Zur Rolle von Krieg und Militär für die Entwicklung technologischer Innovationen am Beispiel der deutschen Synthesekautschukproduktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Definitionen
2.1.1 Innovation
2.1.2 Krieg
2.2 Forschungsstand

3 Fallbeispiel: Die synthetische Kautschukproduktion in Deutsch­land bis 1945
3.1 Von der Invention zur Innovation
3.2 Instrumente der staatlichen Kriegswirtschaft

4 Fazit

1 Einleitung „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König.“ Dieser Ausspruch wird dem griechischen Philosophen Heraklit (von ca. 520 bis 460 v. Chr.) zugespro­chen, der damit die schöpferische Kraft der militörischen Auseinanderset­zung als Movens der historischen Entwicklung betont. Ubertragt man diesen Ausspruch in den Bereich der Innovationsforschung, so stellt sich die Frage, inwiefern man der Rüstung eine innovationsfördernde Funktion zugestehen kann. Die vorliegende Arbeit mochte deshalb folgende Forschungsfrage be­antworten: Haben Investitionen in Militär und Krieg Auswirkungen auf die Entwicklung technologischer Innovationen?

Das Thema lösst sich in den viel allgemeineren Fragekomplex einordnen, wie Innovationen entstehen. Die Literatur stellt ganz unterschiedliche Faktoren in den Vordergrund: Da werden zum einen die Persoönlichkeiten und Unterneh­menskulturen betont; andere verweisen auf die Wichtigkeit von Gewerbetra­ditionen, Kapital, bestimmte historische Kontexte oder auf die Wichtigkeit von Wissen.

Eine zentrale Kontroverse beschaöftigt sich dabei mit dem Verhaöltnis von Staat und Technik: Wer kann für Innovationen sorgen? Gilt das Primat der Politik oder das Primat der Ökonomie? Mit der Rustung als Teil staatlichen Handelns kann hier ein Ausschnitt dieser bekannten Fragestellung naher be­trachtet werden. Dabei interessiert auf der einen Seite, ob Rustung Innova­tionen induzieren kann. Auf der anderen Seite -und das ist die interessantere Frage- welche Wirkungsmechanismen zum Tragen kommen.

Des Weiteren war und ist das Thema nicht nur för die akademische Diskus­sion von Interesse, sondern auch im politischen Tagesgeschöft sehr relevant. Gerade in der Zeit des kalten Krieges diente das Argument, dass von der Ruöstungsforschung deutliche wirtschaftliche Impulse auf den zivilen Bereich ausgehen, als Legitimation för die hohen Investitionssummmen[1]. So war sich beispielsweise Franz-Josef Strauß zum in den 80er Jahren geplanten ameri­kanischen Raketenabwehrsystem SDI sicher: „Die riesigen Forschungen im Zusammenhang mit dem Weltraumprogramm führen zu noch ungeahnten technologischen Fortschritten. Deshalb sollten auch deutsche Firmen an dem Programm beteiligt werden“ (Spiegel 1985, 45). Aber auch heute sind solche Argumente noch Teil der politischen Diskussion. So verwies der Bundestags­abgeordnete Erich G. Fritz im Oktober 2011 im Rahmen der Debatte um Rustungsexporte auf folgenden Sachverhalt: „Wir wissen, dass Rüstungsex­porte in einem Zusammenhang stehen mit eigenen militürischen Fühigkeiten (...). Wir wissen, dass viele Fühigkeiten entwickelt werden, die beileibe nicht nur militärische sind“ (Bundestag 2011, 15667; eigene Hervorhebung). Aber auch die ganz aktuellen Diskussionen uber den Ausstieg aus der Kernenergie und die damit angestrebte Energiewende“ , lassen sich letztendlich auf das Verhaltnis von Staat und Wirtschaft reduzieren. Denn es ist ja gerade der strittige Punkt, ob der Staat Einfluss auf die Entwicklung neuer regenerati­ver Technologien ausuben kann und welche Instrumente dabei den größten Erfolg versprechen.

