"Es sind nur zwei Dinge, die einem das Gefühl von Daseinsberechtigung geben: Liebe und Geld. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist wohl das Leben einmal ganz richtig?"
Dieses Zitat stammt aus dem 1916 in München erschienenen Roman Der Geldkomplex und spiegelt wie kein anderes die Einstellung der Autorin Franziska zu Reventlow zu den Themen Geld und Liebe wieder, zwei Motiven, die in der Literatur ohne Zweifel eine große Rolle gespielt haben und spielen. Aber ist ihre Rolle tatsächlich so bedeutend wie Franziska zu Reventlow hier vermutet? Sind es tatsächlich nur diese beiden Dinge, die dem Menschen ein Gefühl von Daseinsberechtigung vermitteln?
Bei der Rolle der Liebe in der Literatur könnte man dies annehmen. Die Liebe ist ein universelles Motiv, das sich nicht nur durch alle Zeiten hinweg finden lässt, sondern auch eine zentrale Rolle bei der Interpretation von Texten spielt, egal ob geheime, verbotene, verlorene,
unglückliche, unendliche Liebe, so variabel ihr Auftreten ist, so sehr scheint sie die Menschen unaufhörlich in ihren Bann zu ziehen. Nach tragischen Liebesgeschichten wie Romeo und Juiia, die mit dem Tod enden, braucht man nicht lange zu suchen. Auch Geld und Ökonomie ist ein Thema, das den Menschen nicht nur in Zeiten von Wirtschaftszusammenbrüchen
zu interessieren scheint. Heute und auch in der Vergangenheit lässt sich
zahlreiche Literatur zum Thema Geld und Ökonomie finden. Dabei fallt auf, dass die Literatur der Ökonomie oft einiges voraus hat. Der Publizist Stefan Frank behauptet in einem Vortrag, die "Literatur eignet sich durchaus dazu, Entwicklungen in der Wirtschaft anzustoßen."
Seine These geht dabei so weit, dass erfundene Romane die zukünftige Wirtschaft beeinflussen, ja sogar die Zukunft darstellen können und führt signifikante Beispiele an, wie zum Beispiel "Der Weg zum Überfluss" von dem Autorenduo Waddill Catchings und William Trufant Foster, der bereits acht Jahre vor John Maynard Keynes die "General Theory" begründete.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Motiv der Liebe und des Geldes in der Literatur
2. Hauptteil: Geld als Liebesersatz in den Werken Franziska zu Reventlow
2.1. Die Rolle des Geldes im Geldkomplex
2.1.1 Geldkomplex als Liebeskummerersatz
2.1.2. Der Geldkomplex als gescheiterte Liebesgeschichte zwischen der Ich-Erzählerin und dem Geld
2.1.3. Substitution von Liebe durch Geld auch bei ihren Freunden
2.2. Die Rolle des Geldes in Von Paul zu Pedro
2.2.1. Verschiedene Männertypen aus ökonomischer Sicht
2.2.2. Liebe als Minnehandel
3. Schluss: Franziska zu Reventlow: Glücklich mit Geld und Liebe?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Geldes als Ersatz für Liebe im literarischen Schaffen von Franziska zu Reventlow, insbesondere in den Werken Der Geldkomplex und Von Paul zu Pedro, und geht der Forschungsfrage nach, inwiefern Reventlow das Geld als eigenständige, die Liebe substituierende Instanz in ihren Texten darstellt.
- Die literarische Darstellung des Geldes als Personifizierung.
- Die ökonomische Betrachtung zwischenmenschlicher Beziehungen (Kosten-Nutzen-Rechnung).
- Die Substitution von Liebeskummer durch den Erwerb bzw. die Sorge um Geld.
- Die Charakterisierung verschiedener Männertypen aus ökonomischer Perspektive.
- Die autobiografischen Bezüge in den behandelten Romanen.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Geldkomplex als Liebeskummerersatz
Dieses Warten, also der Verlauf ihres Geldkomplexes, durchläuft verschiedene Stadien, die sich mit Liebeskummer vergleichen lassen. Nachdem die Ich-Erzählerin zunächst vom Geld verlassen wurde, wird ihr ein Komplex, nämlich „nicht ausgelebte Gefühle, Triebe und dergleichen, die sich, […] im Unterbewußtsein zusammenballen und einem seelische Beschwerden verursachen“ diagnostiziert. Sie selbst gibt zu, an nichts anderes mehr zu denken als an Geld, ja sogar alles durch Geld zu ersetzen.
