“[D]as Wort “Welterbe” hat einen verlockenden Klang. Seit 1987 werden mit diesem Prädikat steingewordene Kultur- und Technikleistungen der Menschheit ausgezeichnet, Kirchenschiffe und Schlösser, Eisenbahntrassen im Hochgebirge und Denkmäler der Industriegeschichte. […] Ein schöner Gedanke steckt in dieser Idee, ein Schutz- und Bewahrungsgedanke, der menschliche Leistung der Vergangenheit […] das Rasen der Moderne überstehen lassen soll. Und der Gedanke internationaler Gemeinschaft, der in Vietnam Respekt für den Kölner Dom und in Brasilien Bewunderung für die türkische Selimiye-Moschee hervorrufen soll.“
Im Jahr dieser Arbeit blickt die UNESCO Welterbekonvention auf ihr 40-jähriges Bestehen zurück. Bis heute haben 187 Staaten diese Konvention ratifiziert und die Welterbeliste zählt 936 Einschreibungen. Davon sind 725 Kultur-, 183 Natur- und 28 gemischtes Erbe.
Im Rahmen des Hauptseminars „Lateinamerika: ein Kulturraum?“ soll mit der vorliegenden Arbeit ein besonderer Blick auf das Programm der UNESCO in Lateinamerika und dem Um-gang damit geworfen werden. Aufgrund des Umfangs der Arbeit sollen nicht alle Weltkulturerbestätten, sondern ausgewählte Kulturerbestädte näher betrachtet werden. Die Fragen, die sich dabei stellen, sind: Welchen Kulturbegriff hat die UNESCO und was steckt hinter dem Konzept? Und wird dies von den Titelträgern auch so verstanden? Was wird in und von den Kulturerbestädten dargestellt und was eventuell versteckt? In Anlehnung an die Fragestellung des Seminars soll ebenso untersucht werden, ob Kulturräume bei der Auswahl berücksichtigt werden und ob Lateinamerika ein Kulturraum ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Konstruktion des kulturellen Erbes lateinamerikanischer Städte
2.1 Das Welterbeprogramm der UNESCO
2.1.1 Definitionen der UNESCO
2.1.1.1 Was ist Erbe?
2.1.1.2 Was ist Kultur?
2.1.2 Die Entstehung der Welterbekonvention
2.1.3 Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes
2.1.4 Kriterien für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste
2.2 Die lateinamerikanische Stadt während der Kolonialzeit
2.2.1 Die spanischen Kolonialstädte
2.2.2 Die portugiesischen Kolonialstädte
2.3 Exkurs: kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte
2.4 Das Weltkulturerbe in Lateinamerika anhand ausgewählter Städte
2.4.1 Quito
2.4.1.1 Entwicklung
2.4.1.2 Quito als Weltkulturerbestadt
2.4.2 Potosí
2.4.2.1 Entwicklung
2.4.2.2 Potosí als Weltkulturerbestadt
2.4.3 Valparaíso
2.4.3.1 Entwicklung
2.4.3.2 Valparaíso als Weltkulturerbestadt
2.4.4 Salvador da Bahia
2.4.4.1 Entwicklung
2.4.4.2 Salvador da Bahia als Weltkulturerbestadt
2.4.5 Havanna
2.4.5.1 Entwicklung
2.4.5.2 Havanna als Weltkulturerbestadt
3. Fazit – Lateinamerika: ein Kulturraum?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion des kulturellen Erbes in lateinamerikanischen Städten durch das Welterbeprogramm der UNESCO. Ziel ist es zu analysieren, wie sich das Konzept des Weltkulturerbes auf die urbane Entwicklung und die lokale Identität ausgewählter Städte auswirkt und inwieweit Lateinamerika unter diesem Blickwinkel als Kulturraum definiert werden kann.
- Analyse des UNESCO-Welterbeprogramms und seiner Definitionen von Kultur und Erbe.
- Untersuchung der historischen Entwicklung lateinamerikanischer Kolonialstädte.
- Betrachtung von fünf Fallbeispielen: Quito, Potosí, Valparaíso, Salvador da Bahia und Havanna.
- Diskussion der Auswirkungen von Tourismus und Gentrifizierung auf historische Zentren.
- Reflexion über kollektives Gedächtnis und die Konstruktion kultureller Identität.