Die Arbeit geht folgendermaßen vor: Nach dieser ersten Einordnung der Fra­gestellung und dem Aufzeigen der Relevanz des Themas wird im nüachsten Ab­schnitt definiert, was unter den zentralen Begriffen zu verstehen ist. Danach werden die wichtigsten Argumente aus der Forschungsliteratur vorgestellt. Im dritten und zentralen Schritt wird eine exemplarische Untersuchung durch- gefuhrt. Dabei wird im Detail darauf eingegangen, wie sich die Rustungswirt- schaft der nationalsozialistischen Regierung auf die Entwicklung des syntheti­schen Kautschuks ausgewirkt hat. Im letzten Abschnitt werden die wichtigs­ten Ergebnisse zusammengetragen und auf weitere Forschungsmüoglichkeiten hingewiesen.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Definitionen

Bevor in der Arbeit nüaher auf die Beziehung der beiden Komplexe Krieg und Militar sowie technologische Innovationen eingegangen wird, sollen die beiden Begriffe zunüachst definiert und abgegrenzt werden.

2.1.1 Innovation

May definiert Innovation als die „Umsetzung von Erfindungen im Produk­tionsprozess, auf Produktebene (Produktinnovation) wie auch auf Verfah­rensebene (Prozessinnovation).“ (May 2004, 281). Ähnlich unterscheidet Streb zwischen Invention und Innovation: „Ein neues Produkt wird vom Zeitpunkt seiner Erfindung bis hin zur nicht zwangslaufig erfolgenden Markteinführung als Invention und danach als Innovation bezeichnet.“ (Streb 2002, 367).

2.1.2 Krieg

Der Brockhaus definiert Krieg wie folgt: „Krieg ist eine bewaffnete Auseinan­dersetzung zwischen zwei oder mehr Staaten, Bündnissen oder innerstaatli­chen Gruppierungen (Burgerkrieg), von denen mindestens eine der Konflikt­parteien militürisch organisiert ist.“ (Brockhaus 2006, 739)

Fur diese Arbeit ist besonders die Betonung der Bewaffnung und des Kon­flikts zwischen Staaten wichtig. Schließlich ist jede Waffe gekennzeichnet durch ein mehr oder weniger hohes Maß an Technik und kann deshalb als Gegenstand der Innovationsforschung betrachtet werden. Weiterhin wird im Verlauf der Arbeit klar, dass es gerade die Spezifika des Nationalstaates sind, die zu technologischen Entwicklungen beitragen künnen.

2.2 Forschungsstand

Die Literatur gibt eine Vielzahl an Argumenten für die Frage, ob bzw. wie das militüarische System Auswirkungen auf die Entwicklung technologischer Innovationen hat. Dabei ist das Thema durchaus umstritten, wie Landes zusammenfasst:„Seine [des Krieges] Auswirkungen auf den technologischen Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung sind ein kontroverses Thema“ (Landes 1983, 391). Der nun folgende Abschnitt fasst die wichtigsten Argu­mente zusammen. Dies dient als gute Grundlage fuür ein besseres Verstüandnis der spüter zu erfolgenden Fallstudie. Weiterhin wird ein Nachteil der Fallstu­die so behoben: Bei der spezifischen Betrachtung der Synthesekautschukpro­duktion im Dritten Reich können natürlich nicht alle Wirkungsmechanismen und Argumente aufgezeigt werden. Jedes Beispiel steht in einem speziellen zeitlichen und räumlichen Kontext. So fiele beispielsweise bei einer reinen Betrachtung des zweiten Weltkriegs die sehr interessanten und aufschlussrei­chen Untersuchungen zum Spin-Off-Effekt aus der Darstellung heraus. Dem Willen, einen möglichst ganzheitlichen Uberblick des behandelten Themas zu geben, ist deshalb diese Literaturübersicht geschuldet.

Zunachst scheint es einleuchtend, dass in Zeiten des Krieges eine starke Konzentration von finanziellen und personellen Ressourcen stattfindet. Dies liegt darin begründet, dass sich die einzelnen Staaten gerade uber ihre Sou- verünitüt definieren. Deshalb wird jede Kriegshandlung, die ja einen Angriff auf diese Souverüanitüat darstellt, als existentielle Bedrohung aufgefasst. Sich dieser Gefahr entgegenzustellen genießt in der staatlichen Fuhrung obers­te Prioritat. Dieses Prioritäts-Argument legt also den Schwerpunkt auf das spezifische Charakteristikum, das in Krieg und Militür steckt. Deshalb ver­wundert die stetige Verbesserung von Waffen und anderen kriegsspezifischen Produkten nur wenig.

