Frauenfiguren in "Fröken Julie" und "Et dukkehjem"

Selbstbefreiung oder Selbstaufgabe


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charakterisierung
2.1 Fröken Julie
2.2 Nora

3. Abhängigkeit von männlichem Partner und gesellschaftliche Erwartungen
3.1 Nora: Abhängig oder emanzipiert?
3.2 Fröken Julie: Selbstbewusst oder verletzlich?

4. Selbstbefreiung oder Selbstaufgabe?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetquellen

1. Einleitung

Die Frauenfiguren Nora in Ibsens Et dukkehjem und Fröken Julie in dem gleichnamigen Drama von Strindberg leben beide in einer von Männern dominierten Welt. Nora scheint eine Puppe zu sein, die nach dem Willen ihres Mannes tanzt, während Fröken Julie zunächst unabhängig zu sein scheint. Eine gleichzeitige Betrachtung der beiden Dramen wirft Fragen zum sozialhistorischen Kontext auf. Hatten die Frauen zur damaligen Zeit die Möglichkeit, sich frei zu entfalten und im Hinblick auf ihre familiäre Situation (Ehepartner) sowie unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Normen und Erwartungen eine eigene Unabhängigkeit zu erlangen? Oder führte jeglicher Versuch, Freiheitsrechte zu fordern, zum Ausschluss aus der Normgesellschaft?

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die komplexen Figuren Nora und Fröken Julie zu charakterisieren sowie ihr Verhältnis zu den männlichen Hauptpersonen ( Jean und Torvald Helmer) darzustellen. Außerdem soll das jeweilige Ende der beiden Protagonistinnen untersucht werden. Die Nebenfiguren sollen nicht betrachtet werden, da dies den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde.

Die Arbeit skizziert zunächst die Charaktereigenschaften von Fröken Julie und Nora und geht dann auf ihre Beziehung zu Männern ein. Abschließend sollen die beiden Figuren unter dem Aspekt "Selbstbefreiung oder Selbstaufgabe" betrachtet werden. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf den gesellschaftlichen Stand gelegt.

2. Charakterisierung

2.1 Fröken Julie

In dem nachträglich verfassten Vorwort zu seiner 1889 erstmals aufgeführten Tragödie “ Fröken Julie ” (deutsch: Fräulein Julie), schreibt Strindberg, dass er die Figuren ,,ziemlich charakterlos" gemacht habe. Dennoch wird bei der Betrachtung des Charakters der Titelfigur Fröken Julie rasch deutlich, dass diese in ihrem Auftreten häufig zwischen Freundlichkeit und Schärfe schwankt, ihre Charaktereigenschaften also generell als wechselhaft zu beschreiben sind. Die Regieanweisungen unterstreichen diesen Eindruck. So ist sie in einem Augenblick erregt und aufbrausend und kurz danach schon wieder "blitt" (sanft).[1] Den Hintergrund dazu bildet die erlebte Erziehung. Julies Mutter erzog sie zu einer Persönlichkeit, die, obwohl Julie eine Frau ist, sie wie ein Mann arbeiten und handeln lässt.[2] Die Konflikte, die in einer solchen Erziehung angelegt waren und sind, führten dazu, dass Julie sich zu einer Person entwickelte, die zum einen weiß, wie sie alles bekommt, was sie verlangt ( z. B. Jean), zum anderen jedoch nicht weiß, was sie eigentlich will:

,,Jean: [...] Ni hatar manfolk, fröken? Fröken Julie: Ja!- för de mesta! Men ibland- när svagheten kommer, å fy”.[3]

Alice Templeton erklärt dies Verhalten, in dem sie schreibt, dass Julie zutiefst unzufrieden mit den üblichen Geschlechterrollen und den Klassen ist[4], und verweist damit auf einen wichtigen Aspekt ihres Auftretens, der möglicherweise ein Grund für ihre Unsicherheit und Wechselhaftigkeit ist.

2.2 Nora

Nora Helmers Charakter zeigt sich bereits zu Anfang von Ibsens Drama "Et dukkehjem" (deutsch: ein Puppenheim) als kindlich. Die Regieanweisung sieht vor, dass Nora wie ein munteres Kind "vergnügt summend" auftritt.[5] Die vermeintliche Sorglosigkeit, mit der sie mit Geld umgeht, unterstreicht diese kindliche Haltung.[6] Ihr Mann Torvald Helmer behandelt sie ebenfalls wie ein unreifes Kind, und sie fügt sich dieser Behandlung. Nora scheint ein fröhlicher Mensch zu sein, der mit einer Unbeschwertheit und Naivität sowie einem fröhlichen Wesen durch die Welt geht. Doch zeigt eine genauere Betrachtung, dass Nora nicht das Kind ist, das sie zu sein scheint. Während sie für ihren Mann die "Lärche" und das "Eichhörnchen"[7] ist, ist sie plötzlich, als Helmers krank ist, die Vertraute des Arztes. Kristin Ørjasæter schreibt treffend, dass ihr ambivalenter Charackter in jedem Akt des Dramas hervorkommt. So ist das erste Wort des Stückes Gjem (Versteck[en]), laut Kristin Ørjasæter, charakterisierend für Nora. Auf der einen Seite spielt sie gleichsam die Puppe, die begierig ist, ihrem Mann zu gefallen, und auf der anderen Seite ist die “ernste” Nora, die ihren Mann gerettet hat.[8] Die letztere Seite muss sie jedoch verstecken, da Helmer strikt gegen die Aufnahme eines Kredites ist.[9] Ein weiteres Besipiel für ihren ambivalenten Charakter, für ihr Versteckspiel zeigt sich darin, dass sie ihren Mann anlügt. Sie isst etwas Süßes, sagt jedoch, dass sie so etwas nicht gegen seinen Willen tun würde[10]. Die Frau hinter der Puppenmaske hat folglich einen eigenen Willen.

