Arnold Schönberg und Wassily Kandinsky: Zwei einflussreiche Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Diese Aussage ist wohl schwerlich zu widerlegen. Trotz der bereits umfassenden Literatur, die sowohl zum Leben, als auch zum künstlerischen Schaffen der beiden Künstler im Laufe des letzen Jahrhunderts erschienen ist, bleiben dennoch zahlreiche Fragen unbeantwortet.
Ein präziser Blick in die Vergangenheit gibt zunächst Aufschluss darüber, dass, ausgehend vom 19. Jahrhundert, der Expressionismus kontinuierlich an Bedeutung gewonnen hat. Diese Tatsache äußert sich vor allem in Bezug auf die bildenden Künste, welche sich im aufkommenden 20. Jahrhundert in neuartigen Ausprägungen zu etablieren versuchten. Es schien also nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die heranwachsenden expressionistischen Ausdrucksformen auch die Grundgedanken der Musik und der Kunst beeinflussen sollten. Doch wie kommt ein Meister der Komposition plötzlich dazu, sich sechs Jahre seines Lebens der Malerei zu widmen? Ist es letztlich der immer größer werdende Drang nach künstlerischer Expression, der Schönberg dazu veranlasst hat, eine weitere Kunstform als Ausdrucksmittel seiner Empfindungen heranzuziehen? Oder ist es gerade umgekehrt, und das Bedürfnis nach innerem Ausdruck verlangt unwillkürlich nach einer Erweiterung der künstlerischen Ausdrucksformen?
„Schönbergsche Musik führt uns in ein neues Reich ein, wo die musikalischen Erlebnisse keine akustischen sind, sondern rein seelische. Hier beginnt die »Zukunftsmusik«.“
Ausgehend von diesen Überlegungen drängt sich nun die Frage auf, ob Musik letzten Endes nur Malerei ohne Farben, und Malerei nur Musik ohne Klang ist? Inwieweit kön-nen die Künste der beiden Männer überhaupt separat voneinander betrachtet werden? Da eine Frage bekanntlich immer mehrere Fragen aufwirft, ergibt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach den Berührungspunkten der beiden Kunstformen. An welcher Stelle ist danach zu suchen? Gibt es darüber hinaus überhaupt eine bedeutungsvolle Verbindung? Nehmen wir an, die Fragen ließen sich hypothetischerweise mit einem einfachen „Ja“ beantworten; Ist die Antwort dann tatsächlich im Leben und Wirken der beiden Künstler zu finden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Blaue Reiter
2.1 Der Blaue Reiter - Ein Almanach entsteht
2.2 Die „Neue Künstlervereinigung München“
2.3 Der Weg zum Erfolg
2.4 Ziele und Bestrebungen der Künstlergruppe
2.5 „Beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich – Reiter.“
3. Der Maler Wassily Kandinsky
3.1 Ein Leben zur Jahrhundertwende
3.2 Kandinskys Malerei – Ein Weg zur Abstraktion
3.2.1 Impression III
3.2.2 Romantische Landschaft
3.2.3 Komposition V
3.3 Über das Geistige in der Kunst
4. Arnold Schönberg: Ein Komponist unter Malern
4.1 Ein Musiker zwischen Tönen und Farben
4.2 Zweites Streichquartett op. 10
4.2.1 Erster Satz
4.2.2 Zweiter Satz
4.2.3 Dritter Satz
4.2.4 Vierter Satz
4.3 Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds Pierrot lunaire op. 21
4.3.1 Der Mondfleck
5. Arnold Schönberg und Der Blaue Reiter
5.1 Der Maler Arnold Schönberg
5.1.1 „Die Bilder Schönbergs zerfallen in zwei Arten.“
5.2 „Sie wissen vielleicht nicht, daß ich auch male.“
5.3 Das Verhältnis zum Text
5.4 Die Komposition Herzgewächse op. 20
5.4.1 „Das ist der Gipfelpunkt der Musik!“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die interdisziplinäre Beziehung zwischen dem Komponisten Arnold Schönberg und dem Maler Wassily Kandinsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ihre künstlerische Freundschaft und ihr gegenseitiger Austausch – insbesondere im Kontext des „Blauen Reiters“ – die Entwicklung von Malerei und Musik nachhaltig beeinflussten und neue Ausdrucksformen wie die Abstraktion und Atonalität förderten.
- Die Rolle des Almanachs „Der Blaue Reiter“ als Manifest expressionistischer Ideen.
- Wassily Kandinskys theoretische und malerische Ansätze zur Abstraktion.
- Arnold Schönbergs musikalisches Schaffen im Kontext der Loslösung von der Tonalität.
- Die gegenseitige Beeinflussung von Musik und Malerei im Werk beider Künstler.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Impression III (Konzert)
Aus dem Kapitel 3.1 zur Lebensgeschichte Kandinskys ist bereits hervorgegangen, dass es sich bei dem Gemälde Impression III um ein Werk handelt, welches nach einem Schönbergkonzert im Jahre 1911 entstanden ist. Offensichtlich hat Kandinsky die starken Eindrücke des Konzerts kurze Zeit später in Form von Farben und abstrakten Linien auf einer 77,5 : 100 cm großen Leinwand verarbeitet. Dass das Ölgemälde kurze Zeit nach dem Konzertbesuch entstanden sein muss, wird bei der Betrachtung des Hauskataloges deutlich. Das Gemälde erscheint als Drittes von insgesamt dreiunddreißig Nummern und führt somit zu der Annahme, dass zwischen dem Konzertbesuch und der Entstehung des Gemäldes ein lediglich kurzer Zeitraum gelegen haben muss.
