Weltkulturerbestädte in Lateinamerika. Die Konstruktion des kulturellen Erbes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
49 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Konstruktion des kulturellen Erbes lateinamerikanischer Städte
2.1 Das Welterbeprogramm der UNESCO
2.1.1 Definitionen der UNESCO
2.1.1.1 Was ist Erbe?
2.1.1.2 Was ist Kultur?
2.1.2 Die Entstehung der Welterbekonvention
2.1.3 Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes
2.1.4 Kriterien für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste
2.2 Die lateinamerikanische Stadt während der Kolonialzeit
2.2.1 Die spanischen Kolonialstädte
2.2.2 Die portugiesischen Kolonialstädte
2.3 Exkurs: kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte
2.4 Das Weltkulturerbe in Lateinamerika anhand ausgewählter Städte
2.4.1 Quito
2.4.1.1 Entwicklung
2.4.1.2 Quito als Weltkulturerbestadt
2.4.2 Potosí
2.4.2.1 Entwicklung
2.4.2.2 Potosí als Weltkulturerbestadt
2.4.3 Valparaíso
2.4.3.1 Entwicklung
2.4.3.2 Valparaíso als Weltkulturerbestadt
2.4.4 Salvador da Bahia
2.4.4.1 Entwicklung
2.4.4.2 Salvador da Bahia als Weltkulturerbestadt
2.4.5 Havanna
2.4.5.1 Entwicklung
2.4.5.2 Havanna als Weltkulturerbestadt

3. Fazit – Lateinamerika: ein Kulturraum?

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ab- und Umbau der Tempelanlagen von Abu Simbel

Abbildung 2: Idealplan einer spanischen Kolonialstadt

Abbildung 3: Stadtkern von Quito

Abbildung 4: Salvador de Bahia

Abbildung 5: Patrimonios Culturales de la UNESCO en América Latina, 2006

Abbildung 6: ausgewählte Weltkulturerbestädte

Abbildung 7: Plan von Quito mit dem Bereich des historischen Zentrums

Abbildung 8: Menschen in Quito

Abbildung 9: Valparaíso

Abbildung 10: in die Weltkulturerbeliste eingetragener Bereich Valparaísos

Abbildung 11: Bahia de Todos os Santos

Abbildung 12: Baiana

Abbildung 13: Zustand der Gebäudestruktur 1987

Abbildung 14: Sicht auf Havanna und dessen Bucht von Eduardo Laplante (1818-?)

Abbildung 15: Kolonialzeitliche Entwicklung Kubas

Abbildung 16: Gebiet des Weltkulturerbetitels Havana Vieja

1. Einleitung

“[D]as Wort “Welterbe” hat einen verlockenden Klang. Seit 1987 werden mit diesem Prädikat steingewordene Kultur- und Technikleistungen der Menschheit ausgezeichnet, Kirchenschiffe und Schlösser, Eisenbahntrassen im Hochgebirge und Denkmäler der Industriegeschichte. […] Ein schöner Gedanke steckt in dieser Idee, ein Schutz- und Bewahrungsgedanke, der menschliche Leistung der Vergangenheit […] das Rasen der Moderne überstehen lassen soll. Und der Gedanke internationaler Gemeinschaft, der in Vietnam Respekt für den Kölner Dom und in Brasilien Bewunderung für die türkische Selimiye-Moschee hervorrufen soll.“ (Gaede 2011, S. 3)

Im Jahr dieser Arbeit blickt die UNESCO Welterbekonvention auf ihr 40-jähriges Bestehen zurück. Bis heute haben 187 Staaten diese Konvention ratifiziert und die Welterbeliste zählt 936 Einschreibungen. Davon sind 725 Kultur-, 183 Natur- und 28 gemischtes Erbe. (vgl. UNESCO World Heritage Center 2011).

