Challenging the "toothless tiger". Die Macht der International Labour Organization bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards


Hausarbeit, 2012
24 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Prinzipal-Agent-Ansatz

3. Die International Labour Organization (ILO)
3.1 Ziele und Aufgaben
3.2 Institutionelle Struktur
3.3 Die ILO im Prinzipal-Agent-Ansatz

4. Die Kompetenzen der ILO: Die Verfassung
4.1 Entscheidungskompetenz
4.2 Kontrollkompetenz
4.3 Sanktionskompetenz

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Welchen Einfluss haben Internationale Organisationen auf das Handeln staatlicher Akteure? Folgt man den Grundannahmen des Prinzipal-Agent Ansatzes (im folgenden PA-Ansatz genannt), hängt der Einfluss internationaler Organisationen entscheidend vom Ausmaß der an sie delegierten Macht ab. Internationale Organisationen handeln dem PA-Ansatz nach entsprechend als Agenten, die von den Prinzipalen - in Form staatlicher Akteure - mit einem Mandat zur Erfüllung bestimmter Aufgaben ausgestattet werden. Grundlage dieser Delegation bildet ein Vertrag, der das Ausmaß des für den Agenten delegierten Handlungsspielraums vorschreibt. Weil der Agent nach Auffassung des PA-Ansatzes diesen Handlungsspielraum aber durch verschiedene Strategien (z.B. „shirking“ und „slippage“) eigennützig ausnutze, um seine Macht gegenüber dem Prinzipal auszuweiten, befasst sich ein Großteil der PA-Literatur insbesondere mit der Frage, wie das Problem unvollständiger Verträge gelöst werden kann.

Ein oft übersehener, aber durchaus entscheidender Faktor ist dabei allerdings die grundsätzliche Frage, welche Möglichkeiten dem Agenten durch die im Vertrag festgelegte institutionelle Struktur geboten werden, um sein Mandat wahrzunehmen. Erst wenn diese Frage ausreichend beantwortet ist - so die Auffassung im folgenden Beitrag - können weitere Schritte (Kontrollmöglichkeiten des Prinzipals, Strategien des Agenten, etc.) daraus abgeleitet werden. Die folgende Arbeit versteht sich daher vielmehr als Grundlagenforschung zum Thema Delegation im Prinzipal-Agent-Ansatz, indem die institutionelle Struktur und der Vertrag zwischen den beteiligten Akteuren am Beispiel der International Labour Organization (ILO) in den Blick genommen wird. Die Hauptaufgabe der ILO liegt in der Formulierung und der weltweiten Implementierung von Arbeits- und Sozialstandards in ihren Mitgliedsstaaten, die sich mit einer Ratifizierung der ILO-Übereinkommen rechtlich zu deren Einhaltung verpflichten.

Die Frage nach der tatsächlichen Macht der ILO bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards ist deshalb interessant, weil die Organisationen einen vermeintlichen Widerspruch miteinander vereint: Denn obwohl die ILO als die „wohl wichtigste internationale Organisation für Fragen von Arbeit und Beschäftigung“ (Pries 2007: 302) gilt, wird ihr tatsächlicher Einfluss auf die Handlungen staatlicher Akteure immer wieder in Frage gestellt: „The ILO is among the world’s oldest IO’s, but it is also one of the most ignored“ (Helfer 2008: 193). In der politikwissenschaftlichen Literatur wird die ILO daher nicht selten als „toothless tiger“[1] (zu Deutsch: „zahnloser Tiger“) charakterisiert, dem es nicht gelinge seinem Anspruch als „global social pillar“ (Hagen 2003: 3) gerecht zu werden.

Ziel der Arbeit ist es daher zu bestimmen, wie groß die delegierte Macht der ILO bei der Implementierung von Arbeits- und Sozialstandards tatsächlich ist. Oder anders gesagt: Kann das Bild des ‚toothless tiger’ aufrechterhalten werden oder stellt die ILO eine bisher unterschätzte und durchaus durchsetzungsstarke, internationale Organisation dar?

