Die Posttraumatische Belastungsstörung bei alten Menschen

Das Trauma erwacht im Alter


Seminararbeit, 2012
14 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Meine Beweggründe
1.2 Vorgehensweise

2 Epidemiologie

3 Ursachen für PTSD im Alter

4 Diagnose und Komorbidität
4.1 Diagnostische Besonderheiten
4.2 Komorbidität
4.3 Anpassungsstörung
4.4 Komplizierte Trauer

5. Die Wahl der Therapiemethode
5.1 Entwicklungspsychologische Aspekte
5.2 Traumagedächtnis
5.3 Gesundheitliche Aspekte

6 Narrative Therapiemethoden
6.1 Lebensrückblicktherapie
6.2 Testimony Therapy
6.3 Integrative Testimonialtherapie

7 Schlussfolgerung

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Bericht einer Pflegekraft auf einer geriatrischen Station:

„Als die Frau eingeliefert wurde, war sie zwar körperlich schwach, wirkte aber gepflegt und unauffällig. Am nächsten Morgen, als wir sie duschen wollten, warf sie sich auf den Boden und schrie, weinte, sträubte sich. Erst nach Wochen verstanden wir ihr Verhalten: Sie war als junge Frau gefoltert worden, indem man sie in einer Dusche auf einem Stuhl festgebunden hatte und Wassertropfen auf ihren Kopf fallen liess. Ihr Leben lang hatte sie das Duschen vermieden, sich gewaschen oder gebadet.“

Verzögert auftretende posttraumatische Störungen sind bei jungen Menschen eher selten, bei älteren Personen jedoch begegnet man diesem Phänomen häufiger. Dass die traumatischen Ereignisse oft 50 und mehr Jahre zurückliegen, erschwert es, einen Zusammenhang zwischen aktuellem Verhalten und der Lebensgeschichte zu sehen.

Barwinski R. (2010) bezeichnet das Alter in psychotraumatologischer Hinsicht als eine „sensible Phase, die durch eine verstärkte Wendung nach innen und zur Vergangenheit hin gekennzeichnet ist.“

1.1 Meine Beweggründe

In meiner Berater- und Coachingtätigkeit ist der Fokus auf der Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit meiner Kunden und Klienten ebenso wie auf der Unterstützung von Lebens- und Karriereziele. Es geht vor allem darum, „mehr, besser, effizienter, effektiver, schneller“ zu werden, mithalten zu können, Leistung zu erbringen, sich einzubringen und zu beweisen. Je älter mein Klientel wie auch ich werden, desto häufiger findet Auseinandersetzung statt, in der andere Fragen relevant werden. Innehalten, Rückblick, Sinnfindung sind Phasen dieser Entwicklungsstufe. Unerledigte Themen werden auf einmal viel relevanter und drängen ins Bewusstsein – wollen „erledigt“ werden. Hierzu zählen auch Traumata, die bisher kein Störfaktor waren, sich aber nicht mehr so leicht wegschieben oder verdrängen lassen.

1.2 Vorgehensweise

Ich habe mich zunächst mit den epidemiologischen, entwicklungsps­ychologischen und gerontopsychologischen Grundlagen und den Auswirkungen von Traumata im Kontext des Alterns auseinandergesetzt. Aufgrund dieser Analyse möchte ich zwei Fragestellungen näher beleuchten:

Welche Besonderheiten und Unterschiede liegen bei älteren Patienten vor?

Welche Therapiemethoden sind für diese Personengruppe angezeigt?

2 Epidemiologie

Das Interesse an Trauma im Alter scheint noch nicht sehr ausgeprägt zu sein. Eine Vielzahl von epidemiologischen Studien legt den Fokus auf Kinder und junge Erwachsene und weniger auf ältere und alte Menschen. Daher sind in diesem Gebiet noch wenig Arbeiten und damit Ergebnisse vorhanden.

Einige wenige Studien befassten sich jedoch mit dem Aufkommen von PTSD im Alter.

Eine repräsentative Untersuchung in der BRD zum Thema PTSD-Symptomatik im Alter ergibt folgendes Bild: Die über 65jährigen haben eine 3fach höhere PTSD-Rate verglichen mit Menschen unter 65 Jahren (Barwinski, S., Fischer G., 2010).

Teegen F. & Cizmic L.D. (2003) konnte mit seiner Arbeit zeigen, dass bei einer im Mittel 81jährigen Patientengruppe, welche einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch nahmen, 65 % an intrusiven Symptomen litten. Inhalt der Intrusionen waren häufig traumatische Erfahrungen während des 2. Weltkrieges. Bei 11 % wurde eine PTSD, bei 32 % eine partielle PTSD festgestellt.

Einer Studie, die 2010 in der Schweiz durchgeführt wurde, zur Folge liegt die Zahl der 65-96jährigenm Menschen, die ein PTSD Vollbild entwickeln bei 0,7 %, für eine subsyndromale PTSD bei 4,2 %. 36 % der Befragten war mindestens ein traumatisches Ereignis in ihrem Leben widerfahren.

Krause (Krause, Shaw & Carney, 2004) hat, die grosse Gruppe der alten Menschen differenzierter dargestellt, um herauszufinden, ob die Anzahl der „gelebten Jahre“ Auswirkungen auf die Anzahl der Traumata haben.