Die Zusatzbezeichnung Konzert im Bildtitel verdeutlicht darüber hinaus den engen Bezug zwischen Musik und Malerei, den Kandinsky nach dem Schönbergkonzert wohl empfunden haben muss. Offenbar waren Kandinskys Eindrücke sogar so groß, dass er noch im selben Monat einen Briefwechsel mit dem Komponisten Arnold Schönberg begonnen hat. Am 18. Januar 1911 schreibt Kandinsky folgende erste Worte an Schönberg.
„Entschuldigen Sie bitte, daß ich ohne das Vergnügen zu haben Sie persönlich zu kennen einfach an Sie schreibe. Ich habe eben Ihr Concert hier gehört und habe viel wirkliche Freude gehabt. [...] Sie haben in Ihren Werken das verwirklicht, wonach ich in freilich unbestimmter Form in der Musik so eine große Sehnsucht hatte. Das selbständige Gehen durch eigene Schicksale, das eigene Leben der einzelnen Stimmen in Ihren Compositionen ist gerade das, was auch ich in malerischer Form zu finden versuche.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die künstlerische Begegnung zwischen Arnold Schönberg und Wassily Kandinsky ein und thematisiert das Streben nach neuen expressionistischen Ausdrucksformen in Musik und Malerei.
2. Der Blaue Reiter: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, ihre Zielsetzungen, die Rolle des Almanachs und die zentralen Akteure sowie deren Abgrenzung zur „Neuen Künstlervereinigung München“.
3. Der Maler Wassily Kandinsky: Hier wird die Biografie Kandinskys beleuchtet, sein Weg zur Abstraktion durch theoretische Schriften sowie exemplarische Analysen seiner Gemälde wie Impression III und Komposition V.
4. Arnold Schönberg: Ein Komponist unter Malern: Dieser Abschnitt widmet sich dem Leben Schönbergs, seiner Entwicklung als Komponist, seiner Hinwendung zur Malerei sowie einer detaillierten Analyse des Zweiten Streichquartetts und Pierrot lunaire.
5. Arnold Schönberg und Der Blaue Reiter: Dieses Kapitel analysiert Schönbergs Beitrag zum Almanach, seine Rolle als Maler innerhalb der Bewegung und den intensiven theoretischen Austausch mit Kandinsky über Kunst und Musik.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die künstlerische Symbiose der beiden Protagonisten und ihren grundlegenden Einfluss auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Arnold Schönberg, Wassily Kandinsky, Der Blaue Reiter, Expressionismus, Abstraktion, Atonalität, Musik und Malerei, Almanach, Innere Notwendigkeit, Pierrot lunaire, Zweites Streichquartett, Herzgewächse, Moderne Kunst, Klangfarben, Kunsttheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifende künstlerische Beziehung und den gegenseitigen Einfluss zwischen dem Komponisten Arnold Schönberg und dem Maler Wassily Kandinsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Entstehung des „Blauen Reiters“, die Entwicklung der abstrakten Malerei, den Wandel in der musikalischen Komposition (Atonalität) sowie die theoretische Verknüpfung beider Kunstformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Verbindung zwischen Malerei und Musik im Leben und Wirken dieser beiden Pioniere aufzuzeigen und zu verstehen, wie sie gemeinsam die Grenzen ihrer jeweiligen Kunstgattungen erweiterten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunst- und musikwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Auswertung von Briefwechseln, programmatischen Schriften (wie „Über das Geistige in der Kunst“) und der Untersuchung von konkreten Werken (Gemälde und Kompositionen) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt ausführlich die Biografie beider Künstler, die Geschichte des „Blauen Reiters“, eine detaillierte Analyse von Kandinskys Weg zur Abstraktion sowie Schönbergs musikalische Entwicklung und sein bildnerisches Schaffen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Expressionismus, Abstraktion, Atonalität, „innere Notwendigkeit“, Der Blaue Reiter und die interdisziplinäre Verbindung von Kunst und Musik charakterisieren.
Warum wird das „Zweite Streichquartett“ von Schönberg so ausführlich besprochen?
Das Werk wird als Schlüsselpunkt der musikalischen Entwicklung zur Atonalität hervorgehoben, der Kandinsky tief beeindruckte und somit einen direkten Auslöser für den künstlerischen Dialog zwischen beiden darstellte.
Welche Rolle spielt der Almanach „Der Blaue Reiter“?
Der Almanach fungierte als ein bedeutendes Künstlermanifest, das versucht hat, verschiedene Kunstformen – insbesondere Malerei und Musik – zu vereinen und einen neuen geistigen Aufbruch in der Kunst zu legitimieren.
- Arbeit zitieren
- Anja Göbel (Autor:in), 2012, Der Blaue Reiter - Schönberg und Kandinsky im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210222