Odin und die Menschenopfer in Sagas, Berichten und der Bibel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
18 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wer ist Odin?
2.1 Odin bei den Germanen
2.2 Odin in Skandinavien

3 Menschenopfer im skandinavischen Heidentum
3.1 Was ist ein Menschenopfer?
3.2 Die Quellensituation
3.3 Wann gilt eine Opferung als eine solche? Was ist nötig?

4 Menschenopfer in den Sagas
4.1 Menschenopfer in der Gautreks saga
4.2 Menschenopfer in der Ynglinga saga
4.3 Menschenopfer in der Guta saga
4.4 Menschenopfer in anderen Sagas

5 Berichte über Menschenopfer
5.1 Adam von Bremen
5.2 Thietmar von Merseburg
5.3 Dudo von St. Quentin

6 Exkurs: Menschenopfer in der Bibel: Von Gott gefordert oder verboten?

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Odin ist einer der facettenreichsten und bekanntesten Götter des nordischen Heidentums. Unter dem Namen Wodan ist er zudem bei den alten Germanen sehr bekannt. Im skandinavischen Heidentum gilt Odin als der erste aller Götter, als der Göttervater, und spielte dementsprechend eine wichtige Rolle im Leben der Anhänger der alten polytheistischen Religion.

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst erklären, wer Odin genau ist und die Bedeutung von Odin für die Menschen des damaligen Heidentums herausarbeiten. Speziell werde ich mich mit der Frage nach der Rolle von Menschenopfern im skandinavischen Heidentum und insbesondere an Odin beschäftigen. Dabei stütze ich mich besonders auf die Überlieferungen der Gautreks saga, der Ynglinga saga und der Guta saga. Des Weiteren stelle ich die Berichte über Menschenopfer bei Adam von Bremen, Thietmar von Merseburg und Dudo von St. Quentin vor. Bevor ich abschließend versuche, meine zentrale Fragestellung zu beantworten, gehe ich noch auf Beschreibungen von Menschenopfern ein, die in im Alten Testament der Bibel Erwähnung finden.

2 Wer ist Odin?

„Gewöhnlich‎ wird‎ er‎ als‎ ein‎ großer,‎ alter‎ Greis‎ beschrieben,‎ mit‎ herabwallendem Bart und nur mit einem Auge. Ein tief herabhängender Hut verbirgt einen Teil seines Antlitzes, und er trägt‎einen‎blauen‎Mantel.“1

Der Gott Odin wurde vor der Ausbreitung des Christentums in großen Teilen der Germania und in Skandinavien verehrt. Allgemein gilt Odin als Hauptgott des Heidentums, sowohl bei den Germanen2 als auch in Skandinavien.3 In beiden Kulten hatte er bestimmte Eigenarten und Aufgaben, die in den folgenden Abschnitten erläutert werden.

2.1 Odin bei den Germanen

Noch zur Zeit des Römischen Reiches war Odin unter dem Namen Wodan bei zahlreichen germanischen Stämmen bekannt. So kannten und verehrten die Cherusker, die Langobarden und die Semnonen Wodan.4 Im Brauchtum der Semnonen ist sogar überliefert, dass es Menschenopfer an Mercur-Wodan gab.5 Weiterhin verehrten die Chatten, die Kimbern und die Teutonen Wodan. Besonders die drei letztgenannten germanischen Stämme verehrten ihn als Kriegsgott.6 In der nachrömischen Zeit (ab dem 6. Jh.) sind Wodanverehrungen auch für die Schwaben überliefert.7 Die meisten dieser Überlieferungen finden wir heutzutage in Inschriften, Schmuck und ähnlichen Fundstücken.

Eine Wodanverehrung kann auch bei den Sachsen und Angelsachsen nachgewiesen werden, hier vor allem durch überlieferte Tages- und Ortsnamen (z.B.: Wodnesdæʒ; Wodnesfield, Wednesbury, Wansdyke). Auch bei den Sachsen und Angelsachsen, bei denen Wodan sogar als Stammvater einiger Königsgeschlechter gilt, wird davon ausgegangen, dass dieser Gott in erster Linie ein Kriegs- und Totengott ist.8

Über die Wodanverehrung bei den Franken gibt es nach de Vries nicht sonderlich viele, dafür jedoch einige „unzweideutige‎Zeugnisse“.9 Aus den Überlieferungen der Franken wird der Bogen zur Odinverehrung in Skandinavien gespannt, denn bei ersteren gilt Wodan als mächtiger Zauberer, der das Bein eines Pferdes heilt. Einerseits aus dem Zaubererdasein, andererseits‎ aus‎ der‎ Verbindung‎ mit‎ dem‎ Pferd‎ ergibt‎ sich,‎ dass‎ „die‎ Grundlagen‎ des‎ Wodanglaubens in Skandinavien wie im Süden dieselben‎waren“.10