Im Rahmen des Hauptseminars „Lateinamerika: ein Kulturraum?“ soll mit der vorliegenden Arbeit ein besonderer Blick auf das Programm der UNESCO in Lateinamerika und dem Umgang damit geworfen werden. Aufgrund des Umfangs der Arbeit sollen nicht alle Weltkulturerbestätten, sondern ausgewählte Kulturerbestädte näher betrachtet werden. Die Fragen, die sich dabei stellen, sind: Welchen Kulturbegriff hat die UNESCO und was steckt hinter dem Konzept? Und wird dies von den Titelträgern auch so verstanden? Was wird in und von den Kulturerbestädten dargestellt und was eventuell versteckt? In Anlehnung an die Fragestellung des Seminars soll ebenso untersucht werden, ob Kulturräume bei der Auswahl berücksichtigt werden und ob Lateinamerika ein Kulturraum ist.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, beinhaltet die vorliegende Arbeit eine Betrachtung der Konstruktion des kulturellen Erbes in vier Teilen. Im ersten Teil wird zunächst allgemein das Welterbeprogramm der UNESCO vorgestellt. In einem nächsten Schritt wird die Entwicklung der Kolonialstadt, von der die historischen Zentren der Städte immer noch geprägt sind und in denen sich das Leben abgespielt und die eigene Kultur entwickelt hat, dargestellt. Ein anschließender Exkurs gibt Informationen zu den Konzepten des kollektiven Gedächtnisses und der Erinnerungsorte, die für die Schlussfolgerungen am Ende von Bedeutung sind. Daran anknüpfend erfolgen eine Darstellung der Entwicklung fünf lateinamerikanischer Städte und deren Bedeutung als Weltkulturerbe, bevor ein Gesamtfazit gezogen wird, in dem die Fragestellungen dieser Arbeit abschließend beantwortet werden.

2. Die Konstruktion des kulturellen Erbes lateinamerikanischer Städte

2.1 Das Welterbeprogramm der UNESCO

2.1.1 Definitionen der UNESCO

Um eine Analyse der Konstruktion des Welterbes in den später folgenden lateinamerikanischen Städten gewährleisten zu können, ist es wichtig zu wissen, wie die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) Erbe und Kultur definiert. Daher werden im Folgenden die von ihr dargestellten Definitionen aufgeführt.

2.1.1.1 Was ist Erbe?

In einer von der UNESCO für Lehrer erstellten Mappe wird Erbe wie folgt definiert:

„Unter Erbe verstehen wir zumeist das Vermächtnis aus unserer Vergangenheit, mit dem wir in der Gegenwart leben und das wir an zukünftige Generationen weitergeben möchten und deshalb erhalten und schützen müssen.

Im Lexikon wird Erbe folgendermaßen definiert:

1. Vermögen, das jmd. bei seinem Tod hinterlässt und das in den Besitz einer gesetzlich dazu berechtigten Person od. Institution übergeht
2. Etw. auf die Gegenwart Überkommenes; nicht materielles [geistiges, kulturelles] Vermächtnis.

Duden: Deutsches Universal Wörterbuch (4. Auflage, 2001)

Als Erbe bezeichnen wir gerne Orte und Gegenstände, die wir erhalten möchten: Kulturgüter, Naturerbe-Stätten und andere Dinge, die wir lieben und schätzen, da sie auf unsere Vorfahren zurückgehen und besonders schöne, wissenschaftlich bedeutsame oder unersetzliche Beispiele des Lebens und der Inspiration sind. Sie sind unsere Prüfsteine, unsere Bezugspunkte, unsere Identität. Dieses Erbe spiegelt häufig das Leben unserer Vorfahren wider und Überlebt heute oft nur dank besonderer Initiativen.“ (Hilger 2003, S. 40)

2.1.1.2 Was ist Kultur?

Gemäß der UNESCO lässt sich sagen, "dass die Kultur in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden kann, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen." (UNESCO 2010, S. 34)