Auszug aus dem Buch
2.4.1.1 Entwicklung
Im Jahre 1531 gelangten die spanischen Eroberer Francisco Pizarro, Diego de Almagro und Sebastián de Benalcázar in das Gebiet des heutigen Ecuadors. Somit betraten sie erstmalig den Bereich des Inkareiches, der in den Jahren 1460-1523 dazugewonnen worden war. Als Rumiñahui, ein Krieger des Inkakönigs Atahualpa, der von den Spaniern gefangen gehalten wurde, einen Widerstand gegen die Kolonialherren organisierte, rückte Benalcázar mit 200 Soldaten in das Zentrum des Reichs der Quitu vor, siegte über Rumiñahui und besetzte die Stadt Quito. Am 28. August 1534 wurde dann die Stadt San Francisco de Quito, in Anlehnung an den ursprünglichen Namen, von Diego de Almagro gegründet. 1541 erlangte Quito durch den spanischen König den Status einer Stadt. (vgl. Wilhelmy, Borsdorf 1985, S. 53f.)
Schon vier Jahre zuvor regulierten amtliche Verordnungen den Aufbau der Stadt: jeder spanische Bürger musste sein Grundstück einzäunen und innerhalb dieser Befriedung ein Wohnhaus sowie ein Wirtschaftsgebäude errichten. So wuchs die Stadt von der Plaza Mayor in Richtung Süden, doch mit der Zeit wurden die indigenen Bewohner im Norden immer mehr ins Gebirge verdrängt. (vgl. ebd., S. 59)
Überreste aus der Inkazeit finden sich in Quito nicht mehr. Da die ursprüngliche Stadt schon zerstört war, als die Stadt gegründet wurde. Und was noch übrig war an Steinen, nutzen die Spanier um ihre eigenen Gebäude aufzubauen. (vgl. ebd., S. 60)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des UNESCO-Welterbeprogramms ein und stellt die Forschungsfragen bezüglich des Kulturbegriffs sowie der Auswirkungen auf lateinamerikanische Städte vor.
2. Die Konstruktion des kulturellen Erbes lateinamerikanischer Städte: Dieses Kapitel erläutert die UNESCO-Kriterien für Welterbe, die historische Entstehung lateinamerikanischer Kolonialstädte sowie theoretische Konzepte des kollektiven Gedächtnisses und analysiert fünf spezifische Städte als Fallbeispiele.
3. Fazit – Lateinamerika: ein Kulturraum?: Das Fazit zieht eine kritische Bilanz über die selektive Wahrnehmung des kolonialen Erbes und diskutiert die Frage nach Lateinamerika als Kulturraum im Lichte der UNESCO-Bemühungen.
Schlüsselwörter
UNESCO, Weltkulturerbe, Lateinamerika, Kolonialstadt, Stadtentwicklung, Kulturerbe, Kollektives Gedächtnis, Erinnerungsort, Tourismus, Gentrifizierung, Identität, Quito, Potosí, Valparaíso, Havanna
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie die UNESCO das kulturelle Erbe in lateinamerikanischen Städten definiert, konstruiert und durch den Titel "Weltkulturerbe" bewahrt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die UNESCO-Welterbekriterien, die koloniale Stadtplanung, der Prozess der Touristifizierung und Gentrifizierung sowie die soziopolitischen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es herauszufinden, ob das von der UNESCO propagierte Erbe-Konzept die kulturelle Identität der Städte tatsächlich widerspiegelt oder ob es sich um eine einseitige Konstruktion handelt, die lokale Bedürfnisse vernachlässigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine kulturgeographische Analyse, die Fachliteratur sowie Fallbeispiele aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern (Ecuador, Bolivien, Chile, Brasilien, Kuba) heranzieht, um Transformationsprozesse historischer Stadtkerne zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen des Welterbeprogramms, die Charakteristika spanischer und portugiesischer Kolonialstädte, einen Exkurs zum kollektiven Gedächtnis sowie die detaillierte Darstellung der fünf ausgewählten Städte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem UNESCO, Welterbe, koloniales Erbe, Tourismus, Gentrifizierung, kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität.
Warum wird Quito als erstes Fallbeispiel genannt?
Quito wird prominent behandelt, da es als eine der ersten Städte weltweit 1978 in die Welterbeliste aufgenommen wurde und somit als Vorreiter für die Erhaltungsmaßnahmen und die damit einhergehenden sozialen Probleme gilt.
Was bedeutet der Begriff "Tourismus-Gentrification" im Kontext von Salvador da Bahia?
Der Begriff beschreibt die staatlich geplante, wirtschaftliche Aufwertung des historischen Stadtzentrums durch gezielte touristische Erschließung, die zur Verdrängung der ursprünglichen, sozial schwächeren Bevölkerung führt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der UNESCO in Havanna?
Die Arbeit kritisiert die Instrumentalisierung des Welterbetitels zur Devisenbeschaffung durch den kubanischen Staat, wobei die architektonische Aufwertung des Zentrums oft zulasten der sozialen Lebensbedingungen der lokalen Bewohner geschieht.
- Citation du texte
- Ina Herrmannsdörfer (Auteur), 2012, Weltkulturerbestädte in Lateinamerika. Die Konstruktion des kulturellen Erbes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209582