Der Hort im Nibelungenlied war in der Mediävistik seit den 1950er Jahren immer wieder Gegenstand genauer Untersuchungen. Zuletzt hat Peter Göhler 1996 ausführlich die Funktion des Hortes im Nibelungenlied dargelegt. Weitere wichtige Arbeiten zum Hort und der sogenannten Hortfoderungsszene umfassen Hans Kuhns Kriemhilds Hort und Rache und Der Teufel im Nibelungenlied, Gerhard Eis Die Hortforderung und Werner Schröders Zum Problem der
Hortfrage im Nibelungenlied.
Im Mittelpunkt der Überlegungen dieser Mediävisten steht nicht der Hort an und für sich, sondern die Frage, ob und wie er die Handlung des Nibelungenliedes motiviert und welche Funktion er erfüllt, außerdem die Stoffgeschichte und die richtige Deutung der Hortforderungsszene.
In der vorliegenden Arbeit soll eine andere Perspektive eingenommen werden und der Hort im Zentrum stehen, wobei der Ausgangspunkt das Verständnis des Hortes als Gegenstand ist. Um den Hort nachvollziehbar als Gegenstand klassifizieren zu können, ist ein Blick in die Historische Ethnologie nötig, welcher hier unter zuhilfenahme des Buchs Die Macht der Dinge von Karl-Heinz Kohl vollzogen wird. Am Schluss soll eine möglichst eindeutige Antwort auf die Frage gegeben
werden, was der Hort ist, was sein Wesen ausmacht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist der Hort?
2.1 Der Hort – Ein Gegenstand?
2.2 Der Hort im Spiegel der Figuren des Nibelungenliedes
3. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wesen des Hortes im Nibelungenlied, indem sie den Schatz nicht nur als statisches Objekt, sondern unter Rückgriff auf die historische Ethnologie und Konzepte der Gegenständlichkeit neu bewertet, um seine funktionale Rolle für die handelnden Figuren und die Handlungsstruktur des Epos zu bestimmen.
- Analyse des Hortbegriffs auf Basis theoretischer Ansätze zur Gegenständlichkeit.
- Untersuchung der körperlichen Beschaffenheit und Darstellbarkeit des Schatzes im Text.
- Interpretation der Bedeutung des Hortes für die Charaktere Siegfried, Hagen und Kriemhild.
- Reflektion über die symbolische Aufladung und die diskursive Funktion des Hortes.
- Synthese der motivgeschichtlichen und handlungsmotivierenden Aspekte des Hortes.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Hort – Ein Gegenstand?
Laut Kohl ist Gegenstand ein relationaler Begriff, der eine Beziehung zwischen einer Person und einer Sache zum Ausdruck bringt. Ist der Gegenstand außerhalb der Person, ihr entgegengesetzt, also eigenständig und nicht Teil von ihr, so ist die Beziehung zwischen Ding und Person von einem Widerstand geprägt. „Der Gegenstand setzt sich der Person entgegen, die umgekehrt ihrerseits darauf abzuzielen scheint, sich seiner zu bemächtigen.“ Wenn man ein Ding als Gegenstand bezeichnet, so ist also implizit immer ein Verhältnis zwischen diesem Ding und einer bestimmten Person mit gedacht. Kohl definiert Gegenstand folgendermaßen:
[Das Wort Gegenstand,N.B.] bezeichnet […] materielle Dinge, und zwar vorrangig solche, die beständig, von einer begrenzten Größe, beweglich und dadurch in aller Regel auch handhabbar sind. Zum Kennzeichen des Gegenstands scheint zu gehören, daß man ihn ergreifen, daß man ihn mit sich tragen, daß man ihn für bestimmte Zwecke gebrauchen und daß man ihn weggeben kann.
Im Folgenden soll nun anhand dieser Kriterien geklärt werden, ob der Hort im Nibelungenlied als Gegenstand bezeichnet werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel skizziert den Forschungsstand zur Hortproblematik und definiert das Ziel der Arbeit, den Schatz mittels ethnologischer Theorien der Gegenständlichkeit neu zu interpretieren.
2. Was ist der Hort?: Das Hauptkapitel untersucht durch die Anwendung von Theorien zur Gegenständlichkeit sowie durch eine detaillierte Analyse der Interaktionen zwischen den Figuren und dem Hort dessen essenzielle Rolle und Beschaffenheit im Epos.
2.1 Der Hort – Ein Gegenstand?: Dieser Unterpunkt prüft anhand spezifischer Textstellen, ob der Hort als materielle, handhabbare Größe im Sinne der ethnologischen Begriffsdefinition fungieren kann.
2.2 Der Hort im Spiegel der Figuren des Nibelungenliedes: Hier wird analysiert, welche Bedeutung der Hort für die Akteure wie Siegfried, Hagen und Kriemhild einnimmt und wie deren unterschiedliches Verhältnis zu diesem Objekt die Handlung vorantreibt.
3. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass der Hort durch seine Unbestimmtheit und Wandelbarkeit sowohl seine physische Identität als auch seine symbolische Bedeutung als Instrument sozialer Konflikte in sich vereint.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Hort, Gegenständlichkeit, Siegfried, Hagen, Kriemhild, Macht, Stoffgeschichte, Hortforderung, symbolischer Wert, materielle Beschaffenheit, Epos, Rezeption, mittelalterliche Literatur, Beziehungsgeflecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wesen des Hortes im Nibelungenlied und hinterfragt dessen Rolle als Gegenstand sowie seine Bedeutung für die Handlungsdynamik zwischen den zentralen Figuren des Epos.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die theoretische Einordnung des Hortes als "Gegenstand", seine physische Repräsentation im Text und seine Funktion als machtpolitisches sowie symbolisches Objekt in den Konflikten der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Anwendung ethnologischer Theorien zur Gegenständlichkeit zu einer präzisen Bestimmung des Wesens des Hortes im Nibelungenlied zu gelangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, die durch methodische Ansätze aus der historischen Ethnologie, insbesondere unter Heranziehung von Karl-Heinz Kohls Definition des Gegenstandsbegriffs, ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Prüfung des Hortes als Gegenstand anhand von Textbelegen sowie eine eingehende Untersuchung, wie der Hort im Interaktionsgeflecht der Figuren (Siegfried, Hagen, Kriemhild) wahrgenommen und funktionalisiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Nibelungenlied, Hort, Gegenständlichkeit, Machtverhältnisse, symbolische Bedeutung und das Handlungsdreieck um Siegfried, Hagen und Kriemhild.
Warum spielt die Größe des Hortes eine widersprüchliche Rolle im Text?
Der Text vermittelt ein ambivalentes Bild: Einerseits wird der Hort als physisch greifbare, transportable Menge dargestellt, andererseits suggerieren Schilderungen von Unermesslichkeit und der notwendige enorme Aufwand bei Verladungen eine symbolische Entgrenzung, die eine einfache materielle Kategorisierung erschwert.
Wie unterscheidet sich die Bedeutung des Hortes für Kriemhild von jener für Hagen?
Für Hagen ist der Hort primär ein Machtinstrument und politisches Mittel zur Beeinflussung anderer. Kriemhild hingegen transformiert den Hort nach Siegfrieds Tod zunehmend in ein Symbol des Verlustes und in ein Racheinstrument, das ihre Handlungsfähigkeit gegenüber ihren Brüdern und am Etzelhof legitimieren soll.
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- Nils Brenner (Autor), 2009, Das Wesen des Hortes im Nibelungenlied, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210219