In diesem Skript werden die Inhalte des Seminars Vernehmungscoaching für die
anwaltliche Praxis – Teil I in komprimierter Form zusammengefasst. Das Seminar
will Hilfestellung dazu bieten, zukünftig in den eigenen anwaltsalltäglichen
Kommunikationssituationen vor Gericht und in anderen Lebensbereichen
souveräner agieren zu können.
Zu diesem Zweck werden Erkenntnisse verschiedener Wissenschaften anhand
praktischer Fälle erläutert, die sich an lebensnahen Gesprächssituationen
orientieren. Eine Teilnahme an dem Seminar Vernehmungscoaching für die
anwaltliche Praxis – Teil II ist nicht erforderlich, die hier folgenden Darstellungen
praktisch nutzen zu können.
Das Seminar ist dabei so konzipiert, dass es sich nicht ausschließlich an
Strafverteidiger richtet, sondern vielmehr auch für diejenigen interessant ist, die
in anderen Rechtsgebieten tätig sind.
Die Ausführungen in diesem Skript stellen nur einen kleinen Auszug dessen dar,
mit welchen Problemen und Herausforderungen man alltäglich rechnen muss.
Weiterführende Literatur lässt sich dem Literaturverzeichnis auf Seite 6 f.
entnehmen. An zahlreichen Stellen finden sich Ausführungen, die z.T. aus
meinem Skript zum Seminar Vernehmungscoaching für die anwaltliche Praxis
Teil II bzw. meinem Buch Vernehmungscoaching für die anwaltliche Praxis
herrühren, das voraussichtlich in diesem Jahr erscheinen wird. Voraussichtlich im Winter 2013/2014 wird es einen dritten abschließenden Teil
dieser Vortragsreihe geben, in welchem schwerpunktmäßig die Abgrenzung von
Lüge und Irrtum sowie Aussagepsychologie dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
Vernehmungscoaching
A) Vorbereitung der Vernehmung
Aktenstudium und Aufarbeitung der Akte
Akteneinsicht
Inhaltsangaben
Checkliste
Erstellung eines Fragenkatalogs
Unterschiedliche Vorstellungsbilder
Fragen effektiv gruppieren
Planung von Vernehmungspausen
Die Crux mit dem Beweisthema
Individuelle Vernehmungsziele definieren
Vernehmungsalternativen
B) Analyse der Vernehmungssituation
Proxemik
Distanzverhalten
Blickvermeidung
Territorialität
Konfliktbewegungen
Eigenes Auftreten
Kleider machen Leute
Stimmhygiene
Situation des Mandanten
Eigene Steuerungsmöglichkeiten
Tonische Kommunikation
Oxytocin
Ein Lob auf die Eitelkeit
C) Durchführung der Vernehmung
Allgemeines zu Fragetechniken
Taktische Vorüberlegungen
Grundlegende Fragetechniken
Die verschiedenen Fragearten
Rechtliche Grenzen des Fragerechts
Erhebliche und unerhebliche Fragen
Die Ehre des Zeugen
Wiederholungsfragen
Die Unterbrechung von Fragen
Sprachliche Grenzen des Fragerechts
Negative Tatsachen
Schätzungen
Falsche Suggestionen
Der Indikativ, Worthülsen und das Wort „nicht“
Metaphorische Konzepte, Priming & Framing
Sonderfälle der Gesprächs- und Vernehmungsführung
Mit Kindern reden
Vernehmung von fremdsprachigen Personen
Vernehmung von Polizeibeamten
D) Nachbereitung der Vernehmung
Abgleich der Erkenntnisse
Formulierung neuer Fragen
Persönliches Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Rechtsanwälten in der Praxis das notwendige Handwerkszeug für eine effektive Gesprächs- und Vernehmungsführung zu vermitteln, um in kommunikativen Ausnahmesituationen vor Gericht souveräner zu agieren. Dabei wird der Fokus auf die psychologischen und taktischen Grundlagen gelegt, die über den Erfolg einer Befragung entscheiden.
- Strukturierte Vorbereitung durch Aktenstudium und gezielte Fragenkataloge
- Analyse der Vernehmungssituation unter Einbeziehung nonverbaler Aspekte wie Proxemik und Stimmhygiene
- Einsatz psychologischer Konzepte wie Priming, Framing und gezielter Fragetechniken
- Umgang mit Sonderfällen, insbesondere der Vernehmung von Kindern und Polizeibeamten
- Nachbereitung und Reflexion als wesentliche Bestandteile für den langfristigen Erfolg
Auszug aus dem Buch
Die Unterbrechung von Fragen
Kommen wir zurück zu unserem Verkehrsunfall. Es kommt zu folgender Vernehmungssituation:
Sie: „Herr Y, sind Sie sich sicher, dass Frau X (-> Ihre Mandantin) Sie gesehen hatte?112“
Herr Y: „Äh… hm…(überlegt zögerlich) ich...“
Richter: „Genau, das wollte ich auch noch fragen. Herr Y, wie war das denn jetzt genau nochmal? Das will ich jetzt doch wissen.“
Wie reagieren Sie (prozesstaktisch geschickt) auf diese Situation?
