Evelyn Waughs Kritik an der Upper Class in seinem Roman "Decline and Fall"


Hausarbeit, 2002
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Upper Class in England in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in England

3. Analyse ausgewählter Protagonisten in Decline and Fall
3.1 Lady Greta Circumference
3.2 Margot Beste-Chetwynde
3.3 Sir Humphrey Maltravers
3.4 Otto Friedrich Silenus
3.5 Sebastian Cholmondley

4. Schlusswort

5. Bibliographie

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich Evelyn Waughs Kritik an der Upper Class Englands der zwanziger Jahres des zwanzigsten Jahrhun­derts untersuchen, die er durch seinen satirischen RomanDecline and Fallzum Ausdruck bringt. Evelyn Waugh, selbst zwar zunächst nicht Mit­glied der britischen Upper Class, aber sich in diesen Kreisen bewegend, beschäftigte sich in jedem seiner Romane stets mit dieser Klasse, so auch in seinem Erstlingswerk von 1928. Das wohl umfassendste Bild der Upper Class lieferte er in seinem 1945 erschienenBrideshead Revisted, doch schon inDecline and Fallnimmt die Kritik an der Upper Class eine zen­trale Position ein.

Diese Kritik ist in Waughs Fall keine offene personalisierte Kritik nach dem Stile der juvenalischen Satire, sondern nach der Schule von Horaz. Nicht wie bei Juvenal werden inDecline and Fallreal existierende Personen angegriffen und verspottet, sondern wie bei Horaz, Missstände und Ent­wicklungen in der Upper Class Englands der zwanziger Jahre karikiert.

Sein Freund und Kritiker Mosignore Ronald Knox gibt m. E. hierzu eine passende Ab­grenzung des Humorists Waugh vom Satiriker juvenalischer Prägung ab, die genau auf das frühe satirische Werk Waughs paßt: “The humorist runs with the hare, the satirist hunts with the hounds.“[1]

Denn Waugh ging es um die Darstellung von Phänomenen und nicht um das Blossstellen von realen Personen. Auch wenn er als Vorbild für seine Figuren teilweise auffällige Wesenszüge realer Personen hernahm, so denunzierte er diese Vorbilder, zumindest inDecline and Fall, nicht.

Es stehen nicht die Protagonisten im Vordergrund, sie sind flat charac­ters.[2]Waugh ging es vielmehr darum, durch ihre Eigenschaft, ihre Bezie­hungen zueinander, ihren sozialen Stand und ihre moralischen Vorstel­lungen zu einer zeitgenössischen satirischen Sozialstudie zusammen zu fügen.

Dies sagte Evelyn Waugh auch selbst: "I regard writing not as in­vestiga­tion of character but as an exercise in the use of language, and with this I am obsessed. I have no technicus psychological interest. It is drama, spe­ech and events that interest me."[3]

Oder an anderer Stelle:The algebra of fiction must reduce its problems to symbols if they are solouble at all. I am shy of a book commended to me on grounds ‘that the characters are alive’ [...] The alternative, classical expedient is to take the whole man and reduce him to a managable ab­straction. Set up your picture plain, fix your point of vision, make your fi­gure twenty foot high or the size of a thumbnail, he will be life-size on your canvas.[4]

Im Verlauf dieser Hausarbeit werde ich zuerst die Situation der Upper Class in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in der gebo­tenen Kürze skizzieren, um die Grundlage der Waugh‘schen Kritik darzu­legen. Dies erscheint mir insofern wichtig als dass die zwanziger Jahre ein ganz spezielles, nicht nur kulturelles, Interregnum darstellen. Beaty ver­gleicht es treffend mit der Epoche der Romantik, ebenfalls eine Zeit mit der „awareness of having lost an older world view and of not yet having re­placed it with a stable new order.“[5]

Im Hauptteil beschäftige ich mich mit ausgewählten Personen des Ro­mans und stelle dar, welche gesellschaftliche Kritik sie quasi als Agenten verkörpern.

Ich habe in diese Auswahl absichtlich nicht die Hauptfigur Paul Pen­nyfeather einbezogen, weil sie m. E. lediglich pikaresker Focalizer Waughs ist, der ausser ihrer Orientierungslosigkeit keine starken Merk­male hat. Sie ist Waughs Organ zur Identifizierung von Missständen, wenn auch unfreiwillig, denn Paul Pennyfeather stolpert nur konturlos durch die Handlung.

Zudem bin ich der Meinung, dass die Figur des Paul Pennyfeathers in der Literaturkritik zu stark als Kern vonDecline and Fallgesehen wird. Der an Edward GibbonsDecline and Fall of the British Empire[6]angelehnte Titel bezieht sich aber auch auf den Niedergang der britischen Upper Class und nicht wie häufig bekundet, hauptsächlich auf den persönlichen Nie­dergang Paul Pennyfeathers.