2.1.2 Die Entstehung der Welterbekonvention

Als in Ägypten in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts der Staudamm von Assuan geplant wurde, kam es zur ersten großen internationalen Rettungsaktion der UNESCO. Mit dem Bau drohte das Niltal und somit auch die Tempel von Abu Simbel zu überfluten. Weltweit entstand große Sorge um dieses Bauwerk der ägyptischen Antike. Nachdem die Regierungen Ägyptens und des Sudans um Hilfe baten, startete die UNESCO 1959 eine Kampagne zur Rettung der Tempelanlagen, an der sich 50 Länder mit 80 Millionen US-Dollar beteiligten. Insgesamt 18 Jahre dauerte es, die Bauten an neuer Stelle wieder aufzubauen und sie somit für die Nachwelt zu erhalten. (vgl. Hilger 2003, S. 43f)

Im Anschluss an diese Aktion beschloss die UNESCO mit Hilfe des Internationalen Rates für Denkmalpflege ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) ein Übereinkommen (Konvention) zum Schutz des Weltkulturerbes zu erarbeiten. Während der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen 1972 in Stockholm schlugen die USA sowie die Internationale Naturschutzunion IUCN (International Union for the Conservation of Nature) ein Gesetz zum Schutz von Kultur- und Naturgütern vor. Dies führte zu dem Gedanken eines internationalen Instruments zur Protektion universell wertvoller Kultur- und Naturdenkmäler. Aufgrund ihrer besonderen Kompetenzen im Bereich Bildung, Kultur und Wissenschaft oblag es der UNESCO den Text für die Konvention auszuarbeiten. Schließlich wurde am 16. November 1972 auf der 17. UNESCO-Generalkonferenz in Paris das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt, die sogenannte „Welterbekonvention“ verabschiedet. (vgl. ebd., S. 46)

2.1.3 Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes

Grundsätzlich muss jeder Staat, der in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen werden möchte, der Welterbekonvention beitreten. Ein Antrag zur Aufnahme in die Liste gliedert sich wie folgt. Mit der Unterzeichnung der Welterbekonvention verpflichtet sich der Vertragsstaat sein nationales Kultur- und Naturerbe zu schützen. Es wird eine sogenannte „Vorläufige Liste“ (tentative list) erstellt, auf der alle Kultur- und Naturdenkmäler verzeichnet sind, die nach eigener Ansicht von universellem Wert für die Menschheit sind. Aus dieser „Vorläufigen Liste“ wird eine Stätte ausgewählt, die in die Welterbeliste aufgenommen werden soll. Das ausgefüllte Formular wird daraufhin an das Welterbezentrum in Paris verschickt. Bei Vollständigkeit wird der IUCN und/oder der ICOMOS beauftragt, eine Beurteilung gemäß den Kriterien für das Kultur- und Naturerbe (siehe 2.1.4) zu erstellen. Anhand deren Beurteilungsberichts prüfen die sieben Mitglieder[1] des Welterbe-Büros und geben dann ihre Empfehlungen an das Welterbe-Komitee weiter. Dessen 21 Mitglieder[2] legen sich auf ein endgültiges Urteil fest: die Stätte wird entweder aufgenommen, zurückgestellt oder abgelehnt. Eine neue Bewerbung ist danach nicht mehr möglich. (vgl. ebd., S. 51f.)

2.1.4 Kriterien für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste

Wer darf den Titel „Weltkulturerbe“ tragen? Anhand welcher Kriterien entscheidet die UNESCO, dass eine Stätte im Vergleich zu einer anderen von großem Wert für die Menschheit ist? Aufgenommen werden Kultur- und/oder Naturerbestätten, die laut Artikel 1 der Konvention aus "geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen von außergewöhnlichem universellem Wert sind." (UNESCO 1972, S. 35). Neben den allgemeinen Kriterien Echtheit und Authentizität muss mindestens eins der Kriterien für Weltkulturerbe-Stätten erfüllt sein. Der Katalog umfasst zehn Kriterien, sechs für Kultur- und vier für Naturstätten. Aufgrund der Fragestellung dieser Arbeit werden die Kriterien für Naturerbe nicht berücksichtigt. Die Kriterien für das Kulturerbe lauten wie folgt:

