Goethes Faust als Lebensphilosophie

Teil 1: Faust - eine (Lebens-)Tragödie?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1992
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Teil 1): Faust – eine Lebenstragödie?

Tragisches: "Die Tragik des Lebens: Leben mit dem Tod"

1. Goethes Arbeit am "Faust"

2."Faust" als Tragödie

1. Goethes Arbeit am "Faust"

Einführung

Bevor wir über die Tragik des Lebens sprechen, sollten wir vorher über das Leben sprechen - und zwar über das Leben von Goethe. Zum Tode kommen wir früh genug, vielleicht sogar zu früh. Indem wir aber über Goethes "Faust" reden, betreiben wir bereits eine Art Totenkult. Fast die gesamte Literaturwissenschaft können wir als Nekrophilie bezeichnen - die Liebe zu den Toten, denn die meisten Dichter und Denker, mit denen wir uns beschäftigen, haben schon vor längerer Zeit das Zeitliche gesegnet. Wir lesen durch sie, wir sprechen durch sie, wir lassen sie sozusagen auferstehen durch uns. Schon aus diesem Grund haben wir ein "Leben mit dem Tod". Es muss nicht unser eigener sein…

In diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser, begrüße ich Sie in dieser Lektüre mit einem herzlichen Symparanekromenoi. Übersetzt heißt das "Liebe Mit-Sterbenden"

- schließlich suchen wir eine Lebensphilosophie in Goethes Faust. Und die ist ohne diesen Blickwinkel kaum zu finden.

Bevor wir zum Tode und zur Tragik kommen und dabei auch einen Abstecher zur Tragödie und zur Tragödientheorie wagen werden, will ich Ihnen, liebe Symparanekromenoi , erst einmal Goethe, sein Leben und vor allem seine Arbeit an seiner größten Dichtung des Lebens vorstellen. Denn um das komplexe, ab­strakte dichterische Gebilde etwas anschaulicher zu gestalten, wollen wir uns nicht nur die Dich­tung, sondern auch den Dichter vor Augen führen.

Faustidee

Wie kam Goethe überhaupt zu diesem Thema? Wieso Faust? Wer war Faust? Hat er gelebt? Und wieso hat ihn dieses Thema für den Rest seines Lebens beherrscht?

Die sogenannte Faustidee ist schon uralt. Die Idee des Teufelpaktes gibt es nicht erst seit Goethe und auch nicht erst seit der Existenz der Person Faust. Die Faustidee gibt es schon lange vor Faust, die Grundidee ist so als wie die Menschheit selbst: der Teufelspakt als Gottes­verrat und damit als Sünde ist bereits beim Propheten Jesaias erwähnt. Im Mit­telalter z. B. sagte man Menschen mit auffallend hohem Wissen den Teufelspakt nach. Gerne wurde diesen angeblichen "Teufelskerlen" (die zudem noch sehr häufig Geistliche wa­ren) ein lasterhafter Lebensstil hinzugedichtet. Deshalb ist es auch nicht mehr ganz leicht zu bestimmen, was an dem historischen Faust nun wirklich historisch und nicht vielleicht eher mythisch ist.

Historischer Faust

Die Grundidee des Teufelspaktes ist also schon uralt, und das Thema des Fauststoffes hat sei­nen Ursprung im Mittelalter. Doktor Faust ist eine Gestalt aus dem 16. Jahrhundert, er lebte in Knittlingen und gab seinen Mitmenschen durch seine Lebensweise, die für das Mittelalter als höchst unmoralisch galt, Anlass zu zahlreichen Spekulationen. Irgendwann wurde er zum "Besessenen" und dann zum "Teufelsbündner" deklariert.

