Inflation und Währungsinstabilität gehören zum Wirtschaftssystem des Staates Brasilien seit seiner Unabhängigkeit von Portugal im Jahre 1822. Aufgrund der immanenten Präsenz der Inflation, spricht man inzwischen für Brasilien von einer säkularen Inflation. Die durchschnittliche Preissteigerungsrate in den letzten zwei Jahrhunderten betrug c.a. 10 % p.a. Der lange Untersuchungszeitraum lässt sich bei genauerer Betrachtung in drei Periodenabschnitte mit deutlich unterschiedlichen Preissteigerungsraten und Charakteristiken einteilen. Diese sollen im Folgenden erläutert werden. [...] Im Anschluss daran folgt die Darstellung und Bewertung der unterschiedlichen Reformpakete der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dabei wird festgestellt werden, dass die Stabilisierung der brasilianischen Wirtschaft mehr als eine rein ökonomische Herausforderung darstellt. Sie beinhaltet - und ist in erster Linie – vor allem eine Herausforderung politischer und gesellschaftlicher Natur.
Da eine ausführliche Betrachtung eines jeden Reformpakets den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, habe mich zur eingehenderen Beschäftigung mit den Reformplänen „Plano Cruzado“ und „Plano Real“ entschlossen.
Der „Plano Cruzado“ stellte nach dem Ende einer langen Epoche der Militärherrschaft (von 1964 bis 1984) im Jahre 1984 den ersten Wirtschaftsplan der „Nova Republica“ Brasilien dar. Infolge des Demokratisierungsprozess galt es neue politische Institutionen zu schaffen, bestehende Institutionen neu zu strukturieren und ideologisch neu zu orientieren. Dies führte somit auch zur Neugestaltung der Wirtschaftspolitik. [...]
Der „Plano Real“ ist der jüngste Wirtschaftsplan und seine Ausläufer haben bis heute bedeutende Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft in Brasilien. Da ich den „Plano Real“ in seinen Grundreformen bis 1996 für abgeschlossen halte, [...] werde ich den Betrachtungszeitraum auf die Zeit bis Anfang 1996 begrenzen. Unter den 6 Wirtschaftsplänen der letzten 20 Jahre ist der „Plano Real“ die mit Abstand erfolgreichste Wirtschaftsreform und doch zeigt auch er, als Folge der Turbulenzen der letzten Jahre in Asien und Russland, deutliche Schwächen. Da eine eingehende und detaillierte Darstellung dieser Schwächen jedoch Bände füllen könnte werde ich im Rahmen dieser Arbeit nur kurz darauf eingehen. Aus diesem Grund folgt im Anschluss an die Darstellung der Grundkonzeption des „Real Plans“ ein kurzer Abriss der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Folgejahre.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung:
2. Historischer Überblick
2.1 Unabhängigkeit bis Beginn des 2. Weltkrieges
2.2 Zweiter Weltkrieg bis frühe 80er Jahre – Grundlegende Ursachen der Inflation
2.3. Frühe 80er Jahre bis Anfang der 90er Jahre – Das Ende der Militärdiktatur
3. Die Wirtschaftspläne der 80er Jahre
Der Cruzado-Plan vom 28.Februar 1986
Der Bresser-Plan vom 12. Juni 1987
Der Sommer Plan vom 15. Januar 1989
4. Die Wirtschaftspläne der 90er Jahre
Der Collor-Plan vom 15. März 1990
Der Collor-Plan II vom 31. Januar 1991
Der Real-Plan vom 7. Dezember 1993
5. Die Schwierigkeiten in Anschluss an der „Plano Real“
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Hintergründe der brasilianischen Währungsreformen seit dem Zweiten Weltkrieg, um zu analysieren, warum die Stabilisierung der Wirtschaft in Brasilien primär als eine politische und gesellschaftliche Herausforderung zu verstehen ist. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Ursachen der säkularen Inflation und die Wirksamkeit verschiedener Wirtschaftsreformen in einem Kontext, der von Klientelismus, politischem Opportunismus und institutionellen strukturellen Problemen geprägt ist.
- Historische Genese der brasilianischen Inflationsproblematik
- Analyse der Wirtschaftspläne der 80er Jahre (insb. Plano Cruzado)
- Bewertung der Reformen der 90er Jahre (insb. Plano Real)
- Politischer und gesellschaftlicher Kontext der Stabilitätskrise
- Herausforderungen in der Phase nach dem Plano Real
Auszug aus dem Buch
Der Cruzado-Plan vom 28.Februar 1986
Nach Jahren der Instabilität und einem „Auf und Ab“ der Inflationszyklen sollten die unter der neuen Regierung Präsident José Sarneys (ab 1985) unternommenen Maßnahmen Grundlage einer deutlichen Stabilisierung der brasilianischen Wirtschafts- und Finanzwelt sein. Der „Plano Cruzado“ kann in gewisser Weise als Mutter sämtlicher ihm nachfolgender Reformpakete angesehen werden, da die ihm zugrunde liegende Theorie und die daraus abgeleiteten Maßnahmenpakete, trotz seines Scheiterns, grundlegende Bestandteile der Reformen nachfolgender Regierungen darstellte. Die Ausgangslage der Regierung Sarney war unter der inzwischen auf 14,8 % pro Monat (Februar 1986) angestiegenen Inflationsrate – was 400% als Hochrechnung für das Gesamtjahr 1986 bedeutet hätte - denkbar ungünstig, aber um so mehr unbedingter Anlass zu Reformen.
