Geld als Liebesersatz in Franziska zu Reventlows Werken "Der Geldkomplex" und "Von Paul zu Pedro"


Seminararbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung: Motiv der Liebe und des Geldes in der Literatur

2. Hauptteil: Geld als Liebesersatz in den Werken Franziska zu Reventlow
2.1. Die Rolle des Geldes im Geldkomplex
2.1.1 Geldkomplex als Liebeskummerersatz
2.1.2. Der Geldkomplex als gescheiterte Liebesgeschichte zwischen der Ich-Erzählerin und dem Geld
2.1.3. Substitution von Liebe durch Geld auch bei ihren Freunden
2.2. Die Rolle des Geldes in Von Paul zu Pedro
2.2.1. Verschiedene Männertypen aus ökonomischer Sicht
2.2.2. Liebe als Minnehandel

3. Schluss: Franziska zu Reventlow: Glücklich mit Geld und Liebe?

4. Literaturverzeichnis
4.1. Quellen
4.2. Sekundärliteratur

1. Das Motiv der Liebe und des Geldes in der Literatur

„Es sind nur zwei Dinge, die einem das Gefühl von Daseinsberechtigung geben: Liebe und Geld. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist wohl das Leben einmal ganz richtig?“[1]

Dieses Zitat stammt aus dem 1916in München erschienenen Roman Der Geldkomplex und spiegelt wie kein anderes die Einstellung der Autorin Franziska zu Reventlow zu den Themen Geld und Liebe wieder, zwei Motiven, die in der Literatur ohne Zweifel eine gro­ße Rolle gespielt haben und spielen. Aber ist ihre Rolle tatsächlich so bedeutend wie Fran­ziska zu Reventlow hier vermutet? Sind es tatsächlich nur diese beiden Dinge, die dem Menschen ein Gefühl von Daseinsberechtigung vermitteln?

Bei der Rolle der Liebe in der Literatur könnte man dies annehmen. Die Liebe ist ein uni­verselles Motiv, das sich nicht nur durch alle Zeiten hinweg finden lässt, sondern auch eine zentrale Rolle bei der Interpretation von Texten spielt, egal ob geheime, verbotene, verlo­rene, unglückliche, unendliche Liebe, so variabel ihr Auftreten ist, so sehr scheint sie die Menschen unaufhörlich in ihren Bann zu ziehen. Nach tragischen Liebesgeschichten wie Romeo und Julia, die mit dem Tod enden, braucht man nicht lange zu suchen. Auch Geld und Ökonomie ist ein Thema, das den Menschen nicht nur in Zeiten von Wirtschaftszu­sammenbrüchen zu interessieren scheint. Heute und auch in der Vergangenheit lässt sich zahlreiche Literatur zum Thema Geld und Ökonomie finden. Dabei fällt auf, dass die Lite­ratur der Ökonomie oft einiges voraus hat. Der Publizist Stefan Frank behauptet in einem Vortrag, die „Literatur eignet sich durchaus dazu, Entwicklungen in der Wirtschaft anzu­stoßen.“[2] Seine These geht dabei so weit, dass erfundene Romane die zukünftige Wirt­schaft beeinflussen,ja sogar die Zukunft darstellen können und führt signifikante Beispiele an, wie zum Beispiel „Der Weg zum Überfluss“ von dem Autorenduo Waddill Catchings und William Trufant Foster, der bereits acht Jahre vor John Maynard Keynes die „General Theory“ begründete. Wolfgang Kroeske unterstellt Franziska zu Reventlow auf einer Ta­gung, dass „auf dem [Gebiet der Ökonomie] Franziska Bedeutendes gefunden hat, ohne es zu wissen. Aber wenn einst die Namen gerühmt werden, die an der Befreiung der Menschheit vom Fluch des Geldes mitgewirkt haben, dann wird sie als eine der Ersten genannt werden müssen.“[3]

Die Autorin hat die Vorstellung begründet, das Geld als eine eigenständige Persönlichkeit zu betrachten, die von modernen amerikanischen Ökonomen übernommen wurde.[4]

Sowohl die Liebe als auch die Ökonomie sind also leitende Motive in der Literatur, wobei der Liebe eine weitaus größere Rolle zukommt. Anders als die Ökonomie, die sich nach dem 2. Weltkrieg für längere Zeit gänzlich aus der Literatur zurückzog, und teilweise als Modeerscheinung in der Literatur anmutet, hat die Liebe als komplexer Zustand Handlun­gen schon immer besser erklären können, während Geld oft als Accessoire diente.[5] Aus literarischer Sicht steht Liebe also eher für Daseinsberechtigung als Geld. Warum also ge­steht Franziska zu Reventlow dem Geld eine so große Bedeutung zu? Welchen Stellenwert räumt sie der Ökonomie in ihren Werken ein?

2. Geld als Liebesersatz in den Werken Franziska zu Reventlows

„Frauen haben ein ambivalentes Verhältnis zum Geld. Es scheint, als handele es sich um eine „Hassliebe“: „Lust und Frust“ mit Geld, Distanz und Nähe zum Geld sind Reaktions- und Gefühlsformen, mit denen Frauen bei ihrem alltäglichen Umgang mit Geld fertig werden müssen.“[6]

Geld scheint nicht nur eine Grundlage für Daseinsberechtigung darzustellen, sondern die Art und Weise wie die Schriftstellerin die Ökonomie darstellt, lässt vermuten, dass sie Lie­be durch Geld ersetzt. Während dem Geld in ihrem Briefroman Der Geldkomplex die zent­rale Rolle gewidmet wird, ja sogar der Hauptteil des Buches sich lediglich um das Verhält­nis zwischen dem Geld und der Ich-Erzählerin dreht, und das Geld nicht nur die Funktion als direktes Zahlungsmittel übernimmt, sondern auch als Objekt der Begierde gesehen wird,[7] tritt bei Von Paul zu Pedro als eigentliches Thema die Liebe auf. Allerdings ge­schieht die Durchleuchtung der Liebe nicht ohne ökonomischen Einfluss. Es stellt sich die Frage, ob Franziska zu Reventlow die Liebe gar durch Geld substituiert.

2.1. Die Rolle des Geldes im Geldkomplex

„Alle schönen Eigenschaften des Herzens, alles Eingehen auf andere geht dabei zum Hen­ker.“[8]

Kein anderer Roman als Der Geldkomplex, den Franziska zu Reventlow ihren Gläubigern widmet, eignet sich besser um eine Antwort zu finden. In dem Werk wird die Ich­Erzählerin in ein Sanatorium eingeliefert, um von ihrem vermeintlichen Geldkomplex ge­heilt zu werden und auf ein ausstehendes Erbe zu warten. Das Sanatorium, eine Welt in der Nussschale[9], dient allerdings weniger der Heilung des Komplexes, als vielmehr der Flucht vor ihren Gläubigern mit dem wunderbaren Nebeneffekt, sich den ganzen Tag Gedanken über das Geld machen zu können, während man auf die rettende Erbschaft wartet.

2.1.1. Geldkomplex als Liebeskummerersatz

Dieses Warten, also der Verlauf ihres Geldkomplexes, durchläuft verschiedene Stadien, die sich mit Liebeskummer vergleichen lassen. Nachdem die Ich-Erzählerin zunächst vom Geld verlassen wurde, wird ihr ein Komplex, nämlich „nicht ausgelebte Gefühle, Triebe und dergleichen, die sich, [...] im Unterbewußtsein zusammenballen und einem seelische Beschwerden verursachen“[10] diagnostiziert. Sie selbst gibt zu, an nichts anderes mehr zu denken als an Geld,ja sogar alles durch Geld zu ersetzen.

„Und wieder fingen meine Gedanken an, unaufhaltsam um den einen Punkt zu wirbeln ... Ja, es wird wohl Frühling sein, aber was geht mich das an? Es gibt keine Jahreszeiten, kei­nen Sonnenschein und keine Blüten - es gibt keinen Lerchengesang und keine Frösche - es gibt nur Geld. Das alles tut, als ob es glücklich wäre, und doch gibt es kein Glück und kei­ne Tragik, denn mit Geld läßt sich jede Tragik aushalten, und ohne Geld geht auch das Glück zum Teufel, oder man kann nichts damit anfangen. So strich ich alles durch und setzte dafür Geld. Das hatte tatsächlich etwas Erlösendes, bis mir dann wieder aufs Herz fiel, daß es in meinem Fall ja eben keines gab, und nun fing alles wieder von vorne an.“[11]

Die romantischen Motive wie Lerchengesang, Sonnenschein im Frühling oder die Blüten interessieren sie nicht einmal, da sich in ihrem Kopf alles um „blind[es] und inbrünstig[es] [.] [R]echnen“[12] und Geld dreht. Wie sie selbst gesteht, substituiert sie alles mit Geld, und damit auch die Liebe. So gesehen, mutet ihre ironische Leidensgeschichte, der eigent­lich Existenzängste zugrunde liegen, an wie Liebeskummer, bei dem die betroffene Person auch dazu neigt ihre Gedankenwelt lediglich um die geliebte Person kreisen zu lassen. In ihrem Fall wurde sie nur nicht von einem gleichwertigen Partner verlassen, sondern vom Geld, und dieserVerlust und die Diagnose des „Freudianers Dr. Baumann“ lassen sie den Entschluss fassen, sich in das Sanatorium zu begeben. Dort beginnt die zweite Phase ihres Geldkomplexes, der eigentlich der Heilung dienen sollte. Allerdings wird der Komplex hier viel mehr verstärkt, dadurch dass sie sich zum einen ununterbrochen mit Geld ausein­andersetzt und zum anderen meint, bei ihren Mitpatienten „alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu heilen.“[13] Sie selbst erkennt, dass sie ihr „Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen [war], nur den wirt­schaftlichen nicht. Weder glückliche noch unglückliche Liebe, oder Ehe noch Ehebruch, sondern ausschließlich Gläubiger, Hausherren und Lieferanten haben es dahin gebracht, [sie] psychisch zu zerrütten.“[14]

Hier ist deutlich die Substitution von Liebeskummer durch den Geldkomplex erkennbar. Während ihr Liebeskummer noch nie etwas anhaben konnte, bringt sie die Sorge um ihr Geld, die Angst vor den Gläubigem und das Warten auf die Erbschaft ins Sanatorium. Als letzteres mit dem Tod des Schwiegervaters näher zu rücken scheint, merkt sie an, dass „nur allmählich wieder ein Gefühl von Daseinsberechtigung über [sie kommt], das sie mitt­lerweile ganz verloren hatte. [...] es sind nur zwei Dinge, die einem dies Gefühl geben ... Geld und Liebe. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist wohl das Leben einmal ganz richtig? Und fehlt eines von den beiden, so kann man sich immer­hin mit dem anderen trösten. Fehlen aber beide, [.] alles in allem ist es doch ein etwas trüber Aufenthalt. Mit Geld könnte ich fortgehen, aber es ist keines da; mit Liebe könnte ich hierbleiben, aber es fehlt jedes geeignete Objekt.“[15]

Es wirkt zunächst, als räume sie an dieser Stelle der Liebe und dem Geld den gleichen Stellenwert ein, der ihr ein „Gefühl von Daseinsberechtigung“ gibt. Bedenkt man aber, dass sie sich in ihren gesamten Briefen ansonsten nur von ihren Gedanken an Geld lenken lässt, und die Tatsache, dass „wenn [sie] morgens aufwach[t] und [sich] noch nicht genügend beherrsch[t], mit scheuer Verliebtheit an dies ferne Geld [denkt], das, so Gott will, über kurz oder lang zu [ihr] in Beziehung treten wird“[16], so kommt der Verdacht auf, dass die Liebe, sich hier vielmehr als ihre Liebe zum Geld definiert. So gesehen substituiert sie hier erneut die Liebe durch Geld und damit lässt sich ihr Geldkomplex wieder mit Liebeskummer vergleichen. Dieser Kummer erreicht seine Hochphase in den Kapiteln 19 bis 23.War sie davor noch bemüht, sich ihres Komplexes zu entledigen, so sind mit dem Ankommen der Erbschaft alle Gedanken an Heilung ver­drängt und es „dreht sich alles, was [sie] empfinde[t], doch wieder ausschließlich um Geld, wenn auch diesmal in positivem Sinn, aber es dreht sich. [..] >Es< ist immer noch zu persönlich, es er­füllt [sie] noch zu sehr, [sie] muß immerfort daran denken. Zum erstenmal in [ihrem] Le­ben [hat sie] eine Nacht nicht schlafen können, weil es wirklich da war.“[17]

Schlaflose Nächte, alle Empfindungen auf Geld gerichtet und den Drang immerfort daran denken zu müssen, sind Symptome des klassischen Liebeskummers. Eine vermeintliche Heilung findet schließlich erst statt, als sie mit der Insolvenz der Bank selbst zur Gläubige­rin wird und „das [.] dem Geld gegenüber einen ganz anderen Gesichtspunkt [gibt]. Wer weiß, ob es mich nicht doch noch respektieren lernt, wie es eben nur Gläubiger respektiert, und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt, wie es sich verabschiedet hat.“[18]

Die Heilung vom Komplex, wenn man die Ich-Erzählerin als geheilt betrachten will, be­ruht also auf dem neuen Verhältnis zwischen ihr und dem Geld, dasjetzt in ihren Augen aufRespekt des Geldes ihr gegenüber beruhen könnte.

[...]


[1] Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex. Herrn Dames Aufzeichnungen. Von Paul zu Pedro. Drei Romane München, 1958, Seite 27

[2] Stefan Frank: Vortrag auf der Tagung: Im Nirwana der Hyperrealität? Geldwirtschaft zwischen "Realökonomie" und Fiktionalität. März 2010

[3] Wolfgang Kroeske: Franziska Gräfin zu Reventlow oder: Das Geld kommt nur zu dem, der es mehr liebt als alles andere. Ein sehr persönlicher Lesebericht. Vortrag auf der Tagung der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Malente, Mai 1995, Seite 102

[4] Ebd. Seite 102

[5] Vgl.: Felicitas von Lovenberg: Wir müssen über Geld reden. In: Frankfurter Allgemeine am 29.11.2008

[6] Marlene Kück: Vorwort. In: Der unwiderstehliche Charme des Geldes. Vom Umgang mit Geld aus der Sicht von Frauen., S. 7.

[7] Vgl.: Simon Wendring: „Bild ohne Rahmen“. Geld und Geschlecht im Werk Franziska zu Reventlows. 2005, Seite 18

[8] Reventlow: Der Geldkomplex. Herrn Dames Aufzeichnungen. Von Paul zu Pedro. Seite 23

[9] Vgl.: Wolfgang Kroeske: Franziska zu Reventlow. Seite 90

[10] Reventlow: Der Geldkomplex. Herrn Dames Aufzeichnungen. Von Paul zu Pedro. Seite 7

[11] Ebd. Seite 11

[12] Ebd. Seite 10

[13] Ebd. Seite 17

[14] Ebd. Seite 13

[15] Ebd.: Seite 27

[16] Ebd.: Seite 29

[17] Ebd.: Seite 82

[18] Ebd.: Seite 33

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Geld als Liebesersatz in Franziska zu Reventlows Werken "Der Geldkomplex" und "Von Paul zu Pedro"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V209772
ISBN (eBook)
9783656375296
ISBN (Buch)
9783656375739
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
franziska, reventlow, geld, liebesersatz, literatur, beispiel, reventlows, werken, geldkomplex, paul, pedro
Arbeit zitieren
Miriam Gaßner (Autor), 2011, Geld als Liebesersatz in Franziska zu Reventlows Werken "Der Geldkomplex" und "Von Paul zu Pedro", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209772

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