Der Begriff des filmischen Dispositivs in Michael Hanekes Film "Caché"


Seminararbeit, 2009
15 Seiten, Note: 0,75

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Filmtheoretische Forschungsschwerpunkte
2.1 vor
2.2 nach 1970 – die Anfänge der psychoanalytischen Filmtheorie

3 Vertiefende Betrachtungen zum filmischen Dispositiv
3.1 Die Definition des Begriffs filmisches Dispositiv
3.2 Baudrys Konzeption des kinematographischen Apparats – Freuds Traum und Platons Höhle

4 Die Manifestation des filmischen Dispositivs in Caché
4.1 Abriss des Filminhalts
4.2 Interpretationsversuch hinsichtlich des filmischen Dispositivs

5 Resümee und Kritikpunkte am Konzept des filmischen Dispositivs

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wer sich mit Kunstformen jedweder Art auseinandersetzt, kann der Frage nach der Art bzw. dem Vorhandensein von Bezügen zur Realität nur schwerlich ausweichen. In besonderem Maße trifft dies sicherlich auf die Techniken Fotografie und Film zu. Ein unbearbeitetes Foto oder auch ein kinematographisches Einzelbild zeigt einen Ausschnitt einer (vermeintlich) objektiven Realität. So scheint vor allem das bewegte Bild durch seine detailgetreue Abbildungsfunktion vergangener Realitäten und die auditive Untermalung des abgebildeten Geschehens wie kein anderes Medium prädestiniert, eine intersubjektiv nachvollziehbare Darstellung der Wirklichkeit zu garantieren. Dem/der KinobesucherIn scheint die Wahrnehmung der Realität ohne Übertragungsverluste verbürgt zu sein.

Ganz so ideal funktioniert die menschliche Wahrnehmung im Kino allerdings nicht, denn der unscharfe «Übergang zwischen der Wahrnehmung äußerer Realität und dem Realismus des Mediums Film» (Paech/Paech 2000: 44) führt zu gewissen Problematiken die Erwartungshaltung der RezipientInnen betreffend. Von einer Abbildung der äußeren Wirklichkeit kann tatsächlich nur eingeschränkt ausgegangen werden. Bei näherer Betrachtung wird filmische Darstellung zweifellos als subjektiver Ausschnitt einer inszenierten Wirklichkeit enttarnt, denn Film hat nicht nur die Aufgabe, eine vermeintlich gegebene Realität abzubilden, sondern

[d]as Kino kann die Zuschauer in eine Welt jenseits des Intellekts entführen, in der sie sich ganz und gar ihrer eigenen Intuition anvertrauen müssen. Es geht nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, etwas zu erfahren. (Beier/Borcholte 2007: 192)

Dieser Aussage entsprechen auch die Thesen, die gut drei Jahrzehnte zuvor in Baudrys Essay Le dispositif: approches métapsychologiques de l’impression de réalité. formuliert werden, und die zu erklären versuchen, was der/die KinobesucherIn mit dem Kauf seiner/ihrer Eintrittskarte tatsächlich erwirbt bzw. wie er/sie den ihm/ihr dargebotenen Eindruck eines Realitätseindruckes psychisch verarbeitet.

Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit soll auf der Analyse bzw. Kritik der Inhalte dieses Aufsatzes, der als Grund- bzw. Meilenstein der frühen psychoanalytischen Filmtheorie gilt, liegen.

Einführend wird in Kapitel 2 ein Überblick über die in der Filmforschung behandelten Themenbereiche vor 1970 bzw. über die danach entstehende Strömung der psychoanalytischen Filmforschung gegeben. Als einer der in dieser Strömung behandelten Aspekte wird im daran anschließenden Kapitel 3 die Theorie des filmischen Dispositivs näher beleuchtet. Vor allem auf die theoretischen Ansätze Baudrys soll dabei der Fokus gelegt werden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen in Kapitel 4 am Beispiel des Spielfilmes Caché auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden. Im abschließenden Kapitel werden die (potentiellen) Schwächen des Essays zum filmischen Dispositiv kenntlich gemacht und die Ergebnisse der Arbeit resümiert.

2 Filmtheoretische Forschungsschwerpunkte

2.1 … vor 1970

Der Schöpfungszeitpunkt des Mediums, welches die Filmtheorie erforscht, macht diese zu einer relativ jungen wissenschaftlichen Disziplin. Bis Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts beschäftigte sie sich primär mit Film an sich, also mit dessen Inhalten, der Bearbeitung filmischen Materials (z.B. Schnitt- und Perspektiventechniken) oder auch mit der Bedeutung der Kamera und ihrer Realitätsbildungsfunktion (vgl. Baudry 1975: 68).