3. Abhängigkeit von männlichem Partner und gesellschaftliche Erwartungen

Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts war geprägt einer immer stärker geführten Debatte, in der eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse von Frauen beziehungsweise ihre Gleichberechtigung gefordert wurde. Schon während der Französichen Revolution waren derartige Forderungen erhoben worden. So verfasste Olympe de Gouges die D é claration des droits de la femme et de la citoyenne [11] ( frei übersetzt: Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin). Doch eine Gleichberechtigung war zu dieser Zeit noch eine Utopie. Olympe de Gouges erhielt kaum Beachtung beziehungsweise wurde schließlich für ihr Auftreten verhaftet und guillotiniert. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau formulierte, so Kristin Ørjasæter in Mother, wife and role model, dass es ein wissenschaftlicher Fakt sei, dass Frauen den Männern untergeordnet seien: (zitiert nach Kristin Ørjasæter)

Their nature was to reproduce and give birth to children, not to think abstract thoughts, which is why they had no natural inclination to develop into free individuals with rights of their own.[12]

3.1 Nora: Abhängig oder emanzipiert?

Rosseuaus Position findet sich in der Rollenkonfiguration in Et dukkhejm deutlich gespiegelt. Torvald Helmers Umgang mit Nora macht dies offensichtlich:

Jo visst er det så; det vil sige, hvis du virkelig kunde holde på de penge, jeg gir dig. Og virkelig købte noget til dig selv for dem. Men så går de til huset og til så mangt og meget unyttigt, og så må jeg punge ud igen.[13]

Helmers Worte zeigen zum einen, dass er Nora nicht zutraut, vernünftig mit Geld umzugehen, ihr also kein verantwortungsvolles Handeln zuschreibt (eine klare Unterordnung). Außerdem zeichnet sich auch die Abhängigkeit Noras von ihrem Mann deutlich ab; sie ist auf sein Geld angewiesen[14], da ihre Karrierechancen sich auf das Ehefrausein beschränken. In der wirtschaftlichen Abhängigkeit liegt jedoch eine nicht ignorierbare Gefahr; sie ist eine Frau, die sich nicht frei entfalten kann. Die gesellschaftlichen Erwartungen an sie bestehen primär darin, zu heiraten und anschließend Kinder zu bekommen; so verliert sie die Beziehung zu ihrem eigenen Ich. Schlimmer noch, sie läuft in Gefahr, auf Dauer manipulierbar und stumpf zu werden.

[...]


[1] Strindberg, August: Fröken Julie, in Skrifter XII, Samtids Dramer. Stockholm: Albert Bonniers Förlag 1946. S.67.

[2] Siehe: Strindberg, S.76.

[3] Strindberg, S.77.

[4] Vgl. Templeton, Alice: "Miss Julie" as "Anaturalistic Tragedy",in: Theatre Journal, 42:4(1990:Dec), S.472.

[5] Ibsen, Henrik: Et dukkehjem. In: Henrik Ibsens Samlede Værker, Mindeudgave [Fjerde bind]. Kristiania og Københaven: Nordisk Forlag 1908. S.9: ,,Nora kommer fornøjet nynnende [...]”.

[6] Siehe Ibsen: S. 9: ,,Bybudet: Femti øre. Nora: Der er en Krone. Nej behold det hele.

[7] Ibsen: S. 9.

[8] Vgl. Ørjasæter, Kristin. "Mother, Wife And Role Model: A Contextual Perspective On Feminism In A Doll's House."Ibsen Studies 5.1 (2005): 19-47.

[9] Ibsen, S. 10: ,,Nora: Pyt; vi kan jo l åne s å længe. Helmer: Nora! […] Er nu letsingheden ude og går igen?”

[10] Ibsen, S. 12: ,,Nora: […] Jeg kunde da ikke falde på at gøre dig imod”.

[11] Die D é claration des droits de la femme et de la citoyenne war eine Raktion auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die im Zuge der französichen Revolution im Jahre 1789 verfasst wurde. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Erkläung_der_Rechte_der_Frau_und_Bürgerin

[12] Ørjasæter, Kristin. "Mother, Wife And Role Model: A Contextual Perspective On Feminism In A Doll's House."Ibsen Studies 5.1 (2005): 19-47. S. 23.

[13] Ibsen, S. 11.

[14] Ibsen, S. 11: ,,Nora: Du kunde give mig penge, Torvald”.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Frauenfiguren in "Fröken Julie" und "Et dukkehjem"
Untertitel
Selbstbefreiung oder Selbstaufgabe
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Skandinavistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V209610
ISBN (eBook)
9783656371977
ISBN (Buch)
9783656372257
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenfiguren, fröken, julie, selbstbefreiung, selbstaufgabe
Arbeit zitieren
Florentin Ostertag (Autor), 2012, Frauenfiguren in "Fröken Julie" und "Et dukkehjem", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209610

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