Europäische Parteien und Parteiensysteme entstanden aufgrund tief greifender Konflikte („cleavages“) innerhalb europäischer Gesellschaften im 19.Jahrhundert. Dies ist die Hauptaussage der „cleavage“-Theorie, welche die Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan im Jahr 1967 in ihrem Aufsatz „Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignment“ aufstellten. Mit diesem makrosoziologischen Ansatz bot die Politikwissenschaft für lange Zeit ein erfolgreiches Erklärungsmodell für die Entstehung von Parteien und Parteiensystemen in westeuropäischen Staaten. Heute jedoch wird die Gültigkeit dieser Theorie und deren Anwendbarkeit auf Parteiensysteme mehr als kritisch hinterfragt. Durch die Auflösung traditioneller Milieus und einer abnehmenden Parteibindung der Wähler verliert die „cleavage“-Theorie an Erklärungskraft. So kann sie beispielsweise weder das Auftreten von Parteien, die jenseits von diesen historischen „cleavages“ agieren, noch die hohe Bedeutung der Wechsel-, Protest- und Nichtwähler, erklären.
Dennoch gibt es einige Anhaltspunkte dafür, dass sich die etablierten Parteien noch heute auf historische Konfliktlinien berufen, was sich in ihren Parteiprogrammen und in der Sozialstruktur ihrer Wählerschaft manifestiert.
Es stellt sich also die Frage in wie weit dieser makrosoziologische Ansatz einen ausreichenden Erklärungsansatz für das heutige Parteiensystem in der Bundesrepublik Deutschland darstellt, in wie weit historische „cleavages“ ganz verschwunden sind oder möglicherweise sogar eine Renaissance erfahren. Dies ist die Aufgabe der folgenden Arbeit.
Zunächst werden daher die „cleavage“-Theorie und ihre grundlegenden Argumente dargestellt. Daraufhin wird die Kritik an diesem makrosoziologischen Ansatz aufgezeigt und die mögliche Entstehung neuer Konfliktlinien diskutiert.
Im Hauptteil der Arbeit werden die Parteiprogramme der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien sowie deren Wählerschaft hinsichtlich der Fragestellung analysiert.
In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und alternative, makrosoziologische Erklärungsversuche zur Analyse des heutigen Parteiensystems diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Definition
2.2 Die vier historischen Konfliktlinien
Zentrum vs. Peripherie
Staat vs. Kirche
Stadt vs. Land
Arbeit vs. Kapital
2.3 Kritik
2.4 „Neue“ Konfliktlinien?
3. Konfliktlinien im deutschen Parteiensystem
3.1 Geschichte
Staat vs. Kirche
Arbeit vs. Kapital
3.3 Die Wählerschaft
4. Zusammenfassung / Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der „cleavage“-Theorie nach Lipset und Rokkan für das gegenwärtige Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland, indem sie analysiert, inwieweit historische Konfliktlinien weiterhin wirksam sind oder durch neue gesellschaftliche Entwicklungen überlagert wurden.
- Grundlagen und Definition der „cleavage“-Theorie
- Analyse historischer Konfliktlinien im deutschen Kontext
- Untersuchung der Parteiprogramme im Hinblick auf klassische Spaltungen
- Einfluss sozio-ökonomischer und religiöser Faktoren auf das Wahlverhalten
- Diskussion über das Entstehen neuer Konfliktlinien
Auszug aus dem Buch
2.2 Die vier historischen Konfliktlinien
Lipset und Rokkan gehen in ihrem Aufsatz „Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignment“ (1967) von vier Linien sozialer Spaltung aus, dessen Ursprünge sie in zwei zentralen gesellschaftlichen Prozessen Anfang des 19.Jahrhunderts sehen: der nationalen und der industriellen Revolution, welche zur politischen bzw. wirtschaftlichen und sozialen Modernisierung westeuropäischer Staaten geführt haben (Vgl. Lipset/Rokkan 1990: 101).
Ihre Ursprünge haben die beiden Revolutionen in Frankreich und Großbritannien:
„Much of the history of Europe since the beginning of the nineteenth century can be described in terms of the interaction between these two processes of revolutionary change: the one triggered in France and the other originating in Britain“ (Lipset/Rokkan 1990: 101).
Die politische Modernisierung, welche durch die Nationale Revolution ausgelöst wurde und zur Bildung von Nationalstaaten führte, löste die zwei Konflikte Zentrum vs. Peripherie und Staat vs. Kirche aus.