„Das Objekt …

(i) ist eine einzigartige künstlerische Leistung, ein Meisterwerk des schöpferischen Geistes,
(ii) hat während einer Zeitspanne oder in einem Kulturgebiet der Erde beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung der Architektur, der Großplastik oder des Städtebaus und der Landschaftsgestaltung ausgeübt,
(iii)stellt ein einzigartiges oder zumindest ein außergewöhnliches Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation oder Kulturtradition dar,
(iv) ist ein herausragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden oder architektonischen Ensembles oder einer Landschaft, die (einen) bedeutsame(n) Abschnitt in der menschlichen Geschichte darstellt,
(v)stellt ein hervorragendes Beispiel einer überlieferten menschlichen Siedlungsform oder Landnutzung dar, die für eine bestimmte Kultur (oder Kulturen) typisch ist, insbesondere wenn sie unter dem Druck unaufhaltsamen Wandels vom Untergang bedroht wird,
(vi) ist in unmittelbarer oder erkennbarer Weise mit Ereignissen, lebendigen Traditionen, mit Ideen oder mit Glaubensbekenntnissen, mit künstlerischen oder literarischen Werken von außergewöhnlicher, universeller Bedeutung verknüpft (dieses Kriterium gilt nur unter außergewöhnlichen Umständen oder in Verbindung mit anderen Kriterien)

Darüber hinaus müssen die Echtheit der Kulturstätte sowie deren Schutz und Verwaltung gesichert sein.“ (Hilger 2003, S. 57f.)

2.2 Die lateinamerikanische Stadt während der Kolonialzeit

Aufgrund der besonderen Betrachtung von Weltkulturerbestädten, insbesondere der Altstädte, soll ein Augenmerk auf die Entwicklung der spanischen bzw. der portugiesischen Kolonialstadt in Lateinamerika gelegt werden.

Nachdem Spanien und Portugal am 7. Juni 1496 mit dem Vertrag von Tordesillas[3] den lateinamerikanischen Kontinent unter sich aufteilten (vgl. Augel 1991, S. 23; Bähr, Mertins 1995, S. 10), ereignete sich dessen Besiedelung durch die spanischen und portugiesischen Kolonialherren in relativ kurzer Zeit von ca. 1520/30 bis 1570/80. Dies zeigt, wie intensiv an die Eroberung und Kolonisation herangegangen wurde (vgl. Bähr, Mertins 1995, S. 9). Um das Jahr 1600 gab es somit schon über 200 Städte (vgl. Hofmeister 1996, S. 120). Die Siedlungen entstanden zum größten Teil als planmäßige Gründungen ex nihilo, also aus dem Nichts. In den anderen Fällen wurden die Städte auf den Resten noch vorhandener indianischer Siedlungen erbaut, wie z.B. in Cuzco oder Cuenca, auf (vgl. Bähr, Mertins 1995, S. 9). Das Interesse der Kolonialherren lag weniger in der flächendeckenden Besiedlung als in der Ausbeutung der verfügbaren Rohstoffe, vor allem der Edelmetalle. Daher war die Hauptfunktion der Städte der Handel und die Kontrolle des Hinterlandes. (vgl. ebd., S. 10) Desweiteren dienten die Städte als Ausdruck der Macht gegenüber der indigenen Bevölkerung (vgl. Wilhelmy 1952, S. 415). Allerdings muss dabei zwischen den spanischen und portugiesischen Stadtgründungen unterschieden werden, da verschiedene Motivationen und Funktionen vorhanden waren.

