Die Kernidee der Sozialgeographie liegt in der Analyse des Verhältnisses zwischen
Raum und Gesellschaft. Die daraus resultierenden Leitfragen lauten:
1. Wie organisieren sich Gesellschaften im Raum?
2. Welche Rolle spielt der Raum für das gesellschaftliche Zusammenleben
(Werlen 2000, S.9)
Die Sozialgeographie ist an der Schnittstelle der klassischen Erkenntnisinteressen der
Geographie („Raum“) und Soziologie („Gesellschaft“) angesiedelt. In der Sozialgeographie
treffen diese beide Fragehorizonte aufeinander wodurch eine interdisziplinäre
Verbindung der beiden prominenten Forschungstraditionen gegeben ist. Die
Sozialgeographie richtet sein Augenmerk auf die menschliche Gestaltungskraft der
gesellschaftlichen Wirklichkeit, wobei der Mensch als „sozialer Akteur“ verstanden
wird (Werlen 2000, S.11). Dabei wird versucht, die Lücke zwischen der „Raumversessenheit“
der Geographie und der „Raumvergessenheit“ der Soziologie zu schließen
(Werlen 2000, S.12). Es ist aber anzumerken, das es nicht die „eine“ Sozialgeographie
gibt, die als allgemeingültig gilt, sondern die wissenschaftliche Fragestellung
ist immer in die alltagsweltliche Konstellation eingebettet, d.h. dass das wissenschaftliche
Geschehen nicht unabhängig von den alltagsweltlichen Verhältnissen
begriffen werden kann. Außerdem unterliegt die Sozialgeographie einem zeitlichen
Wandel, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse die alltagsweltliche Wirklichkeit
beeinflussen, und damit auch die wissenschaftlichen Disziplinen auf die alltagsweltlichen
Zusammenhänge wieder abgestimmt werden müssen. Also stehen die Aspekte
der „alltagsweltlichen Wirklichkeit“ und die „wissenschaftlichen Disziplinen“ in
einem sich gegenseitig beeinflussenden Zusammenhang (Werlen 2000, S.14,15).
Ziel dieser Hausarbeit ist es die Entstehung der Sozialgeographie zu erklären. Sie hat
in der disziplinhistorischen Geschichte mehrere Phasen durchlaufen, die auch noch
bis heute Auswirkungen auf die Sichtweisen und Forschungsrichtungen haben.
Dabei wird zunächst allgemein auf die Sozialgeographie, sowie ihre Entwicklung in
den verschiedenen Sprachräumen eingegangen. Die disziplinhistorische Entwicklung
und Theorieansätze bilden den Hauptteil dieser Hausarbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung der Sozialgeographie
2.1 Der Begriff Sozialgeographie
2.2 Wissenschaftliche Vorraussetzungen zur Entstehung der Sozialgeographie
3. Entwicklungslinien sozialgeographischen Denkens
3.1 Französische Entwicklungslinien
3.1.1 Aktuelle Debatten und Forschungseinrichtungen
3.2 Angelsächsische Entwicklungslinien
3.3 Holländische Entwicklungslinien
3.4 Skandinavische Entwicklungslinien
3.5 Deutsche Entwicklungslinien
4. Phasen der Sozialgeographie
4.1 Die deskriptiv-naturdeterministische Phase
4.1.1 Landschaftsgeographie
4.1.2 Länderkunde
4.2 Die funktionale Phase der Sozialgeographie
4.3 Entstehung der deutschen Sozialgeographie
4.3.1 Soziale Kräfte als Landschaftsgestaltung
4.3.2 Bobeks Gesellschaftsverständnis
4.3.3 Die Theorie des Rentenkapitalismus
4.3.4 Sozialgeographische Gruppen
4.3.5 Geographische Gesellschaftsordnung
4.4 Die funktionale Phase Sozialgeographie der Münchner Schule
4.4.1 Die Charta von Athen
4.4.2 Die Münchner Schule der Sozialgeographie
4.4.3 Soziale und räumliche Prozesse
4.4.4 Die einzelnen Teildisziplinen der Sozialgeographie der Münchner Schule
4.4.5 Grundlagenwissenschaft der Raumplanung
4.5 Die szientifisch-quantitative Sozialgeographie
4.6 Verhaltens- und wahrnehmungsorientierte Sozialgeographie
4.7 Handlungsorientierte Sozialgeographie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das primäre Ziel dieser Hausarbeit besteht darin, die disziplinhistorische Entstehung der Sozialgeographie sowie ihre verschiedenen theoretischen Entwicklungsphasen zu erläutern und deren heutige Auswirkungen auf geographische Sichtweisen und Forschungsrichtungen aufzuzeigen.