Zunächst werden die Grundannahmen des Prinzipal-Agent-Ansatzes vorgestellt (2). Es folgt die Beschreibung der International Labour Organization, ihrer Ziele und Aufgaben sowie ihrer institutioneller Grundlagen (3). Anschließend soll die tatsächlich delegierte Macht der ILO, welche im Vertrag festgelegt ist, mithilfe dreier ihr zugewiesenen Kompetenzen analysiert werden (4): der Kompetenz zu entscheiden, der Kompetenz zu kontrollieren und der Kompetenz zu sanktionieren. Es folgen abschließend ein Fazit und ein Ausblick (5).

2. Der Prinzipal-Agent-Ansatz

Der Prinzipal-Agent-Ansatz (im Folgenden: PA-Ansatz) entstand Mitte der 1980er Jahre im Rahmen der Neuen Institutionenökonomik und wurde wenige Jahre später u.a. vom Soziologen James Coleman in den soziologischen und politikwissenschaftlichen Kontext überführt (Vgl. Braun 1993: 136). Er schließt an die Tradition der Transaktionskosten- und Vertragstheorien an, welche die Delegation von Macht innerhalb von Verträgen zwischen zwei oder mehreren (zunächst Wirtschafts-) Akteuren unter der Prämisse unvollständiger bzw. asymmetrischer Informationen zu erklären versuchen.

Wie der Großteil der wirtschaftswissenschaftlichen Theorien basiert auch der PA-Ansatz auf den Grundannahmen des methodologischen Individualismus und des Rational-Choice-Ansatzes (Vgl. Gilardi/Braun 2002: 148). Demnach wird den beteiligten Akteuren ein opportunistisches, d.h. an der individuellen Nutzenmaximierung interessiertes Verhalten unterstellt, wodurch die Akteure auch vor skrupellosem und betrügerischem Handeln nicht zurückschreckten (Vgl. Schreyögg 2003: 445).

Das grundsätzliche Modell der Prinzipal-Agent Theorie gestaltet sich dabei denkbar einfach: Ein Auftraggeber (Prinzipal) beauftragt einen Auftragnehmer (Agent) gegen eine Entlohnung mit der Durchführung einer Aufgabe, da ihm selbst die nötigen Ressourcen (Geld, Wissen, Zeit, etc.) zur Erreichung seiner Ziele fehlen. Grundlage dieser Beziehung ist also ein Vertrag zwischen Prinzipal und Agenten, in dessen Rahmen der Prinzipal einen gewissen Teil seiner Macht bzw. Autorität an den Agenten delegiert:

„Delegation is a conditional grant of authority from a principal to an agent that empowers the latter to act on behalf of the former” (Hawkins et.al. 2006: 7)

Die Gründe für eine solche Delegation sind vielfältig und schließen neben der Senkung von Transaktionskosten, insbesondere Zentralisierung und Unabhängigkeit, Reputationsgewinne und die Übertragung unpopulärer Entscheidungen an andere Akteure ein (Vgl. Abbott/Snidal 1998: 9ff.; Hawkins et. al. 2006: 12ff.; Hawkins/Jacoby 2006: 205; Thatcher/Stone Sweet 2002: 4). Obwohl die Delegation also mit dem Verlust von Macht und Kontrolle auf Seiten des Prinzipals einhergeht, lohnt sich es sich für diesen, solange der Nutzen die Kosten für den Prinzipal übersteige:

[...]


[1] “Compared to the World Trade Organisation (WTO), the ILO is a toothless tiger.” (Javad/Ganter 2009: 3)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Challenging the "toothless tiger". Die Macht der International Labour Organization bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Delegation of Power to International Organizations
Note
1.3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V209606
ISBN (eBook)
9783656372097
ISBN (Buch)
9783668387782
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ILO, International Labour Organisation, Kernarbeitsnormen, Principle-Agent-Theory, Prinzipal-Agent-Theorie, Arbeitsstandards, Sozialstandards, Internationale Organisationen
Arbeit zitieren
Martin Schröter (Autor), 2012, Challenging the "toothless tiger". Die Macht der International Labour Organization bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209606

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