Die typische Kindsmörderin? Die soziale Lage der Frauen in der frühen Neuzeit und die möglichen Folgen


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialgeschichtliche Aspekte und soziale Lage
2.1. Soziale Lage
2.2. unvermeidliche Folgen und Prävention

3. Soziale Wirklichkeit in der deutschen Literatur

4. Goethe und der Kindsmord
4.1. Vor Gericht: eine souveräne Angeklagte
4.2. Gretchen die unverhoffte Kindsmörderin

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Infantizid ist ein Phänomen, welches in der Fauna dieser Welt kein seltenes ist. So verwundert es nicht, dass Infantizid und auch Neonantizid auch bei den moralgeprägten Menschen anzutreffen ist. Das Ermorden des Neugeborenen in einer modernen Gesellschaft ist nicht hinnehmbar. Strafrechtliche und soziale Folgen sind nicht abwendbar und dienten der Prävention. Welche Folgen eine Kindsmörderin zu erwarten hatte und ob diese Präventionen dienlich waren, wird im Verlauf dieser Arbeit erläutert.

Die Thematik des Infantizids hatte eine magische Wirkung auf die Autoren des Sturm und Drangs, so wurden zahlreiche Romane, Gedichte und Dramen mit ähnlichem Sujet verfasst und publiziert.[1] So weist Goethes großes Werk ‚Faust‘ diese Thematik in der Gestalt von Gretchen auf[2] und er verfasste ein Gedicht, in der die Angeklagte vorm Amtmann und dem Pfarrer sich rechtfertigt und verteidigt[3]. Beide Werke – ‚Faust‘ und ‚vor Gericht‘ – sollen genutzt werden, um die Intention Goethes und den Zeitgeist des 18. Jahrhunderts aufzufangen. Die im Vorfeld erläuterte soziale Lage des 18. Jahrhunderts und die drohenden Folgen werden anhand beider Werke erläutert und verglichen. Im Ganzen soll ein Bild der Frau gemacht werden, die zur Mörderin wird und allgemein soll die Frage beantwortet werden, „gibt es eine typische Kindsmörderin?“.

In ihrer Dissertation beschäftigte sich Kerstin Michalik mit der Thematik Kindsmord, sichtete Gerichtsakten aus dem 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert und konzentrierte sich dabei auf das Gebiet Preußen. Somit beziehen sich all ihre Daten und Erhebungen aus diesem Zeitraum nur auf Preußen, stehen also stellvertretend für das restliche Gebiet. Denn das Problem der Forschung zur frühen Neuzeit in Bezug auf Deutschland bzw. das Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ist, dass das Reich in viele kleine Territorien, Fürstentümer, (Mark)Grafschaften und anderem zersplittert war. In ihrer Arbeit kam sie für sich zu dem Ergebnis; „Keine der Täterinnen war typisch, keine war Durchschnitt.“[4]

2. Sozialgeschichtliche Aspekte und soziale Lage

Was waren es für Frauen, die ihre Kinder nach der Geburt oder später ermordet haben und wie konnte dies geschehen? Handelten alle Frauen nach ein und demselben Muster und gibt es Parallelen die gezogen werden können? Breit diskutiert ist dieses Thema und vor allem die Frage, ob es eine typische Kindsmörderin gab oder gibt. Es begann ein Aktenwälzen und Statistiken wurden herangezogen. Dies ist die Suche nach einer hervorstechenden Tätergruppe und nach deren sozialer Lage im geschichtlichen Kontext. Im Folgenden ist der Zeitrahmen das 18. und das frühe 19. Jahrhundert der frühen Neuzeit. Die Gesellschaft war fortwährenden Prozessen ausgeliefert gewesen und die Aufklärung hat begonnen und schreitet weiter voran.

