Arbeiterkind.de ist eine Initiative, die Kinder und Studierende aus bildungsfernen Schichten auf ihrem Bildungsweg unterstützt.
Diese Arbeit untersucht Struktur, Funktionsweise, Mentoring-Konzept und Motive für das Engagement bei Arbeiterkind.de anhand der Methode der Einzelfallstudie. Aus den Ergebnissen wurden 21 Strukturmerkmale abgeleitet, diese waren Grundlage für die Entwicklung eines Modells.
Das Modell zeigt Arbeiterkind.de als eine Community mit zentraler Steuerung und teilstrukturiertem Angebot. Charakteristisch dafür sind die mitgliedergetriebene Aktivitäten, eine hohe Durchlässigkeit und die nur schwach ausgeprägte zentrale Steuerung. Von einer traditionellen Mentoring-Initiative unterscheidet sich Arbeiterkind.de vor allem durch das Fehlen eines strukturiertes Mentoring-Programms.
Weitere Strukturmerkmale sind die offene Gemeinschaft, dezentrale Organisation in Ortsgruppen, web-2.0-basierte Kommunikation und eine moderate zentrale Steuerung. Der Mentoren-Begriff ist sehr weit gefasst: Abeiterkind.de versteht darunter jede Art von Engagement in der Initiative. Neben 1:1-Mentoring-Beziehungen sind informelle Beratungs-Situationen die Regel. Die Angebote im Netzwerk richten sich jeweils an Mentees und Mentoren. Motive für das Engagement sind sinnstiftende Aktivität und ein Zugehörigkeitsgefühl. Letzteres führt bei einigen Mitgliedern zu einem selbstbewussteren Umgang mit der eigenen Herkunft.
Das Modell der Community ist geeignet, um junge Menschen über Bildungsmöglichkeiten zu informieren und sie zu unterstützen. Onlinebasierte Kommunikation, selbstbestimmtes Engagement und punktuell abrufbare Angebote greifen die Handlungs- und Kommunikationsformen der Zielgruppe auf. Arbeiterkind.de nutzt damit zukunftsweisende Methoden der Zusammenarbeit.
Die wachsende Mitgliederzahl sowie die Motive der Mentoren spiegeln nicht nur die empirisch belegte Ungerechtigkeit im Bildungssystem wider. Auch zeigt der große Zulauf, dass es bisher wenige vergleichbare Initiativen gibt. Die Geschichte von Arbeiterkind.de zeigt damit ein typisches Muster gesellschaftspolitischen Wandels: nämlich, dass häufig gemeinnützige Akteure Wegbereiter für eine breite öffentliche Diskussion sind.
Hochschulen stehen vor der Herausforderung, eine höhere Beteiligung an tertiärer Bildung zu leisten, um den wachsenden Markt für Akademiker zu bedienen. Bei der Entwicklung entsprechender Angebote kann eine Zusammenarbeit mit der Initiative Arbeiterkind.de sinnvoll sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Stand der Forschung und Ziel dieser Arbeit
2.1 Einordung des Themas
2.2 Stand der Forschung über das Netzwerk Arbeiterkind.de
2.3 Erkenntnisinteresse und Forschungsziel dieser Arbeit
3 Relevante gesellschaftstheoretische Konzepte – theoretische Grundlagen
3.1 Bildungschancen und soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems
3.1.1 Die Begriffe Arbeiterkind, Nicht-Akademikerkind und andere wichtige Begriffe
3.1.2 Selektivität des Bildungssystems
3.1.3 Ökonomische und gesellschaftspolitische Relevanz
3.1.4 Unterstützungsangebote beim Übergang zur Hochschule
3.2 Diversity Management und Widening Access
3.2.1 Definition
3.2.2 Entwicklung von Diversity Management an deutschen Hochschulen
3.3 Mentoring
3.3.1 Definition, Historie und Anwendungsbereiche
3.3.2 Mentoring-Initiativen an Hochschulen
3.3.3 Mentoring im Netzwerk
3.4 Webbasierte soziale Netzwerke
3.4.1 Definition, Nutzerverhalten und Einfluss auf unsere Lebenswelt
3.4.2 Nutzung durch Mentoring-Netzwerke
4 Methodik
4.1 Die Methode der Einzelfallstudie
4.2 Verwendete Methoden zur Materialsammlung
4.3 Eigene Involviertheit der Autorin: teilnehmende Beobachtung
4.4 Verwendete Methoden zur Materialanalyse
5 Ergebnisse – Darstellung der Initiative Arbeiterkind.de
5.1 Historie
5.1.1 Entstehungsgeschichte
5.1.2 Heutige Größe und Bedeutung
