Zum Begriff der Rationalität in Adornos "Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbemerkung

3. Zur Entwicklung des Rationalitätsbegriffes bis Weber

4. Adorno über Vernunft bei Kant

5. Der Begriff der Rationalität in den PETG
5.1 Zweckrationalität im Sinne Webers
5.1.1 Darstellung
5.1.2 Kritik
5.2 Übergang zur Rationalität des Allgemeinen
5.3 Rationalität als planvolles Handeln
5.4 Rationalität als Regelkonformität

6. Rationalität und Irrationalität fusionieren?
6.1 Beispiel: Tausch in der kapitalistischen Gesellschaft
6.2 Beispiel: Aufrüstung während des Kalten Krieges

7. Nachtrag: Ergänzendes zum Begriff der Zweckrationalität

8. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In verschiedenen Formulierungen bringt Adorno in den „Philosophischen Elementen einer Theorie der Gesellschaft“ (PETG) die These zum Ausdruck, dass die Gesellschaft heutzutage zugleich rational und irrational sei. Er spricht von der „Fusion“[1] von Rationalität und Irrationalität, ihrer „Verschränkung“[2] oder „Verkoppeltheit“[3]. Es scheint zunächst nicht klar, ob er damit einen Widerspruch behaupten will oder zum Ausdruck zu bringen versucht, dass die Gesellschaft in einer Hinsicht rational, in einer anderen irrational sei. Der Inhalt dieser These scheint also nicht besonders klar zu sein, und dennoch nimmt sie einen zentralen Platz in den PETG ein. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dieser These Adornos ist die Vermutung, dass mit dem Begriff der Rationalität bei Adorno Verschiedenes bezeichnet ist und sich die These der Fusion von Rationalität und Irrationalität einer Vermischung verschiedener Bedeutungen von Rationalität verdankt.

Damit diesem Verdacht nachgegangen werden kann, wird im Folgenden die Klärung des Begriffes der Rationalität im Zentrum stehen. Hierfür wird in einem ersten Schritt der Rationalitätsbegriff in der Philosophie bis Weber im Groben nachgezeichnet, vor dessen Hintergrund Adorno schreibt. Zweitens soll durch die Darstellung der Beschäftigung Adornos mit Kants Blick auf die Vernunft Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie Adorno in Hinblick auf den Vernunftdiskurs zu verorten ist. Daraufhin soll in einem dritten Schritt anhand der PETG untersucht werden, inwiefern Adorno selbst den Begriff der Rationalität benutzt, was also inhaltlich hinter der Formulierung der Fusion von Rationalität und Irrationalität steht, um so schließlich zu einem Urteil darüber zu kommen, ob dieser Gehalt in der Formulierung adäquat ausgedrückt ist.

2. Vorbemerkung

Auch wenn, wie im nachfolgenden Kapitel gezeigt werden wird, in der Philosophie der Begriff der Vernunft und der Begriff der Rationalität nicht ohne weiteres gleich zu setzen sind, scheint Adorno keinen Unterschied zwischen den beiden Begriffen zu machen. Deshalb werden die beiden Begriffe in dieser Arbeit, mit Ausnahme des folgenden Kapitels, ebenfalls synonym gebraucht.

3. Zur Entwicklung des Rationalitätsbegriffes bis Weber

Wie auch Adorno die Begriffe Rationalität und Vernunft synonym zu gebrauchen scheint, wird so in vielen Texten und Kontexten verfahren. Beide haben jedoch eine unterschiedliche Begriffstradition, deren Darstellung hier im Groben als Hilfe zur Aufschlüsselung der Bedeutungen von Rationalität bei Adorno dienen soll. Zwar kann der Rationalitätsbegriff einfach als „der wissenschaftliche Nachfahre des neuzeitlichen philosophischen Vernunftbegriffes“[4] angesehen werden; dabei stellt sich jedoch die Frage inwiefern der Wechsel in den Begrifflichkeiten einen Wandel des Blickes auf das zu bezeichnende Vermögen ausdrückt.