2.2 … nach 1970 – die Anfänge der psychoanalytischen Filmtheorie

Erst zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium Kino, deren Grundlage eine Mischung aus Psychoanalyse, Semiotik, Strukturalismus und Marxismus bildete. Den Mittelpunkt der Untersuchungen bildete das Zuschauersubjekt. Heute firmiert diese Strömung unter dem Stichwort Apparatustheorie bzw. in der amerikanischen Filmtheorie unter dem Begriff Apparatus and Ideology.

Die Ausgangsbasis für die Entstehung der psychoanalytischen Filmtheorie bildete ein reger Meinungsaustausche in französischen Filmmagazinen Ende der 1960er Jahre (z.B. ein Interview in Cinéthique mit Mercelin Pleynet aus dem Jahre 1969), der vor allem die zentrale Fragestellung, welcher politische Stellenwert dem Kino und dem durch die Nouvelle vague völlig veränderten französischen Film zuzumessen sei, behandelte. In weiterer Folge nahmen auch die erstmals 1970 bzw. 1975 publizierten Überlegungen des französischen Theoretikers Jean-Louis Baudry Einfluss auf die Bewegung. Die endgültige Etablierung des subjektbezogenen Forschungsansatzes als neues Paradigma der Filmtheorie erfolgte jedoch erst durch die Schriften Christian Metz’ (vgl. Winkler 1992: 19; Casetti 2003: 181f.).

Diese auch als psychoanalytische Filmtheorie bezeichnete Bewegung der Filmforschung wendet die Methode der Psychoanalyse von Freud, Jung und Lacan auf das Phänomen des Films und des Kinos an (vgl. Casetti 2003: 177f.).

Filmische Technik wird innerhalb dieser Strömung in einer völlig neuen Weise aufgefasst. Vor allem deren Einbettung in geschichtlich-soziale Dimensionen und in die subjektiven Bedürfnisstrukturen ihres Umfeldes wird untersucht. Apparatus-AutorInnen gehen davon aus, dass (technische) Entwicklungen immer (sozialen) Gesetzmäßigkeiten unterliegen und nehmen somit auch das Konstrukt Kino nicht als gegeben hin, sondern hinterfragen, welche Funktion es im Kontext anderer Medien und bestimmter historischer Bedürfniskonstellationen erfüllt. Sie untersuchen die Kriterien, entlang derer sich der Fortschritt der filmischen Technik vollzogen oder gerechtfertigt hat. Der filmischen Technik im direkten Sinn wird also Bedeutung zugemessen, deren ideologischer Gehalt soll offengelegt werden (vgl. Winkler 1992: 68f.).

Ziel der Auseinandersetzung ist es, Aussagen über den Gesamtapparat Kino zu treffen, wobei das Zuschauersubjekt stets im Mittelpunkt der Beschäftigung steht. Die Apparatus-Theorie ist somit eine Filmtheorie, die sich nicht, wie andere dies tun, ausschließlich deskriptiv mit der Wiedergabe von Filminhalten beschäftigt – und damit ist sie auch menschliche Wahrnehmungslehre.

Vor allem die offenkundigen Parallelen zwischen Film und Traum haben die Fantasie der Forschenden angeregt. Der Film wird als Ausdrucksmittel nahe am träumerischen Gedanken betrachtet. VertreterInnen der psychoanalytischen Filmtheorie versuchen in erster Linie herauszuarbeiten, wie das Unterbewusstsein die Rezeption von Filmgeschehen unterstützt, bzw. wie Film und Kino unbewusste, irrationale Prozesse beim/bei der BetrachterIn auslösen und Filmschauen so zu einer lustvollen Erfahrung werden lassen (vgl. Casetti 2003: 178f.).

Ihre Thesen besagen des Weiteren, dass das Medium Kino eine bestimmte ZuschauerInnendefinition vorgibt, der der/die KinobesucherIn sich ausliefert und die seinen/ihren Blick auf die Dinge bzw. seine/ihre psychischen Mechanismen maßgeblich beeinflusst (vgl. Winkler 1992: 70).

Eine solche neue psychoanalytische Methode, konnte den Film nicht länger isoliert betrachten, sondern musste zwangsläufig das gesamte Umfeld Kino mit einbeziehen. Diese Strömung behandelt also mehr als nur Film – zwei Systeme werden miteinander in Beziehung gesetzt: das Kino und die Psyche.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Begriff des filmischen Dispositivs in Michael Hanekes Film "Caché"
Hochschule
Universität Salzburg
Note
0,75
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V209345
ISBN (eBook)
9783656371519
ISBN (Buch)
9783656372233
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmisches Dispositiv, Filmanalyse, Caché, Michael Haneke, Baudry, Platons Höhle
Arbeit zitieren
Sandra Bernhofer (Autor), 2009, Der Begriff des filmischen Dispositivs in Michael Hanekes Film "Caché" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209345

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