Gerade die Personen, die mit Paul Pennyfeather interagieren, veran­schaulichen dem Leser Waughs Kritik an der Upper Class. Ich möchte deswegen in dieser Hausarbeit die Protagonisten untersuchen, die wie Margot Beste-Chetwynde oder Lady Circumference stock characters der Upper Class der zwanziger Jahre darstellen. Im Schlusswort werde ich aus den gewonnen Erkenntnissen die Gesellschaftskritik Waughs diskutie­ren.

2. Die Upper Class in England in den zwanziger Jahren des zwanzig­sten Jahrhunderts in England

In seinem Buch über Kultur und Klassen in England zwischen 1918 und 1951 führt McKibbin mit der These, das „The English had no doubt, at least for most of the period of 1918-51, that there was an upper class, though they would not neccesarily have agreed as to ist boundaries.“[7]die Thematik der Upper Class ein und trifft damit die Debatte der zwanziger Jahre, also zu Zeiten der Great Depression, auf den Punkt.

Denn in den zwanziger Jahren setze sich ein Trend fort, der mit der spät-viktorianischen Zeit einsetzte[8]: der Einzug des Geldadels in die Upper Class.

Früher konstituierte sich die Upper Class aus zwei Gruppen: der erweiter­ten Royal Family und der Peerage[9]. Die neu ernannten Peers waren ent­weder Mitglied der Intelligenzia, Millitärs, Finanziers, Politiker oder landed Peers, also Grossgrundbesitzer. Dies änderte sich jedoch grundlegend im zwanzigsten Jahrhundert:Iin den zwanziger Jahren waren nur noch 13 der 93 neu ernannten Peers landed Peers, der Grossteil aber MP’s, Industri­elle, Geschäftsleute und Juristen[10]. Zudem florierte der Handel mit Adelsprädikaten.[11]

Doch die neue bürgerliche Oberschicht holte nicht nur im Ansehen, son­dern auch monetär zum Adel auf. So wechselte, laut Branson, zwischen 1918 und 1921 25% des in England im privaten Besitz befindlichen Landes den Eigentümer: Während die landed Peerage 1918 noch 10 Mil­lionen Morgen Land besaß, reduzierte sich dies bis zum Jahre 1929 auf 5.5 Millionen Morgen.[12]

Ausschlag gebend für diese Verkaufswelle waren zwei Faktoren: Zum Ei­nem die dem Ersten Weltkrieg folgende Inflation, und von Lloyd George schon vor dem Kriege eingeführte super tax und erhöhte income tax, so­wie zum Anderen die aufgrund der vielen Gefallenen in der Oberschicht, veränderten Besitzverhältnisse und die damit anfallenden Erbschaftssteu­ern.[13]Nutzniesser hiervon war die neue Upper Class, der neben der Geld­anlage vor allem der Prestigegewinn des Landbesitzes wichtig war.

Auch das gesellschaftliche Leben war einem starken Wandel unterworfen. Die politischen Abendempfänge und Debutantenbälle wurden durch infor­melle Parties der neuen Oberschicht abgelöst. Von den neun prominen­testen Gastgeberinnen der Upper Class in London waren sieben Ehe­frauen von Peers Amerikanerinnen, so dass von einer Amerikanisierung die Rede war.[14]Das lag auch daran, dass diese Parties häufig in der Presse waren und die Presse häufig auf diesen Parties, ein Zustand der bis 1918 undenkbar gewesen wäre.[15]

Die Upper Class öffnete sich für Film- und Sportstars und sogar für schwarze Musiker. Das soziale Leben stellte sich der breiten Öffentlichkeit zur Schau wie ein Hollywoodfilm. Treffend beschreibt dies Cohen-Port­heim:„The interest which the whole nation takes in society is astonishing. In continental countries for all their snobism and reverence for the nobility, the masses no very little about the ‚best people‘, who remain private individuals; in England people in society are public characters. Every newspaper tells you about their private lives, Every illustrated paper is perpetually publishing photographs of them, and they are as much popular figures as cinema actors. Their parties and their dresses, their weddings christenings and funerals, their houses and their travels are all described and depicted. [...] The first duty of society is to be a show for the masses, particulary during the three months of the London Season.[16]

3. Analyse ausgewählter Protagonisten in Decline and Fall

In den nachfolgenden Kapiteln werden Protagonisten ausDecline and Fallvorgestellt und analysiert. Die ersten drei Personen sind allesamt Mitglie­der der Upper Class, wobei Lady Circumference die alte Upper Class[17]darstellt und Margot Beste-Chetwynde und Lord Maltravers für die neue Upper Class[18]stehen. Diese drei Akteure sind exemplarisch für den im vorstehenden Kapitel beschrieben Prozess: Die Durchdringung der Upper Class durch das Bürgertum.

Bei Otto Silenius handelt es sich um einen Architekten, der schmückendes Beiwerk und Erfüllungsgehilfe der Upper Class ist. Sebastian Cholmond­ley ist als Amerikaner zwar kein Teil des englischen Klassensystems, an ihm wird jedoch einiges über das Bild der Afro-Amerikaner in der engli­schen Upper Class in den zwanziger Jahren klar.

3.1 Lady Greta Circumference

Lady Greta Circumference ist eine „stout elderly woman in a tweed coat and skirt and jaunty Tyrolean hat[19], die sich mit der Entschuldigung ein­führt, sie käme zu spät, da ihr Mann gerade „a fool of a boy[20]mit seinem Wagen überfahren habe. Diese Bemerkung fällt en passant und wird auch von keinem der Anwesenden auf dem Sportfest diskutiert. Als sie sich bei Paul Pennyfeather über ihren Sohn Lord Tangent erkundigt, der Pen­nyfeathers Schüler ist, interessieren sie dessen wohlmeinende Worte nicht. Vielmehr entgegnet sie ihm in einer Schimpftirade, ihr Sohn sei ein„toad of a son“, ein „dunderhead[21], der nur eine Tracht Prügel verstünde, und auch diese nicht wirklich.

Wirklich interessiert ist sie nur an Monologen über Gartenpflege. Als ihr Sohn im Laufe des Sportfestes von Mr. Prendergast, der den Startschuss im viertel-Meilen-Rennen gibt, in den Fuss geschossen wird, tangiert sie dies nur am Rande. Sie tut dies mit einem „that won’t hurt him[22]ab, und bittet nur darum, Prendergast die Pistole abzunehmen, „before he does anything serious.“[23]Statt sich jedoch um ihren Sohn zu kümmern, zetert sie lieber über vermeintliche Betrügereien im Fortlaufe des Sportfestes und droht den jugendlichen Betrügern wiederum Prügel an.

[...]


[1]Knox, Ronald A. ;Essays in Satire, London: Sheed,1928, 31. Zitiert bei Beaty, Frede­rick L.;The ironic world of Evelyn Waugh: a study of eight novels, De Kalb(IL.): Northern Illinois University Press, 1992, 25.

[2]Wykes, David. Evelyn Waugh: A Literary Life, London: Macmillan Press, 1999, 60. So­wie Wyss, Kurt O. Pikareske Thematik im Romanwerk Evelyn Waughs, Bern: Francke Verlag,1973, 76.

[3]Pryce-Jones, David:Evelyn Waugh and His World. Ed. David Pryce-Jones. Boston: Little, 1973. 252.

[4]Hollis, Christopher. Evelyn Waugh, London: Longmanns, Green & Co,1954, 8.

[5]The ironic world of Evelyn Waugh: a study of eight novels, 29.

[6]Vgl. Bradshaw, David. Introduction to Decline and Fall, xviii. In: Waugh, Evelyn. De­cline and Fall,London: Pengiun Books, 2001(revised edition).

[7]McKibbin, Ross. Classes and Cultures: England 1918 –1951,Oxford: Ox­ford University Press,1998,1.

[8]Vgl. a. a. O., 17

[9]Vgl. a. a O., 2.

[10]A. a. O., 17f.1935 wurde der mit Lord Hesketh letzte landed Peer ernannt.

[11]Branson, Noreen. Britain in the Nineteen Twenties, London: Weidenfeld and Nicol­son,1975,92f.

[12]Britain in the Nineteen Twenties,92f.

[13]Vgl. Britain in the Nineteen Twenties, 92.

[14]Vgl. Classes and Cultures: England 1918 –1951, 24.

[15]Vgl. a.a. O. , 28.

[16]Cohen-Portheim, Paul. England: the Unknown Isle, London: E.P. Dutton & Co,1930,112f. Zitiert bei:Classes and Cultures: England 1918 –1951,34.

[17]Hereditary Peerage

[18]Sir Humphrey Maltravers, der spätere Viscount Maltravers ist ein Life Peer, Margot Be­ste-Chetwynde wird durch ihre Heirat mit Maltravers Life Peer, ihr Sohn ererbt jedoch die Peerage.

[19]Waugh, Evelyn. Decline and Fall,London: Pengiun Books, 2001( revised edition),63.

[20]Ibid.

[21]a. a.O.,64.

[22]Decline and Fall, 66.

[23]a. a. O. 67.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Evelyn Waughs Kritik an der Upper Class in seinem Roman "Decline and Fall"
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Veranstaltung
07.475 Die Satiren Evelyn Waughs
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V209542
ISBN (eBook)
9783656373032
ISBN (Buch)
9783656373292
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Internetquellen 2013 überarbeitet.
Schlagworte
evelyn, waughs, kritik, upper, class, roman, decline, fall
Arbeit zitieren
Manoucher Thomas Shareghi-Boroujeni (Autor), 2002, Evelyn Waughs Kritik an der Upper Class in seinem Roman "Decline and Fall", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209542

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