Von dem lateinischen Wort „ratio“ herkommend ist Rationalität schon immer assoziativ mit dem menschlichen Rechnen- und Kalkulierenkönnen verbunden.[5] Dieses Verständnis von Rationalität wird in der Philosophie der Neuzeit vorherrschend.[6] Metzler zufolge setzt sich im deutschen Sprachraum aus diesem Grund Vernunft und nicht Rationalität als Übersetzung von „ratio“ durch, insofern das höchste menschliche Denk- und Erkenntnisvermögen gemeint war.[7] Eine einfache Einteilung in Rationalität als das Vermögen des Kalkulierens auf der einen Seite und Vernunft als das höchste menschliche Erkenntnisvermögen auf der anderen Seite lässt sich m.E. jedoch nicht konstruieren. Dagegen spricht zum Beispiel der Artikel zu Rationalität im „Handwörterbuch Philosophie“ von Rehfus, der im Wesentlichen aus der Erläuterung des Rationalismus besteht. Dieser stellt der Rationalität die empirische, und im rationalistischen Verständnis mangelhafte, Erkenntnis gegenüber. Im engeren Sinne meint Rationalität Rehfus zufolge eine Einstellung, die annimmt, dass „der Verstand […] Ideen (Vorstellungen) [enthalte], die klar und deutlich sind, weil sie nicht aus der Wahrnehmung stammen.“[8] Dieses Verständnis von Rationalität lässt sich unmittelbar nicht gleich setzen mit einem bloß instrumentellen Verständnis der Rationalität. Außerdem wird der Begriff der Vernunft in der empiristischen Tradition gerade auch mit dem Rechnen können identifiziert, so in etwa bei Hobbes.[9]

Anfang des 20. Jh. wird der Rationalitätsbegriff von Max Weber in den Mittelpunkt gerückt. Er bezieht sich dabei auf ein Handlungsverständnis, das aus der Ökonomie stammt:[10] Der von John Stuart Mill so bezeichnete „homo oeconomicus“ handelt stets so, dass er den größtmöglichen Effekt mit dem niedrigsten Aufwand an Mitteln zu erzielen sucht.[11] Diese Art seine Handlung zu bestimmen heißt bei Weber Zweckrationalität; sie ist eine von vier Rationalitätstypen, zu denen Weber jede beobachtbare Handlung zuordnen zu können meint. Dabei ist die Zweckrationalität Weber zufolge die rationalste unter den vier Typen.[12]

Es lässt sich also festhalten, dass Unterschiede in dem Blick auf das zu bezeichnende Vermögen in der Philosophie durchaus auf unterschiedliche Begriffstraditionen von Rationalität und Vernunft reflektiert wurden. Während vor Weber jedoch keine durchgängig aufrechterhaltene Differenz zwischen Rationalität und Vernunft festgestellt werden kann, wird der Begriff der Rationalität in seiner Bedeutung als Vermögen zu Kalkulieren bestärkt. Wenn also die Verwendung des Begriffes Vernunft als Übersetzung von „ratio“ tatsächlich einmal die Funktion des Abgrenzens von der Bedeutung von „ratio“ als der Fähigkeit zu Kalkulieren hatte, so kann die Verwendung des Begriffes der Rationalität heute m.E. durchaus als eine Affirmation genau dieser Bedeutung gewertet werden.

4. Adorno über Vernunft bei Kant

Die Tatsache, dass Adorno vor diesem Hintergrund nicht zwischen Vernunft und Rationalität zu unterscheiden scheint, ist zunächst einmal irritierend. Eine kurze Darstellung seiner Auseinandersetzung mit Kants Begriff von Vernunft soll im Folgenden etwas Klarheit schaffen. Adorno hebt seine Überlegungen zu Kant selbst von einer üblichen Interpretation eines Textes ab: Es gehe ihm nicht darum zu schreiben, was Kant sagen wollte, sondern das herauszubekommen, was Kant objektiv, also geschichtsphilosophisch mit seinen Gedanken geleistet hat.[13] Genau das macht seine Vorlesungen über Kant für das Verständnis von Adornos eigenem Vernunftbegriff so fruchtbar.

Aus der Reihe derjenigen, die Kant ausschließlich als einen Befreier der Vernunft, als den Aufklärer schlechthin betrachten, fällt Adorno heraus. Er betrachtet Kants Projekt einer Kritik der Vernunft von zwei Seiten her: Einerseits gesteht er Kant zu ein radikaler Aufklärer gewesen zu sein. Und zwar in dem Sinne, dass er den Maßstab für Wahrheit im Urteil der subjektiven Vernunft liegen sieht. Andererseits spricht er Kant aber auch Vernunft begrenzende, antiaufklärerische Momente zu. Diese sieht er begründet in Kants Diffamierung der Vernunft, wenn sie sich auf Absolutes richtet[14] sowie der Beschränkung der radikalen Aufklärung, des radikalen Vernunftdenkens, auf die Freizeit oder bestimmte Berufe.[15] Dieses Richten auf die Vernunft, bei ihrer gleichzeitigen radikalen Beschränkung ist Adorno zufolge selbst wieder ein Ausdruck oder Spiegel der tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese bestehen in einer anwachsenden Rationalisierung bei gleichzeitigem blindem Zustandekommen des Ganzen.

Es scheint also so, als sähe Adorno in Kants Vernunft und Aufklärungsprojekt eine philosophische Begründung der Zweckrationalität. Inwiefern dieses Urteil Adornos berechtigt ist, sei dahingestellt; wichtig festzuhalten ist an dieser Stelle, dass Adorno in seiner Kant-Interpretation zwei Arten des Vernunftgebrauches identifiziert, von denen die eine gelobt, die andere als Hure diffamiert wird. Die erste ist die, die zum Zweck des Beherrschens eingesetzt wird, die zweite die, die auf das Ganze, das Absolute geht. Wenn Adorno also das, was bei Weber mit Rationalität gemeint ist, schon in Kants Vernunftverständnis angelegt sieht, so wird verständlich, warum sich Adorno auf die Seiten derjenigen schlägt, die keinen Unterschied machen zwischen Rationalität und Vernunft.

5. Der Begriff der Rationalität in den PETG

Vor dem Hintergrund einer etwas allgemeineren begrifflichen Einordnung des Rationalitätsbegriffes geht es nun um den eigentlichen Kern dieser Untersuchung: Auf Grundlage der Zusammenhänge, in denen Adorno den hier im Zentrum stehenden Begriff verwendet, soll der Mangel der Formel von der Verschränkung von Rationalität und Irrationalität gezeigt werden. Meine These ist die, dass sich die Bedeutungen des Begriffes in vier Arten unterscheiden lassen: Die Zweckrationalität im Sinne Webers, Rationalität des Allgemeinen, Rationalität als Planen und Rationalität verstanden als Regelkonformität. Es soll nicht bezweifelt werden, dass die Bedeutungen eng miteinander verknüpft sind. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, dass und inwiefern sie sich voneinander unterscheiden.

[...]


[1] Theodor W Adorno: Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft. Hg. von Tobias ten Brink und Marc Phillip Nogueira. Nachgelassene Schriften/ Theodor W. Adorno: Abt. 4, Vorlesungen, Bd. 12, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 199.

[2] Adorno, Philosophische Elemente, S. 128.

[3] Ebd.

[4] Joachim Ritter/ Karlfried Gründer: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 8: R – Sc. Basel: Schwabe [auch Darmstadt], 1992, S. 56 .

[5] Peter Prechtl/ Franz-Peter Burkard (Hg.): Metzler Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 32008, S. 504.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Wulff D. Rehfus (Hg.): Handwörterbuch Philosophie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2003, S. 579f.

[9] Prechtl, Metzler Lexikon, S. 504.

[10] Ritter, Historisches Wörterbuch, S. 57.

[11] Prechtl, Metzler Lexikon, S. 504.

[12] Ebd., S. 506.

[13] Theodor W. Adorno: Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Hg. von Rolf Tiedemann. Nachgelassene Schriften/ Theodor W. Adorno: Abt. 4, Vorlesungen, Bd. 4, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995, S. 121.

[14] Ebd., S. 112f.

[15] Ebd., S. 99.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zum Begriff der Rationalität in Adornos "Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophie )
Veranstaltung
Adorno: Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V210648
ISBN (eBook)
9783656388821
ISBN (Buch)
9783656389781
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, rationalität, adornos, philosophische, elemente, theorie, gesellschaft
Arbeit zitieren
Wiebke Schröder (Autor), 2010, Zum Begriff der Rationalität in Adornos "Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210648

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