2.2.1 Die spanischen Kolonialstädte

Den Standort ihrer Städte wählten die Spanier vorwiegend dort, wo sich Zentren indigener Hochkulturen befanden (z.B. Quito, Mexiko-Stadt). Somit fanden Stadtgründungen hauptsächlich im Binnenland statt. Grund hierfür waren die Zentrumsidentität und –kontinuität, d.h. es konnte schon auf bestehende Strukturen zurückgriffen werden (vgl. Bähr, Mertins 1995, S. 10). Auch konnte mit dem sogenannten Encomiendasystem, einem Lehnsverhältnis zwischen spanischen Grundbesitzern und indianischen Landarbeitern, die präsente Bevölkerung, die sich um die Ernährung der Stadtbevölkerung kümmern musste, zu Nutzen gemacht werden. (Hofmeister 1996, S. 120). Um aber auch die Kontakte nach Übersee zu behalten und den Handel durchführen zu können, bedurfte es einiger Städte an der Küste. So kam es des Öfteren zu einer „Duplizität von Hauptstadt und Hafenstadt“, wie z.B. Quito – Guayaquil. (vgl. Hofmeister 1996, S. 120)

Die typischen Hauptkomponenten der hispanoamerikanischen Städte sind zum einen der Schachbrettgrundriss (damero de ajedre) und der Hauptplatz (plaza mayor) im Zentrum davon (vgl. Bähr, Mertins 1995, S. 11). Die Vorbilder für den Grundriss in Form eines Schachbrettes waren: der planmäßig-rechteckige Grundriss des spanischen Feldlagers Santa Fé, das 1491 in der Nähe von Granada gebaut wurde, die bereits verfügbaren Grundrisse der indianischen Siedlungen, die allerdings eher trapezförmig waren, Vorbilder aus der italienischen Renaissance sowie der ‚esprit géométrique‘ der damaligen Zeit mit der Vorstellung eines einfachen und erweiterbaren Grundrisses (vgl. ebd., S. 14). Konnte diese Grundrissform nicht angewendet werden, so hing dies damit zusammen, dass entweder die topographische Lage oder die vorhandenen präkolonialen Strukturen dies nicht zuließen oder es hatte mit der Funktion der Stadt zu tun (z.B. Hafenstadt). Ein weiterer Grund war auch, dass es erst ab 1573, als der Großteil der Siedlungen schon gegründet worden waren, in den „Anordnungen über die Entdeckungen, die Siedlungen und die Befriedungen“, den sogenannten ordenanzas, genaue Anweisungen gegeben wurden, wie eine Stadt auszusehen hatte. (vgl. ebd., S. 13f.; Hofmeister 1996, S. 122).

Die quadratische Plaza Mayor ist der Mittelpunkt der spanischen Kolonialstadt, an der sich die wichtigsten Funktionen der Stadt gruppieren. Hier finden sich das Rathaus (cabildo), die Kathedrale, die Schule, das Gerichtsgebäude, das Kloster (convento) und im Falle der Hauptstadt, der Regierungspalast. Von den Ecken des Zentralplatzes gehen rechtwinklig die Hauptstraßen ab, die gleichzeitig die Straßen- bzw. Baublöcke, cuadras genannt, begrenzen. Diese haben eine Länge von je 100 Meter und untergliedern sich jeweils in vier gleich große Grundstücke, die solares. Die cuadras bilden die erste von drei kranzartigen Zonen um die Plaza Mayor. In der zweiten finden sich die quintas, noch nicht aufgeteilte und als Weideland genutzte Blöcke, die wiederum von den chacras, landwirtschaftlich genutztem Land, umgeben werden. (vgl. Bähr, Mertins 1995, S. 13; Hofmeister 1996, S. 122). Auch eine soziale Aufteilung spiegelte sich im Aufbau der Stadt wieder: in den zentralen cuadras, nahe dem Hauptplatz, lebten die reichsten Familien. Im Anschluss folgten die Beamten, Händler und Handwerker in ihren Patiohäusern und am Stadtrand fanden sich die arme Bevölkerung sowie die Indios in ihren Lehmhütten. Somit kam es zu einem klar erkennbaren „ zentral-peripheren Sozialgradienten “ (Hofmeister 1996, S. 123). In Abbildung 2 lassen sich diese Merkmale im Idealplan einer spanischen Kolonialstadt erkennen, Abbildung 3 zeigt anhand des Grundriss‘ von Quito ein reales Beispiel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Idealplan einer spanischen Kolonialstadt

