Angeblich handelte es sich „bei Thomas Manns Verhältnis zur Philosophie […] recht besehen um ein Unverhältnis“ , die philosophischen Kenntnisse Thomas Manns seien gering gewesen. Der Einfluss der Philosophie Schopenhauers auf die „Buddenbrooks“ ist umstritten. Nach Thomas Manns Selbstaussagen in einem Brief an Agnes E. Meyer vom Januar 1951 hat er Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ erst kennen gelernt, als er bereits im letzten Drittel des Buches stand. Später heißt es, „Schopenhauers pessimistische Moral, Nietzsche´s Décadence-Psychologie […] waren die Bildungselemente, die dem Erzählwerk des Dreiundzwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen (Thomas Mann), >Buddenbrooks< […] zur Gestalt verhalfen“. Ziel der Arbeit ist es, zu ermitteln, in wie weit die Philosophie Nietzsches und Schopenhauers Thomas Manns Werk „Buddenbrooks“ nun tatsächlich beeinflusst hat - oder auch nicht.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Vorwort
2.0 Thomas Manns Schopenhauer-Leseerlebnis
2.1 Thomas Buddenbrooks Leseerlebnis
3.0 Schopenhauer-Lektüre als religiöses Erlebnis
4.0 Die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches im Vergleich
4.1 Der Wille
4.2 Der Verstand
4.3 Die Lösungsmodelle
4.3.1. Schopenhauers Lösungsmodell
4.3.2 Nietzsches Lösungsmodell
5.0 „Kreativer Missbrauch“ der Philosophie bei Thomas Buddenbrook
6.0 Die Quintessenz des Romans aus Philosophischer Perspektive
7.0 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rezeption der philosophischen Lehren von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche durch Thomas Mann im Roman „Buddenbrooks“. Das primäre Ziel ist es, den Einfluss dieser Philosophie auf die Gestaltung der Romanfigur Thomas Buddenbrook sowie die philosophische Grundkonzeption des gesamten Werkes kritisch zu hinterfragen und zu analysieren.
- Schopenhauers metaphysische Einflüsse auf Thomas Buddenbrook
- Vergleichende Analyse der Philosophie von Schopenhauer und Nietzsche
- Der „kreative Missbrauch“ philosophischer Konzepte im Roman
- Die Interpretation des Romanendes aus philosophischer Perspektive
- Autobiographische Aspekte vs. philosophische Konstruktion
Auszug aus dem Buch
2.1 Thomas Buddenbrooks Leseerlebnis
„Es war Hochsommer des Jahres vierundsiebzig.“ (S. 653) als Thomas Buddenbrook „in einem Buche“ liest, das ihm „halb gesucht, halb zufällig in seine Hände geraten war“.
Er hatte es „in einem tiefen Winkel des Bücherschrankes, hinter stattlichen Bänden versteckt, gefunden und sich erinnert daß er es einst […] beim Buchhändler zu einem Gelegenheitspreise achtlos erstanden hatte: ein ziemlich umfangreiches, auf dünnem und gelblichen Papier schlecht gedrucktes und schlecht geheftetes Werk, der zweite Teil nur eines berühmten metaphysischen Systems.“ (S. 654) „Es trug aber dieses Kapitel den Titel: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit des Wesens an sich.“ (S. 655)
Mit dieser Kapitelüberschrift kann man dieses metaphysische Werk eindeutig als Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ identifizieren.
Er las „vier volle Stunden lang mit wachsender Ergriffenheit“, „vom ersten bis zum letzten Buchstaben“, „ mit fest geschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen“. „Die Stunden schwanden, ohne daß er vom Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle verändert hätte“ (S. 655). Er las „in tiefer Versunkenheit“ und empfand eine „ungekannte, große und dankbare Zufriedenheit“ und „unvergleichliche Genugtuung“ (S. 654). Er fühlte sein Wesen „von einer schweren dunklen Trunkenheit erfüllt; seinen Sinn umnebelt und vollständig berauscht von irgendetwas unsäglich Neuem, Lockendem und Verheißungsvollem […]“ (S. 655).
Ob dieses Kapitel als Kernszene und konstruktiver Höhepunkt des gesamten Romans gelten kann und darf, weil es in der Zeit des Fin de Siècle der philosophischen Strömung und Nietzsche-Rezeption der Philosophie Rechnung trägt, und ob man aufgrund des einen Kapitels eine gesamtphilosophische Konzeption unterstellen kann, das halte ich für zweifelhaft. Wie dieses philosophische Einsprengsel zu verstehen und möglicherweise sogar als Anti-klimax zu deuten ist, möchte ich in den folgenden Punkten zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Vorwort: Einleitung in die Debatte um Thomas Manns philosophische Kenntnisse und die kritische Distanz zu seinen eigenen Selbstaussagen.