Erstes Faustbuch

Erstmalig aufgeschrieben wurde die Geschichte von "D. Johann Fausten" 1587 in der "Historia". Der Name des Autors ist unbekannt, er wird aber als "engherziger protestantischer Sitteneiferer" bezeichnet. So ähnlich muß man sich diese Historia wohl auch vorstellen: mit starkem moralischen Einschlag. Doch der Faust der Historia hatte wenig mit dem historischen Faust zu tun, so dass die ehemalige Person Faust zum Typus Faust heranwuchs - und aus dem Typus Faust wurde dann sehr schnell der Typus Teufelsbündner.

Goethes Interesse

Man kann sich nun leicht vorstellen, dass ein solcher Typus Goethes Interesse fand. Allerdings interessierte er sich weniger für den moralischen Zeigefinger der meisten Faustbücher als für die erkenntnishungrige Gelehrsamkeit des Menschen. Da Goethes Interesse bereits sehr früh ge­weckt wurde und ihn für den Rest seines Lebens bei Seite stand, wird die Recherche über Goethes Arbeit am Faust zugleich eine Goethe-Biographie.

Dichter und Dichtung

Goethe hat gewünscht, dass wir sein ganzes Lebenswerk als eine Einheit erfassen mögen. Man kann den "Faust" nicht aus dem Zusammenhang von Goethes Leben herauslösen, sondern man muss Goethes geistige Gestalt in der Faustdichtung vor Augen haben. Goethe musste den Faust erst leben, bevor er ihm dichterische Gestalt geben konnte. Deshalb wird man viele Parallelen zwischen Goethes Leben und der Entstehungsgeschichte seiner Tragödie finden.

Urfaust (1771 ff.)

Schon als Kind hat Goethe ein "Faust"-Puppenspiel gesehen und eines der Volksbücher gele­sen. Auch das "Faust"-Fragment von Lessing (1759) soll er in seiner Jugend gelesen haben. Die Faustgestalt hat ihn so stark gefesselt, dass er ihr 1771 selber Gestalt geben wollte. Da war er gerade 22 Jahre alt! (Welcher 22-jährige heutzutage würde den "Faust" überhaupt freiwillig le­sen wollen?) Aus dieser ersten Arbeitsperiode enstand also das, was wir heute als Urfaust be­zeichnen. Goethe wollte sein erstes Manuskript vernichten, nachdem er es umgeschrieben hatte - vorher gab er es allerdings einer gewitzten Dame namens Luise von Göchhausen zu lesen, die es ohne sein Wissen abschrieb. Diese Abschrift wurde erst 1887 entdeckt und erhielt die Be­zeichnung "Urfaust". Danke Luise!

Thema:

Der Urfaust ist ein Entwurf ohne ausgearbeiteten Handlungszusammenhang. Goethe schrieb in jener Zeit, die als Sturm- und Drangzeit bekannt ist, aus stürmischen Visionen heraus. Doch schon der Urfaust ist als eigenständige Dichtung anerkannt worden, hatte er doch zwei große Szenengruppen: die Gelehrten- und die Gretchentragödie. Erstere basiert zum Teil auf dem hi­storischen Fauststoff, letztere ist Goethe zuzuschreiben. Religiöse Anschauungen sind aller­dings auch schon zu finden. Selbst wenn er nicht gerade ein überzeugter Christ war, gelangte er früh zu der Einsicht, dass Gott in allem sei (Gott-Natur). Schon als Sechsjähriger war er der Überzeugung, "dass die Sterne ihn sein Leben lang begleiten würden".