Quelle: {Wilhelmy 1952, S. 85}

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Stadtkern von Quito

Quelle: Wilhelmy, Borsdorf 1985, S. 61

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Plaza zum kulturellen Mittelpunkt. Handel oder Kommerz fanden hier jedoch nicht statt. Sie diente in erster Linie für Versammlungen, als Treffpunkt zum Informationsaustausch und vor allen Dingen zur Selbstdarstellung der Stadt selbst, als auch der Bewohner, die gerne zur Schau trugen, welche soziale Stellung sie in der kolonialen Stadtgesellschaft einnahmen. Diese einfache Struktur, die Stabilität und Sicherheit gab, fand sich auch in der Bauweise der Patiohäuser mit ihren Innenhöfen (vergleichbar mit der plaza mayor), wieder. (Struck 2008, S. 66)

In einem Aufsatz von Jorge Enrique Adoum über seine Heimatstadt Quito, in der er beschreibt, wie die Kinder aus Unkenntnis von Bethlehem ihre Weihnachtskrippen ihrer Heimatstadt nachempfinden, kommt all dies noch einmal gut zum Ausdruck:

„Nachdem wir so Gott, Schöpfer der Welt, gespielt hatten, gingen wir zur Rolle der Städtebauer über, natürlich mit der gleichen Konzeption wie die Spanier des 16. Jahrhunderts. Wir legten viereckige Straßenblöcke an, stellten weiße Häuschen auf, die sich übereinandertürmten, [...] legten dann einen zentralen Platz an, im allgemeinen Plaza de Armas oder Plaza Mayor genannt (bei uns heißt er Plaza Grande) der von der Kirche [..], dem Gemeindehaus [...] oder dem Regierungsgebäude umgeben ist. Und erst nachdem unter den Eroberern und der Geistlichkeit die Grundstücke aufgeteilt worden waren, begann man damit, die Straßen rechtwinklig zueinander anzulegen, [...]. Dieser "Herr" [...], der Urenkel eines spanischen Edelmannes, [...], der mit dem gleichen Kriterium, mit dem man die Stadt anlegt, von einem Architekten forderte: "Macht mir einen großen, viereckigen Hof, und dort, wo noch Platz ist, baut mir ein paar Zimmer hin". Diese Höfe sind es, die die Kolonialhäuser charakterisieren, [...]“ (Adoum 1976, S. 37f.)

2.2.2 Die portugiesischen Kolonialstädte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Salvador de Bahia Quelle: Bähr, Mertins 1995, S. 16

Im Gegensatz zu den Spaniern kamen die Portugiesen als Kaufleute und Pflanzer nach Südamerika und gründeten ihre Siedlungen vornehmlich im Küstengebiet, um die Verbindung zum portugiesischen Festland aufrecht zu erhalten (Hofmeister 1996, S. 120). Dessen ungeachtet haben die geplant angelegten portugiesischen Kolonialstädte im Prinzip den gleichen Aufbau wie die Spanischen. Auch hier wurde das bereits dargestellte Schachbrettmuster verwendet, jedoch gab es keine bindenden Vorschriften, so dass der Grundriss wesentlich unregelmäßiger ausfiel. Allen portugiesischen Siedlungen ist gemein, dass das „Schachbrett“ von einer Befestigungsanlage eingeschlossen wird. Abbildung 4 verdeutlicht diese Merkmale noch einmal anschaulich anhand des Grundrisses von São Salvador de Bahia.