Er unterscheidet, drei Gruppen: Junge Alte: 65 – 74 Jahre alt, alte Alte: 75 – 84 Jahre alt, älteste Alte: 85 und älter. Man würde vermuten, dass die ältesten Alten die meisten traumatischen Ereignisse erlebt haben, zum einen weil sie länger gelebt haben, zum anderen, weil sie den denkwürdigsten Ereignissen des letzten Jahrhunderts ausgesetzt waren. Die Studie von Krause zeigt deutlich, dass die älteren Alten und die alten Alten zwar eine grössere Bandbreite, jedoch nicht signifikant mehr traumatische Ereignisse erlebt haben.

In Deutschland wurde 2008 eine Studie, die die gesamte Erwachsenenspanne von 18-97 Jahren umfasste, eine 1-Jahresprävalenz von 2,3 % gefunden (Maerker et al., 2008). Die Altersgruppenunterschiede waren beträchtlich: Die 14 bis 29jährigen wiesen eine Prävalenz von 1,4 % auf, die 30 bis 59jährigen lag sie bei 1,4 % und bei den über 60jährigen betrug sie 3,8 %.

Man kann also feststellen, dass im Alter das Risiko, eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, steigt. Welche Ursachen können hierfür verantwortlich sein?

3 PTSD Ursachen im Alter

Barwinski (Barwinski R., Fischer G. 2010) schlägt folgende Differenzierung bei der Traumatisierung älterer Menschen vor:

1. Aktuelle bzw. chronische Folgen der Traumatisierung, die auf im höheren Lebensalter erlebten Traumata (aktuelle Traumata) zurückgehen,
2. Chronische Traumafolgestörungen, die auf früheren Traumata beruhen, sowie
3. Verzögert auftretende Folgestörungen, die im höheren Lebensalter wieder auftreten und auf frühere Traumata zurück zu führen sind.

Aarts (2000) „Eine früher erfolge Traumatisierung und der Prozess des Alterns“ in dem Standartwerk Traumatic Stress (Van der Kolk, B. Hrsg. 2000) bezieht sich auf den dritten Punkt. Sie schreibt, dass neuere Studien den Eindruck bestätigen, „(...), dass die Überlebenden des Zweiten Weltkriegs in den späteren Phasen des Lebenszyklus, manchmal nach Jahrzehnten adäquater Bewältigung, hinsichtlich eines nachträglichen Ausbruchs bzw. Verschlimmerung der posttraumatischen Symptomatik gefährdet sind.“

Bei der Mehrzahl scheint ein späterer Ausbruch bzw. eine Verschlimmerung der Symptomatik in den mittleren bis späteren Lebensjahrzehnten auftreten, was eine Erklärung für die hohe Prävalenz von PTSD im höheren Lebensalter erklären könnte.

Welche Erklärungen finden sich für das verzögerte Auftreten von PTSD im Alter?

Radebold (2009) nennt drei Möglichkeiten, warum frühere Traumatisierungen im Alter wieder reaktiviert werden können:

1. Ältere Menschen haben mehr Zeit, um bisher Unbewältigtes wahrzunehmen
2. Sie spüren den Druck, sich unerledigten Entwicklungsaufgaben stellen zu müssen
3. Der Prozess des Alterns selbst kann traumatische Inhalte reaktivieren

Floyd m., Rice J. und Black S. R. (2002) liefern verschiedene Erklärungsansätze für das Wiederaufleben von PTSD im späteren Lebensabschnitt:

VompsychodynamischenStandpunkt aus betrachtet, wird dieses Phänomen als Misslingen der Verdrängung oder als „defensives Vergessen“ bezeichnet. Das tätige Leben ermöglicht, Gedanken an frühere Traumata zu unterdrücken. Diese effektive Strategie scheint im Alter nicht mehr zu funktionieren, weil den Patienten entweder dem Trauma ähnliche Erlebnisse widerfahren oder ähnliche Gefühle zum Beispiel des Ausgeliefertseins ausgelöst werden. Gerade im Bereich der Pflege und Intimpflege können alte Erinnerungen geweckt werden.

Ein Beispiel aus dem Pflegealltag zeigt, dass auch sehr subtile Trigger eine Traumareaktivierung bewirken können: Eine Dame hohen Alters war in einem Zweibettzimmer untergebracht. Die Bettnachbarin erhielt Besuch ihres englischen Ehemanns. Die besagte Dame reagierte während und nach dem Besuch hysterisch, war von Weinkrämpfen geschüttelt und nicht wieder zu beruhigen. Sorgsames Nachfragen eröffnete, dass die englische Sprache, vor allem von einem Mann gesprochen, ein Trigger darstellte, der sie an eine Vergewaltigung durch englische Soldaten in der Besatzungszeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnerte. Das Liegen im Bett, die Unfähigkeit aufgrund ihres körperlichen Zustandes aufzustehen und sich aus der Situation zu begeben, verstärkte die Panik. Als man die Dame in ein anderes Zimmer legte, konnte sie sich allmählich beruhigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Posttraumatische Belastungsstörung bei alten Menschen
Untertitel
Das Trauma erwacht im Alter
Hochschule
Universität Zürich  (Medizinische Fakultät)
Veranstaltung
Psychotraumatologie
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V209768
ISBN (eBook)
9783656375302
ISBN (Buch)
9783656375609
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
posttraumatische, belastungsstörung, menschen, trauma, alter
Arbeit zitieren
Dagmar Härle (Autor), 2012, Die Posttraumatische Belastungsstörung bei alten Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209768

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