Figuren und Medien der Pädagogik in „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz


Seminararbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Fragestellung

2. Pädagogik - eine historische Betrachtung
2.1 Das Aufkommen pädagogischer Ansätze
2.2 Der Pietismus als Form der Erziehung
2.3 Der psychologische Roman und der Bildungsroman

3. Figuren und Medien der Pädagogik in „Anton Reiser“
3.1 Die pädagogischen Auswirkungen des Pietismus
3.1.1 Die Rolle der Eltern in der frühen Kindheit Reisers
3.1.2 Geistige Formung durch Lektüre pietistischen Gedankenguts
3.2 Die schwarze Pädagogik am Beispiel des Hutmachers
3.3 Die höhere Bildung als pädagogische Maßnahme
3.3.1 Schule und Mittagstisch - die Auswirkungen gegensätzlicher Erziehungsmaßnahmen
3.3.2 Die Auswirkungen fiktionaler Literatur auf Reiser

4. Kontraste, Parallelen und Eignung der pädagogischen Mittel

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

1. Einleitung und Fragestellung

Für die Erforschung der eigenen Biographie greift die moderne Pädagogik oftmals literarische Schilderungen auf. Besonders ergiebig sind hierzu die Bildungsromane, zu denen beispielsweise „Wilhelm Meister“ von Goethe gezählt werden kann.[1]

Auch Karl Philipp Moritz beschreibt in seinem Werk „Anton Reiser“ die Entwicklung eines jungen Menschen. Doch anders als bei „klassischen“ Bildungsromanen erfährt der Protagonist hier keine Förderung seines Potentials. Somit kann „Anton Reiser“ ebenso als

„Anti-Bildungsroman“ angesehen werden. Die Gründe hierfür können vor allem in der Art und Weise der Erziehung, genauer der Pädagogik gefunden werden.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, Figuren und Medien der Pädagogik in Moritz‘ „Anton Reiser“ darzustellen und zu untersuchen, welche pädagogischen Mittel zu einer Verhinderung der Vermittlung zwischen dem Individuum, hier Anton Reiser, und der Gesellschaft führen können. In bisherigen Forschungsarbeiten wurde vor allem die pietistische Erziehung von Reiser bereits ausgiebig analysiert. Daher zielt die Fragestellung dieser Arbeit nicht allein auf die Folgen religiöser Erziehung, sondern besonders auf das Zusammenspiel unterschiedlichster Figuren und Medien der Pädagogik ab, welche Reiser an seiner Entwicklung scheitern lassen und auch, ob es darunter geeignete Maßnahmen der Erziehung gibt.

Um einen Überblick und die Möglichkeit der historischen Einordnung zu erhalten, werden zunächst das Aufkommen pädagogischer Ansätze sowie der Pietismus als Form der Erziehung und der psychologische Roman und der Bildungsroman geklärt, bevor im Hauptteil die Figuren und Medien der Pädagogik in „Anton Reiser“ dargestellt werden. Hierzu werden zunächst die pädagogischen Auswirkungen des Pietismus durch die Eltern und durch die Lektüre untersucht. Im Anschluss werden die schwarze Pädagogik am Beispiel des Hutmachers sowie die höhere Bildung als pädagogische Maßnahme erläutert, bevor in einem nächsten Punkt Kontraste, Parallelen und Eignung der pädagogischen Mittel beschrieben werden. Gefolgt wird dies von einer Schlussbe-trachtung sowie einer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Pädagogik - eine historische Betrachtung

Im Folgenden wird ein Überblick über die historische Entwicklung der Pädagogik und des Pietismus als Form der Erziehung sowie des psychologischen Romans als Vorläufer des Bildungsromans gegeben.

