Während der Zeit der Ersten Republik führten die Wiener Sozialdemokraten ein hochmodernes Fürsorge- und Gesundheitssystem ein. Das „Rote Wien“ besann sich auf drei Eckpfeiler zur Bekämpfung der Tuberkulose: dem Ausbau des Fürsorge¬netzwerks, der Errichtung von Sanatorien für Lungenkranke, sowie dem kommunalen Wohnbauprogramm.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im ersten Abschnitt mit Tuberkulose, der sogenannten „Wiener Krankheit“. Die große Krise nach dem Ersten Weltkrieg und die sozialen Faktoren, welche das Auftreten neuer Tuberkuloseerkrankungen be-günstigten, werden aufgezeigt. In Erster Linie werden die schlechten Wohnbedin-gungen der Arbeiterklasse in Wien vor der Ersten Republik ausgearbeitet. Die Wohnverhältnisse setzen sich mit der Verbreitung der Krankheit in den ärmeren Klassen, bedingt durch die Wohnungsknappheit, dem schlechtem Zustand der damaligen Behausungen und deren Überbelegungen durch Bettgeherinnen und Schlafburschen, auseinander. Ebenso wird die Entwicklung der Tuberkulosemortalität in Wien in der Zeit zwischen 1870 und 1910 aufgezeigt und analysiert.
Den zweiten Teil bildet das Sozialdemokratische Wien, in der Zeit der Ersten Republik. Die Voraussetzungen unter denen die kommunalen Wohnbauprogramme unter dem „Roten Wien“ gestartet werden konnten, werden ebenso erläutert, wie die Wohnraumschaffung selbst. Die Entwicklung der Tuberkulosemortalität in Wien von 1919 bis 1934 wird daraufhin ausgewertet und kritisch hinterfragt.
Den Abschluss bildet ein Resümee, welches die Frage beantworten soll, inwiefern die Parole des „Roten Wiens“ „Gesundes Wohnen = gesunder Mensch“ gehalten werden konnte. Haben sich die Wohnungsnot, die Wohnverhältnisse, die Hygiene und in diesem Zusammenhang auch die Tuberkuloseerkrankungen während der Ersten Republik in Wien durch die Arbeit der Sozialdemokraten verbessert?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Wiener Krankheit“
2.1. Die große Krise nach dem Ersten Weltkrieg
2.2. Das Wohnelend der unteren Schichten in Wien bis 1919
2.3. Die Entwicklung der Tuberkulosemortalität in Wien von 1870-1919
3. Die Wohnbaupolitik des sozialdemokratischen Wiens von 1919-1934
3.1. Die Voraussetzungen für den kommunalen Wohnbau
3.2. Das Wohnbauprogramm des Roten Wien bis 1934
3.3. Die Entwicklung der Tuberkulosemortalität in Wien von 1919-1934
4. Resümee Gesundes Wohnen = gesunder Mensch?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Wohnsituation in Wien und der Verbreitung der Tuberkulose („Wiener Krankheit“). Dabei wird analysiert, inwieweit die radikalen wohnbaupolitischen Maßnahmen des „Roten Wien“ in der Ersten Republik dazu beitrugen, die Lebensqualität der Arbeiterschicht zu verbessern und die Tuberkulosemortalität effektiv zu senken.
- Soziale Ursachen der Tuberkulose im historischen Kontext.
- Analyse der prekären Wohnverhältnisse vor 1919 (Bassenahäuser).
- Die Auswirkungen der kommunalen Wohnbauoffensive des Roten Wien.
- Statistische Auswertung der Tuberkulose-Mortalitätsraten.
- Kritische Reflexion der Parole „Gesundes Wohnen = gesunder Mensch“.
Auszug aus dem Buch
2.2.Das Wohnelend der unteren Schichten in Wien bis 1919
Wien war für sein Wohnelend in ganz Europa berühmt und berüchtigt, denn nirgendwo sonst lebten die Einwohner einer Stadt so teuer und so schlecht wie in Wien. Die elenden Wohnverhältnisse der Wiener Arbeiterschicht stammen vor allem aus der liberal-kapitalistischen Phase der Gründerzeit und deren Bauspekulationen. Der Bau und die Erhaltung von Wohnungen, waren rein auf privatkapitalistisches Interesse ausgerichtet. Es war nur wichtig, kurzfristig einen höchstmöglichen Profit zu erzielen, wodurch der Wohnwert und die Qualität des Wohnens äußerst niedrig waren.
Die allgemeingültige Wohnform der Arbeiterschicht in Wien war das sogenannte „Bassenahaus“ (siehe Abb. 1 im Anhang). Namensgebend für diese Form des Wohnens, war die Bassena, ein öffentlicher Wasseranschluss, der sich am Gang eines jeden Stockwerks befand. Die Mieter versorgten sich an der Bassena mit Frischwasser, da sich in den Wohnungen selbst kein Wasseranschluss befand.