Das wohl bekannteste Argument fuür die innovationsfüordernde Wirkung von Rustungsausgaben ist das der sogenannten Spin-Off-Effekte. Olken definiert in einer etwas breiteren Version wie folgt: „Profitable implementation of the technological advances made in the course of achieving the federal gover- nmenUs vast space, defense, and atomic energy programs.“ (Olken 1966, 17). Schrader präzisiert dies: Die Spin-Off-Wirkung sei ein „ihrem Wesen nach ungeplantes, zufülliges Nebenprodukt der Rustungsausgaben“ (Schra­der 1989, 105). Weiterhin konne zwischen direkten und indirekten Spin-Offs unterschieden werden: versteht man unter ersteren die im Ruüstungsbereich entwickelten Produkte, Prozesse und Materialien (...), die eine zivile Ver­wendung finden“, umfassen letztere auch die Informationen, welche aus der Rustungsforschung stammen, aber auch zivil genutzt werden konnen (Schra­der 1989, 105).

Schrader (1989) untersucht empirisch, inwiefern Spin-Offs eine Wirkung auf die Produktivitat eines Landes haben. Dabei ist es sein Ziel zu testen, inwie­fern durch militüarische Forschung Technologieschuübe fuür den zivilen Bereich abgeleitet werden können. Er unterscheidet zwischen der Hypothese vom zi­vilen Nutzen und der Hypothese vom zivilen Schaden von Röstungsausgaben und gibt die jeweiligen Argumente der beiden Schulen wieder:

Für die erste Hypothese fuhrt er neben den Spin-Off-Effekten noch das Argu­ment des sogenannten „dual use“ an: Dies besagt, dass die staatliche Nach­fragepolitik die zivile Markteinführung solcher Produkte beschleunigt, die so­wohl militarisch als auch zivil verwendet werden können. Beispiele fur diese Produkte sind in der Luftfahrt- und Elektronikindustrie zu sehen (Schrader 1989, 105).

Auch für die Hypothese vom zivilen Schaden liefert er einige Argumente: Rustungsausgaben führen nach Vertretern dieser Position nicht zu techni­schem Fortschritt. So habe sich seit den 1970er Jahren die Technologien im zivilen und militarischen Bereich stark ausdifferenziert. Die starkere Anwen­dungsorientierung fur spezifische militörische Problemstellungen seien im­mer schwerer auf den zivilen Bereich uöbertragbar, wodurch Spin-Off-Effekte stark reduziert werden (Schrader 1989, 106). Zudem führten die spezifischen Handlungslogiken des Militörs, wie der Geheimhaltung, zu negativen Effek­ten, da dadurch Diffussionsprozesse erschwert wuörden. Zusöatzlich schwinde die Marktmacht des Staates und Subventionen föorderten unternehmerisches Fehlverhalten (Schrader 1989, 107). Letztlich gingen Ressourcen, die fur mi- litarische Forschung aufgewendet wörden, der zivilen Forschung verloren. Um die beiden Hypothesen empirisch zu testen, berechnet er verschiedene Regressionsmodelle, in denen Rustungsausgaben und verschiedene Kontroll- variablen auf ihre Wirkung auf das Produktivitötswachstum hin untersucht werden. Er findet in seiner Querschnittsanalyse von 16 westlichen Industri- elöndern[2] in der Zeit von 1961 bis 1985, „daß weder Nachfrage- bzw.

[...]


[1] So sieht Olken beispielsweise die sogenannten Spin-Off-Effekte als Rechtfertigung für Ausgaben im militärischen Forschungs- und Entwicklungsbereich (Olken 1966, 18).

[2] An dieser Stelle könnten Kritiker die Auswahl der Untersuchungseinheiten kritisie­ren. Dem widerspricht allerdings eine Studie von Deger und Sen (1983), die den gleichen Fragekomplex für unterentwickelte Lönder quantitativ untersuchen und zu einem ähnli­chen Ergebnis kommen: ,,We find that spin-off hast insignificant contribution to industrial growth even in areas where they should have had maximum effect“ (Deger & Sen 1983, 67).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zur Rolle von Krieg und Militär für die Entwicklung technologischer Innovationen am Beispiel der deutschen Synthesekautschukproduktion
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V210783
ISBN (eBook)
9783656382959
ISBN (Buch)
9783656383611
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krieg, Militär, Innovation, Kautschuk, Technologie, Primat der Politik, Primat der Ökonomie, Spin-Off, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Johannes Steiniger (Autor), 2012, Zur Rolle von Krieg und Militär für die Entwicklung technologischer Innovationen am Beispiel der deutschen Synthesekautschukproduktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210783

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