2.1 Das Aufkommen pädagogischer Ansätze

Um einen allgemeinen historischen Überblick über die Pädagogik geben zu können, wird eine Definition derselben benötigt. Unter einem modernen Gesichtspunkt lässt sich Pädagogik wie folgt definieren:

„Pädagogik ist die Wissenschaft von der Ausbildung und Erziehung des Menschen (Früherziehung, Erwachsenenbildung u. a.) und deren Institutionalisierung (z. B. Kindergärten, Vor-Schulen; Volkshochschulen, Fort- und Weiterbildungsinstitute).“[2]

Des Weiteren liegt das Ziel der Pädagogik in einer langfristigen, kontinuierlichen und absichtsvollen Förderung des Menschen in seinem individuellen Verhalten und Erleben. Auch die Ausbildung individueller Reife, Selbstständigkeit, Gewissens- und Moralbildung sowie sozialer Kompetenzen, Werte und Normen der Gesellschaft werden als Ziele der Pädagogik angesehen. Dabei erfolgt die Erziehung in erster Linie durch Eltern und Erzieher, bevor sie im Laufe des Lebens immer mehr an Institutionen abgegeben wird.[3]

Um nun auf die historische Betrachtung zurückzukommen, so ist die Pädagogik ein, auch in der neueren deutschen Literaturwissenschaft, später Begriff und in Deutschland erst seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlich.[4] Jedoch kann der Ursprung der Pädagogik bereits in den Bildungsgedanken des 17. Jahrhunderts gesehen werden. Demnach gewinnt die charakteristische Besinnung dieser Zeit auf die Muttersprache an Bedeutung. Während die Exklusivität vor allem der höheren Bildung zwar weiterhin, wenn auch in geringerem Maße, durch den Stand bzw. der damit verbundenen finanziellen Lage bestimmt ist, wird das Wissen durch die Berufung auf die Muttersprache allgemein zugänglich. Dazu werden im Gegensatz zum 16. Jahrhundert deutsche Lehrbücher geschrieben und der deutsche

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Näherliegende und Naturgemäße und somit als natürliche Gegebenheit zurückzuführen. Mit dieser neuen Bewertung der deutschen Sprache und der Forderung einer sich aus der Natur des Menschen ergebenden Pädagogik wird der Weg für eine allgemeine Volksschule geebnet, wie sie unter anderem von Ratke und Comenius vertreten wird.[5]

In der Zeit des Auftretens Ratkes und Comenius‘ waren die Einzelstaaten nach dem Zusammenbruch der Reichsgewalt im Jahr 1648 die eigentlichen politischen Kräfte in Deutschland geworden, wobei die weltliche sowie kirchliche Macht bei den jeweiligen absoluten Fürsten liegt, welche ein wachsendes Interesse an Erziehungs- und Bildungsfragen zeigen. Im Laufe dieser Entwicklung, an der unter anderem Leibniz einen großen Anteil durch die Hervorhebung von lebendiger Sprachen (Verdrängung des Lateinischen) sowie der Naturwissenschaften gegenüber der Ausbildung in Religion und Philosophie hat, werden drei neue Ziele in der Bildung angestrebt: körperliche Gewandtheit, praktisches Handeln und Weltläufigkeit.[6]

Im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit ist zudem ein Blick auf die sogenannte schwarze Pädagogik nötig, deren Ursprung vor allem im 18. Jahrhundert liegt.[7] Die bereits erwähnte Institutionalisierung der Erziehung im späten 17. Jahrhundert führt zu einem Diskurs über eine „richtige“ Form der Erziehung bzw. Pädagogik. So gilt seit der Aufklärung die schwarze Pädagogik als Ausdruck eines umfassenden Anspruchs der Sozialdisziplinierung. Die bürgerliche Gesellschaft unterwirft Kinder und Jugendliche nun nicht mehr nur durch äußere Gewalt dem gesellschaftlichen Zwang, sondern formt deren Identität durch das Eindringen in ihre Seelen und bringt sie mit der gesellschaftlichen Kontrolle um ihre besseren humanen Möglichkeiten.[8]

An diese genannten Entwicklungen des Bildungswesens lässt sich das Aufkommen des

Pietismus als Form der Pädagogik anschließen, welcher im Folgenden dargestellt wird.