Neben der bereits weiter oben angesprochenen Funktion als Kriegs- und Totengott war Wodan besonders auch als Gott der Dichtung und Rede sowie der (magischen) Heilkunst bekannt.11

2.2 Odin in Skandinavien

In der Edda nach Snorri Sturluson finden sich zahlreiche Hinweise auf Odin. So kann schon in Abschnitt drei der Gylfaginning (Gylfis Täuschung) die Frage Gangleris nach dem „vornehmste[n]‎ und‎ älteste[n]‎ aller‎ Götter“‎ als‎ Frage‎ nach‎ Odin‎ gedeutet werden. Die Antwort‎lautet:‎„Er‎heißt‎Allvater…“12 und dass hiermit Odin gemeint ist, der als erster der Götter beschrieben wird, wird durch die Aussagen „Odin‎ ist‎ der‎ vornehmste‎ und‎älteste‎ der‎ Asen“13 und‎„Odin‎heißt‎Allvater…“14 gestützt. Laut Karl Helm ist es jedoch auch möglich, dass Odin seinen hohen Rang erst im Laufe der Zeit bekam, dass Thor zuvor der erste war, da dieser als der stärkste Gott gilt und in Punkto Kraft oft Vergleiche mit Thor gezogen werden.15 Jan de Vries führt diese These ebenfalls an und nennt als Grund, dass die Wikinger sich von Thor abwandten,‎ „um‎ einen‎ Gott‎ zu‎ verehren,‎ der‎ auf‎ einer‎ geistig‎ höheren‎ Stufe‎ stand“.16 Weiterhin schreibt Snorri, dass Odin unsterblich ist und den Himmel, die Erde und „alles,‎was‎dazugehört“‎erschaffen‎hat.‎Zudem‎erschufen‎er‎und‎seine‎Brüder‎die‎Menschen, gaben ihnen Seelen und den Glauben.17

Odin erbaute schließlich Asgard, das Heim der Asen, der Götter.18 Über die Regenbogenbrücke Bifröst ist Asgard mit Midgard, der Wohnstätte der Menschen, verbunden. Odin, der mit der Asin Frigg verheiratet ist, ist der Sohn des Borr und der Bestla, seine Geschwister sind Wili und We19, die jedoch nur für den Schöpfungsmythos wichtig sind.

Der skandinavische Odin war ein sehr vielseitiger Gott. Zum einen galt er in seiner Funktion als erster der Asen und als Herrscher über Valhall und die Einherjer als Toten- und Herrschergott.20 Weiterhin gilt er als Dichtergott, als Gott der Poesie.21 Auch gilt Odin als großer Zauberer. Laut den Hávamál ist er zauberkundig, er kennt Sprüche der Heilung, des Abstumpfens von Feindeswaffen usw. Außerdem ist Odin in der Lage, sich zu verwandeln.22

3 Menschenopfer im skandinavischen Heidentum

Eine Menschenopferung, ein Opfer aus der eigenen Gattung, ist die höchste Form der Opferung, die die Gläubigen erbringen konnten, um die Hohen Mächte gnädig zu stimmen. Dennoch oder gerade deshalb sind Menschenopfer keine regelmäßigen Handlungen gewesen, sondern eher die Ausnahme. So sind sowohl für das Gebiet der germanischen Stämme als auch für die Skandinavier Menschenopferungen belegt, jedoch jeweils nur in sehr geringen Zahlen.23

Bei den Germanen ist vor allem der Opfersee von Oberdorla in Thüringen bekannt. Dort wurde etwa zwischen 500 v. Chr. bis 500 n. Chr. an eine weibliche Pfahlgöttin geopfert. Später wurde der See verlandet, dennoch blieb die Opferstätte bis etwa in das sechste Jahrhundert erhalten. Sowohl aus der Zeit des Opfersees als auch aus der späteren Zeit gibt es etwa 40 Funde, die die Opferung von Menschen belegen.24 Die Opferung von Menschen an derartige Heiligtümer bzw. Statuen scheinen Opfer der Fruchtbarkeit zu sein25 ; die ebenfalls praktizierte Opferung von Kriegsgefangenen an einen Kriegsgott (möglicherweise Wodan) ist ein anderes Thema.