Parallelen zu Goethes Leben:

Was bin ich denn selbst, was habe ich geleistet? Alles, was ich gesehen habe, gehört und be­trachtet, habe ich gesammelt und ausgenutzt. Meine Werke sind von unzähligen verschiede­nen Individuen genährt worden: von Ignoranten und Weisen, Leuten von Geist und Dumm­köpfen. Die Kindheit, das reife Alter, das Greisenalter, alle haben mir ihre Gedanken entge­gengebracht, ihre Fähigkeiten, Hoffnungen und Lebensansichten. Ich habe oft geerntet, was andere gesäht haben. Mein Werk ist das eines Kollektivwesens, das den Namen Goethe trägt. (Goethe, 1832)

1. Gelehrtenkrise

Wie Goethe erklärte, er hätte nichts geschrieben, was er nicht erlebt hätte, konnte er sich auch in seiner Jugendzeit in beide Themenkomplexe hineinversetzen. Mit der Krise des Gelehrten war er insofern vertraut, als er in seinem Jurastudium (1765 in Leipzig, im "Faust" als "klein Paris" bezeichnet) nicht besonders glücklich war. Obwohl er in Straßburg 1771 sogar in Jura promovierte (wie gesagt, mit 22!), haben ihn medizinische, botanische, theologische und philo­sophische Studien viel mehr interessiert. Überhaupt interessierte ihn alles, was mit Natur zu tun hatte. Im Gegensatz zu allen anderen bekannten Faustbüchern ist die Erkenntnisfrage eine Frage nach der suchenden Seele - sie bildet im Urfaust das Zentrum der Gelehrtentragödie.

2. Gretchentragödie

Die Freuden und Leiden der Liebe und das Gefühl der ersten Schuld hatte Goethe natürlich auch längst erfahren (um nur einige zu nennen: Friederike Brion, Charlotte von Buff - die im "Werther" verewigt wurde - und Lilli Schönemann). Solche Erlebnisse haben den Urfaust ge­prägt - ebenso wie das Ereignis von 1772: der Prozess der Kindesmörderin Susanna Marga­retha Brandt, der auf Goethe eine nach­haltige Wirkung hinterließ und sich in das Schicksal sei­nes Gretchens einfügte.

Allerdings bleibt Fausts Entfernung von Gretchen im Urfaust vorerst unbegründet. Anderer­seits bot Goethes ursprüngliches Manuskript trotz aller fehlenden erkannten Handlungszusam­menhänge sehr viele Möglichkeiten der Weiterführung. Nur ließ er sich bis zum Fragment elf Jahre Zeit.

Fragment (1788 -1790)

1790 entschließt sich Goethe zur Veröffentlichung des "Fragments", das nach der Dom-Szene abbricht. Das "Fragment" ist eine Umarbeitung des "Urfaust", es fehlt noch der Pakt zwischen Faust und Mephisto. Es gibt jedoch schon keine Prosaszenen mehr und die Szenen "Hexenküche" und "Wald und Höhle" sind eingefügt.

Produktive Krise

War der "Urfaust" das titanische Zeugnis für Goethes jugendliche Sturm- und Drangzeit, so spricht das "Fragment" als Ausdruck einer neuen Lebensphase eine andere Sprache, die vom verzweifelten Bewußtsein des Widerspruchs zwischen erlebter und vergeistigter Welt geprägt ist - "Sein oder Sollen". In diesem Sinne muss das "Fragment" als Zeugnis aufgefaßt werden einer inneren, jedoch produktiven Krise Goethes, aus der er als neuer Mensch hervorging.

Doch genauso wie eine innerliche Krise die Voraussetzung ist für die Neugeburt des Dichters, ging auch dem "Fragment" eine Zeit voraus, die das Gefühl des erlebten Widerspruches des Lebens erst dichterisch in "Iphigenie" und "Tasso" umsetzte.

An "Faust" gehe ich ganz zuletzt, wenn ich alles andere hinter mir habe... / Nun steht mir fast nichts als der Hügel "Tasso" und der Berg "Faustus" vor der Nase...

Und ist es nicht ratsam, sich erst am Hügel zu probieren, bevor man einen Berg besteigen will? Jener Berg wird jedoch von Goethe erst im Jahre 1832 bestiegen sein, also kurz vor seinem Tod, die Hälfte des Berges am Datum der Fertigstellung des ersten Teils der Tragödie, und das "Fragment" steht vielleicht für die erfolgreiche Bewältigung eines besonders beschwerli­chen Aufstiegs.