2.3 Exkurs: kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte

Im Zusammenhang von (Welt-)Kulturerbe und kultureller Identität treten sehr oft die Begriffe „kollektives Gedächtnis“ und „Erinnerungsorte“ auf. So sprechen z.B. Rothfuß und Gamerith in ihren Reflexionen über die Stadtwelten in den Americas von Städten als „narrativen Räumen“ und von „Straßen, Plätze[n]und Grünflächen, deren Bezeichnungen das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Bewohner formen“ (Rothfuß, Gamerith 2007, S. 9) oder Molano erklärt, dass das „kulturelle Erbe für eine Gesellschaft wichtig ist, da es die Geschichte zwischen dem individuellen und dem kollektiven Gedächtnis ist“ (Molano 2007, S. 76). Losego wiederum beschäftigt sich in einem Beitrag im Tourismusjournal mit der Frage nach den „traumatischen Anteile[n] am Ortsgedächtnis von Habana Vieja“ (Losego 2003, S. 251) und greift Begriffe wie „Erinnerungsort“, „Generationenort“ als auch „traumatischer Ort“ auf (vgl. ebd., S. 262). Im folgenden Exkurs soll daher kurz auf die Theorie nach Aleida Assmann und Maurice Halbwachs eingegangen werden.

Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses, dem gemeinsamen Gedächtnis einer Gruppe, geht ausschlaggebend auf Maurice Halbwachs[4] zurück. In seinem Buch „Das kollektive Gedächtnis“ betrachtet er auch dessen Beziehung zum Raum. Halbwachs stellt fest, dass Orte Gruppen von Menschen prägen, während diese wiederum die Orte prägen. Dadurch können alle Handlungen der Menschen räumlich ausgedrückt werden, und der Ort, an dem sie leben, ist „die Vereinigung all dieser Ausdrücke“ (Halbwachs 1967, S. 130). Ebenso beschäftigte sich Aleida Assmann[5] viel mit dem Begriff Gedächtnis von Orten. In ihrem Aufsatz „Erinnerungsorte und Gedächtnislandschaften“ beschreibt sie, in welchem Sachverhalt traditionelle Generationenorte und von historischen Zäsuren geprägte Erinnerungsorte zueinanderstehen. (vgl. Loewy, Moltmann 1996, S. 9). Sie zitiert Cicero: „Groß (sic!) ist die Kraft der Erinnerung, die Orten innewohnt“ (Assmann 1996, S. 13) und möchte damit über die Problematik von Erinnerungsorten zu denken geben. Desweiteren sagt sie aber auch, dass „[s]elbst wenn Orten kein immanentes Gedächtnis innewohnt, so sind sie doch für die Konstruktion kultureller Erinnerungsräume von hervorragender Bedeutung“ (Assmann 1999, S. 299). In ihren Betrachtungen unterscheidet sie drei verschiedene Typen von Orten: Generationenort, Erinnerungsort sowie traumatischer Ort. Spezifisch für den Generationenort ist, dass er Identität und Kontinuität garantiert, sowie dass er von Geburt und Sterben am selben Ort in einer ewig andauernden Generationenkette bestimmt ist (Assmann 1996, S. 14). Ein Erinnerungsort wiederum ist von Diskontinuität gekennzeichnet. Das heißt, es besteht eine auffallende Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Am Erinnerungsort ist eine bestimmte Geschichte gerade nicht weitergegangen, sondern mehr oder weniger abgebrochen“ (ebd., S. 16; Losego 2003, S. 261). Ein traumatischer Ort hat nichts damit zu tun, ob sich dort angenehme, erhabene oder schreckenerregende Situationen ereigneten, sondern vielmehr damit, dass er aus dem kollektiven Gedächtnis ausgeblendet wird bzw. er negativ besetzt ist und ein Tabu darstellt. Kennzeichnend für diesen Ort ist, dass seine Geschichte nicht erzählt werden kann und dass seine Bindungskraft auf einer Wunde beruht, die nicht vernarben möchte. (vgl. Assmann 1996, S. 18f.) „Der traumatische Ort hält die Virulenz eines Ereignisses als Vergangenheit fest, die nicht vergeht und nicht in die Distanz zurückzutreten vermag“ (ebd., S. 19). Dies möge dem Leser bei der späteren Analyse der Weltkulturerbestädte noch einmal begegnen.