Vielleicht kommt Ihnen die gerade geschilderte Situation vertraut vor. Während Sie die Auskunftsperson befragen, merkt das Gericht, dass es einen Aspekt bei der eigenen Befragung vergessen hatte (Vorsitzender: „Jetzt habe ich aber doch noch eine Frage!“ o.ä.) und schickt sich an, das Fragerecht wieder an sich zu ziehen.
Das Ausgangsproblem besteht darin, dass - jedenfalls im Strafprozess - § 240 StPO eine feste Reihenfolge der Befragung nicht vorsieht:
„(…) Der Vorsitzende ist bei der Gestaltung von Fragen an keine bestimmte Reihenfolge gebunden; insbesondere braucht er sich nicht an die Aufzählung der an der Verhandlung beteiligten Personen im Wortlaut des § 240 StPO zu halten (…) Vielmehr ist es hiernach gerade Aufgabe des Vorsitzenden, sachdienliche Fragen zur rechten Zeit zuzulassen. (…)“113
Nach einer weiteren Entscheidung des BGH dürfte die Unterbrechung der Befragung des Verteidigers durch den Vorsitzenden Richter nur bei Vorliegen eines sachlichen Grundes gerechtfertigt sein - ein Mitspracherecht der Verteidigung existiert nicht:
Zusammenfassung der Kapitel
Vernehmungscoaching: Einleitende Definition des Begriffs, der als Oberbegriff für diverse juristische Kommunikationskontexte dient und eine strukturierte Vorbereitung sowie Nachbereitung umfasst.
A) Vorbereitung der Vernehmung: Erläuterung essentieller Schritte wie Aktenstudium, Erstellung von Fragenkatalogen und die strategische Planung, um im Gerichtssaal gezielt agieren zu können.
B) Analyse der Vernehmungssituation: Untersuchung der Rahmenbedingungen, inklusive nonverbaler Kommunikation wie Proxemik, dem eigenen Auftreten sowie der tonischen Kommunikation zur Mandantenführung.
C) Durchführung der Vernehmung: Hauptteil der Arbeit, der sich mit verschiedenen Fragetechniken, rechtlichen Grenzen des Fragerechts sowie psychologischen Ansätzen wie Framing und Priming befasst.
D) Nachbereitung der Vernehmung: Fokus auf den Abgleich gewonnener Erkenntnisse und die persönliche Reflexion, um die eigenen kommunikativen Fähigkeiten stetig zu verbessern.
Schlüsselwörter
Vernehmungscoaching, Anwaltliche Praxis, Fragetechniken, Zeugenvernehmung, Vernehmungssituation, Nonverbale Kommunikation, Psychologie im Gerichtssaal, Prozessführung, Aktenstudium, Suggestion, Stimmhygiene, Prozesspsychologie, Beweisführung, Mandantenführung, Kommunikationstaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Skript grundlegend?
Das Skript bietet eine praxisnahe Anleitung für Rechtsanwälte zur professionellen Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Zeugenbefragungen und Mandantengesprächen.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind Fragetechniken, die Analyse der Körpersprache (Proxemik), der Einfluss von Stimme und Kleidung sowie psychologische Beeinflussungsmethoden in Vernehmungssituationen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, dem Anwalt Sicherheit und Souveränität in der Kommunikation zu geben, um Vernehmungssituationen gezielt zu steuern und für den Mandanten optimale Ergebnisse zu erreichen.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden genutzt?
Die Arbeit stützt sich auf Erkenntnisse aus der Kommunikationspsychologie, der Verhaltensforschung (Soziobiologie) und der Verhaltensökonomik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der tatsächlichen Durchführung der Vernehmung, insbesondere den verschiedenen Fragearten, deren Suggestivgehalt und den rechtlichen Grenzen des Fragerechts.
Welche Schlüsselbegriffe prägen den Inhalt?
Begriffe wie "Framing", "Priming", "Proxemik" und "Zirkuläre Fragen" bilden das theoretische Gerüst für die methodische Anleitung im Anwaltsalltag.
Warum ist die Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Fragen so wichtig?
Offene Fragen ermöglichen einen breiten Informationsfluss, während geschlossene Fragen stark lenken und suggestiv wirken, was ihre Verwendung für die Wahrheitsfindung einschränkt.
Welche Tipps gibt der Autor für die Vernehmung von Polizeibeamten?
Er empfiehlt eine kreative Fragetechnik, um zu prüfen, ob die Erinnerungen echt sind oder lediglich auf einem terminvorbereitenden Aktenstudium basieren.
- Arbeit zitieren
- dipl. iur. Bertil Jakobson (Autor:in), 2013, Zum Vortrag "Vernehmungscoaching für die anwaltliche Praxis - Teil I", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209192