2.0 Thomas Manns Schopenhauer-Leseerlebnis: Darstellung des persönlichen Erlebnisses von Thomas Mann mit der Lektüre Schopenhauers und deren Übertragung auf die Romanfigur.
2.1 Thomas Buddenbrooks Leseerlebnis: Analyse der Schlüsselszene, in der Thomas Buddenbrook Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ entdeckt und psychologisch verarbeitet.
3.0 Schopenhauer-Lektüre als religiöses Erlebnis: Untersuchung der Lektüre als Versuch der Religionssubstitution und deren nächtliche Auswirkungen auf Thomas Buddenbrook.
4.0 Die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches im Vergleich: Kurzer Exkurs zur Skizzierung von Ähnlichkeiten und Unterschieden beider Philosophen als Basis für die weitere Analyse.
4.1 Der Wille: Erläuterung der schopenhauerschen Willensauffassung im Vergleich mit Nietzsches Begriff des Leibes.
4.2 Der Verstand: Analyse der Rolle des Intellekts bei Schopenhauer und dessen Gleichsetzung mit Nietzsches „Werkzeug des Leibes“.
4.3 Die Lösungsmodelle: Gegenüberstellung der unterschiedlichen Ansätze beider Philosophen zur Bewältigung der menschlichen Existenz.
4.3.1. Schopenhauers Lösungsmodell: Behandlung der Verneinung des Willens und der Rolle des Todes als Erlösung.
4.3.2 Nietzsches Lösungsmodell: Vorstellung des Konzepts der Werteumwertung und der Lebensbejahung entgegen dem Pessimismus.
5.0 „Kreativer Missbrauch“ der Philosophie bei Thomas Buddenbrook: Analyse der unkritischen und subjektiven Aneignung des philosophischen Wissens durch die Romanfigur.
6.0 Die Quintessenz des Romans aus Philosophischer Perspektive: Deutung des Romanendes und der Schlussworte im Kontext des Fatalismus und der ewigen Wiederkehr.
7.0 Schlusswort: Zusammenfassende Bewertung der philosophischen Einflüsse im Roman und der Schwierigkeit, diese von autobiographischen Erlebnissen zu trennen.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Buddenbrooks, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Welt als Wille und Vorstellung, Fin de Siècle, Rezeption, Thomas Buddenbrook, Philosophie, Lebensbejahung, Pessimismus, Todeserlebnis, Autobiographie, Existenz, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Einflüsse und die literarische Rezeption der Philosophie von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die philosophischen Ansätze zu Wille, Verstand und Tod sowie die Frage, wie diese in die Romanhandlung eingebettet wurden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Prüfung der Hypothese, ob der Roman als philosophisch konzipiertes Werk betrachtet werden kann oder ob es sich um ein punktuelles, „kreatives“ Einsprengsel philosophischer Ideen handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textnahe Analyse ausgewählter Schlüsselszenen (insbesondere Teil 10, Kapitel 5) unter Einbeziehung philosophischer Primärtexte und literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine vergleichende Theorie-Einführung zu Schopenhauer und Nietzsche sowie die detaillierte Analyse der Leseerlebnisse der Romanfigur Thomas Buddenbrook.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Rezeption, Willensmetaphysik, Nietzscheanismus, literarische Décadence und Thomas Manns Selbstkommentare sind zentrale Begriffe.
Warum wird das Leseerlebnis von Thomas Buddenbrook als „kreativer Missbrauch“ bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass Thomas Buddenbrook die Philosophie nicht in ihrer akademischen Tiefe durchdringt, sondern sie subjektiv und emotional auf seine Lebenswelt überträgt, um eine persönliche Erlösung zu suchen.
Welche Bedeutung kommt dem Romanende „es ist so“ zu?
Dieser Satz wird als Kulminationspunkt des Fatalismus gedeutet, der sowohl Schopenhauers als auch Nietzsches Vorstellungen von der ewigen Wiederkehr des Gleichen reflektiert.
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- Kerstin Schramm (Author), 2004, Thomas Mann und die Rezeption der Philosophie Schopenhauers und Nietzsches in den “Buddenbrooks”, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210461