2.4 Das Weltkulturerbe in Lateinamerika anhand ausgewählter Städte

In diesem Kapitel sollen nun Städte Lateinamerikas betrachtet werden, die den Titel „Weltkulturerbe“ der UNESCO tragen. In der folgenden Grafik, mit dem Stand des Jahres 2006[6], lässt sich unschwer erkennen, dass es in Lateinamerika viele Weltkulturerbestädte gibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Patrimonios Culturales de la UNESCO en América Latina, 2006

Quelle: Mertins 2006, S. 16

Um eine relativ große Spannbreite verschiedener Städte analysieren zu können, wurden im Rahmen der vorliegenden Arbeit insgesamt fünf Städte ausgewählt, nicht nur Hauptstädte, sondern auch solche von kleinerem Ausmaß: Quito, Potosí, Valparaíso, Salvador da Bahia sowie Havanna. Die ecuadorianische Hauptstadt Quito bekam als einer der ersten Städte überhaupt den Titel einer Weltkulturerbestadt verliehen und liegt im Gebiet der ehemaligen Inka. Potosí wiederum steht als Vertreter einer Binnen- und Minenstadt sowie einer Stadt mit einem hohen Anteil indigener Bevölkerung. Salvador da Bahia repräsentiert eine brasilianische und Havanna eine Stadt der Karibik, der auch viel Literatur zu diesem Thema gewidmet wurde. Da Valparaíso der Titel erst vor einigen Jahren vergeben wurde, soll diese Stadt ebenso in die Betrachtung mit einbezogen werden. Die Verteilung der geographischen Lage wurde ebenfalls in die Auswahl der Städte mit einbezogen. Zur geographischen Einordnung dient Abbildung 6.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: ausgewählte Weltkulturerbestädte

Quelle: eigene Darstellung

In den folgenden Kapiteln werden nun die Entwicklungen der einzelnen Städte dargestellt, sowie betrachtet, wie sie sich heutzutage - vor allem im Zusammenhang mit dem Weltkulturerbestatus - darstellen.

[...]


[1] Das Welterbekomitee setzt ein Büro ein, das während der Tagungen des Komitees nach Bedarf zusammentritt

und dessen Entscheidungen vorbereitet. Das Welterbe-Büro besteht aus sieben jährlich gewählten Vertretern

des Welterbekomitees (vgl. http://www.unesco.de/fileadmin/pdf/689.de.pdf)

[2] Die 21 Mitglieder des Welterbekomitees werden alle sechs Jahre von der General Assembly aus den Mitgliedsstaaten der Welterbekonvention gewählt. Das Welterbekomitee trifft sich einmal im Jahr um über die Aufnahme in die Welterbeliste zu entscheiden. (vgl. UNESCO World Heritage Center 2008)

[3] Nach der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus (12. Oktober 1492) teilten Spanien und Portugal „Inseln wie Festland, das gefunden ist oder noch gefunden wird, entdeckt ist oder noch entdeckt wird“ unter sich auf. Eine gedachte gerade Linie 370 Meilen westlich der Cap Verdischen Inseln sollte die spanischen von den portugiesischen Besitzungen trennen (Augel 1991, S. 23)

[4] Franz. Soziologe, 1877-1945

[5] Dt. Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, *1947

[6] Eine bessere Übersichtskarte der neueren Zeit im Bezug auf Weltkulturerbestädte konnte nicht gefunden werden.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Weltkulturerbestädte in Lateinamerika. Die Konstruktion des kulturellen Erbes
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl Anthropogeographie)
Veranstaltung
Lateinamerika: Ein Kulturraum?
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
49
Katalognummer
V209582
ISBN (eBook)
9783656384779
ISBN (Buch)
9783656387015
Dateigröße
2845 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weltkulturerbestädte, lateinamerika, konstruktion, erbes
Arbeit zitieren
Ina Herrmannsdörfer (Autor), 2012, Weltkulturerbestädte in Lateinamerika. Die Konstruktion des kulturellen Erbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209582

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