Welchen Einfluss haben Internationale Organisationen auf das Handeln staatlicher Akteure? Folgt man den Grundannahmen des Prinzipal-Agent Ansatzes, hängt der Einfluss internationaler Organisationen entscheidend vom Ausmaß der an sie delegierten Macht ab. Internationale Organisationen handeln dem PA-Ansatz nach entsprechend als Agenten, die von den Prinzipalen - in Form staatlicher Akteure - mit einem Mandat zur Erfüllung bestimmter Aufgaben ausgestattet werden. Grundlage dieser Delegation bildet ein Vertrag, der das Ausmaß des für den Agenten delegierten Handlungsspielraums vorschreibt. Weil der Agent nach Auffassung des PA-Ansatzes diesen Handlungsspielraum aber durch verschiedene Strategien (z.B. „shirking“ und „slippage“) eigennützig ausnutze, um seine Macht gegenüber dem Prinzipal auszuweiten, befasst sich ein Großteil der PA-Literatur insbesondere mit der Frage, wie das Problem unvollständiger Verträge gelöst werden kann. Ein oft übersehener, aber durchaus entscheidender Faktor ist dabei allerdings die grundsätzliche Frage, welche Möglichkeiten dem Agenten durch die im Vertrag festgelegte institutionelle Struktur geboten werden, um sein Mandat wahrzunehmen. Erst wenn diese Frage ausreichend beantwortet ist - so die Auffassung im folgenden Beitrag - können weitere Schritte (Kontrollmöglichkeiten des Prinzipals, Strategien des Agenten, etc.) daraus abgeleitet werden. Die folgende Arbeit versteht sich daher vielmehr als Grundlagenforschung zum Thema Delegation im Prinzipal-Agent-Ansatz, indem die institutionelle Struktur und der Vertrag zwischen den beteiligten Akteuren am Beispiel der International Labour Organization (ILO) in den Blick genommen wird. Die Hauptaufgabe der ILO liegt in der Formulierung und der weltweiten Implementierung von Arbeits- und Sozialstandards in ihren Mitgliedsstaaten, die sich mit einer Ratifizierung der ILO-Übereinkommen rechtlich zu deren Einhaltung verpflichten. Die Frage nach der tatsächlichen Macht der ILO bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards ist deshalb interessant, weil die Organisationen einen vermeintlichen Widerspruch miteinander vereint: Denn obwohl die ILO als die „wohl wichtigste internationale Organisation für Fragen von Arbeit und Beschäftigung“ (Pries 2007: 302) gilt, wird ihr tatsächlicher Einfluss auf die Handlungen staatlicher Akteure immer wieder in Frage gestellt: „The ILO is among the world’s oldest IO’s, but it is also one of the most ignored“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Prinzipal-Agent-Ansatz
3. Die International Labour Organization (ILO)
3.1 Ziele und Aufgaben
3.2 Institutionelle Struktur
3.3 Die ILO im Prinzipal-Agent-Ansatz
4. Die Kompetenzen der ILO: Die Verfassung
4.1 Entscheidungskompetenz
4.2 Kontrollkompetenz
4.3 Sanktionskompetenz
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die tatsächliche Durchsetzungsmacht der International Labour Organization (ILO) im Kontext des Prinzipal-Agent-Ansatzes, um zu klären, ob die Organisation als wirkmächtiger Akteur oder als „zahnloser Tiger“ einzustufen ist.
- Grundlagen des Prinzipal-Agent-Ansatzes in der Politikwissenschaft
- Strukturelle Analyse der International Labour Organization
- Untersuchung der delegierten Entscheidungskompetenzen
- Analyse der Kontroll- und Sanktionsmechanismen
- Bewertung der ILO als internationale Organisation
Auszug aus dem Buch
3. Die International Labour Organization (ILO)
Die International Labour Organisation (ILO) wurde 1919 im Rahmen des Völkerbundes auf der Friedenskonferenz in Versailles von den 32 Siegermächten des ersten Weltkrieges mit dem Verständnis gegründet, „dass der Weltfriede auf Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden kann“ (Pries 2009: 127). Die Hauptaufgabe der ILO liegt in der Formulierung und der weltweiten Durchsetzung universal gültiger Arbeits- und Sozialstandards, insbesondere ihrer so genannten „Kernarbeitsnormen“ („core standards“). In der Präambel der ILO-Verfassung heißt es, dass die Arbeitsbedingungen vieler Menschen jedoch „mit so viel Ungerechtigkeit, Elend und Entbehrungen“ verbunden seien, „dass eine Unzufriedenheit entsteht, die den Weltfrieden und die Welteintracht gefährdet“ (Senghaas-Knobloch 2010: 16). Aus dieser Beobachtung leitete die ILO bereits früh ihre selbst erklärten Ziele ab: Die „Förderung menschenwürdiger und produktiver Arbeit in Freiheit, Sicherheit und Würde und unter gleichen Bedingungen“ (Sengenberger 2001: 3).
