Seit Jahrtausenden gehört das Erzählen zur menschlichen Kultur. Diese Form der Kommunikation hat sich mittlerweile so fest in unsere Lebenswelt eingebrannt, dass die zahlreichen erzählerischen Aspekte im Alltag und die große Reichweite von Erzähltechniken lange Zeit übersehen worden sind. Aktuell vollzieht sich jedoch in den Kulturwissenschaften ein 'narrative turn'. Der narratologische Paradigmenwechsel zeichnet sich besonders durch die Betonung einer erzählerischen Intermedialität aus. Die bedeutendste mediale Darstellungsform des 21. Jahrhunderts ist zweifelsohne der Film.
In diesem Essay wird das Filmmedium unter dem Aspekt einer audiovisuellen Erzählung betrachtet. Hierbei werden die narratologischen Konzepte, die ehemals für Erzähltexte gedacht waren, ihrem neuen Gegenstand zugeordnet, um filmische Erzählstrukturen transparent zu machen. Inwiefern konstituiert sich ein Film als Erzählung? Wer erzählt wem im Film etwas, wie und was erzählt der Film?
Inhaltsverzeichnis
Kinematografischer Erzähler? – Narrative Strukuren im Medium des Films
Zielsetzung & Themen
Ziel dieses Essays ist die Untersuchung audiovisueller narrativer Strukturen, wobei klassische narratologische Konzepte auf das Medium Film übertragen werden, um zu klären, wie sich ein Film als Erzählung konstituiert und wer in diesem Kontext als Erzähler fungiert.
- Übertragung literaturwissenschaftlicher Erzähltheorie auf audiovisuelle Medien
- Analyse der narrativen Potenziale und Besonderheiten des Films
- Untersuchung der zeitlichen Gestaltung und der Plurimedialität im Film
- Kritische Reflexion der Rolle der Erzählinstanz bei impliziten filmischen Erzählformen
Auszug aus dem Buch
Der narratologische Paradigmenwechsel
Der narratologische Paradigmenwechsel, der sich momentan in den Kulturwissenschaften etabliert, zeichnet sich durch die Betonung einer erzählerischen Intermedialität aus. „Die Funktion der Ereignisrepräsentation ist im Prinzip nicht vom Medium abhängig, sondern von der Form, in der etwas repräsentiert wird.“ So kann eine Geschichte auf vielfältige Art und Weise „erzählt“ werden. Denken wir zum Beispiel an DOSTOJEWSKIs Roman „Der Idiot“. Diesen gibt es als lesbares Buch und auch als hörbare Audio-CD beim Audio-Verlag (2011) zu kaufen. Man kann die Story aber ebenfalls als Theaterstück (Schauspiel Köln 2012, KARIN HENKEL), als DVD (ROLF VON SYDOW 1968 [2010]) und bald auch als Oper (Nationaltheater Mannheim 2013, MIECZYSLAW WEINBERG) audiovisuell erleben.
Die bedeutendste mediale Darstellungsform des 21. Jahrhunderts ist zweifelsohne der Film. Ob im klassichen Kinosaal, im HD-TV-Flatscreen zu Hause, auf youtube im Internet oder auf dem iPhone – audiovisuelle Repräsentationen gehören ganz fest zu unserem Alltag. Monomediale Medien, wie Bücher, verlieren dagegen zunehmend ihre einstige Bedeutung. Die pessimistische These vom „Ende der […] Erzählungen“ in der Postmoderne lässt sich auch umkehren, nämlich in die Richtung, „daß uns das neue Kino, weit davon entfernt, die Erzählung zu verlassen, verschiedene verzweigtere, komplexere Erzählungen beschert hat.“ Damit kann man das audiovisuelle Medium ‚Film‘ auf der einen Seite als die gegenwärtig einflussreichste Erzählform charakterisieren, auf der anderen Seite aber auch als die bisher am wenigsten als Erzählung untersuchte Darstellungsart. Dabei hat die filmische Narration viele Gemeinsamkeiten mit der literalen (!) und theatralen Erzählung; aber sie hat auch einige medienspezifische Besonderheiten, die beim Rezipienten andere („neue“) interessante Reaktionen auszulösen vermag.
Zusammenfassung der Kapitel
Kinematografischer Erzähler? – Narrative Strukuren im Medium des Films: Die Arbeit führt in die narratologische Disziplin ein und untersucht das Potenzial des Films als narratives Medium unter Berücksichtigung der "vier großen narratologischen Fragen".
Schlüsselwörter
Narratologie, Filmtheorie, audiovisuelle Narration, Erzählstrukturen, Intermedialität, Diegesis, Filmanalyse, narrative Instanz, Point of view, Zeitgestaltung, Plurimedialität, story world, Medienwissenschaft, Erzählform, Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den narrativen Strukturen im Medium des Films und untersucht, inwieweit filmische Erzählungen mit klassischen narratologischen Konzepten analysiert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Erzähltheorie, die Besonderheiten audiovisueller Medien, der "narrative turn" sowie die Untersuchung der Erzählinstanz im Film.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die "vier großen narratologischen Fragen" (Wer erzählt wem etwas, wie und was wird erzählt?) auf den Film anzuwenden und zu klären, wie sich ein Film als Erzählung konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen essayistischen Ansatz, der narratologische Konzepte aus der Literaturwissenschaft auf den Film überträgt und durch Beispiele aus der Film- und Medienpraxis illustriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert film- und medienspezifische Besonderheiten wie auditive Gestaltung, Zeitlichkeit (z.B. Zeitraffung, Ellipsen), Plurimedialität und das Phänomen des "stummen" Film-Erzählers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Narratologie, Filmanalyse, audiovisuelle Narration, Erzählstrukturen sowie die Begriffe story und Diegesis.
Was unterscheidet eine Erzählung von reinen Daten?
Nach der Arbeit zeichnet sich eine Erzählung dadurch aus, dass sie Daten zeitlich verknüpft und inhaltlich so anordnet, dass eine nacherzählbare und interpretierbare Geschichte entsteht.
Wie definiert die Arbeit das Verhältnis von Autor und Film?
In Anlehnung an Roland Barthes wird die scharfe Differenz zwischen dem realen Urheber und der Erzählinstanz betont; im Film wird der Narrator als "stummer Erzähler" verstanden, dessen Darstellung primär auf "showing" basiert.
- Citar trabajo
- Sebastian Wendt (Autor), 2013, Narrative Strukturen im Medium des Films, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209965