und Fluchtverhinderung, vorzufinden ist. So bewerten auch Schüler aus den neuen Bundeländern vor allem Alltagsaspekte der DDR wie das Bildungssystem der DDR als positiv, obwohl Sie nie die DDR erlebt haben (vgl. Bernstiel 2011: 91).

Die vorliegende Arbeit will der Berechtigung dieses Meinungsphänomens, welches das Bildungssystem als etwas „Gutes“ in der SED-Diktatur darstellt, nachgehen. Dazu stellt es sich der Frage, welche Ziele das Bildungssystem verfolgte und zeigt dies an Hand des Schulsystems auf. Hierzu soll die strukturelle und inhaltliche Entwicklung kurz nachgezeichnet und eingeordnet werden. Anschließend setzt sich die Arbeit stark mit dem Fach Staatsbürgerkunde auseinander. Hintergrund dessen ist, dass vor allem in diesem Fach die übergeordneten Ziele von Bildung und Schule, nicht nur passiv, sondern aktiv zum Tragen kommen. Vor allem in der Staatsbürgerkunde kann der Kern des Bildungssystems in seiner Deutlichkeit analysiert werden. Sie kann hier als empirischer Referent verstanden werden, der zur Beantwortung der Forschungsfrage, untersucht wird. Dazu wird die Entwicklung der inhaltlichen Gestaltung des Faches sowie die institutionelle Verankerung im Bildungssystem der DDR näher beleuchtet und die Wirksamkeit der Staatsbürgerkunde beurteilt. Abschließend führt dies zu einer Bewertung von Staatsbürgerkunde, Schule und Bildung in der DDR, welche eine Beantwortung der Forschungsfrage zulässt.

Aus Platzgründen wird auf eine ausführliche Darstellung der Literatur- und Forschungslage an dieser Stelle verzichtet. Es sei jedoch auf die zentralen Werke hingewiesen, auf die sich die folgende Arbeit stützt. Zunächst müssen die grundlegenden Anmerkungen von Oskar Anweiler in seinem Buch „Schulpolitik und Schulsystem in der DDR“ genannt werden (Anweiler 1988), die genau wie die Ausführungen von Christine Griese und Helga Marburger in ihrer Arbeit „Zwischen Internationalismus und Patriotismus / Konzepte des Umgangs mit Fremden und Fremdheit in den Schulen der DDR“ (Griese/Marburger 1995) vor allem Auskunft über die strukturelle und inhaltliche Entwicklung des Schul- und Bildungssystems der DDR geben. Ferner muss der Dokumentenband von Tilman Grammes, Henning Schluß und Hans-Joachim Vogler aufgeführt werden, der als starkes Quellenstandbein für die Auseinandersetzung mit dem Fach Staatsbürgerkunde für die vorliegende Arbeit diente. Daneben wurden zahlreiche andere Quellen herangezogen wie beispielsweise die Zeitschrift „die neue schule“ oder „Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde“. Letztlich sollen hier auch die Gedanken von Wolfgang Sander angebracht werden, der in seinem Buch „Politik in der Schule“ ausführlich über die Verflechtung von DDR-Staat und Schule im Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde informiert.

Trotz des umfassenden Konstrukts des bereits Verfassten zum hier angesprochen Forschungsgenstand, erhebt die vorliegende Arbeit in ihrem qualitativen und quantitativen Rahmen den Anspruch auf Eigenständigkeit ihrer Argumentationsstruktur und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen.

2. Das Schulsystem der DDR

„Ziel von Bildung und Erziehung in der DDR sind allseitig entwickelte Persönlichkeiten, die ihre Fähigkeiten und Begabungen für die sozialistische Gesellschaft einsetzen, die bereit und in der Lage sind, den ständig wachsenden Ansprüchen an qualifizierte Arbeit, an bewußtes politisches Engagement, an Wissen und Können, an politische moralische Haltung im eigenen und gesellschaftlichen Interesse gerecht zu werden.“ (Das Bildungswesen der DDR 1987: 5)

Dies sind die bildungspolitischen Ziele und Aufgaben, die sich die DDR zum Ende ihres Bestehens selbst setzte. Bereits hierin zeigt sich der Anspruch des Staates Bürger zu Formen, die sich für die sozialistische Gesellschaft einsetzen und den gesellschaftlichen Interessen gerecht werden. Im Folgenden soll anhand der Entstehung und Entwicklung des DDR-Schulsystems und seiner staatsideologischen Aufgaben aufgezeigt werden, wie die DDR diese Ziele erreichen wollte.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war es vor allem die Sowjetische Besatzungszone (SBZ), in der die Bestimmung des Potsdamer Abkommens, die nazistischen und militärischen Lehren zu entfernen[1], konsequent umsetzten. So wurden in der SBZ die meisten Schlüsselpositionen in der neuen Schulverwaltung durch aus dem Exil zurückkehrende Mitglieder der KPD besetzt (vgl. Grieße/Marburger 1995: 8). Damit wurde der Einfluss der kommunistischen Partei auf das Bildungswesen von Anfang an gesichert. Noch drastischer wirkte sich jedoch ein Befehl der sowjetischen Militär-Administration vom August 1945 aus. Hier wurde die Entnazifizierung der Lehrerschaft angeordnet. Das Ergebnis war, dass von 28000 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen 20000 entlassen wurden (vgl. Anweiler 1988: 24). Dem daraus resultierenden Lehrermangel versuchte die Administration durch sogenannte Neulehrer entgegen zu kommen. Die Neulehrer hatten jedoch nur eine achtmonatige oder noch kürzere Ausbildung hinter sich, verfügten oft nur über eine Volksschulausbildung und entstammten Arbeiter-, Handwerker, und Bauernfamilien (vgl. Grieße/Marburger 1995: 9). Die politische Intention war neben einer Entnazifizierung auch durch das Heranziehen eines neuen parteitreuen Lehretypus, direkten Einfluss auf Schüler und damit auf die zukünftigen Generation zu gewinnen (vgl. Häder 1997: 234). Letztlich kann die Realisierung dieses Ziels aber nur bedingt nachgewiesen werden, da viele Neulehrer, vor allem aus dem Motiv der sozialen Sicherheit diesen Beruf wählten, anstatt aus politischer Überzeugung (vgl. ebd.: 255).