Die romantischen Motive wie Lerchengesang, Sonnenschein im Frühling oder die Blüten interessieren sie nicht einmal, da sich in ihrem Kopf alles um „blind[es] und inbrünstig[es] […] [R]echnen“ und Geld dreht. Wie sie selbst gesteht, substituiert sie alles mit Geld, und damit auch die Liebe. So gesehen, mutet ihre ironische Leidensgeschichte, der eigentlich Existenzängste zugrunde liegen, an wie Liebeskummer, bei dem die betroffene Person auch dazu neigt ihre Gedankenwelt lediglich um die geliebte Person kreisen zu lassen. In ihrem Fall wurde sie nicht von einem gleichwertigen Partner verlassen, sondern vom Geld, und dieser Verlust und die Diagnose des „Freudianers Dr. Baumann“ lassen sie den Entschluss fassen, sich in das Sanatorium zu begeben. Dort beginnt die zweite Phase ihres Geldkomplexes, der eigentlich der Heilung dienen sollte. Allerdings wird der Komplex hier viel mehr verstärkt, dadurch dass sie sich zum einen ununterbrochen mit Geld auseinandersetzt und zum anderen meint, bei ihren Mitpatienten „alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu heilen“. Sie selbst erkennt, dass sie ihr Leben allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen [war], nur den wirtschaftlichen nicht. Weder glückliche noch unglückliche Liebe, oder Ehe noch Ehebruch, sondern ausschließlich Gläubiger, Hausherren und Lieferanten haben es dahin gebracht, [sie] psychisch zu zerrütten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Motiv der Liebe und des Geldes in der Literatur: Dieses Kapitel führt in die literaturwissenschaftliche Bedeutung von Geld und Liebe als zentrale Motive bei Franziska zu Reventlow ein.
2. Hauptteil: Geld als Liebesersatz in den Werken Franziska zu Reventlow: Dieser Abschnitt analysiert das ambivalente Verhältnis der Autorin zum Geld, das in ihren Romanen die Rolle der Liebe einnimmt.
2.1. Die Rolle des Geldes im Geldkomplex: Hier wird untersucht, wie die Protagonistin im Roman durch ihre Obsession mit Geld ihre Liebesbeziehungen und emotionalen Bedürfnisse ersetzt.
2.1.1 Geldkomplex als Liebeskummerersatz: Dieses Unterkapitel beschreibt die psychologische Identität von Liebeskummer und Geldproblemen bei der Ich-Erzählerin.
2.1.2. Der Geldkomplex als gescheiterte Liebesgeschichte zwischen der Ich-Erzählerin und dem Geld: Hier wird dargelegt, wie das Geld durch Personifizierung zum eigentlichen „Liebespartner“ der Erzählerin wird.
2.1.3. Substitution von Liebe durch Geld auch bei ihren Freunden: Dieses Kapitel zeigt, dass die Protagonistin auch das soziale Umfeld und Freunde primär unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet.
2.2. Die Rolle des Geldes in Von Paul zu Pedro: Der Fokus liegt hier auf dem Einfluss ökonomischer Überlegungen auf das Bild von Erotik und Männern im Roman.
2.2.1. Verschiedene Männertypen aus ökonomischer Sicht: Diese Analyse klassifiziert Männerfiguren basierend auf ihrem Nutzen und der finanziellen Ertragslage der Protagonistin.
2.2.2. Liebe als Minnehandel: Abschließend wird die Liebe als eine Form des kommerziellen Tauschs bzw. Minnehandels in der Literatur der Autorin dekonstruiert.
3. Schluss: Franziska zu Reventlow: Glücklich mit Geld und Liebe?: Das Fazit zieht eine Bilanz aus den autobiografischen Zügen des Werks und beantwortet die Frage nach der Vereinbarkeit von Liebe und Geld im Leben der Autorin.
Schlüsselwörter
Franziska zu Reventlow, Geldkomplex, Von Paul zu Pedro, Liebe, Ökonomie, Liebesersatz, Literatur, Münchener Bohème, Minnehandel, Substitution, Männertypen, Kosten-Nutzen-Rechnung, Personifizierung, Autobiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Geldes bei der Autorin Franziska zu Reventlow und dessen Funktion als Ersatz für emotionale Bindungen und Liebe.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung von Geld, der Kommerzialisierung von Beziehungen und der psychologischen Verknüpfung von Geldnot und Liebeskummer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Reventlow in ihren Romanen das Geld als eigenständige Kraft darstellt, die traditionelle romantische Liebeskonzepte substituiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse der Werke Der Geldkomplex und Von Paul zu Pedro unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur Autorin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der spezifischen Geld-Rollen in den beiden genannten Werken, wobei auch Typologien der dargestellten Männer und der Tauschcharakter von Beziehungen untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Franziska zu Reventlow, Geldkomplex, Liebe, Substitution, ökonomische Sichtweise und Minnehandel.
Welche Rolle spielt die Personifizierung des Geldes im Werk der Autorin?
Reventlow personifiziert Geld als ein Wesen mit eigenem Willen, dem die Ich-Erzählerin in einer Art "Liebesbeziehung" verfällt, was den Ersatz für menschliche Interaktion verdeutlicht.
Inwiefern beeinflusst das ökonomische Denken die Partnerwahl der Protagonistinnen?
Die Partner werden unter einem utilitaristischen Aspekt bewertet; sie fungieren als Objekte, die entweder finanzielle Sicherheit oder Unterhaltung bieten, wobei die Liebe als "Minnehandel" betrachtet wird.
Welchen autobiografischen Bezug zieht die Verfasserin?
Im Schlussteil wird analysiert, dass Reventlows eigene Lebensgeschichte und ihre Zugehörigkeit zur Münchener Bohème eng mit der in den Romanen dargestellten prekären wirtschaftlichen Situation und dem Umgang mit Geld verknüpft sind.
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- Miriam Gaßner (Author), 2011, Geld als Liebesersatz in Franziska zu Reventlows Werken "Der Geldkomplex" und "Von Paul zu Pedro", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209772