Clemens Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl" - Eine Analyse und Interpretation zu den Kategorien Zeit, Erzähltechnik und Autorschaft


Seminararbeit, 2002

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Analyse und Interpretation
2.1 Zeit als Oberkategorie dieser Erzähltextanalyse - Thesen
2.1.1 Die narrativen Ebenen und das Problem der Autorschaft
2.1.2 Zeitstruktur, das subjektive Zeitempfinden der Figuren und die Verbundenheit der Handlungsstränge durch Symbole und Raum

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Interpretation von Clemens Brentanos „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“ setzt sich zum Ziel, gemäß der Definition von „Geschichte“[1] sowohl die Begebenheiten als auch die Art des Erzählens durch die narrative Instanz zu untersuchen. Hierbei soll dem Aspekt der Zeit besondere Aufmerksamkeit zukommen, denn dieser wird sich als Bindeglied verschiedener Handlungsstränge und für die Erzählweise prägend erweisen. Die erzähltechnischen Begriffe entstammen der Terminologie Gérard Genettes.

2. Analyse und Interpretation

2.1 Zeit als Oberkategorie dieser Erzähltextanalyse - Thesen

Die Geschichte bedient sich unterschiedlicher Zeitebenen, die von der Jugend Kaspers und Annerls bis in die Gegenwart des Ich-Erzählers hineinreichen. Da diese eng mit den narrativen Ebenen und daher mit den zugehörigen Erzählern verknüpft sind, wird Zeit zu etwas subjektiv Wahrgenommenem: Mal wird sie nicht beachtet (Ruhe der Alten beim Erzählen), mal könnte ihr keine größere Bedeutung zukommen (Versuch der Rettung Annerls durch den Ich-Erzähler) und gegen Ende zu wird sie sogar aufgehoben, indem sie im Monument erstarrt. Über dieses subjektive Zeitempfinden der Figuren spannt sich ein Netz von Symbolen und Dingsymbolen, welche die Erzählstränge verknüpfen, deren Beitrag zur Auflösung der Problematik dieser Erzählung und des Erzählens an sich jedoch zweifelhaft bleibt. Im Folgenden soll nun überprüft werden, inwieweit sich diese Thesen bewahrheiten.