2.2 Der Pietismus als Form der Erziehung

Wie bei der historischen Darstellung der Pädagogik dient auch hier eine Beschreibung des

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bewegung im Protestantismus der Frühen Neuzeit mit weitreichenden Folgen für die Literatur des 18. Jahrhunderts dar. Zeitgenössische Kritiker sehen den Pietismus als schwärmerische, weltfremde und übertrieben frömmlerische Haltung. Diese religiöse Bewegung, welche der Mystik sehr nahe steht, richtet ihre Aufmerksamkeit besonders auf die Bibel in deutscher Sprache und deren Sprachform und -wirkung.[9] Hier besteht eine Verbindung zum Aufkommen der deutschen Sprache in der Bildung, welches im vorherigen Punkt dargestellt wurde. Eine weitere pietistische Besonderheit ist die hohe Bedeutung von Kirchenliedern, Predigten oder Bekenntnisbriefen, während der fiktionalen Literatur die Verwüstung des Verstandes zugeschrieben wird. Des Weiteren stellt die Selbstbeobachtung und deren Niederschrift in der pietistischen Vorstellung eine Hauptaufgabe dar.[10] Wie genau sich der Pietismus auf die Erziehung Anton Reisers auswirkt und welchen Aspekten eine besondere Rolle zukommt, wird in einem nächsten Gliederungspunkt erläutert.

Bei der Betrachtung des Pietismus als Form der Pädagogik ist August Hermann Francke als maßgebende Person zu nennen. Als Pfarrer, Seelsorger, Unternehmer, Universitäts- professor und Pädagoge war seine Vorstellung von Religion und Glaube von einem universalen Anspruch des Glaubens auf alle Lebensbereiche gekennzeichnet und zugleich gebrochen durch die historische Erfahrung des Auseinanderbrechens eines universalen christlichen Weltbildes.[11] Mit den von ihm gegründeten Franckeschen Stiftungen in Halle versuchte er „[...] mit Hilfe einer an den Anforderungen der Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts orientierten Schulgründung der religiös begründeten Forderung nach allgemeiner Weltverbesserung nachzukommen. Die einzelnen Schulen waren für die einzelnen Stände unterschiedlich konzipiert, sie waren in enger Anlehnung an die Universität errichtet, was sich vor allem in der Rekrutierungspraxis der Lehrer manifestierte. Ihre ökonomische Basis waren eine Reihe von merkantilistischen Wirtschaftsunternehmen, die zugleich auch die Unabhängigkeit von Obrigkeiten sicherten.“[12].

Liebe zur Wahrheit, Gehorsam und Fleiß gelten für Francke als Haupttugenden, während

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nöthigen Wissenschaften, zu einer geschickten Beredsamkeit und in äußerlichen wohlanständigen Sitten [sollte] das Fundament ihrer zeitlichen und ewigen Wohlfahrt [gelegt werden].“13.

[...]


[1] Vgl. Göhlich: Pädagogische Theorien des Lernens 2007. S.9

[2] Vgl. Kulbe, Annette: Grundwissen Psychologie, Soziologie und Pädagogik 2009. S. 60.

[3] Vgl. Kulbe, Annette: Grundwissen Psychologie, Soziologie und Pädagogik 2009. S. 60.

[4] Vgl. Tenorth, Heinz-Elmar: Geschichte der Erziehung 2010. S. 16.

[5] Vgl. Reble, Albert: Geschichte der Pädagogik 2009. S. 111.

[6] Vgl. Weimer, Hermann, Jacobi, Juliane: Geschichte der Pädagogik 1991. S. 86ff

[7] Vgl. Sesink, Werner: Darmstädter Vorlesungen 2001. S. 69.

[8] Vgl. Tenorth, Heinz-Elmar: Geschichte der Erziehung 2010. S. 80.

[9] Vgl. Butzer, Günter, Jacob Joachim: Metzler Lexikon literarischer Symbole 2008. S.85f.

[10] Vgl. Butzer, Günter, Jacob Joachim: Metzler Lexikon literarischer Symbole 2008. S.86.

[11] Vgl. Weimer, Hermann, Jacobi, Juliane: Geschichte der Pädagogik 1991. S. 90.

[12] Weimer, Hermann, Jacobi, Juliane: Geschichte der Pädagogik 1991. S. 90.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Figuren und Medien der Pädagogik in „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V210427
ISBN (eBook)
9783656384465
ISBN (Buch)
9783656386803
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figuren, medien, pädagogik, anton, reiser, karl, philipp, moritz
Arbeit zitieren
Michael Mühlbauer (Autor), 2012, Figuren und Medien der Pädagogik in „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210427

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