Dennoch führten beide Maßnahmen dazu, dass die Kommunistische Partei zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Kontrolle über das Schulwesen erlangte, wenngleich die Entwicklung zu einem einheitlichen sozialistischen Bildungssystem erst am Anfang stand (vgl. Anweiler 1988: 25). Der Erste Schritt in diese Richtung war das Gesetz zur Demokratisierung der Schule von 1946. Es wurde eine achtklassige Einheitsschule eingeführt. Die Idee dahinter war eine Gleichheit der Bildungschancen. Die Einheitsschule sollte dafür sorgen, dass mehr Arbeiter und Bauernkinder studierten (vgl. ebd.:29). An die Einheitsschule schloss sich die vierjährige Oberschule an, wo das Abitur erworben werden konnte. Trotz dieser Vereinheitlichung des Schulsystems auf dem Papier dauerte es noch Jahre bis das heterogene Schulnetz von Stadt und Landschulen sich dem Ideal des Gesetzes annäherte (vgl. Zymek 1997: 35ff).

Nachdem das Gesetz zur Demokratisierung der Schule vor allem strukturelle reformierte, wurden die geistigen Grundlagen 1947 auf dem II. pädagogischen Kongress in Leipzig in den Grundsätzen der deutschen demokratischen Schule zusammengefasst. Die Grundsätze positionierten sich an der „Schwelle einer sozialistischen Gesellschaftsordnung“ (zit. n. Anweiler 1988: 34). Gleichwohl beriefen sich diese noch nicht auf Marx oder Lenin, sondern auf Pestalozzi: Oberstes Erziehungsziel sei der „streitbare demokratische Humanismus“ (ebd.). Hierin wurde deutlich, dass es noch stark um gesellschaftspolitisch geprägte Pädagogik ging und weniger um eine parteipolitische. Die Jahre von 1945 bis 1949 werden als Epoche der „antifaschistischen-demokratischen Schulreform“ zusammengefasst. Die Phase endet mit der Gründung der DDR und es schließt sich die eine Periode an, die als „Aufbau der sozialistischen Schule“ bezeichnet werden kann (vgl. Grieße/Marburger 1995: 12).

In der Zeit von 1949 bis 1963 bestimmt der Aufbau des Sozialismus die Entwicklung des Bildungswesens in der DDR. Von der II. Parteikonferenz der SED 1952, die beschloss die Grundlagen des Sozialismus in der DDR zu schaffen, ging der Bildungsauftrag aus, „allseitig entwickelte Erbauer des Sozialismus herauszubilden, die zu hohen Leistungen in der Produktion und der Verteidigung der Heimat fähig und bereit sind, die sich bewusst in den Dienst des sozialistischen Aufbau stellen“ (zit. n. ebd.: 12). Diesen Beschlüssen war ab 1948 eine Ideologisierung der SED vorangegangen, die sich nun als eine „Partei neuen Typus“ verstand, „die unerschütterlich und kompromisslos auf dem Boden des Marxismus-Leninismus steht“ (zit. n. ebd.).

Auf die Schule übertragen, bedeutete dies eine „ideologische Okkupation“ jener (Anweiler 1988: 40). Dieser Prozess wird von Oskar Anweiler auf vier Ebenen beobachtet: Zunächst ist hier die Verpflichtung der Schule gegenüber der Pädagogischen Theorie des Marxismus und Leninismus und der Sowjetpädagogik. Weiterhin zählt er die Überwindung der reformpädagogischen Anschauungen zu Gunsten einer verbindlichen sozialistischen Didaktik und Methodik für charakteristisch als zeittypisch auf. Ziel und Folge dessen ist eine stärkere Ideologisierung der Erziehung und des gesellschaftlichen Umfeldes der Schule. Letztlich ist die SED in dieser Phase auf der Suche nach einem neuen Strukturmodell der allgemeinbildenden Schule, dass den wirtschaftlichen Bedarfsplänen sowie ungelöster Probleme mit den Einheitsschulen entgegenkommt (vgl. ebd.: 42f).

[...]


[1] „ Das Erziehungswesen in Deutschland muß so überwacht werden, daß die nazistischen und militaristischen Lehren völlig entfernt werden und eine erfolgreiche Entwicklung der demokratischen Ideen möglich gemacht wird.“ (Potsdamer Abkommen 1945: Abschnitt III, Punkt 7).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Staatsbürgerkunde - ein Unterrichtsfach im Spiegel des Bildungssystems der DDR
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Eruiehungswissenschaft)
Veranstaltung
Erziehungsverhältnisse in der DDR
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V209190
ISBN (eBook)
9783656368120
ISBN (Buch)
9783656368960
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
staatsbürgerkunde, unterrichtsfach, spiegel, bildungssystems
Arbeit zitieren
David Jugel (Autor), 2012, Staatsbürgerkunde - ein Unterrichtsfach im Spiegel des Bildungssystems der DDR , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209190

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