5.2 Äußere Struktur: Unternehmensform, Management und Organisation
5.2.1 Unternehmensform und Größe
5.2.2 Kooperationen, Unterstützer, Finanzierung
5.2.3 Aufgabenverteilung zwischen der Basis und dem Berliner Büro
5.3 Angebote
5.3.1 Information und Unterstützung
5.3.2 Qualifizierung
5.3.3 Austausch
5.3.4 Zwischenfazit Angebote
5.4 Klientel und Motive
5.4.1 Mitgliederstruktur
5.4.2 Motive
5.4.3 Besonderheiten
5.4.4 Zwischenfazit Klientel und Motive
5.5 Mentoring
5.5.1 Das Mentoring-Konzept
5.5.2 Zwischenfazit Mentoring
5.6 Innere Struktur: Funktionsweise
5.6.1 Einstieg, Größe der Initiative, aktive und passive Mitglieder
5.6.2 Die selbstorganisierte Community
5.6.3 Qualitätssicherung
5.6.4 Zwischenfazit Innere Struktur
5.7 Zusammenfassung der Erfolgsfaktoren und Hemmnisse
5.8 Öffentliche Wahrnehmung und politische Wirkung
6 Arbeiterkind.de: Versuch eines Modells
6.1 Fallrekonstruktion
6.2 Das Modell: Arbeiterkind.de als Community
7 Fallkontrastierung
7.1 Vergleich des Modells mit anderen Fällen
7.1.1 Studienkompass
7.1.2 Rock your life
7.1.3 MentorinnenNetzwerk Hessen
7.1.4 Ubuntu
7.2 Überprüfung des Arbeiterkind.de-Modells
8 Schlussfolgerungen
8.1 Schlussfolgerungen für die Initiative Arbeiterkind.de
8.2 Schlussfolgerungen für Mentoring- und Widening-Participation-Maßnahmen
8.3 Ausblick und weitere mögliche Forschungsansätze
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht Struktur, Funktionsweise und Mentoring-Konzept der Initiative "Arbeiterkind.de", um ein Modell zu entwickeln, das die Erfolgsfaktoren und Besonderheiten dieses Netzwerks im Kontext der "Widening Participation" transparent macht und als Diskussionsgrundlage für ähnliche Vorhaben dient.
- Strukturanalyse der gemeinnützigen Initiative "Arbeiterkind.de"
- Untersuchung von Mentoring-Ansätzen im Kontext sozialer Netzwerke
- Rekonstruktion der Fallstruktur anhand qualitativer Interviews und teilnehmender Beobachtung
- Vergleich der "Arbeiterkind.de"-Strukturen mit anderen Mentoring-Projekten (Fallkontrastierung)
- Diskussion gesellschaftstheoretischer Konzepte wie Diversity Management und soziale Durchlässigkeit
Auszug aus dem Buch
5.1.1 Entstehungsgeschichte
Katja Urbatsch stammt selbst aus einem Nicht-Akademikerhaushalt. Während ihres Studiums fühlte sie sich zunächst in einer fremden Welt, weder in der Hochschule noch in der Familie war sie richtig zu Hause. Dann fiel ihr auf, dass ihre Kommilitonen, deren Eltern Akademiker waren, ganz anders an das Studium herangingen und nicht diese Probleme hatten, sondern im Gegenteil umfangreiche ideelle, materielle und inhaltliche Unterstützung von ihren Eltern erhielten. So kam sie auf die Idee, denjenigen Studierenden, die diese Hilfe nicht hatten, zu helfen und plante ein Internetportal. Daraus entstand Arbeiterkind.de, heute eine der größten Organisationen zur Unterstützung von Schülern und Studierenden aus sogenannten bildungsfernen Schichten.
Unter den Stichpunkten „Vision“ und „Mission“ beschreibt die Organisation Arbeiterkind.de ihre Ziele und ihre Tätigkeiten wie folgt:
Vision: „Unsere Vision ist, dass Kinder unabhängig von ihrem Elternhaus über ihre Möglichkeiten informiert und im Schulsystem gleichbehandelt werden sowie nach einem hohen Bildungsabschluss streben und diesen ermutigt und unterstützt erreichen können.“
Mission: „Arbeiterkind.de ermutigt junge Menschen aus nicht-akademischen Familien zum Studium und unterstützt sie auf dem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss durch ein Netzwerk von ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren, die als Vorbilder wirken und praktische Hilfestellung geben.“ (Arbeiterkind.de, 2012, unveröffentlicht).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Relevanz des Themas "Widening Participation" in Deutschland und führt in die Entstehung sowie die Problemlage von Arbeiterkind.de ein.