In Skandinavien ist besonders das Opfermoor Valmosen bei Rislev auf Seeland bekannt. Dort wurden im vierten und fünften Jahrhundert nach Christus einige Tiere, aber auch vier Frauen geopfert.26 Im Skedemosse (ein Moor auf der schwedischen Insel Öland) sind immerhin 38 menschliche Opfer gefunden worden.27

3.1 Was ist ein Menschenopfer?

Die Tötung von Menschen durch Menschen in oft ritualisierten Handlungen für einen religiösen Zweck ist ein sehr altes Phänomen. Die Ursachen für eine solch hohe Opfergabe sind vielfältig und in jeder Kultur und Epoche andersartig.28 Dies macht eine allgemeine Definition‎für‎den‎Begriff‎„Menschenopfer“‎so‎schwierig.‎

Opfergaben, die als Einzelritual oder auch als Teil eines Kultfestes dargebracht wurden, stellten‎in‎der‎Regel‎die‎„Bezahlung“‎für‎gutes‎Wetter,‎eine‎tolle‎Ernte,‎ein‎langes‎Leben‎oder‎ andere Dinge, um die die Menschen ihre Götter baten, dar. Meistens jedoch sind Menschenopfer in kriegerischen Kontexten praktiziert worden; nach dem Sieg wurden neben Tieren und erbeuteten Gegenständen auch die gefangen genommenen Gegner einer oder mehreren Gottheit(en) als Opfer dargebracht.29

3.2 Die Quellensituation

Quellen über Menschenopfer sind nicht besonders zahlreich vorhanden und vor allem nicht aus erster Hand. Es gibt keine Berichte über ein Opferritual von einem Anhänger des alten Heidentums und auch die bildlichen und archäologischen Quellen sind oft mehrdeutig und können nicht sicher interpretiert werden.30 Zudem gelten viele Quellen als christlich- polemisch‎ gefärbt,‎ sodass‎ es‎ genau‎ genommen‎ „keine‎ eindeutigen‎ Belege‎ für‎ Menschenopfer“‎gibt.31 Im Folgenden stütze ich mich vor allem auf die Überlieferungen der Gautreks saga, der Ynglinga saga und der Guta saga, in denen noch verhältnismäßig eindeutige Menschenopfer belegt sind.

3.3 Wann gilt eine Opferung als eine solche? Was ist nötig?

In ihrem Werk Essais sur la nature et la fonction du sacrifice. - Sacrifice: Its Nature and Function beschreiben Henri Hubert und Marcel Mauss vier Elemente, die für ein vollständiges Opfer verlangt werden: „Der Opfernde, der Opferempfänger, das Opfer und der Opferherr, der das Opfer veranlasst.“.32 Fehlen Elemente, liegt keine Opferung vor, auch wenn in den Quellen von solchen zu lesen ist. An dieser Stelle wird bezüglich der Menschenopfer zwischen Opfer und ritueller Tötung unterschieden: Bei einem Opfer wird einem oder mehreren Göttern ein (hochgestelltes) Gemeindemitglied dargebracht, bei der rituellen Tötung werden solche Menschen, die als Störenfriede oder ähnliches gelten, getötet. Sie werden keinem Gott geopfert.33 Getötete Männer und Frauen, die einem gestorbenen Häuptling mit in sein Grab gelegt wurden, gelten ebenfalls nicht als Opfer, sondern als Bedienung bzw. Begleitung.34 Weiterhin geht aus den meisten Quellen hervor, dass eine (Menschen-) Opferung eine kollektive Funktion hatte und in den seltensten Fällen privat durchgeführt wurde (vgl. z.B. Ynglinga saga,‎Kap.‎15:‎„Da‎veranstalteten‎die‎Sviar‎ein‎großes‎ Opfer in Uppsala.“35 ).

[...]


1 de Vries 1957, S. 80.

2 Simek 2004, S. 59.

3 Krause 2008, S. 33.

4 Helm 1946, S. 16; 20; 26.

5 Helm 1946, S. 28f.

6 de Vries 1957, S. 28.

7 de Vries 1957, S. 36.

8 de Vries 1957, S. 38f.

9 de Vries 1957, S. 40.

10 Ebd.

11 Simek 2004, S 59.

12 Krause 2008, S. 17.

13 Krause 2008, S. 33.

14 Krause 2008, S. 34.

15 Helm 1946, S. 60.

16 de Vries 1957, S. 48.

17 Krause 2008, S. 17f.

18 Krause 2008, S. 26.

19 Krause 2008, S. 20.

20 Krause 2008, S. 48.

21 de Vries 1957, S. 48.

22 de Vries 1957, S. 73.

23 Simek 2004, S. 22f.

24 Simek 2005, S. 54f.

25 Simek 2005, S. 57.

26 Simek 2005, S. 53f.

27 Simek 2004, S. 23.

28 Hultgård 2001, S. 533f.

29 Hultgård 2001, S. 545.

30 Hultgård 2001, S. 534.

31 Hultgård 2001, S. 545.

32 Hubert / Mauss 1898-1899, 1964, S. 57.

33 Näsström 2002, S. 49.

34 Näsström 2002, S. 52.

35 Böldl, Ynglinga saga, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Odin und die Menschenopfer in Sagas, Berichten und der Bibel
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (ISFAS)
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V209235
ISBN (eBook)
9783656367680
ISBN (Buch)
9783656369431
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
odin, menschenopfer, sagas, berichten, bibel
Arbeit zitieren
Marina Schauer (Autor), 2012, Odin und die Menschenopfer in Sagas, Berichten und der Bibel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209235

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