Als Anstoß für die Auswahl des Themas für die vorliegende Arbeit dienten zahlreiche Beobachtungen in den praktischen Untersuchungen von Herrn Prof. Dr. Christoph Schroeder sowie die neuesten Studien im Bereich der Zweitspracherwerbsforschung und zum Phänomen des Transfers bzw. der Interferenz. Darüber hinaus ist das Thema von großer wissenschaftlicher Bedeutung im Bereich Deutsch als Zweitsprache, weil die Morphologie des deutschen Verbs für die Sprecher des Deutschen als Zweit- bzw. Fremdsprache allgemein als ein relativ komplexes Phänomen erscheint. Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass der Gebrauch von Verbpartikeln in der L2 Deutsch eine Vielzahl an Auffälligkeiten aufweist. Des Weiteren bietet die Untersuchung der sprachspezifischen Muster der Versprachlichung von temporalen Ereignissen sowohl in der Erst- als auch in der Zweitsprache eine sehr breite Forschungsmöglichkeit in diesem Bereich. All das diente als Motivationsfaktor, eine quantitative vergleichende Untersuchung im Bereich der Verwendung der Verbpartikeln im Deutschen als Zweitsprache durchzuführen.
Des Weiteren wird im Laufe der Arbeit kontrastiv vorgegangen und die ggf. entstehenden Konsequenzen für die Zweisprachigen mit russischer Erstsprache beim Gebrauch von Verbpartikeln empirisch erklärt. Für die empirische Datenanalyse wurden insgesamt zehn Probanden mit russischer Erstsprache ausgesucht, die sich seit zehn bis fünfzehn Jahren in Deutschland aufhalten und als (sehr) fortgeschrittene Deutschsprecher eingestuft werden können. Des Weiteren fand der Deutscherwerb bei allen Teilnehmern überwiegend ungesteuert statt, wobei die Rolle des gesteuerten Zweitspracherwerbs in Form des Deutschunterrichts in der Schul- bzw. Ausbildungszeit ebenfalls beachtet werden muss.
Für die Datenanalyse wurde die Bildergeschichte „Frog, where are you?“ von Mercer Mayer verwendet. Die Probanden wurden gebeten, diese Geschichte in Form eines mündlichen Textes zu produzieren, welcher mit einem Audiogerät aufgenommen wurde. Diese Texte wurden anschließend transkribiert und stellen den Materialkorpus für die empirische Textanalyse in der vorliegenden Arbeit dar.
Als Vergleichsmaterial dienen zehn Transkripte deutscher Muttersprachler aus dem online abrufbaren CHILDES-Korpus, die die Beschreibung der gleichen Bildergeschichte umfassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Problemdarstellung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Fragestellungen und Hypothesen
2.2 Forschungsstand und Quellenlage
2.3 Zum Begriff des Aspekts im Russischen
2.3.1 Definitionen des Aspekts
2.3.2 Bildung der Aspektformen im Russischen
2.3.3 Die Verben der Fortbewegung im Aspektsystem des Russischen
2.4 Zum Begriff des Transfers und der Interferenz
2.5 Klassifikation von Verben gerichteter Bewegung
3 Methode
3.1 Korpuszusammenstellung
3.2 Die Vorgehensweise der Analyse
4 Datenanalyse
4.1 Sprachlicher Hintergrund der Probanden
4.2 Exemplarische Darstellung der Ergebnisse
4.3 Auswertung und Zusammenfassung der Ergebnisse
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Gebrauch von Verbpartikeln bei der Beschreibung von Bewegungsereignissen im Deutschen durch erwachsene Sprecher mit russischer Erstsprache, um potenzielle Transferphänomene durch den Vergleich mit dem Sprachgebrauch deutscher Muttersprachler empirisch zu analysieren.
- Empirische Untersuchung des Gebrauchs von Verbpartikeln in der L2 Deutsch
- Kontrastive Analyse der Bewegungsereignisse zwischen russischsprachigen Lernern und deutschen Muttersprachlern
- Analyse der Rolle von Transfer und Interferenz beim Zweitspracherwerb
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Erzählmodus und sprachlichen Strukturen
- Klassifikation und Auswertung von Bewegungsverben und deren morphologischer Modifikation
Auszug aus dem Buch
2.3 Zum Begriff des Aspekts im Russischen
Aspekt stammt aus dem Lateinischen aspectus (=’Gesichtspunkt’). Der russische Terminus vid – mit der Bedeutung „Äußeres, Sicht, Art, Typ“ – geht auf den lateinischen Begriff zurück. Vid ist als Verbalbedeutung in der Slavischen Grammatik von Smotrickij zur Bezeichnung einer Opposition zwischen primären und abgeleiteten, inchoativen und iterativen Verben Anfang des 17. Jahrhunderts gebraucht worden (Cosma 2004, S. 17).