Die beiden Konfliktlinien, die der wirtschaftlichen und sozialen Modernisierung durch die industrielle Revolution zugeordnet werden, sind die Spaltungen Stadt vs. Land sowie Arbeit vs. Kapital (Vgl. Lipset/Rokkan 1990: 101).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die „cleavage“-Theorie, Darstellung der Problemstellung hinsichtlich ihrer heutigen Erklärungskraft für Parteiensysteme und Skizzierung des weiteren Vorgehens.
2.1 Definition: Theoretische Herleitung des „cleavage“-Begriffs basierend auf den drei Merkmalen soziale Spaltung, kollektives Bewusstsein und Institutionalisierung.
2.2 Die vier historischen Konfliktlinien: Vorstellung der vier klassischen Konfliktlinien (Zentrum vs. Peripherie, Staat vs. Kirche, Stadt vs. Land, Arbeit vs. Kapital) als Resultate der nationalen und industriellen Revolution.
2.3 Kritik: Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie, insbesondere angesichts des Wandels zur Volatilität und der Zunahme von Nichtwählern seit den 1960er Jahren.
2.4 „Neue“ Konfliktlinien?: Diskussion möglicher neuer Konfliktlinien, wie dem Wertekonflikt zwischen Materialismus und Postmaterialismus, sowie deren Einordnung in die Theorie.
3. Konfliktlinien im deutschen Parteiensystem: Anwendung des theoretischen Rahmens auf das deutsche Parteiensystem unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung.
3.1 Geschichte: Rückblick auf die Dominanz der Konflikte Staat vs. Kirche sowie Arbeit vs. Kapital im deutschen Parteiensystem bis in die 1980er Jahre.
Staat vs. Kirche: Analyse der aktuellen Parteiprogramme von CDU und CSU hinsichtlich ihrer christlich orientierten Wertgrundlagen.
Arbeit vs. Kapital: Untersuchung der sozio-ökonomischen Polarisierung im Parteienwettbewerb, insbesondere zwischen FDP und der Linkspartei.
3.3 Die Wählerschaft: Empirische Betrachtung der Wahlentscheidungen, die den fortwährenden Einfluss sozio-ökonomischer und religiöser Identitäten belegen.
4. Zusammenfassung / Fazit: Resümee über die verminderte Erklärungskraft des makrosoziologischen Ansatzes, betont jedoch die Notwendigkeit des Zusammenspiels verschiedener Theorien.
Schlüsselwörter
Cleavage-Theorie, Parteiensystem, Bundesrepublik Deutschland, Arbeit vs. Kapital, Staat vs. Kirche, Wahlverhalten, Parteiprogramme, sozio-ökonomische Konflikte, Lipset, Rokkan, Wertewandel, Postmaterialismus, Parteibindung, Volatilität, soziale Milieus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendbarkeit der klassischen „cleavage“-Theorie nach Lipset und Rokkan auf das moderne deutsche Parteiensystem und hinterfragt, ob historische Konfliktlinien heute noch Bestand haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die historische Genese von Parteiensystemen, soziologische Spaltungslinien, den Wandel von Wählerverhalten und die Analyse aktueller Parteiprogramme.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu analysieren, ob historische Spaltungen wie „Arbeit vs. Kapital“ oder „Staat vs. Kirche“ noch immer das heutige deutsche Parteiensystem prägen oder ob sie an Bedeutung verloren haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche und makrosoziologische Analyse, kombiniert mit einer Auswertung von Parteiprogrammen und empirischen Wahldaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Grundlagen der Konfliktlinien den aktuellen Parteiprogrammen gegenübergestellt und die Auswirkungen auf die Wählerschaft bei Bundestagswahlen analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Cleavage-Theorie, Parteiensystem, Sozio-ökonomische Konflikte und Wahlverhalten charakterisieren.
Wie positioniert sich die CDU/CSU im Konflikt „Staat vs. Kirche“?
Die Unionsparteien betonen weiterhin ihre christliche Wertorientierung und fordern unter anderem den Schutz des ungeborenen Lebens sowie christliche Symbole in öffentlichen Einrichtungen.
Warum wird die „cleavage“-Theorie heute kritisch hinterfragt?
Aufgrund der Auflösung traditioneller Milieus, steigender Volatilität beim Wählerverhalten und des Auftretens neuer Themen, die sich nicht in das historische Schema einordnen lassen.
- Arbeit zitieren
- Martin Schröter (Autor:in), 2009, Die Erklärungskraft der "cleavage"-Theorie für das heutige Parteiensystem Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209603