2 Stand der Forschung und Ziel dieser Arbeit: Dieses Kapitel verortet das Thema in den Forschungsfeldern soziale Durchlässigkeit und Diversity Management und definiert das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse.
3 Relevante gesellschaftstheoretische Konzepte – theoretische Grundlagen: Hier werden theoretische Fundamente wie Bildungsgerechtigkeit, Mentoring und webbasierte soziale Netzwerke als Kontext für das Netzwerk Arbeiterkind.de dargelegt.
4 Methodik: Der Autor erläutert die Anwendung der Einzelfallstudie sowie die eingesetzten qualitativen Methoden zur Materialsammlung und -analyse.
5 Ergebnisse – Darstellung der Initiative Arbeiterkind.de: Dieses Kapitel präsentiert die empirischen Befunde zur Historie, Struktur, den Angeboten, der Klientel und der Funktionsweise der Initiative.
6 Arbeiterkind.de: Versuch eines Modells: Auf Basis der Analyseergebnisse wird hier ein theoretisches Modell erstellt, das Arbeiterkind.de als eine Community mit spezifischer Struktur beschreibt.
7 Fallkontrastierung: Das entwickelte Modell wird durch den Vergleich mit anderen Fällen wie dem Studienkompass oder Rock your life überprüft und stabilisiert.
8 Schlussfolgerungen: Die Arbeit schließt mit Empfehlungen für die weitere Entwicklung von Arbeiterkind.de sowie für allgemeine Maßnahmen zur Förderung von Mentoring und Widening Participation.
Schlüsselwörter
Arbeiterkind.de, Mentoring, Widening Participation, Bildungsaufstieg, Nicht-Akademikerkinder, Community, Soziales Netzwerk, Bildungsgerechtigkeit, Einzelfallstudie, Ehrenamt, Bildungsbiografie, Hochschulzugang, Selbstorganisation, Diversity Management, Erfolgsfaktoren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Struktur, Funktionsweise und das Mentoring-Konzept des Netzwerks Arbeiterkind.de, um zu verstehen, wie diese Initiative bildungsferne Jugendliche erfolgreich auf ihrem Weg an die Hochschule unterstützt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Bildungsgerechtigkeit ("Widening Participation"), Diversity Management, informelles Mentoring und die Organisationsform als moderne, webbasierte Community.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Hauptziel besteht darin, die Besonderheiten und Erfolgsfaktoren von Arbeiterkind.de durch eine Fallstudie zu identifizieren und ein Modell zu entwickeln, das als Grundlage für die künftige Gestaltung ähnlicher Mentoring-Maßnahmen dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der qualitativen Einzelfallstudie angewandt, ergänzt durch teilnehmende Beobachtung, qualitative Interviews und eine anschließende Fallkontrastierung mit anderen Initiativen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Fundierung, eine detaillierte Darstellung der Initiative (Historie, Angebote, Klientel), die Konstruktion eines Arbeiterkind.de-Modells und den systematischen Vergleich mit anderen Fällen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Arbeiterkind.de, Mentoring, Widening Participation, Community, Bildungsaufstieg und soziale Durchlässigkeit.
Wie unterscheidet sich Arbeiterkind.de laut der Autorin von anderen Netzwerken?
Das Netzwerk unterscheidet sich vor allem durch das Fehlen eines starren, strukturierten Mentoring-Programms, eine flache Hierarchie, eine hohe Eigenorganisation der Mitglieder und die Nutzung webbasierter Community-Strukturen.
Warum ist das Mentoring-Konzept bei Arbeiterkind.de laut der Studie als "unscharf" zu bezeichnen?
Der Begriff "Mentor" ist bei Arbeiterkind.de sehr weit gefasst und schließt jeden ein, der sich ehrenamtlich engagiert. Es gibt keine klare Trennung zwischen Mentoren und Mentees, was zwar Flexibilität ermöglicht, aber bei einigen Nutzern zu Verwirrung über die Rollenerwartungen führen kann.
- Arbeit zitieren
- Dipl.-Biol. Claudia Müller (Autor:in), 2012, Die Rolle von Mentoring/Mentoring-Netzwerken für die "Widening Participation" Forderung im Hochschulbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210078