Es ist eine typische Erscheinung der slawischen Sprachen, jede mit einem Verb bezeichnete Handlung aspektuell zu differenzieren. Darunter ist zu verstehen, daß für den Slawen in der konkreten Rede keine Handlung ohne Zuordnung zu einem bestimmten Aspekt denkbar ist. Seine Vorstellung von Handlungen ist untrennbar mit einer spezifischen gedanklichen Differenzierung verbunden, die in der Verwendung der perfektiven oder imperfektiven Aspektform ihren sprachlichen Ausdruck findet. Diese gedankliche Differenzierung resultiert aus einem Gefüge von kommunikativen Bedingungen, in das der Sprechende eingeordnet ist und aus dem sich die bestimmenden Faktoren für die Verwendung der Aspektform ergeben (Mulisch/Gabka 1988, S. 77).
Eine der häufigsten Schwierigkeiten bei der Formulierung der theoretischen Definition des Aspektbegriffs liegt in der allgemeinen terminologischen Verwirrung, in Folge derer Termini wie Aspekt und Aktionsart oft gleichgesetzt werden. So werden in der deutschen Linguistik die Begriffe imperfektiv und perfektiv nicht nur für die Benennung slawischer Aspekte, sondern oft auch für die Bezeichnung der verschiedenen Aktionsarten deutscher Verben verwendet (Schmiedtová/Sahonenko 2008, S. 46). Die Differenzierung dieser beiden Begriffe wird noch zusätzlich dadurch erschwert, dass die beiden Kategorien mit Hilfe der gleichen Operatoren (durch Präfixe und/oder Suffixe) gebildet werden. Dadurch, dass diese Präfixe und/oder Suffixe grammatische und/oder lexikalische Bedeutung in Bezug auf die aspektuelle Differenzierung mit sich bringen, werden zwei Typen des Aspekts unterschieden, und zwar der grammatische und der lexikalische Aspekt. Der letztere soll als Aktionsart bezeichnet werden und nicht als Aspekt (ebd., S. 46f.). In der vorliegenden Arbeit wird dementsprechend lediglich mit dem Begriff des grammatischen Aspekts operiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Problemdarstellung: Einführung in das Thema, Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich des Gebrauchs von Verbpartikeln durch russischsprachige Migranten und Erläuterung des methodischen Vorgehens.
2 Theoretischer Hintergrund: Theoretische Fundierung durch Definition des grammatischen Aspekts im Russischen, Erläuterung von Transfer und Interferenz sowie Klassifikation von Verben gerichteter Bewegung.
3 Methode: Beschreibung der Korpuszusammenstellung auf Basis der Bildergeschichte „Frog, where are you?“ sowie Erläuterung der Transkription und Analysevorgehensweise.
4 Datenanalyse: Detaillierte Auswertung der empirischen Daten, Vorstellung des sprachlichen Hintergrunds der Probanden und quantitative Analyse der Ergebnisse im Vergleich zum Kontrollkorpus.
5 Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse, Diskussion der Hypothesen sowie Reflexion über Limitationen der Untersuchung und Vorschläge für weiterführende Studien.
Schlüsselwörter
Verbpartikeln, gerichtete Bewegung, russische Erstsprache, Deutsch als Zweitsprache, Zweitspracherwerb, Transfer, Interferenz, Aspekt, Bewegungsverben, empirische Untersuchung, Sprachproduktion, morphologische Strukturen, Bildbeschreibung, Sprachkontakt, grammatischer Aspekt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit untersucht den Gebrauch von Verbpartikeln bei der Beschreibung von Bewegungsereignissen im Deutschen durch russisch-deutsch zweisprachige Erwachsene.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Interferenz zwischen dem russischen Aspektsystem und der deutschen Verbmorphologie sowie die strukturelle Analyse von Bewegungsverben.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob russischsprachige Probanden eine höhere Tendenz zur Verwendung von Verbpartikeln aufweisen als deutsche Muttersprachler und ob dies als Transfer des russischen Aspektkonzepts gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirische, quantitative Untersuchung, die auf mündlichen Nacherzählungen der Bildergeschichte „Frog, where are you?“ basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Einbettung, die Beschreibung des methodischen Korpus-Designs sowie die detaillierte Datenanalyse und Auswertung der erfassten sprachlichen Strukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Verbpartikeln, gerichtete Bewegung, Transfer, Interferenz, Zweitspracherwerb und grammatischer Aspekt charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Sprachgebrauch der Probanden?
Es zeigen sich individuelle Unterschiede, insbesondere abhängig vom Einreisealter und der Intensität der Sprachpraxis; jüngere Probanden mit frühem Einreisealter zeigen eine stärkere Angleichung an deutsche Strukturen.
Konnte die Transfer-Hypothese bestätigt werden?
Die Hypothese des Transfers konnte im Rahmen der quantitativen Daten nicht eindeutig bestätigt werden; es zeigten sich vielmehr hohe Individualunterschiede und keine einheitlichen Gruppenpräferenzen.
- Citation du texte
- Ekaterina Avalon (Auteur), 2012, Gebrauch der Verbpartikeln bei russisch-deutschen Migranten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209337