Die im „Plano Cruzado“ unternommenen Wirtschaftsmaßnahmen sind vor dem Hintergrund der zur damaligen Zeit vorherrschenden Theorie der Trägheitsinflation zu betrachten. In Folge der omnipräsenten Inflation entwickelten die ökonomischen Akteure formelle wie informelle Indexierungsmechanismen um den permanenten Wertverfall ihrer Finanzaktiva und Lohneinkommen zu vermeiden. Jedoch leisteten die Schutzmaßnahmen selbst einen entscheidenden Beitrag zur stetigen Fortschreibung der Inflation, da die durchschnittliche Inflationsrate der vergangenen Periode als Berechnungsgrundlage der neuen Preis- und Lohnstruktur der bevorstehenden Periode verwandt wurde. Die Inflation der folgenden Periode war Summe aus der Preissteigerung der Vorperiode und der zukünftig erwarteten Inflation. So kam es zu einer sich verstetigenden Inflationserhöhung, die durch die im Folgenden beschriebenen Maßnahmen im Zuge des „Plano Cruzado“ gebrochen werden sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der brasilianischen Inflationsgeschichte und Abgrenzung des Untersuchungszeitraums.
2. Historischer Überblick: Darstellung der ökonomischen Entwicklung Brasiliens von der Unabhängigkeit bis zum Ende der Militärdiktatur.
3. Die Wirtschaftspläne der 80er Jahre: Analyse der heterodoxen Schocktherapien wie des Cruzado-Plans und deren Scheitern durch politische Einflüsse.
4. Die Wirtschaftspläne der 90er Jahre: Untersuchung der Reformbemühungen unter Collor und Cardoso, mit besonderem Fokus auf den Plano Real.
5. Die Schwierigkeiten in Anschluss an der „Plano Real“: Erörterung der strukturellen und externen Probleme, die trotz des Plano Real fortbestanden.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass wirtschaftliche Stabilisierung in Brasilien an politischer Reformunfähigkeit und Klientelismus scheitert.
Schlüsselwörter
Brasilien, Währungsreform, Inflation, Plano Cruzado, Plano Real, Trägheitsinflation, Finanzpolitik, Geldpolitik, Wirtschaftsgeschichte, Militärdiktatur, Stabilität, Steuerreform, Außenhandelsbilanz, Hyperinflation, Währungsinstabilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Versuche der brasilianischen Regierung, die seit Jahrzehnten bestehende hohe Inflation durch Wirtschaftspläne und Reformpakete zu bekämpfen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Ursachenforschung der brasilianischen Inflation, die Funktionsweise und das Scheitern von heterodoxen Schock-Maßnahmen sowie die ökonomischen Auswirkungen von politischem Handeln.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin aufzuzeigen, dass die Inflationsbekämpfung in Brasilien nicht nur ein technisches, ökonomisches Problem darstellt, sondern maßgeblich von gesellschaftlichen und politischen Faktoren abhängt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-deskriptive Methode, bei der die Reformpakete der 80er und 90er Jahre analysiert, deren theoretische Grundlagen hinterfragt und ihre praktischen Ergebnisse bewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Überblick und die detaillierte Darstellung der wichtigsten Wirtschaftspläne, von den Plänen der 80er Jahre bis hin zum Plano Real.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Trägheitsinflation, der Plano Cruzado, der Plano Real, der Olivera-Tanzi-Effekt und das politische Umfeld in der Nova Republica.
Warum scheiterten laut Autor viele der vorgestellten Reformen?
Der Autor argumentiert, dass die Reformen oft nicht an inhaltlichen Konzepten scheiterten, sondern an mangelndem politischem Durchsetzungswillen und der Unfähigkeit, tradierte Strukturen wie den Klientelismus aufzubrechen.
Welche Rolle spielt der Plano Real für die heutige Zeit?
Der Plano Real wird als der erfolgreichste Wirtschaftsplan eingestuft, dessen Grundkonzeption Stabilität brachte, wobei der Autor darauf hinweist, dass auch dieser Plan letztlich mit strukturellen Folgeproblemen zu kämpfen hatte.
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- Philipp Günther (Autor), 2003, Währungsreformen in Brasilien seit dem Zweiten Weltkrieg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21039