2.1.1 Die narrativen Ebenen und das Problem der Autorschaft

Der Beginn der Geschichte wird von einem Ich-Erzähler eingeleitet, der auf der extradiegetischen Ebene neutral von seiner Begegnung mit einer alten Frau erzählt (erzählendes Ich). Diese agiert, zusammen mit den sie umlagernden Wirthausgängern und dem hier homodiegetischen Ich, auf der intradiegetischen Ebene (agierendes Ich). Annerl und Kasper und deren Begleitfiguren sind Vertreter der metadiegetsichen Ebene, denn der Erzähler zitiert ihre Geschichte, indem er die Alte zitiert bzw. ihr zuhört, wobei er in der Kasper- und Annerlgeschichte der Vergangenheit keinen Platz einnimmt, also heterodiegetisch ist (zuhörendes Ich). Geht man nun aber von einer Konkurrenz der Autorschaft aus, d.h. sieht man den Ich-Erzähler und die Alte als ranggleiche Erzählinstanzen, so ergibt sich eine zweite Einteilung der narrativen Ebenen. In ihrer extradiegetischen Ebene fungiert die Alte als eigenständiger Erzähler (äußerlich Ich-Form, aber bisweilen stark auf Kasper fokussiert, also personal), welche, homodiegetisch, die intradiegetische Ebene mit der Kasper- und Annerlhandlung eröffnet. Dies bedeutet also, dass die metadiegetische Ebene des Ich-Erzählers der intradiegetischen Ebene der Alten als Erzähler entspricht. Die Ebenen fließen oftmals ineinander, so etwa die Rahmenhandlung in die Binnenhandlung (der Schreiber bittet den Herzog um ein ehrliches Grab) oder die Binnenhandlung in die Rahmenhandlung (Errichtung des Monuments). Die Funktion dieser Überlagerungen und Verschmelzungen hängt eng zusammen mit der Frage nach der Legitimation des Schreibens. Zwei Erzähler stehen einer Geschichte gegenüber, die verantwortlich erzählt werden und einen Erzählzweck erkennen lassen muss (Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten beispielsweise). Das Ich ist die Schrift, die Alte die Stimme. Das wissende Ich scheint den zeitlichen Geschehensmomenten eine Ordnung, eine Geschichte zu geben, indem er sie drei Konzepten unterordnet. Im Denkmal könnte ein Konzept erkennbar sein, das den Menschen, seine Kunst zum Ordnungsprinzip der Welt macht. Dem gegenüber steht jedoch das Konzept Natur(-wissenschaft), das in der innerhalb der Kunstkammer aufbewahrten Schürze gesehen werden könnte. Was einen praktischen Zweck erfüllt, befindet sich an diesem Ort. Schließlich wäre auch Disziplin als Konzept denkbar, denn das Denkmal wird im Rahmen einer militärischen Parade eingeweiht. Nun entscheidet sich der Ich-Erzähler jedoch für keines der drei Konzepte, vielmehr existieren sie hilflos nebeneinander her, ohne dass eines die überhand gewänne. Zwar scheint es anfangs noch die Möglichkeit eines vierten Konzepts zu geben, die menschliche Gefangenschaft im Sündenfall und Ausrichtung auf das Jüngste Gericht, was die zahlreichen gesprochenen und gesungenen Äußerungen der Alten sowie das Sündig-Werden Annerls durch Ehebruch, Kaspers durch einen überzogenen Ehrbegriff, Jäger Jürges durch Mord und weitere Beispiele im Text belegen können. Doch letztendlich wird auch hier nicht in aller Deutlichkeit gesagt, welche Art von Ehre falsch ist und welche gut oder mit welchem Verhalten ein Bestehen vor dem Jüngsten Gericht möglich ist. Symbole wie die Ehre, die in verschiedenen Zeitschichten und damit narrativen Ebenen vorkommen, können an den Handlungssträngen das Gemeinsame aufweisen, sie inhaltlich verbinden. So spannt z.B. das Dingsymbol Kranz einen Bogen von Kaspers Tod in der Vergangenheit bis zu einem der letzten Geschehensmomente der Gegenwart, dem Tod Annerls. Aber die Be-Deutung dieses Zusammenhangs, die Art von Konzept, dem er angehört, wird nicht erwähnt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Konzept der Kunst eventuell nicht zu rechtfertigen ist. So heißt es, alles Folgende der gesamten Erzählung prägend: „ [...] eine gewisse innere Scham hält uns [Dichter] zurück, ein Gefühl, welches jeden befällt, der mit freien und geistigen Gütern, mit unmittelbaren Geschenken des Himmels Handel treibt.“[2] Vielleicht ist Kunst generell nicht zu rechtfertigen, weil sie sich zu eigen macht, was einem Höheren gehört, weil sie das Einzelne aus der Einheit des Gleichen hebt und damit die Weltordnung zerstört. Und widersetzt sich nicht der Dichter in seinem geistigen Arbeiten dem Gebot, das Gott im Paradies aussprach: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.“[3] ? So entstehen die Fragen, ob überhaupt erzählt werden darf, außerdem ob überhaupt erzählt werden kann, wenn der Dichter selbst konzeptlos ist. Ohne Konzept bleiben nur lose Geschehensmomente zurück, ungeordnete Episoden der Zeit, aus denen keine Geschichte werden kann. Und letztendlich bleibt unklar, ob der Dichter, wüsste er ein Konzept, verantwortlich genug erzählen würde, denn Wissen verpflichtet zur Verantwortung. Zu erwägen ist also, ob der wissenden Schrift nicht die weniger endgültige Stimme vorzuziehen wäre, in diesem Fall also die gläubige Stimme der Alten. Nur wäre sie ohne Niederschrift nicht vernehmbar. Dieser Konflikt, der durch die Konkurrenz der Erzähler durch die Geschichte hinweg offensichtlich bleibt, stellt auf allen narrativen Ebenen die Möglichkeit des Erzählens in schriftlicher Form in Frage, was, wie später auch von Walter Benjamin erkannt, dazu führt, „daß es mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht.“[4] Der Verlust austauschbarer Erfahrungen, Konzepte, Verantwortung ist das Todesurteil der Erzählung.

[...]


[1] Gerhard Kluge: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl – Text, Materialien, Kommentar, S.52

[2] Gerhard Kluge: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl – Text, Materialien, Kommentar, S.15

[3] EKD: Die Bibel, S.6

[4] Walter Benjamin: Der Erzähler, S.385

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Clemens Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl" - Eine Analyse und Interpretation zu den Kategorien Zeit, Erzähltechnik und Autorschaft
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
PS I Einführung in die Analyse von Erzählprosa
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V21007
ISBN (eBook)
9783638247313
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clemens, Brentanos, Geschichte, Kasperl, Annerl, Eine, Analyse, Interpretation, Kategorien, Zeit, Erzähltechnik, Autorschaft, Einführung, Erzählprosa
Arbeit zitieren
Anne Thoma (Autor), 2002, Clemens Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl" - Eine Analyse und Interpretation zu den Kategorien Zeit, Erzähltechnik und Autorschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21007

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Clemens Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl" - Eine Analyse und Interpretation zu den Kategorien Zeit, Erzähltechnik und Autorschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden