Transformation in Sam Shepards Drama "A lief of the mind"


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Transformation

Transformation im Motiv: LIEBE

Transformation im Motiv: TOD

Transformation im Motiv: MACHT

Transformation im Motiv: GEWALT

Schlussfolgerung

Literatur

Einleitung

„´Lügengespinst´ handelt von zwei Familien, die zerstritten sind und sich gegenseitig bekriegen. Die eine Familie lebt in Kalifornien, ist vaterlos und matriarchalisch. Die andere ist nomadisch, aus Montana und patriarchalisch. Die Kalifornier sind Farmer, die anderen Jäger. Sam Shepards Theaterstück ist aber nicht nur eine Geschichte über Klassenrivalitäten, sondern vielmehr eine über unterschwellige häusliche Gewalt, die Zerstörung kindlicher, geschwisterlicher und ehelicher Beziehungen - und über die Liebe, die nach dem natürlichen Verlauf der Verwüstung noch übriggeblieben ist“1

Martin Schindlbeck gelingt es, in nur wenigen Zeilen Sam Shepards vielschichtiges Drama „A lie of the mind“ zusammenzufassen. Ich möchte bei meiner Betrachtung von dem Liebespaar ausgehen, dass sich aus diesen zwei Familien gefunden hat. Jake und Beth haben geheiratet und sind zusammengezogen. „A lie of the mind“ zeigt den Tiefpunkt dieser Ehe. Jake hat seine Frau Beth geschlagen! - tot geschlagen? Eifersucht und Raserei - Einbildung, nicht Beweise trieben ihn zu der Gewalttat, die den Ausgangspunkt für die Dramenhandlung bildet. Die geschundenen Kinder werden nach Hause geholt. Nun eröffnen sich Bilder, Hintergründe und Vergangenheit der Liebenden und ihrer Familien.

Sam Shepards Dramentitel „A lie of the mind“ lässt ein „sorgfältig durchdachtes Gedankenwerk“2 vermuten, folgt man der Definition des deutschen Titels „Lügengespinst“ gilt es ein „System von Lügen“3 aufzudecken.

Beim Lesen des Dramas richtete sich mein Augenmerk von der Figurenanalyse, über die Genderdarstellung und die Symbolik, bis mich letztendlich die Formen der Transformation anhaltend beschäftigten. Dieses Stilmittel, das Shepard in seinen Plot einbaut, scheint mir die Quelle zum Verständnis des Realitätsbewusstseins der Figuren im Drama zu sein, wodurch auch eine Verbindung zum Titel deutlich würde.

Da der Transformationsvorgang von jeder einzelnen Figur den Umfang meiner Untersuchung sprengen, die Betrachtung von nur einer Figur hingegen, die Komplexität des Stückes verbergen würde, habe ich verschiedene Motive aus dem Drama ausgewählt, anhand derer ich Beispiele für Transformation untersuchen möchte. Dabei werde ich versuchen die Ursache herauszustellen sowie die Form, Auswirkungen und Folgen festzuhalten.

Transformation

Bei der Zusammenarbeit mit Joe Chaikin vom Open Theatre lernte Sam Shepard die Arbeitsweise, „transformations“ genannt, kennen. „... das sind Improvisationen, in deren Verlauf sich die vorgegebene Situation einer Szene oder die Rollen des Schauspielers mehrmals ändern, was zu einer Relativierung der dargestellten Realität führt.“

Shepard adaptierte diese Technik für seine Schreibweise. In „A lie of the mind“ verwandelt sich die Rolle des Schauspielers situationsbedingt.

Der Rahmen des Dramas ist eine geschlossene, chronologische, zusammenhängende Handlung in drei Akten. Jede Figur soll dem Personenregister zufolge mit einem Schauspieler besetzt werden. Die Transformation, die Wandlung der Figuren ist als ein Stilmittel in den Plot eingefügt, d.h. die Veränderung der Figur ist in der Handlung motiviert. Jake zum Beispiel scheint aufgrund seiner Gewalttat mental gelähmt und transformiert in einen kindesgleichen Zustand, ebenso Beth, die aufgrund eines Gehirnschadens ihr Gedächtnis und ihre Sprache verloren hat.

„The Shepard character has not simply a self but several selves which are continually changing, closer in composition to the transformational character developed by The Open Theatre than the typical dramatic character. The transformational character has a fluid relationship to changing “realities” where as a character in realistic drama is fixed in his relationship to reality which is itself fixed.”4

Gerald Weales macht auf eine Folgeerscheinung von Transformation aufmerksam, die Verschiebung von Realitätsbezügen bzw. den Verlust des Realitätsbezuges.

Jake und Beth befinden sich in ihrer eigenen Realität. Sie sind isoliert. Beth hat den Bezug zu ihrer gewohnten Realität derzeit verloren, während sich Jakes Realitätsbewusstsein verschoben hat.

Die graduelle Wandlung des Charakters eines Menschen ist ein natürlicher Prozess in der Selbstfindung, um die einem eigene Rolle zu finden; ein permanenter, sprunghafter Wechsel von einem zum anderen Charakter hat dagegen schizoide Züge. Exemplarisch in „A lie of mind“ aufgenommen, ist die Theatersituation. Beth ist Schauspielerin und hat eine Rolle angenommen, in der es um Liebe und Sex geht. Jeder Zuschauer, der sich im Theater eine Vorstellung ansieht geht den ´theatralen Pakt’ ein. Dabei handelt es sich um die Verabredung, alles auf der Bühne ist „als ob“ es Wirklichkeit sei, d.h. der Zuschauer akzeptiert die Bühnenrealität für die Dauer der Aufführung als reale Wirklichkeit. Beth als Schauspielerin begibt sich in eine ihr vorgeschriebene Rolle, damit wechselt sie von ihrer realen Identität zur Bühnenrealität. Auch Sie geht den ´theatralen Pakt’ für die Dauer der Proben und Aufführungen ein.5 Jake hingegen ignoriert diese Grenze.

„Yeah, a play. That’s right. Just a play. ´Pretend.’ That’s what she said. ´Just pretend.´ I know what they were doing! I know damn well what they were doin’! I know what that acting shit is all about. They try to ´believe´ they’re the person. Right? Try to believe so hard they’re the person that they actually think they become the person.”6

Jake verweigert die Akzeptanz der Theaterrealität, er ist überzeugt, die Verwandlung in die Rolle sei real, da dies Beth ermöglichen würde, mit einem anderen Mann zu schlafen. Hier wird deutlich, dass Jakes Realitätswahrnehmung verschoben ist. Er fügt alles in seine Realität ein, baut sich seine eigene Gedankenwelt, in der nur er Recht hat. Damit wird er Gefangener seiner selbst, isoliert von der Außenwelt. Eifersucht, Neid und Verlustängste führten ihn wahrscheinlich zur Gewalttat an seiner Frau Beth. Er will Beth für sich alleine. Aufgrund seiner verschobenen Realitätswahrnehmung kann angenommen werden, dass Jake glaubt, Beth entgleite ihm und er könne sie nicht mehr halten. Der Gewaltakt wäre dann ein verzweifelter Hilfeschrei: Wenn ich sie nicht haben kann, dann soll sie keiner haben. Das Theater ist ein demonstratives Beispiel für Transformation und den Umgang damit. Dabei sind die Spielregeln im theatralen Pakt festgelegt.

Transformation im Motiv: LIEBE

Nach dem Gewaltakt an Beth liegt Jake auf dem Sofa bzw. später im Bett, ist weggetreten, kommt nur gelegentlich zu sich und verweigert jede Nahrung. Er wirkt wie betäubt, schwach, hilflos; es entsteht der Eindruck, er, nicht Beth sei das Opfer. Seine Mutter Lorraine wird in diesem Augenblick sein Erlöser, sie will ihren Jungen retten. Seine Geschwister Frankie und Sally protestieren gegen ihre Einstellung:

„He´s not a boy. He’s a big grown-up man and he might have killed his wife!“7

Dominant und rechthaberisch tritt sie auf und lässt sich von niemandem hineinreden. Sie behauptet, ihren Sohn zu kennen:

„He’s just playacting. Used to do this all the time when he didn’t get his own way. Mope around for days like a cocker spaniel.““8

Im Gegensatz zu Jake, der die „als ob“ Grenze bei Beths Schauspielerei ignorierte, setzt Lorraine diese Grenze vor Jakes Verhalten. Sie nutzt die Grenzsetzung als Filter und entscheidet, was sie in ihrer Realität zulässt und was sie ausschließt. Alle Informationen über Jakes Gewalttat missachtet sie.

„Lorraine: ... My boy’s sick. I’ll make him some soup. We’ll take him out to the Drive-In. Everythins’ gonna be fine.“9

„Lorraine: I’m gonna take him on a permanent basis. I’m not even gonna let him outa his room for a solid year. Maybe that’ll teach him.“10

„Lorraine: … He’s just a big baby. That’s all he is.“11

Sie fragt nicht nach der Ursache für Jakes Zustand. Sie entmündigt ihn, indem Sie für ihn die Entscheidungen trifft und holt ihn nach Hause, in den goldenen Käfig, abgetrennt von der Außenwelt. Damit bringt Sie Jake einerseits wieder in ihre Abhängigkeit. Doch bietet ihre Form von Mutterliebe Jake andererseits zunächst Freiraum zur Flucht in sich selbst.

Lorraines Verhalten lässt sich in verschiedener Weise erklären. Zum Beispiel durch Sigmund Freuds Theorie zum Ödipuskomplex, der zufolge ein männliches Kind der Frau bzw. Mutter ihren fehlenden Penis ersetzt und damit die Minderwertigkeit ihres Wesens aufhebt.12 Indem Jake Beth heiratete und aus dem Haus ging, hatte Lorraine ihren `Penisersatz’ verloren. Folglich hätte sie jetzt die Chance der Rückgewinnung und nutzt diese rücksichtslos. Eine weitere Bestätigung für diese Theorie ist Lorraines Verhalten gegenüber ihrer Tochter Sally. Als diese aus Angst vor Jake droht, auszuziehen, antwortet ihr Lorraine: „Then leave, girl. This is my boy here.“13

Bonnie Marranca versteht Lorraines Benehmen als:

„the development of the narcissistic personality which is increasingly defining the individual of today - in cultural, sociological and psychological terms.“14

Szenisch wird Jakes Rückverwandlung durch das Bild der liebenden Mutter, die ihr Kind mit Suppe füttert, dargestellt. Dieser Vorgang doppelt sich im Verlauf der Handlung.

„Rise and shine! It´s coffee time!“15

[...]


1 Vorwort von Michael Schindlbeck in: Sam Shepard, Lügengespinst, Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 1987

2 Defintion von Gespinst aus : Mackensen Deutsches Wörterbuch, hrsg. Von Lutz Mackensen, Südwest Verlag München, 1986

3 Defintion von Lügengespinst aus: Mackensen Deutsches Wörterbuch, hrsg. Von Lutz Mackensen, Südwest Verlag München, 1986

4 Gerald Weales, “The Transformations of Sam Shepard”, p. 14 in: Bonnie Marranca (hrsg.), American Dreams: the imagination of Sam Shepard, Performing Arts Journal Publications, New York 1981

5 siehe dazu auch: Manfred Brauneck, “Theater, Spiel und Ernst. Ein Diskurs zur theoretischen Grundlegung der Theaterästhetik“ in: Manfred Brauneck(hrsg.), Theater im 20.Jahrhundert, Rowohlts Enzyklopädie, Frankfurt a. Main 2001

6 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/3 p.9

7 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/5 p. 23

8 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/5 p.24

9 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/5 p.22

10 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/5 p.26

11 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/5 p.27

12 siehe dazu auch: “Die Erkundung der Vergangenheit”, p. 32 in: Anthony Storr, Freud, Herder Verlag, Freiburg 1999

13 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act I/5 p.27

14 Bonnie Marranca, „Alphabetical Shepard - The play of words“, p. 24, in: Bonnie Marranca (hrsg.), American Dreams - The imagination of Sam Shepard, Performing Arts Journal Publications, New York 1981

15 Sam Shepard, A lie of the mind, A Methuen Paperback, London 1987, Act III/1 p. 86

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Transformation in Sam Shepards Drama "A lief of the mind"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Drama - Theater - Medien)
Veranstaltung
Contemporary American Drama
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V210698
ISBN (eBook)
9783656389118
ISBN (Buch)
9783656390176
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sam Shepard, A lie of mind, Lügengespinst, Transormation
Arbeit zitieren
Angela Mages (Autor), 2004, Transformation in Sam Shepards Drama "A lief of the mind", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210698

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