Der Grundriss des „Bassenahauses“ war ein mehrstöckiges Gebäude. Es besaß meist nur ein Stiegenhaus, von dem aus man durch einen schmalen Gang alle Wohnungen betreten konnte. Die Wohnungen des „Bassenahauses“ waren meist Kleinwohnungen mit einem Zimmer, einem Kabinett – was einem halben Raum entsprach – und einer Küche. Die Küchen besaßen nur ein Fenster das in den Gang oder in einen kleinen Lichthof mündete, was eine direkte Belüftung ausschloss. Weiters waren viele Zimmer fensterlos oder sie mündeten ebenfalls nur in einen kleinen Lichtschacht.
Die sogenannten „Lichthöfe“ waren meist nur 12m² groß, wodurch in die unteren Stockwerke so gut wie kein direktes Sonnenlicht einfallen konnte. Zudem wurden oft Essensabfälle in die Lichtschächte geworfen, was zu üblem Gestank und zu einer potentiellen Brutstätte für Seuchen wurde. Die Belüftungs- und Belichtungsverhältnisse waren deshalb so spärlich, da die Bauherren den Grund und Boden höchstmöglich nutzen wollten. Der Verbauungsgrad der Arbeiterwohnhäuser betrug meist 70%, aber auch 80% und noch höhere Verbauungen waren keine Seltenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Problematik der Tuberkulose als „Krankheit der Armen“ ein und umreißt die Strategie des „Roten Wien“ zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage durch Wohnbau.
2. Die „Wiener Krankheit“: Dieses Kapitel beschreibt die sozioökonomischen Bedingungen der Krise nach dem Ersten Weltkrieg und analysiert die katastrophalen Wohnverhältnisse, die als Nährboden für die Tuberkulose dienten.
3. Die Wohnbaupolitik des sozialdemokratischen Wiens von 1919-1934: Hier werden die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen erläutert, die den Bau der neuen Gemeindebauten ermöglichten und deren Auswirkungen auf die Wohnqualität sowie die Tuberkulosestatistiken dokumentiert.
4. Resümee Gesundes Wohnen = gesunder Mensch?: Das Resümee zieht ein Fazit über den Erfolg der sozialdemokratischen Wohnbaupolitik und diskutiert, ob und wie die gesundheitlichen Ziele durch die geschaffenen Wohnverhältnisse erreicht werden konnten.
Schlüsselwörter
Rotes Wien, Tuberkulose, Wohnbaupolitik, Sozialgeschichte, Bassenahaus, Erste Republik, Wohnungsnot, Gesundheitspolitik, Gemeindebauten, Wohnelend, Sterblichkeitsrate, soziale Hygiene, Licht Luft und Sonne, Karl-Marx-Hof.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den historischen Zusammenhang zwischen den sozialen Wohnverhältnissen in Wien und der Verbreitung der Tuberkulose im Zeitraum von 1870 bis 1934.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Wohnraumknappheit, der Entwicklung der Tuberkulose-Mortalität und den politischen Maßnahmen der Sozialdemokratie im sogenannten „Roten Wien“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Evaluation der sozialdemokratischen Reformpolitik, insbesondere die Frage, ob die Parole „Gesundes Wohnen = gesunder Mensch“ durch die Errichtung neuer Wohnanlagen tatsächlich eingelöst werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer sozialgeschichtlichen Analyse, welche zeitgenössische Statistiken, wohnbaupolitische Dokumente und medizinische Daten zur Tuberkuloseentwicklung auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der schlechten Wohnbedingungen vor 1919 und die anschließende Beschreibung und Analyse der Wohnbauprogramme nach dem Ersten Weltkrieg sowie deren gesundheitliche Auswirkungen.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Rotes Wien“, „Tuberkulose“, „Bassenahaus“, „Superblocks“ und die „soziale Krankheit“.
Was unterscheidet das „Bassenahaus“ von den neuen Gemeindebauten?
Das „Bassenahaus“ war durch fehlende eigene Sanitäranlagen, schlechte Belüftung und extreme Überbelegung gekennzeichnet, während die neuen Gemeindebauten nach dem Prinzip „Licht, Luft und Sonne“ mit moderneren Standards wie eigenem Wasseranschluss und Vorzimmern errichtet wurden.
Inwiefern beeinflusste die Weltwirtschaftslage die Tuberkulosesterblichkeit?
Die Arbeit zeigt auf, dass in Krisenzeiten, wie etwa während des Ersten Weltkriegs, die Mortalität aufgrund von Unterernährung und Verschlechterung der Lebensumstände sprunghaft anstieg, während sie in der anschließenden Aufbauphase durch die soziale Politik deutlich sank.
- Citation du texte
- Marina Ehrngruber (Auteur), 2012, Der Kampf der Wiener Sozialdemokraten gegen Tuberkulosemorbidität und -mortalität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209880