2.1. Soziale Lage

Frauen in der frühen Neuzeit waren abhängig vom Elternhaus und darauffolgend vom Ehemann gewesen. Diese Abhängigkeit spiegelt sich vor allem im Finanziellen wider, da Frauen ohne Unterstützung dieser nicht in der Lage waren zu überleben.[5] Desto schwerer war es, wenn sie neben sich noch ein Kind ernähren mussten, aber kaum sich selbst ernähren konnten. „Wenn weder Kindsvater noch Familie die zukünftige ledige Mutter unterstützen konnten oder wollten, stellte die Geburt eines nichtehelichen Kindes eine schwerwiegende wirtschaftliche Belastung dar.“[6] So ist es kaum erstaunlich, dass um die 85% der Täterinnen zum Zeitpunkt der Tat ledig gewesen sind.[7] Die Haupttätergruppe der Kindsmörderinnen sieht die Forschung in den Dienstmägden. Diese waren durch den Ledigenstatus, häufigen Ortswechsel, gemeinsames Leben und Unterbringung mit den Knechten, Unterschichtenzugehörigkeit, niedriger Lohn gekennzeichnet und weitere Faktoren sorgten für häufige nichteheliche Schwangerschaften, die oft zu Kindstötungen führten.[8] Im Fall Preußen ergab diese Tätergruppe eine Häufigkeit von rund 70%[9] und macht somit deutlich mehr als 2/3 aller anderen Frauengruppen aus. Von dieser Frauengruppe lebten mehr als 50% der Täterinnen im Kreise der Familie, 15% kamen dabei aus der Unterschicht.[10] Ähnlich sieht es in anderen Regionen aus. So entfallen 80% der Kindsmörderinnen in Schleswig und Holstein auf Dienstmägde und 77% in Hannover.[11] Neben den ledigen Frauen waren auch Witwen und Ehefrauen, die von ihrem Ehemann getrennt lebten unter den Kindsmörderinnen. Darunter war fast die Hälfte der alleinlebenden Ehefrauen mit Soldaten verheiratet, bei denen der Verbleib und das Schicksal unbekannt waren. Diese Frauen waren häufig zwischen 30 und 50 Jahre alt und lebten mehrheitlich in ärmlichen Verhältnissen, von Handarbeit und Tagelohn,und hatten bereits Kinder, die sie noch zu versorgen hatten.[12] In Verhören gaben Frauen zu, dass sie nicht wussten, wie sie das Kind hätten ernähren sollen, wo sie doch selbst nur kümmerlich leben konnten.[13] Eine Dienstmagd sagte aus, dass sie fürchtete, dass man sie aus dem Dienstverhältnis entlassen würde und sie nicht wusste, an wen sie sich hätte wenden können und sie niemanden hatte, dem sie sich könnte anvertrauen.[14]

In einer Zeit, in der die Sexualität noch in das eheliche Gefilde gehörte, hatten Frauen mit unehelichen Beziehungen soziale Ächtung zu befürchten. So vor allem, wenn ein Kind als Zeugnis einer unehelichen Zusammenkunft ans Tageslicht tritt. Spätestens dann konnten Frauen einer Ächtung nicht mehr entgehen, denn die Unzucht ließe sich nicht mehr leugnen. Die Gesellschaft ist zu dieser Zeit noch stark religiös eingebettet und hat dementsprechend auch moralische Vorstellungen. Dazu gehört auch die Ehe