Sein und Sollen

Durch Goethes Beruf, der alles andere als seine Berufung war, wurde sein Gefühl des weltli­chen Widerspruchs verstärkt - schließlich fühlte er den Dichter in sich bedroht. Diese Unzu­friedenheit und seine unerfüllte Liebe zu Charlotte von Stein trieben ihn dazu, sich dem zu widmen, "wozu er geboren ist":

Wieviel wohler wäre mir's, wenn ich von dem Streit der politischen Elemente abgeson­dert, den Wissenschaften und Künsten, wozu ich geboren bin, meinen Geist verwenden könnte.

Italien

Entschlossen, sich auf den Weg der Metamorphosen zu begeben und Charlotte für eine Zeit zu verlassen, "starb" der alte Goethe und fuhr, der Liebe und dem gesellschaftlichen Leben entsa­gend, nach Italien. Goethes Streben bezieht sich von nun an auf die Kunst. In Italien sucht er, die ihm so schmerzlich bewußt gewordenen Widersprüche dichterisch zu vereinen., denn "nur die Poesie kann diese Widersprüche vereinen".

Goethe reflektiert seine gespaltene Existenz in erster Linie durch seine verstärkte Beschäfti­gung mit der Natur:

Die Konsequenz der Natur tröstet schön über die Inkonsequenz der Menschen.

Das Urbild

In Rom konzentriert sich Goethe auf das Studium der Kunst und der Natur und erkennt durch seinen phänomenologischen Blick (das Erkennen von Strukturen und Prinzipien) in dieser Stadt eine Art beflügelnder Partnerschaft, die er in Charlotte vermißte. Seinem Grundsatz ge­treu mit den Augen erlebend , reiste Goethe nach Sizilien, die Urpflanze zu schauen.

Ein bekannter Goethe-Rezipient, Gottfried Diener ("Fausts Weg zu Helena", 1961), sieht in diesem Urpflanzen-Erlebnis den Schlüssel für die Entstehung der Szenen "Hexenküche" und "Wald und Höhle", in denen Helena als erschautes Urbild der Schönheit die "Seelenschönheit" von Gretchen bereits zu überstrahlen beginnt. Die "Hexenküche" stellt ebenfalls den inneren Zusammenhang zwischen der so genannten Gelehrten- und der Gretchentragödie her.

Das Muster aller Frauen

Als Goethe in Italien das Urphänomen des Schönen nach natürlichen Gesetzen verwirklicht sah, und als ihm die Urpflanze als geistig schaubares Modell für alle wirklichen und möglichen Pflanzenarten aufging, da ist auch im Augenmenschen Faust die Fähigkeit des phänomenologi­schen Blickes entstanden. So kann er "in jedem Weibe, also auch in Gretchen, das Muster aller Frauen erblicken", mit dem er durch die Helena-Erscheinung im Zauberspiegel der "Hexenküche" konfrontiert wurde. Die Wurzeln der berühmten Helenadichtung im zweiten Teil der Tragödie sind demzufolge be­reits in der Entstehungszeit des "Fragments" zu finden.

Nach der Italienischen Reise von 1788 trat Goethe bei seiner Rückkehr nach Weimar in das Amt des Kulturministers und lehnte alle weiteren Staatstätigkeiten ab. Der Dichter in ihm hat gesiegt!

[...]

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Details

Titel
Goethes Faust als Lebensphilosophie
Untertitel
Teil 1: Faust - eine (Lebens-)Tragödie?
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
1992
Seiten
20
Katalognummer
V210775
ISBN (eBook)
9783656382980
ISBN (Buch)
9783656383987
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethes, faust, lebensphilosophie, teil, lebens-, tragödie
Arbeit zitieren
Renja Lüer (Autor), 1992, Goethes Faust als Lebensphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210775

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