- Historische Genese und Institutionalisierung der Sozialgeographie
- Vergleichende Analyse internationaler Entwicklungslinien (Frankreich, angelsächsischer Raum, Niederlande, Skandinavien, Deutschland)
- Systematische Darstellung der Phasen der Sozialgeographie von der naturdeterministischen bis zur handlungsorientierten Ausrichtung
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen gesellschaftlichen Prozessen und räumlicher Organisation
- Rolle des Menschen als sozialer Akteur und Gestalter von Räumen
Auszug aus dem Buch
4.4.1 Die Charta von Athen
Die „Charta von Athen“ wurde zwischen den Jahren 1928 und 1938 von Le Corbusier entwickelt und im Jahre 1942 veröffentlicht. Sie galt als Manifest für den modernen Städtebau. Ihr Ziel war es die Konsequenzen der Moderne beim Umbau der mittelalterlichen Städte zu berücksichtigen, und die Städte auf die modernen Lebensweisen abzustimmen. Ein weiteres Ziel lag in der Schaffung von „funktionellen Städten“, die alle Lebensbereiche gleichmäßig berücksichtigen (Werlen 2000, S.167,168). Nach Le Corbusier bilden die vier menschlichen Grundbedürfnisse („fonctions d’Être“) „Wohnen“, „Arbeiten“, „Erholung“ und „Verkehr“ die Leitkriterien bei der Planung einer Stadt (Werlen 2000, S.167-170). Die Stadtentwicklung und die moderne Stadtplanung soll auf die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse ausgerichtet sein. Um diese Maßnahmen durchzuführen formuliert Le Corbusier folgende Forderungen, die bei der Stadtplanung berücksichtigt werden müssen:
1. Die Wohnungen sollen den hygienischen Anforderungen des menschlichen Körpers genügen
2. In einem Stadtgebiet sollen ausreichend Erholungsflächen vorhanden sein
3. Die Arbeitsplätze sollen so bestellt sein, dass sie dem natürlichen Charakter menschlicher Aktivitäten entsprechen
4. Die Verkehrswege sollen die Flächen der übrigen Bedürfnisse verbinden, sie aber nicht in ihrer Funktion beeinträchtigen
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Problemstellung des Verhältnisses von Raum und Gesellschaft ein und definiert die grundlegende Forschungsfrage der Arbeit.
2. Entstehung der Sozialgeographie: Das Kapitel beleuchtet die begriffliche Genese sowie die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedingungen während der Frühphase der Industrialisierung, die zur Entstehung der Sozialgeographie führten.
3. Entwicklungslinien sozialgeographischen Denkens: Es werden die unterschiedlichen disziplinhistorischen Traditionen in verschiedenen Sprachräumen dargestellt und deren Einfluss auf die sozialgeographische Theoriebildung analysiert.
4. Phasen der Sozialgeographie: Dieser Hauptteil systematisiert die Entwicklung des Fachs in verschiedenen Phasen, angefangen bei der Landschaftsgeographie über funktionale Ansätze bis hin zu verhaltens- und handlungsorientierten Konzepten.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung der Sozialgeographie als interdisziplinäre Brückenwissenschaft, die heute eine zentrale Rolle in der Anthropogeographie einnimmt.
Schlüsselwörter
Sozialgeographie, Raum-Gesellschaft-Verhältnis, Disziplingeschichte, Human Geography, Kulturlandschaft, Daseinsgrundfunktionen, Raumplanung, Handlungstheorie, Sozialer Akteur, Naturdeterminismus, Münchner Schule, Mental Maps, Sozialgeographische Gruppen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die disziplinhistorische Entwicklung der Sozialgeographie und untersucht, wie sich das theoretische Verständnis des Verhältnisses von Raum und Gesellschaft im Laufe der Zeit gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Entstehung des Begriffs Sozialgeographie, die verschiedenen nationalen Entwicklungslinien, die methodischen Ansätze sowie der Wandel der Forschungsschwerpunkte von der Landschaftsbetrachtung hin zu sozialen und handlungstheoretischen Analysen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es, die Evolution der Sozialgeographie in ihren verschiedenen theoretischen Phasen aufzuzeigen und zu begründen, warum das gesellschaftliche Handeln heute als zentraler Bezugspunkt der Disziplin gilt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine disziplinhistorische Aufarbeitung, die auf einer Literaturanalyse beruht, um die theoretischen Konzepte der unterschiedlichen sozialgeographischen Schulen systematisch einzuordnen und zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der internationalen Entwicklungslinien sowie in die detaillierte Analyse der fünf Phasen der Sozialgeographie, von der deskriptiv-naturdeterministischen bis zur handlungsorientierten Sozialgeographie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Fachbegriffe sind "Daseinsgrundfunktionen", "Münchner Schule", "Sozialgeographische Gruppen", "Strukturationstheorie" und "gesellschaftlicher Akteur".
Welche Rolle spielt die "Münchner Schule" in der Fachgeschichte?
Die Münchner Schule ist bedeutsam für die funktionale Ausrichtung der Sozialgeographie ab den 1960er Jahren, da sie die Disziplin eng mit der angewandten Raumplanung verknüpfte und den Begriff der "Daseinsgrundfunktionen" etablierte.
Warum ist das "Handlungskonzept" für die moderne Sozialgeographie so entscheidend?
Das Handlungskonzept ist zentral, da es den Vorrang des menschlichen Handelns gegenüber rein räumlichen Strukturen postuliert und so das komplexe Wechselspiel zwischen individueller Entscheidung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt der geographischen Forschung rückt.
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- Joerg Geuting (Author), 2002, Theoretische Ansätze und Entwicklungsphasen der Sozialgeographie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20963