Somit wurde mit der ILO erstmals ein großer Teil nationalstaatlicher Souveränität an eine internationale Organisation abgegeben und diese gleichzeitig mit umfangreichen Funktionen ausgestattet: „Mit Gründung der ILO wurden zum ersten Mal die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft und die Zuständigkeit einer internationalen Organisation anerkannt, wie ein Gesetzgeber Fragen anzugehen und zu regeln, die vorher ausschließlich innere Angelegenheit eines jeden Staates waren […] Diese Entwicklung hat die traditionellen Auffassungen über internationale Beziehungen und nationale Souveränität grundlegend verändert und durchdringt heute die gesamte Organisationsstruktur der Welt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung zur Macht der ILO ein und verortet das Thema im theoretischen Rahmen des Prinzipal-Agent-Ansatzes.
2. Der Prinzipal-Agent-Ansatz: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Prinzipal-Agent-Ansatzes, insbesondere das Konzept der Machtdelegation und das Problem asymmetrischer Informationen.
3. Die International Labour Organization (ILO): Hier werden die historischen Ursprünge, die institutionelle Struktur und die Rolle der ILO als Agent in einem Prinzipal-Agent-Verhältnis beschrieben.
4. Die Kompetenzen der ILO: Die Verfassung: Das Kapitel analysiert detailliert die drei zentralen Kompetenzbereiche der ILO: Entscheidung, Kontrolle und Sanktionierung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Durchsetzungskraft der ILO sowie die Anwendbarkeit des gewählten theoretischen Modells.
Schlüsselwörter
International Labour Organization, ILO, Prinzipal-Agent-Ansatz, Arbeitsstandards, Sozialstandards, Kernarbeitsnormen, Delegation, Institutionelle Struktur, Machtdelegation, Internationale Organisationen, Durchsetzung, Ratifizierung, Kontrollkompetenz, Sanktionsmechanismen, Globalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Wirksamkeit der International Labour Organization bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards in ihren Mitgliedsstaaten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die institutionelle Verfasstheit der ILO, die Theorie der Prinzipal-Agent-Beziehungen und die Analyse der Kompetenzstruktur der Organisation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Ausmaß der delegierten Macht der ILO zu bestimmen und zu klären, ob die Organisation ihr Mandat effektiv umsetzen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt den theoretischen Rahmen des Prinzipal-Agent-Ansatzes, um die vertraglich fixierten Rechte und Kompetenzen der ILO analytisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei fundamentalen Rechte der ILO: das Recht zu entscheiden (Normsetzung), das Recht zu kontrollieren (Monitoring) und das Recht zu sanktionieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist primär durch Begriffe wie ILO, Prinzipal-Agent-Ansatz, Kernarbeitsnormen, Delegation und internationale Arbeitsregulierung gekennzeichnet.
Was versteht man unter dem in der Arbeit erwähnten „Tripartismus“?
Der Tripartismus beschreibt die einzigartige dreigliedrige Struktur der ILO, bei der Regierungs-, Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter gemeinsam an Entscheidungsprozessen beteiligt sind.
Wie bewertet die Arbeit die Sanktionsmöglichkeiten der ILO?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Sanktionskompetenzen als das „schwächste“ Instrument der ILO gelten, da sie sich weitgehend auf sogenannte „soft laws“ und öffentliches Bekanntmachen beschränken.
- Quote paper
- Martin Schröter (Author), 2012, Challenging the "toothless tiger". Die Macht der International Labour Organization bei der Durchsetzung von Arbeits- und Sozialstandards, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209606