2.2. unvermeidliche Folgen und Prävention

Die Gerichtsbarkeit wurde seit 1532 durch die Carolina geordnet und blieb bis zum Sturm und Drang unverändert. Im Artikel 113 der peinlichen Heilsgerichtsordnung stand, dass Täterinnen lebendig in einen Sack eingenäht und wie Tiere ertränkt werden sollen.[15] Zuweilen gab es weitere Todesstrafen, wie zum Beispiel das Pfählen und das Begraben bei lebendigem Leibe.[16] Diese drakonischen Strafen sollten Menschen vor Straftaten wie Kindsmord abschrecken und dienten somit zur Prävention. Es galt wider die Natur, dass Frauen ihre Kinder töten und eine derartige Straftat galt es einzuschränken. Dennoch galten die Strafen als übertrieben und Friedrich II. verfügte 1740, als er die Regierung übernahm, dass Kindsmörderinnen bloß enthauptet werden dürfen, da dies als humaner galt und reformerisch.[17] Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ging die Todesstrafe allmählich in eine Freiheitsstrafe über.[18] Allgemein ist Friedlich II. – auch bekannt als der alte Fritz – ein Reformer. So sah Friedrich Wilhelm I. die Kindstötung noch als einreligiöses Problem an, betrachtete Friedrich II. – dessen Regierung unterm Dach eines säkularisierten Weltbildes der Aufklärung stand – die Kindstötung als ein staatspolitisches Problem.[19] „Humanere Rechtsauffassungen führten in Preußen zwar zur Beseitigung „Magdalenenbuße“ für „gefallene Mädchen“ und zur Aufhebung der Hurenstrafe, die Todesstrafe für Kindsmörderinnen hielt sich dagegen hier am längsten.“[20] Nach und nach schafften die Territorien wie Österreich, Bayern und Baden die Todesstrafe für Kindsmord ab, Preußen lenkte 1851 ein, sah den Tatbestand nicht mehr als Verwandtenmord und die Strafe war fortan eine Freiheitsstrafe.[21]

[...]


[1] Vgl. Jacobs, Jürgen: Gretchen und ihre Schwestern. Zum Motiv des Kindsmords in der Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Fischer, Richard(Hrsg.): Ethik und Ästhetik. Werke und Werte in der Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Frankfurt a. Main: Peter Lang Verlag 1995. Seite 105

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Jens, Walter: Die Beschuldigte als Richterin. In: Frankfurter Anthologie 11 1988. Seite 34

[4] Michalik, Kerstin: Kindsmord – Sozial- und Rechtsgeschichte der Kindstötung im 18. Und 19. Jahrhundert am Beispiel Preußen. Pfaffenweiler: Centaurus Verlag 1997. Seite 55

[5] Vgl. Michalik, Kerstin: Seite 74

[6] Ebd. Seite 75

[7] Vgl. Ebd. Seite 56

[8] Vgl. Labouvie, Eva: Kindsmord in der frühen Neuzeit. Spurensuche zwischen Gewalt, verlorene Ehre und der Ökonomie des weiblichen Körpers. In: Metz-Becker, Marita(Hrsg.): Kindsmord und Neonatizid. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die Geschichte der Kindstötung. Marburg: Jonas Verlag 2012. Seite 13

[9] Vgl. Michalik, Kerstin: Seite 56

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Labouvie, Eva: Seite 13

[12] Vgl. Michalik, Kerstin: Seite 57

[13] Vgl. Ebd. 76

[14] Vgl. Ebd. 76f

[15] Vgl. Scholz, Rüdiger: Die Gewalt dichterischer Ideologie. Das Bild der "Kindsmörderin" in der Literatur und die soziale Wirklichkeit. In: Bay, Hansjörg(Hrsg.): Ideologie nach ihrem "Ende". Gesellschaftskritik zwischen Marxismus und Postmoderne. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995. Seite 247

[16] Vgl. Ebd.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Vgl. Labouvie, Eva: Seite 11

[19] Vgl. Michalik, Kerstin: Seite 210f

[20] Häßler, Günter; Häßler, Frank: Kindstötung in der Rechtsgeschichte. In: Häßler, Frank; Schepker, Renate; Schläfke, Detlef(Hrsg.): Kindstod und Kindstötung. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. 2008. Seite 51

[21] Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die typische Kindsmörderin? Die soziale Lage der Frauen in der frühen Neuzeit und die möglichen Folgen
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Kindsmord in der deutschen Literatur
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V209720
ISBN (eBook)
9783656374848
ISBN (Buch)
9783656376705
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindsmord, Goethe, Faust, Johann Wolfgang v. Goethe, Geschichte, Frühe Neuzeit, Findelhäuser, Vor Gericht, Sturm und Drang
Arbeit zitieren
René Aderhold (Autor), 2013, Die typische Kindsmörderin? Die soziale Lage der Frauen in der frühen Neuzeit und die möglichen Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209720

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